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Medien & TV Warhol kam bis Teheran
Nachrichten Medien & TV Warhol kam bis Teheran
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20:01 26.08.2016
Andy Warhols Porträtreihe von Mick Jagger gehört zu den Teheraner Kunstschätzen, die jetzt auf Weltreise gehen sollen – im Depot bewacht von einem Porträt des ehemaligen iranischen Staatsoberhauptes Ajatollah Khomeini. Quelle: Getty
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Picasso kam bis in den Iran. Jetzt soll er von dort nach Berlin reisen und dann durch Europa. Und nicht nur er, sondern auch Andy Warhol, Roy Lichtenstein und viele andere Künstler der westlichen Moderne. Eine ganz besondere Ausstellung mit Meisterwerken dieser Epoche steht an der Spree bevor. Majid Mollanoroozis Augen leuchten. "Vom ersten Tag an war das mein wichtigstes Ziel", sagt der füllige 50-Jährige, der seit Frühjahr 2014 an der Spitze des Teheraner Museums für Gegenwartskunst steht. Der Bau war 1977 eingeweiht worden – kurz vor der islamischen Revolution des Ajatollah Khomeini.

Seitdem lagern in den Katakomben des Hauses einzigartige Kunstschätze, die erstaunlicherweise alle politischen Wirren schadlos überstanden. Und so besitzt der Iran heute die wohl bedeutendste Sammlung westlicher Gegenwartskunst außerhalb Europas und den USA. Nach 40 Jahren im Verborgenen soll sie Anfang Dezember nun erstmals außerhalb des Landes gezeigt werden – im Berliner Kulturforum.

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Die Frau des letzten persischen Schahs, Farah Diba Pahlavi, hatte die Kunst zusammengetragen. Nach dem Sturz des Monarchen verschwand sie in der Unterwelt des Museums, dessen Architektur den traditionellen Windtürmen iranischer Wüstenstädte nachempfunden ist. Oben in den Ausstellungräumen dominierten fortan revolutionäre Gemälde, linientreue einheimische Bilder, Teppiche, Kalligrafien sowie traditionelle Miniaturmalerei.

"Gabrielle à la chemise ouverte" von Auguste Renoir, geschätzter Marktwert acht Millionen Dollar, soll einst das Schlafzimmer des Schahs geschmückt haben. Quelle: gemeinfrei

20 Jahre lang waren die weltberühmten Werke des Impressionismus und Kubismus, der Pop-Art, der optischen Kunst und der Minimal Art als Ausdruck westlicher Dekadenz verpönt. Vernichtet wurden sie indes nicht. Und nach der Wahl des kunstsinnigen Reformpräsidenten Mohammed Chatami 1998 kamen kleinere Teile der Sammlung, die insgesamt 1500 Arbeiten umfasst, für jeweils einige Wochen wieder ans Tageslicht. 20 Werke von Pablo Picasso, Edvard Munch und Auguste Renoir sind allerdings bis heute für das iranische Publikum tabu. Weil sie nackte Haut zeigen.

Darunter ist Renoirs "Gabrielle à la chemise ouverte", ein zartes Frauenporträt mit entblößten Brüsten, das einst das Schlafzimmer des Schahs geschmückt haben soll. Von Francis Bacons Triptychon "Two Figures Lying on a Bed with Attendants", einer Dreierszene mit homoerotischen Motiven, musste 2005 der mittlere Teil noch während der Vernissage entfernt und wieder zurück in das Kellerdepot geschafft werden. Islamische Sittenwächter hatten protestiert.

Ein spiralförmiger Wandelgang wie im New Yorker Guggenheim-Museum führt hinunter in die sagenumwobene Schatzkammer, deren Chefwächter seit 1996 Ehsan Abbasi ist. Den langen, doppelbärtigen Tresorschlüssel für die schwere Eisentür hütet der untersetzte, grauhaarige Mann wie seinen Augapfel. Im fensterlosen Neonlicht rauscht laut und vernehmlich eine Klimaanlage. An der Kopfwand auf Styroporstützen lehnt Picassos mehr als zwei Meter hohes Gemälde "The Painter and His Model" von 1927.

30 Werke zu Gast in Berlin

"Bitte Vorsicht, das ist ein Picasso", warnen Abbasi und seine Mitarbeiter höflich jeden, der der kostbaren Leinwand zu nahe kommt. Mit gekonntem Schwung ziehen sie dann die rollenden Gitterwände heraus, dicht an dicht belegt mit Arbeiten von Claude Monet, Max Ernst, Mark Rothko, Pablo Picasso, Francis Bacon, Victor Vasarely, Roy Lichtenstein und Andy Warhol.

