Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Medien Das Fernsehen will nicht mehr über die AfD-Stöckchen springen
Nachrichten Medien Das Fernsehen will nicht mehr über die AfD-Stöckchen springen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:21 03.04.2019
Sachlicher Umgang geboten: Der AfD-Politiker Alexander Gauland mit Luise Amtsberg (Die Grünen, links) in Maybrit Illners Sendung„Hass auf die Politik – Gefahr für die Demokratie“ im Oktober 2016. Quelle: Foto: dpa
Berlin/Mainz

Die sogenannte Alternative für Deutschland pflegt viele Feindbilder, aber zu den Lieblingsgegnern der Partei gehören eindeutig ARD und ZDF. Für die Sender ist das eine echte Herausforderung, der sie in der Anfangszeit der Partei prompt nicht gewachsen waren; da schien die Maxime aller guten Politikjournalisten, nach allen Seiten zu beißen, besonders für die AfD zu gelten. Die Partei, bemängelten Kritiker, erhalte ohnehin zu viel Spielraum. SWR-Chefredakteur Fritz Frey räumt ein, das sei in der Tat ein Problem gewesen: „Da sind wir im ‚Ersten’ viel zu oft über die Stöckchen gesprungen, die uns die AfD hingehalten hat.“

Die AfD profitierte in Talkshows vom Sympathieeffekt für Prügelknaben

Lutz Hachmeister, Gründer und Leiter des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM), hat dafür sogar ein gewisses Verständnis: „Man darf nicht vergessen, dass eine neue Partei, die sich in schrillen Extremen bewegt, ein besonders trächtiges Objekt der Berichterstattung ist; das war bei den Grünen vor 40 Jahren nicht anders.“

Dezidierte Kritik übt Hachmeister allerdings an den politischen Talkshows: Die AfD habe sehr davon profitiert, „dass ihre Vertreter regelmäßig gezielt als Prügelknaben vom Dienst eingesetzt wurden. Das spielt einer Partei, die auf Protestwähler setzt, sehr in die Hände.“

Frey streitet das gar nicht ab: „Das ist dramaturgisch natürlich eine Falle, weil bei den Zuschauern auf diese Weise ganz unabhängig von den Inhalten der Eindruck ‚Alle gegen einen’ entsteht. Das führt zu einem automatischen Sympathieeffekt.“

Was oft genug wiederholt wird, setzt sich in den Köpfen fest

Der Chefredakteur des SWR verweist allerdings auch auf eine Untersuchung der Universität Mainz, die eine Koinzidenz zwischen der zunehmenden Präsenz der AfD in der Berichterstattung und ihren Zustimmungswerten in der potenziellen Wählerschaft nachgewiesen habe. Laut dieser Studie spiele es keine Rolle, ob die Berichte neutral oder kritisch seien.

Hachmeister betont jedoch, die Partei sei kein Medienphänomen, sondern ein politisches Phänomen: „Die AfD hat nicht so viele Stimmen erhalten, weil sie so oft in den Medien vorgekommen ist, sondern weil sie eine Lücke im Parteienspektrum erkannt und anschließend von bestimmten politischen Prozessen profitiert hat.“ Er räumt aber ein, dass die „überbordenden Themensetzungen in den Talks rund um Flüchtlings- und Migrationsfragen der AfD sehr genutzt haben“.

Der Marburger Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger sieht das ähnlich: „Die Formulierung mancher Aufregerthemen – sinngemäß: ‚Gibt es zu viele Ausländer in Deutschland?’ – ist bereits derart populistisch, dass man gar keine AfD-Vertreter mehr einladen muss.“ Durch die Berichterstattung über die Partei und ihre Präsenz in den Talkshows „gelangen ihre Positionen in die öffentliche Wahrnehmung, und wenn sie oft genug wiederholt werden, setzen sie sich in den Köpfen fest. Sie werden dadurch nicht automatisch gesellschaftsfähig, aber üblich.“

Hallenberger: „Talkshows bedienen das Bauchgefühl“

Davon abgesehen glaubt Hallenberger an ein grundsätzliches Problem: „In den Talkshows wird kein intellektueller Diskurs angestrebt, sondern das Bauchgefühl bedient.“ Diese Entwicklung habe in den Neunzigerjahren begonnen: „Als die Privatsender eine immer größere Akzeptanz erreichten, wurden ARD und ZDF kritisiert, ihre Sendungen richteten sich zu sehr an intellektuelle Elite, das Programm müsse volkstümlicher werden. Der Aufstieg der AfD hängt nicht zuletzt mit einer Missachtung aller Formen von Intellektualität zusammen.“ “

