Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Medien & TV Zwei Sekunden Nachhall
Nachrichten Medien & TV Zwei Sekunden Nachhall
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:01 17.06.2016
Das Megaprojekt Elbphilharmonie in Hamburg steht kurz vor der Vollendung. Besonders der Akustik wurde große Aufmerksamkeit geschenkt – sie soll den Neubau zu einem der besten Konzertsäle der Welt machen. Quelle: Archiv
Anzeige

Zwei Sekunden sind im Konzertsaal das Maß aller Dinge. Denn zwei Sekunden Nachhallzeit – das ist der Zeitraum, der verstreicht, bis ein akustisches Signal in einem Raum auf ein Tausendstel seiner Intensität zurückgegangen ist – gelten als optimal zum Hören und Spielen von Musik.

Allerdings stellen Kammermusik, Barockmusik auf Originalinstrumenten, Barockmusik auf modernen Instrumenten, klein besetzte Orchestermusik, groß besetzte Orchestermusik, Chorsinfonik, Klavier und Streichquartett jeweils andere Anforderungen. Beim Jazz ist es wieder anders, bei Rock und Pop sowieso und bei gesprochener Sprache erst recht. Zwischen 0,3 und 3,5 Sekunden kann da alles gut sein. Woraus bereits ersichtlich wird, wie kompliziert es ist, einen wirklich gut klingenden Konzertsaal zu bauen.

Anzeige

Zwei Sekunden sind dennoch auch für den Neubau der Elbphilharmonie in Hamburg das Maß aller Dinge. Sie sind das Ziel, das sich Yasuhisa Toyota gesetzt hat, der 1952 geborene japanische Guru unter den Raumakustikern unserer Zeit. Er hat dafür Sorge zu tragen, dass der spektakuläre Neubau auf dem Speicher am Hamburger Hafen akustisch die knapp 800 Millionen Euro wert ist, die der Bau seit 2007 verschlungen haben wird, wenn er im Januar 2017 endlich der Musik und dem Publikum übergeben wird.

Neues, teures Wahrzeichen: Die Fassade der Hamburger Elbphilharmonie ist vollendet, jetzt muss nur noch die Musik einziehen. Quelle: Archiv

Zwei Sekunden – über diese kleine Zahl redet man derzeit in Hamburg sehr viel lieber als über die Millionensummen, die sich jeder Vorstellungskraft entziehen. Auf diese zwei Sekunden projiziert sich nun alle Hoffnung an der Elbe. Werden die erreicht, dann, sind sich alle am vom Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron ersonnenen Riesenprojekt Beteiligten sicher, wird die Neue Elbphilharmonie unter den zehn besten Konzertsälen der Welt landen.

Für dieses große Ziel ist Yasuhisa Toyota erst einmal ein guter Partner, denn unter den gut vier Dutzend Konzertsaalprojekten, die er in den letzten drei Jahrzehnten raumakustisch betreut hat, ist beispielsweise die Suntory Hall in Tokio. Auch der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, dem Kopenhagener Konzerthaus und dem Musikzentrum in Helsiniki oder zuletzt der neuen Philharmonie in Paris drückte er seinen akustischen Stempel auf. Allesamt wohlgeraten.

Zwei Sekunden – im allerbesten Konzertsaal der Welt sind sie Realität: Der Goldene Saal des Musikvereins in Wien hat diese Nachhallzeit. Er ist der klassische Schuhkarton – die Bühne befindet sich an der Schmalseite, das Publikum füllt das Parkett mit Blick auf die Künstler und auf den Rängen im 90-Grad-Winkel dazu.

Schuhkarton und Weinberg

Schuhkartons sind akustisch bestens beleumundet, viele der nachweislich besten Konzertsäle aller Zeiten waren so konzipiert: das im Krieg beschädigte und später abgerissene zweite Gewandhaus in Leipzig oder die nach seinem Muster konstruierte Symphony Hall in Boston, das Concertgebouw in Amsterdam, die Tonhalle in Zürich und auch das neue Konzerthaus in Luzern. Allerdings ist der Schuhkarton vielen heutigen Architekten formal zu langweilig, und er hat auch fürs Publikum einen Nachteil: Wer hinten sitzt, der ist verdammt weit weg von der Musik.