30 dieser Meisterstücke mit einem Marktwert von 1,5 Milliarden Euro werden in der Gemäldegalerie auf dem Kulturforum an der Spree zu sehen sein – darunter Jackson Pollocks "Mural on Indian Red Ground" von 1950. Es gilt als das Hauptwerk des amerikanischen Aktionskünstlers und als ein Schlüsselbild des abstrakten Expressionismus. Diesen Bildern werden in Berlin 30 Arbeiten iranischer Künstler gegenübergestellt.

Die Idee für das kühne Projekt kam Majid Mollanoroozi und seinem Frankfurter Kollegen Max Hollein in Gesprächen. Holleins Vater hatte das Teheraner Museum für Glas und Keramik gebaut, er selbst wechselte erst im Juni von der Leitung der Kunsthalle Schirn zum Fine Arts Museum nach San Francisco. Über ein Jahr lang feilte das deutsch-iranische Duo hinter verschlossenen Türen an seinem Coup, bis beide im Herbst vorigen Jahres auch die Politik einweihten. Atomvertrag. Tauwetter.

Im Kellerdepot des Teheraner Museum of Contemporary Art lagern 1500 Kunstwerke der westlichen Moderne im Schätzwert von 3 Milliarden Euro. Auch Arbeiten von Roy Lichtenstein gehören dazu. Quelle: Eglau

Die Kosten für Versicherung und Transport teilen sich die deutsche und die iranische Regierung. Im März 2017 sollen die Bilder dann von Berlin aus weiter nach Rom zum Maxxi-Museum gehen. Insgesamt vier bis fünf Jahre will der Teheraner Museumschef die Bilder durch die Welt touren lassen. Mit der Tate Gallery in London, auch mit Museen in Paris, New York und Washington gibt es Gespräche, aber noch keine konkreten Verträge.

"Ich habe keinen Zweifel, diese Kunst wird die Welt verzaubern. Sie kann die Gräben zwischen unseren Nationen überwinden", sagt Mollanoroozi, der dekorative Malerei studierte und während der achtjährigen Präsidentschaft des Hardliners Mahmud Ahmadinedschad beruflich kaltgestellt war. Auf deutscher Seite gibt sich der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, ähnlich euphorisch. Noch nie sei ein westliches Museum in der Lage gewesen, die in Teheran gesammelte, weitestgehend verborgene europäische und amerikanische Moderne zu zeigen. "Berlin steht vor einer Kunstsensation", ist er sich sicher.

Ärger um den Museumschef

Einen dunklen Schatten auf die Zusammenarbeit wirft jedoch die Rolle von Majid Mollanoroozi beim zweiten Holocaust-Karikaturenwettbewerb in Teheran. Bei der Preisverleihung am 30. Mai im Sarcheshmeh-Kulturzentrum stand er zusammen mit den Organisatoren auf der mit Hakenkreuzen dekorierten Bühne, um den vier prämierten Holocaust-Leugnern ihre Urkunden zu überreichen. Den Ausstellungsvertrag mit Berlin, wo das monströse Menschheitsverbrechen im Dritten Reich geplant wurde, hatte er gerade mal zwei Wochen zuvor im Beisein von Außenminister Frank-Walter Steinmeier unterschrieben.

Eine Beteiligung des Staates an der Aktion, die als Antwort auf die Mohammed-Karikaturen im Westen gedacht ist, ließ sich bislang nicht nachweisen. Prompt wurde Mollanoroozi nun von Berlin als Ehrengast zur Ausstellungseröffnung wieder ausgeladen. Stattdessen kommt jetzt Ali Moradkhani, einer von Irans Vizekulturministern. Der fiel bislang noch nicht negativ auf.

Von Martin Gehlen

Der Kaiserin neue Bilder

Sinn für Kunst: Farah Diba Pahlavi in den Siebzigerjahren in ihrem Büro. Quelle: gemeinfrei

Den ersten Kunstetat trotzte Kaiserin Farah Diba Pahlavi (Bild) ihrem Mann in einem Vieraugengespräch ab. Sie hatte in Paris Architektur studiert, dem Schah von Persien war das Kulturleben indes kein so großes Herzensanliegen. Nach dem ersten Ölpreisschock von 1973 jedoch schwammen alle Potentaten am Golf in Geld, während die Kunstwerke im Westen wegen der Öl- und Wirtschaftskrise preiswert zu haben waren.

So bekam der Cousin der Königin, der Architekt Kamran Diba, den Auftrag, das Museum zu bauen. Als Kuratoren für ihre neue Sammlung gewann die persische First Lady die beiden Amerikaner Donna Stein und David Galloway, der bis zu seiner Emeritierung an der Ruhr-Universität von Bochum lehrte und in Wuppertal lebt. Sie gaben der Teheraner Sammlung der Moderne eine deutliche amerikanische Prägung. Für die 77-jährige Farah Diba Pahlavi ist die Präsentation in Berlin das erste Wiedersehen mit ihrem einstigen Traumprojekt. "Natürlich werde ich kommen", sagt sie.

Von Martin Gehlen

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