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Medien & TV Ansichten eines verstörenden Clowns
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18:19 20.08.2015
Eine Ausstellung im Max-Ernst-Museum in Brühl zeigt 500 Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen, Fotos, Storyboards und persönliche Dokumente des Regisseurs Tim Burton. Quelle: Marius Becker/dpa
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Ein winziges Fabelwesen kauert am unteren Rand der Zeichnung. Es besteht eigentlich nur aus drei Kreisen, schwarzen Flecken und weit aufgerissenen Augen. Über ihm ein riesiger roter Pfeil, dessen Spitze sich gnadenlos gegen das bemitleidenswerte Geschöpf richtet. Der Titel: "The Last of Its Kind", der Letzte seiner Art.

In dieser Zeichnung aus dem Jahr 1994 konzentriert sich das Wesen der Kunst von Tim Burton, der vornehmlich als Regisseur für Kinofilme wie "Charlie und die Schokoladenfabrik" (2005) oder "Big Fish" (2003) bekannt ist: Stets stellt er den Andersartigen, den Freak, ins Zentrum. Seine Filmfiguren sind einsam und unverstanden wie die letzten Vertreter einer aussterbenden Art.

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"The Last of Its Kind", eine Acrylzeichnung von Tim Burton, 1994 (groß). Quelle: Museum/Burton

Die Filme des Regisseurs, Drehbuchautors und Produzenten wurde mit mehreren Oscars ausgezeichnet. Erstmals in Deutschland zeigt jetzt eine Ausstellung die weniger bekannte Seite des fanatischen Zeichners, der immer ein Notizbuch für spontane Kreativitätsschübe mit sich herumträgt. Das Privatarchiv des US-Künstlers aus Bildern, die eigentlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren, umfasst rund 10.000 Zeichnungen.

500 davon werden nun im Max-Ernst-Museum in Brühl bei Köln gezeigt, von auf Servietten und Zeitungen gekritzelten Skizzen über farbige Gemälde bis zu Storyboards, die Einblick in den Schaffensprozess geben. Da ist der Poltergeist aus "Beetlejuice" (1988) zu sehen, der Pinguin aus "Batmans Rückkehr" (1992), die liebliche Tote aus "Corpse Bride" (2005) und die böse Herzdame aus "Alice im Wunderland" (2010).

Die Schau ist eine Mischung aus Wunderland und Gruselkabinett und gleicht einer Reise in den Kopf von Timothy Walter Burton, diesem melancholischen Außenseiter, der seinen Geschöpfen etwas von sich selbst mitgab.

Die Figur des "Edward mit den Scherenhänden" etwa hat er schon weit vor der Verfilmung mit Johnny Depp im Jahr 1990 mit sich herumgetragen. Eine Tuschezeichnung von 1980 zeigt einen Gärtner, dessen Hand mit der Heckenschere verwachsen ist. Burton, der selbst unter Berührungsängsten litt, hat mit der Schere eine bestechende Metapher für das Unvermögen geschaffen, sich den Mitmenschen zu nähern. Edward wurde zum Alter Ego des einsamen Genies Burton, der Darsteller Johnny Depp verkörperte fortan immer wieder die exzentrischen Charaktere in seinen Filmen.

Die Brühler Ausstellung ist reich an Selbstporträts. Eine Fotomontage zeigt den 1958 in der kalifornischen Provinz geborenen Künstler mit dem Kopf von Jonathan Masbath in der Hand. Diese Figur gehörte zu den Opfern des köpfenden Geistes aus Burtons Film "Sleepy Hollow" (2000).

Selbstporträt als „Grüner Mann“, 1999 (oben). Quelle: Museum/Burton

Auf einer frühen Zeichnung aus dem Jahr 1983 malt ein Gefangener mit irrem Blick eine Sonne. Die Füße zum Weglaufen fehlen ihm. Der Titel lautet: "Traumfabrik. Animationsdepartment". Wie ein Sträfling in seiner Zelle fühlte sich auch Burton während seiner Zeit bei Disney von 1980 bis 1985, wie es im Ausstellungskatalog heißt.

Mit dem dort gepflegten lieblichen Stil konnte er sich nicht arrangieren. Stattdessen drehte er den ebenfalls in Brühl zu sehenden Kurzfilm "Vincent" (1982), in dem ein normal wirkender Junge sich von der dunklen Seite des Lebens angezogen fühlt. Noch so ein Selbstporträt – so wie "Der grüne Mann", ein Gemälde, das sich in der Komposition an klassischen Porträts orientiert. Doch der Kopf erinnert an eine Puppe, Nase und Augen sind von Klappen verschlossen, Nähte überziehen das Gesicht wie Geschwüre.