Zwei Sekunden – diese Nachhallzeit hat in etwa auch der älteste und berühmteste unter den Weinberg-Konzertsälen. Die Philharmonie in Berlin, der 1963 eröffnete Geniestreich von Hans Scharoun. Beim Weinberg ist die Bühne in die Mitte gerückt, das Publikum sitzt auf zahlreichen Ebenen darum herum. Die Entfernung zum Orchester ist auch auf den am weitesten entfernten Plätzen geringer, und architektonisch sind interessantere Lösungen möglich.

Also wurde der Weinberg zum Vorbild vieler Konzertsäle der letzten fünf Jahrzehnte. Im 1981 eröffneten Neuen Gewandhaus zu Leipzig orientierte man sich auffällig an Scharouns Philharmonie, wenngleich die Bühne etwas weiter aus dem Zentrum heraus gerückt wurde. Im Ergebnis jedenfalls ist auch hier die Sicht auf allen Plätzen so gut wie die Akustik.

Orientiert am Amphitheater: Die Weinberg-Form der Elbphilharmonie ist für Konzertsäle akustisch nicht optimal, holt das Publikum aber näher ans Orchester heran – und macht architektonisch mehr Eindruck als der klassische Schuhkarton-Saal. Quelle: Herzog & de Meuron (Visualisierung)

Weil die Erfahrungen mit dem Weinberg auch in Kopenhagen erfreulich sind oder in der Neuen Pariser Philharmonie ist nun auch die Elbphilharmonie als Weinberg angelegt – obwohl es durchaus warnende Beispiele gibt wie den berüchtigten Gasteig in München, über dessen Klang die Besucher verstimmt sind.

Zwei Sekunden also soll es dauern, bis ein Klang im Raum sich verloren hat. Doch für die Raumakustik ist mindestens ebenso wichtig, was zuvor geschieht. Und da wird es sehr, sehr kompliziert: Was beim Hörer von der Musik ankommt, ist das Ergebnis von Überlagerungen. Der direkte Schall, der von den Instrumenten ausgeht, mischt sich mit Reflexionen. Kommt zu viel Direktschall an, klingt es analytisch, aber auch kalt und trocken. Kommt zu viel an Reflexionen, kann es angenehmer klingen, aber auch mulmig oder verwaschen.

Und da die Schallwellen über den riesigen Frequenzbereich, den ein Orchester produziert, sehr unterschiedlich verhallen, ist eine seriöse Vorausberechnung kaum möglich: Bei sehr tiefen Tönen liegt die Wellenlänge in der Größenordnung von 15 Metern, selbst um größere Hindernisse wandert eine solche Welle einfach herum. Am anderen Ende des Frequenzspektrums beträgt die Wellenlänge nur noch etwa zwei Zentimeter, da werden schon schmale Säulen zu Reflexionsflächen.

Den Schall sortieren

Treffen diese sehr unterschiedlichen Wellen aufeinander, kann alles geschehen. Sie können sich verstärken oder auslöschen und alles dazwischen – und auf jedem einzelnen Platz eines Konzertsaales gelten andere Bedingungen. Darum war es lange Glückssache, wie ein Saal schließlich klang. Beim Konzertvereinssaal in Wien sorgt auch der reiche Schmuck für den guten Klang. Die Statuen und Simse, der Stuck, die Ränge und ihre Geländer, sie alle tragen zur richtigen Mischung von direktem und indirektem Schall bei.

In modernen Konzertsälen ist das nicht leicht herbeizuführen, weil Stuck und Statuen aus der Mode gekommen sind. Als Ersatz sollen nun allerlei komplizierte Einbauten wie Schallsegel, Schallflächen verschiedener Winkel und Größe und resonierende Röhren zwei im Grunde untaugliche Vorgaben neutralisieren: die Weinberg-Form, denn der Schuhkarton ist besser, die nüchterne Wandgestaltung, denn der Gründerzeit-Schmuck ist geeigneter. Und das denkbar komplizierteste Akustik-Reparatur-System wurde in Hamburgs Neuer Elbphilharmonie Realität: die weiße Haut.