Die beiden Wissenschaftler erkennen zwar gewisse Fortschritte bei den Sendern, aber Hachmeister sieht auch eine erhebliche Schwachstelle. Der hiesige Journalismus sei „durch die völkischen Ansichten der AfD-Politiker plötzlich mit einer Radikalität konfrontiert worden, die er in seiner linksliberalen oder gutbürgerlichen Ecke so nicht gewohnt war.“ ARD und ZDF bräuchten wesentlich bessere Interviewer, die drei Voraussetzungen mitbringen sollten: „Gelassenheit, eine gewisse Ironie und große Faktenkenntnis. Der Typus des Interviewers, der ein Gespräch auf hohem Niveau führen kann, kommt im deutschen Fernsehen kaum noch vor.“

Fritz Frey hat sich deshalb mit Journalisten aus Österreich ausgetauscht. Dort standen die Medien durch den Aufschwung der rechtspopulistischen FPÖ vor ähnlichen Herausforderungen. Aus den Gesprächen mit dem „Zeit im Bild“-Moderator Armin Wolf hat Frey gelernt, dass gerade bei Interviews mit AfD-Vertretern eine perfekte Vorbereitung nötig sei. „Wenn man populistische Politiker auf bestimmte Zitate anspricht, muss man immer mit Widerspruch rechnen: „’Das habe ich nie gesagt’ oder ‚Das ist aus dem Zusammenhang gerissen worden.’“ Es sei daher unabdingbar, seine Behauptungen daher hieb- und stichfest belegen zu können. Ansonsten gelte die Maxime: „Nüchtern, sachlich, ohne Schaum vor dem Mund.“ Grundsätzlich genieße die Partei im SWR jedoch keine Sonderbehandlung: „Es gibt keine ‚Lex AfD’.“

Die AfD und die Verunglimpfung von Journalisten

Bei den anderen ARD-Sendern sowie beim ZDF teilt man diese Haltung, wie die Chefredakteure unisono bestätigen. Peter Frey (ZDF) schränkt allerdings ein, die Demonstrationen in Chemnitz, „wo sich AfD-Funktionäre mit Neonazis zeigten“, seien in der Wahrnehmung der Partei ein Wendepunkt gewesen: „Dass Journalisten ihre Aufgabe dort nur mit Schutzhelm ausüben konnten, das darf nicht sein. Die Verunglimpfung auch einzelner Kollegen geht bis in höchste Parteikreise. Von solchen direkten und verbalen Angriffen auf Journalisten muss sich die AfD distanzieren, wenn sie wie die anderen Parteien behandelt werden will.“ Der ZDF-Chefredakteur verweist zudem auf die Verpflichtung, auch den im Grundgesetz verankerten Werten wie Rechtsstaatlichkeit, Meinungsvielfalt und vor allem der Würde des Einzelnen Rechnung zu tragen: „Deshalb können wir Äußerungen mit ausländerfeindlichem, antisemitischem oder diskriminierendem Charakter nicht ohne Einordnung stehen lassen.“

Von Tilmann P. Gangloff

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Das Angebot an Video-on-Demand und Streamingdiensten ist groß, doch nicht alle sind seriös. Fake-Dienste, wie Woplay, Streamba oder Oneflix zeigen keinen einzigen Film, schicken dafür aber hohe Rechnungen. So schützen Sie sich vor der Abo-Falle.

03.04.2019

Marl ohne Moderator Jan Böhmermann? Seit Jahren kaum denkbar! Das Grimme-Institut setzt bei der Verleihung der 55. Grimme-Preise auf bekannte Gesichter und starke Serien.

03.04.2019

Kurz mal nicht aufgepasst, schon ist das Smartphone runtergefallen. Doch mit einer Schutzschicht auf dem Bildschirm lassen sich viele unschöne Kratzer verhindern. Möglichkeiten gibt es viele: Aus Folie, Glas oder aufgesprüht – was hilft?

02.04.2019