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Medien & TV Wiedersehen mit einem DDR-Eislaufstar – ZDF zeigt Christine Errath in „Die Anfängerin“
Nachrichten Medien & TV Wiedersehen mit einem DDR-Eislaufstar – ZDF zeigt Christine Errath in „Die Anfängerin“
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13:23 16.07.2019
Gleich wird’s glatt: Annebärbel (Ulrike Krumbiegel, l.) traut sich zum ersten Mal aufs Eis, Gertrud (Tatja Seibt) schaut ihr skeptisch zu. Quelle: ZDF/Kolja Raschke
Mainz

Eine Frau um die sechzig, die einen Neuanfang wagt: Wenn das keine Geschichte ist, die perfekt zum ZDF passt, schließlich ist die Hauptfigur mit dem seltenen Vornamen Annebärbel („in einem Wort“) so alt wie die Durchschnittszuschauer des „Zweiten“. Umso seltsamer, dass der Sender den Film im Rahmen der Reihe „Shooting Stars“ erst um 23.15 Uhr ausstrahlt.

Der Entwurf der Hauptfigur als Unsympathin ist mutig

Sehenswert ist „Die Anfängerin“ ohnehin, doch die Handlung vermittelt zudem eine enorme Zuversicht. Die unausgesprochene Botschaft – „Man ist nie zu alt für einen Neuanfang“ – mag schlicht klingen, aber Alexandra Sell (Buch und Regie) hat sie clever verpackt. Ausgesprochen mutig ist dagegen der Entwurf der Hauptfigur, denn die innerlich wie äußerlich versteinerte Annebärbel (Ulrike Krumbiegel) wird auf denkbar unsympathische Weise eingeführt.

Sell, die nach einigen Dokumentarfilmen zum ersten Mal einen Spielfilm inszeniert hat, reiht zunächst verschiedene Szenen aneinander. Sie stellen die Hausärztin als nörgelige, arrogante und unhöfliche Person vor, die gegenüber ihren Patienten keinerlei Empathie zeigt. Dass der Gatte (Rainer Bock) sie kurz vor Weihnachten verlässt, weckt nicht etwa Mitgefühl, sondern allenfalls Verständnis für den Ehemann. Die Bilder sind fahl, als sollten sie signalisieren, wie farblos Annebärbels Leben ist. Die muntere Musik (Can Erdogan, Daniel Sus) wirkt da wie ein Kontrapunkt

Lakonisch konfrontiert die Regisseurin ihre Antiheldin mit deren Traum. Der Prolog zeigt ein sechsjähriges Mädchen beim Eiskunstlauf. 52 Jahre später tauchen die Erinnerungen wieder auf, als Annebärbel, die über die Feiertage Bereitschaft hat und in die Nähe des Sportforums in Berlin- Hohenschönhausen gerufen wird.

Die Überheblichkeit der Heldin hat Folgen

Die Ärztin wird Mitglied im Eislaufverein und Teil einer Seniorengruppe, die für ein Schaulaufen trainiert. Ihre Überheblichkeit hat prompt zur Folge, dass die anderen sie auslachen, als sie ihre ersten unbeholfenen Schritte auf dem Eis macht und hinfällt. Aber Annebärbel kämpft sich durch, trotzt den Giftpfeilen der garstigen Gertrud (Tatja Seibt hat die bösesten Dialoge des Films), wird schließlich ehrenvoll in die Gruppe aufgenommen und nach drei Monaten Training mit einem umjubelten Auftritt belohnt.

Auch wenn die Geschichte an das Drama „Die Frau, die sich traut“ (mit Steffi Kühnert als krebskranke Ärmelkanalschwimmerin) erinnert : Sell hat klugerweise darauf verzichtet, die Hauptfigur zu überhöhen. Natürlich durchläuft Annebärbel im Verlauf der Handlung eine gewisse Läuterung, aber sie wandelt sich nicht zur strahlenden Sympathieträgerin.

Der Sinneswandel ist ebenfalls klug eingefädelt: Annebärbel freundet sich mit einem Mädchen an, das beim Training für die Berliner Jugendmeisterschaften einen erheblichen Rückschlag erlebt. Die junge Maria Rogozina macht ihre Sache nicht nur auf dem Eis, sondern auch bei den Dialogen richtig gut, während Franziska Weisz die Trainerin etwas zu einseitig als schwarze Pädagogin verkörpert.

Andererseits gibt es diesen Typus natürlich ebenso wie jene Eltern, die Stephan Grossmann mit seiner Rolle als ehrgeiziger Vater der „Eisprinzessin“ repräsentiert.

Viele Zuschauer werden sich über Eislaufikone Christine Errath freuen

Sell räumt ihrer Heldin ganz erhebliche mildernde Umstände ein, denn die Frau ist mit einer Mutter geschlagen, die im Krimi als Erklärung herhalten könnte, warum ein Sohn zum Serienmörder geworden ist. Annekathrin Bürger, eine der großen Schauspielerinnen des Defa-Kinos und fast vierzig Jahre (1965 bis 2003) Mitglied des Ensembles der Berliner Volksbühne, verkörpert die Frau als Prototyp aller grausamen Filmmütter.

Gerade im Osten Deutschlands werden sich die Zuschauer aber vor allem über ein Wiedersehen mit Christine Errath freuen. Die Ostberliner Weltmeisterin von 1974 und Europameisterin der Jahr 1973 bis 1975 musste ihre glanzvolle Karriere schon mit 19 Jahren beenden. Sell macht die Ikone des Eiskunstlaufs der DDR zum Stargast des Films und verknüpft ihre Biografie auf verblüffende Weise mit dem Leben der Hauptfigur.

Errath entfaltet auf dem Eis immer noch eine tolle Aura

Weil es ihr außerdem gelungen ist, Errath zur Rückkehr aufs Eis zu überreden, kommt es zu einem Comeback im Sportforum, dem der Film seinen ersten Höhepunkt verdankt, zumal die einstige Weltklassesportlerin auch mit Anfang sechzig auf dem Eis immer noch eine tolle Aura entfaltet. Den zweiten Höhepunkt gönnt die Regisseurin Annebärbel, und erneut zeigt sich, mit wie viel Feingefühl sie das Drehbuch geschrieben hat.

Zu den Bildern erklingt das Lied „Frei“ von Reinhard Mey. Die Szene ist trotz entsprechender Textzeilen („Der Gefangenschaft entflohen, alles and‘re einerlei, du bist frei, frei, frei, endlich frei!“) und einer ersten menschlichen Regung der finsteren Mutter kein bisschen kitschig. Ein weiteres Qualitätsmerkmal dieses guten Films, den das ZDF bedenkenlos an einem Montag um 20.15 Uhr hätte zeigen können.

Von Tilmann P. Gangloff

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