Zwei Sekunden Schall soll sie so sortieren, dass jede Musik überall gut klingt. Mit beispiellosem Aufwand – und offenem Ausgang. Denn in der Raumakustik ist man nach wie vor ebenso in Gottes Hand wie auf hoher See. Ersonnen jedenfalls hat die weiße Haut, die eigentlich eher grau wirkt als weiß und auch nicht wie eine Haut aussieht, sondern wie ein mit ziemlich weiten Spaltmaßen zusammengestecktes Puzzle, Yasuhisa Toyota.

Ein Star unter den Raumakustikern: Yasuhisa Toyota im Jahr 2014 auf einer Montageebene für die weiße Haut unter dem Dach des Großen Konzertsaals der Elbphilharmonie in Hamburg. Quelle: dpa

Im Detail berechnet und gestaltet hat sie Samuel Koren aus Frankfurt, seines Zeichens Musiker, Informatiker und Architekt. 10 000 einzelne Platten hat er mit der CNC-Fräse aus den Gipsfaserplatten herausmodellieren lassen, keine ist wie die andere. Manche sind durchlöchert, andere massiv, manche tragen große Erhebungen und Vertiefungen, manche kleine, manche wiegen 70 Kilogramm, andere 100, einige weisen Kegel auf, andere Rinnen und Riefen.

An eine komplizierte Metallträgerstruktur geschraubt kleiden sie Wände und Decken des 30 Meter hohen Weinbergs bis in den letzten Winkel aus. An jeder einzelnen von ihnen bricht jede Frequenz sich anders. Und damit sie es im genau richtigen Maße tut, hat Toyota zuvor ein Modell im Maßstab 1:10 errichtet, mit ebenfalls verkleinerten Schallwellen beschickt, vermessen und gefeilt. Zwei Sekunden Nachhallzeit – das war sein Ziel, das hat er, sagt er, erreicht.

Warten auf den ersten Eindruck

Genau weiß man es noch immer nicht. Denn erst im Konzert kann man sicher sagen, wie es ausgegangen ist – auch das Publikum beeinflusst den Klang. Doch in Hamburg ist man optimistisch und verspricht ein "unbeschreibliches Klangerlebnis", wenn das NDR Elbphilharmonie Orchester am 10. Januar 2017 zum ersten Mal Musik im Großen Saal der Elbphilharmonie erklingen lässt.

Zwei Sekunden werden dann unter Umständen schon reichen, um zu beurteilen, ob die Akustik im unvorstellbar komplizierten Weinberg so gut geworden ist wie im schlichten Schuhkarton. Denn der geneigte Psychoakustiker weiß: Der erste Eindruck von einem Klang ist der intensivste. Er bleibt haften. Weit länger als zwei Sekunden.

Von Peter Korfmacher

Das Eröffnungsspektakel

Ticketverlosung:

Am 11. und 12. Januar 2017 eröffnet das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Thomas Hengelbrock das spektakuläre Konzerthaus. Das Programm ist noch nicht veröffentlicht. Doch im Verlauf des Konzerts sind mit Anja Harteros, Wiebke Lehmkuhl, Philippe Jaroussky, Jonas Kaufmann und Bryn Terfel gleich fünf Weltstars des Gesangs zu erleben. Auch die künftige Hausorganistin Iveta Apkalna wirkt mit. Bis 7. Juli kann man noch an einer Verlosung für Eintrittskarten teilnehmen, unter www.elbphilharmonie.de.

Mit einem Auftragsoratorium für Soli, Chor und Orchester von Jörg Widmann wird sich im Anschluss das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Kent Nagano am 13. Januar 2017 erstmals in der Elbphilharmonie präsentieren.

17.06.2016
Medien & TV Musiktipps von Mathias Begalke - Band of Horses und weitere Musiktipps
17.06.2016
Medien & TV Filmtipps von Stefan Stosch - "The Big Short" und mehr Filmtipps
17.06.2016
Anzeige