Immer wieder versieht Burton seine Geschöpfe mit Nähten – sie stehen für das Dinghafte des Menschen, für den Übergang zwischen Gemachtem und Natürlichem, Mensch und Maschine. Aus dieser Grenzüberschreitung zieht der Künstler seine Kraft.

In seinem Disney-Film "Frankenweenie" (2012) erweckt ein Junge seinen geliebten Hund mit Strom wieder zum Leben. Burton spielt mit dem Frankenstein-Stoff, wie deren Schöpferin Mary Shelley ist er von der Schauerromantik beeinflusst.

Weitere Inspirationsquellen sind die Gothic-Kultur, Pop-Art, der Surrealismus und der Expressionismus, wie etwa der skurrile Kurzfilm "Hansel and Gretel" (1982, englischer Originaltitel) mit japanischen Darstellern und Blut gleichenden Zuckerströmen beweist. Mit dieser verstörenden Mischung hat der Künstler eine morbide Ästhetik geschaffen, die "burtonesk" genannt wird.

Seine Nähe zu den Surrealisten wird in dem Bild "Blaue Frau mit Wein" offenbar. Eine Puppe mit blauer Haut, Herztattoo und überdimensionalen Brüsten in einem schwindlig machenden Spiralmuster-Bustier hat an einem Tisch Platz genommen. Darauf stehen ein Glas Wein und eine Flasche mit Totenkopfsymbol. Der Tod sitzt bei Burton stets mit am Tisch. Sein Kultfilm "Nightmare Before Christmas" aus dem Jahr 1993 ist ein Totentanz, der Künstler beschwört die anarchische Kraft des Karnevals.

Burtons Filme und Zeichnungen gleichen zum Leben erweckten Gedichten von Edgar Allan Poe. Seine unverwechselbaren Geschöpfe tragen oft ein breites Grinsen auf dem bleichen Gesicht. Der Mund ist rot geschminkt wie bei Clowns, die wie Burtons Figuren unheimlich und liebenswert zugleich sind.

Humor und Horror bilden bei Burton eine Einheit, das zeigt sich auch in seinem Halloweenzyklus "Trick or Treat" (Süßes oder Saures) und dem Cartoon „Totkäppchen“ (1981). Dort verbirgt sich unter dem roten Cape ein Skelett mit Sense. Die Zeichnung "Der Ober" zeigt einen Butler mit grinsendem Totenkopf, einer Fledermaus als Fliege und Spinnen als Knöpfe. In den Illustrationen zu seinem Buch "Das traurige Ende des Austernjungen und andere Geschichten" (1982) stellt er seine Selbstzweifel aus.

Auf einem Bild sagt einer: "Mein Name ist Jimmy, aber man nennt mich widerlicher Pinguinjunge." Da ist er wieder, der burtoneske Außenseiter. In seinem jüngsten Kinofilm "Big Eyes" hat Burton der Künstlerin Margaret Keane ein Denkmal gesetzt. Das Markenzeichen der erst spät aus dem Schatten ihres Mannes herausgetretenen Frau sind Kinder mit weit aufgerissenen Augen. Sie ähneln mit ihrer unheimlichen Aura den Kreaturen Burtons.

Im Brühler Ausstellungskatalog erklärt der Künstler seine Verbundenheit mit Keane, die wie er selbst dem Publikum gefalle, aber von Kunstkritikern unterschätzt werde. Als das Museum of Modern Arts (MoMa) in New York 2009 die erste große Burton-Ausstellung eröffnete, empfahl das Feuilleton Burton, er möge bei seinen Filmen bleiben. Es wurde die dritterfolgreichste Show in der Geschichte des Museums nach Picasso und Matisse.

Von Nina May

  • "The World of Tim Burton", Eröffnung am Sonntag im Max-Ernst-Museum Brühl, bis 3. Januar. Weitere Informationen finden Sie auf der Internetseite des Museums.

Weshalb bloß Brühl?

Die internationale Wanderausstellung "The World of Tim Burton" wurde in Prag zur erfolgreichsten tschechischen Schau des Jahres 2014 und war schon in Tokio und Osaka zu sehen. Der beschauliche Ort Brühl überrascht als einzige deutsche Station auf dieser Liste vor São Paulo. Doch auf den zweiten Blick werden die Parallelen zwischen Burton und Max Ernst offenbar, dessen Werk das Brühler Museum gewidmet ist. Der Ausstellungsinitiator und Museumsdirektor Achim Sommer sagt: "Burton rührt wie Ernst an das Unterbewusste. Träume und Gefühle setzt er wie die Surrealisten unmittelbar in Kunst um. Beide Künstler verbinden die Unbändigkeit ihrer Kreativität und die Befreiung von geltenden Normen."

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