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Medien & TV Zum Tod von „Mallorca-Jens“: Niemand ist eine Insel
Nachrichten Medien & TV Zum Tod von „Mallorca-Jens“: Niemand ist eine Insel
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21:07 18.11.2018
Jens Büchner Quelle: dpa
Palma de Mallorca

Einen Vornamen und einen Ort – mehr braucht es manchmal nicht, um einen Menschen zur Marke zu machen. Der Boulevard liebt diese Stempel, deren Farbe nie mehr verbleicht. Der Ort ist wichtig. Der Ort weckt Assoziationen, spiegelt Klischees, füttert Vorurteile. Da gab es „Florida-Rolf“, jenen vermeintlichen „Sozialschmarotzer“, der die hart verdienten D-Mark der deutschen Solidargemeinschaft in der Sonne verprasste. Da gab es „Karibik-Klaus“, seinen Bruder im Geiste. Und da gab es „Mallorca-Jens“ – jenen TV-Auswanderer und Trash-Protagonisten, der seinen Namen freilich nicht als Anklage trug, sondern als Nachweis seiner Normalität. „Seht her“, bedeutete das Wort „Mallorca“ im Spitznamen, den der Boulevard diesem Jens Büchner aus Bad Schmiedeberg in Sachsen-Anhalt verpasst hatte, – „ich bin einer wie ihr. Ich träume von Sonne und Glück. Ich feiere. Ich leide. Und ich suche.“

Am Sonnabend ist „Mallorca-Jens“ mit 49 Jahren an Lungenkrebs gestorben, nach einem „kurzen, schweren Kampf“ in einem Krankenhaus in Palma de Mallorca. Das meldete seine Agentur. Nicht jedem wird die Existenz dieses Helden des Beömmelungsfernsehens vor seinem Tod geläufig gewesen sein. Doch es besteht kein Zweifel daran, dass der Star der Vox-Auswanderersause „Goodbye Deutschland!“ – dessen Halskette ein Amulett mit der Gravur „Pleite, aber sexy“ zierte – als Kultfigur des Trivialen einen Nerv traf.

Denn dieser laute, auch anstrengende, in seiner Tüddeligkeit erschütternd naive „Mallorca-Jens“ arbeitete ja beharrlich am alten Traum des Menschen: aus einer Niederlage noch einen Sieg zu machen, als Loser doch ein Leben zu führen, dass Glücksmomente bereithält. Auch wenn nie ganz klar war, was das eigentlich sein soll: Erfolg im Leben.

Die Mechanik der Medienwelt braucht auch Normalos

Es kommt immer mal vor, dass die Spaßmaschinerie einen Menschen ans Licht spült, der dort auf den ersten Blick nicht hinzugehören scheint. Einen Kerl ohne glamouröse Exzentrik, ohne Doppelumlaut im Nachnamen, ohne siebzehn Ringe an jeder Hand. Die Mechanik der Medienwelt dürstet es ab und an nach Normalos. Entweder zum Zwecke der wohligen Fremdschamerzeugung – Daniel Küblböck, Zlatko, Joey Heindle – oder um das Publikum an die Möglichkeit des eigenen „Aufstiegs“ zu erinnern. Denn zum modernen Versprechen der Medienwelt gehört: Du kannst „es“ selbst schaffen. Du kannst den vermeintlichen Glückszustand der Prominenz, mit dem Ruhm, Reichtum und seidene Laken einhergehen, selbst erreichen.

Lesen Sie hier: Stasi, Malle, Dschungel: Das traurig verrückte Leben des Jens Büchner

„Goodbye Deutschland!“ funktioniert seit dem Start 2006 als medialer Brutkasten für Prominenz auf Zeit. Manchem gelingt es, sich vom Mutterschiff zu lösen und zur Marke seiner selbst zu werden. Konny Reimann etwa, dem schnauzbärtigen Do-it-yourself-Cowboy aus Hamburg auf seinem zusammengenagelten XXL-Anwesen in Texas, der inzwischen mit Frau Manuela auf Hawaii lebt. Oder Daniela Katzenberger, der Ludwigshafener Kodderschnauze, die beharrlich daran arbeitet, die deutsche Kim Kardashian zu werden. Oder eben „Mallorca-Jens“, der im November 2010 mit seiner damaligen Lebensgefährtin Jennifer Matthias und dem gemeinsamen Sohn ohne Plan nach Mallorca auswanderte, bald umwuselt von Vox-Kameraleuten.

Lesen Sie hier: So reagieren die Fans auf den Tod von Jens Büchner

Sein Leben: ein Feuerwerk des Scheiterns. Er war Stasi-Mitarbeiter, Heizungsverkäufer, Schmuckdesigner, Badehosenmodel, Finanzwirt, Küchenhilfe, Hotelbetreiber, Gastronom und Schlagersänger. Inklusive der Dramen des ganz normalen Lebens: Trennung, Existenzangst, neue Liebe mit drei Stiefkindern. Immer dabei: Vox.

Es ging um mehr als Schadenfreude

Warum er? Penetranz ist nicht alles im Promigeschäft. Selbst die offensivste Boulevardkampagne von „Bild“, Vox und RTL im Verein kann niemanden zum Star machen, den das Publikum im Kern ablehnt. Es sucht sich seine Identifikationsfiguren noch immer gern selbst. Es bleibt auch im gehobenen Blödsinn gern mündig. Niemand ist mächtiger im Mediengeschäft als eine Mehrheit, die sich einig ist.

Es war nicht allein die Schadenfreude am medialen Amoklauf des Ballermannsängers. Er wurde Dauergast im Trash-Zirkus – im Dschungelcamp, im „Sommerhaus der Stars“, als selbstironischer Schlagersänger („Arme Sau“) –, weil er perfekt das repräsentierte, was seine Zielgruppe in der Tiefe eint: der Kampf gegen alle Stöcke in den Speichen des Lebens, zur Not auch unter Nichtwahrung der eigenen Würde. Büchner, der „Jenser“, war ein irrlichternder Chaot, der als Leitstern im Leben am Ende nur noch ein Licht kannte: das der Scheinwerfer. Als er sich dann auch noch das Logo des TV-Kanals auf den Arm tätowieren ließ, war das wie ein Eingeständnis: Ich bin euer Geschöpf. Ich bin eine Vox-Figur. Vox brauchte ihn, er brauchte Vox und beide zusammen das Publikum. Auch „Mallorca-Jens“ muss gespürt haben: Niemand ist eine Insel.

Er hinterlässt acht Kinder: fünf leibliche sowie drei Stiefkinder, die seine Frau Daniela in die Ehe brachte. Die Zwillinge Diego Armani und Jenna Soraya sind gerade erst zwei Jahre alt. „Wenn es dir schon scheiße geht, dann wenigstens dort, wo es schön ist“, hat er mal gesagt. Wünschen wir ihm, dass er genau dort jetzt ist.

Von Imre Grimm

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