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Medien Nach dem Tod: Was passiert mit unseren Facebook-Konten?
Nachrichten Medien Nach dem Tod: Was passiert mit unseren Facebook-Konten?
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22:19 16.05.2019
Seit 2015 können Facebook-Nutzer einen Nachlasskontakt bestimmen, der sich nach dem Tod um das Profil im Gedenkzustand kümmern kann. Quelle: RND-Illustration: Patan
Hannover

Vor der Show postet Tales Soares noch Bilder in seiner Insta­gram-Story. Sie zeigen das brasilianische Männermodel mit seinen Kolleginnen im Backstagebereich. Kurze Zeit später bricht Soares auf dem Laufsteg zusammen. Ärzte können ihn nicht mehr retten, der 26-Jährige stirbt im Krankenhaus. Auf Instagram ist das nicht klar, dort wirkt seine Welt noch in Ordnung. Die aktuellen Inhalte, die Backstagebilder, sind weiter zu sehen. Sie verschwinden erst nach 24 Stunden – Zeit genug für einige Medien, um Screenshots anzufertigen.

Der Fall von Tales Soares ist tragisch. Aber er zeigt exemplarisch, was inzwischen auf quasi jeden zutrifft: Wenn wir sterben, hinterlassen wir nicht mehr nur Bücher, Kleidung und sonstigen Hausrat, sondern auch jede Menge Daten, nicht zuletzt bei den diversen Facebook-Diensten. Instagram-Profile mit Fotos, Facebook-Accounts mit Glückwünschen und Tausende Whatsapp-Nachrichten – was passiert mit all diesen Daten, wenn die Nutzer sterben?

In 50 Jahren mehr tote als lebendige Facebook-Nutzer

Welche Dimension diese Frage in Zukunft hat, zeigt eine aktuelle Studie des Oxford Internet Institute (OII). Die beiden Wissenschaftler Carl Öhman und David Watson wollten herausfinden, wann die Toten auf Facebook in der Überzahl sind. Ihre Antwort: möglicherweise schon im Jahr 2070. In rund 50 Jahren könnten bei Facebook demnach mehr tote als lebendige Nutzer auf der Plattform registriert sein. Bis zum Jahr 2100 könnten es sogar insgesamt 1,4 Milliarden tote Nutzer sein. Und das ist konservativ geschätzt. Denn die Wissenschaftler gehen dabei von dem – unrealistischen – Fall aus, dass das soziale Netzwerk ab 2018 keine weiteren Mitglieder gewinnen wird. Nimmt man dagegen das andere Extrem an, nämlich dass Facebook auch in den nächsten Jahrzehnten weiter wachsen wird wie bisher, könnte die Zahl der Facebook-Toten im Jahr 2100 auf bis zu 4,9 Milliarden ansteigen.

Aber natürlich muss sich das Netzwerk auch schon heute mit dem Tod seiner Nutzer auseinandersetzen. Derzeit hat Facebook nach eigenen Angaben 2,4 Milliarden aktive Anwender weltweit. Nehme man Instagram und Whatsapp dazu – die beide auch zu Facebook gehören – komme das Netzwerk auf rund 2,7 Milliarden Menschen, die mindestens einmal im Monat einen der drei Services nutzten. 2,7 Milliarden Menschen, die alle irgendwann einmal sterben müssen – manche von ihnen jetzt, in dieser Sekunde. Andere erst in Jahrzehnten.

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Facebook will bei Trauer helfen

Seit 2015 können Facebook-Nutzer einen Nachlasskontakt bestimmen, der sich nach dem Tod um das Profil im Gedenkzustand kümmern kann. Anfang April hat Facebook den Handlungsspielraum der „Nachlassverwalter“ erweitert. Sie können nun zum Beispiel darüber entscheiden, wer Posts sehen kann. „Auf diese Weise können sie Inhalte verwalten, die für Freunde und Familie möglicherweise schwer zu ertragen sind, wenn sie nicht bereit sind“, sagte Co-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg. Auf Seiten, die in den Gedenkzustand versetzt wurden, kann man nun auch Gedenkeinträge verfassen. Wer dort schreiben darf, legt auch der Nachlasskontakt fest. Laut Facebook gibt es auf der Plattform Hunderttausende Profile, die in den Gedenkzustand versetzt worden sind.

„Wir haben großen Respekt vor unserer einzigartigen Position im Leben von Menschen und nehmen unsere Rolle in der Diskussion über das Erbe im digitalen Zeitalter ernst“, teilte ein Facebook-Sprecher auf Anfrage mit. Dabei scheint es dem Netzwerk derzeit aber vor allem darum zu gehen, Hinterbliebene in ihrer Trauer zu helfen. So kündigte das Unternehmen im April ebenfalls an, Vorkehrungen zu treffen, dass Hinterbliebene oder Freunde von Verstorbenen künftig nicht mehr aufgefordert werden, sie etwa zu Veranstaltungen einzuladen.

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Daten haben historischen Wert – und kosten Geld

Doch Öhman und Watson, die beiden Forscher vom Oxford Internet Institute, wollen mit ihrer Studie auf ein viel größeres Problem aufmerksam machen. Denn die Daten, die Facebook und andere Netzwerke sammeln, haben auch einen historischen Wert. Sie sind ein Archiv der menschlichen Kultur und dürften daher, so die Forscher, nicht nur einem einzigen Unternehmen zur Verfügung stehen. Sie fordern deshalb: Facebook sollte Historiker, Archivare, Archäologen und Ethiker dazu einladen, sich an der Kuratierung der riesigen Datenmengen zu beteiligen. „Es ist auch wichtig sicherzustellen, dass zukünftige Generationen unser digitales Erbe nutzen können, um ihre Geschichte zu verstehen“, sagte Watson.

Daneben gibt es auch ökonomische Fragen: „So lange, wie wir leben und auf Anzeigen klicken, sind die Daten, die wir ansammeln, wertvoll“, erklärt Öhman gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Wenn wir sterben, verlieren sie diesen ursprünglichen Wert. Unternehmen wie Facebook oder auch Google müssten daher, sagt Öhman, einen anderen Weg finden, diese Daten zu monetarisieren – oder sie zerstören. Von den großen Tech-Unternehmen zu erwarten, dass sie nutzlose Daten für viel Geld auf ihren Servern speichern, ist wohl unrealistisch. Irgendwie müssen sie diese Kosten also wieder wettmachen.

Wie sieht das aus?

Wie aber kann das aussehen? Das Problem ist so neu, dass man das noch nicht sagen kann, sagt Öhman. „Sogar Menschen, die in der Tech-Industrie arbeiten, haben, meiner Erfahrung nach, diesem Problem bisher nicht allzu viel Aufmerksamkeit zukommen lassen.“ Auch Facebook äußerte sich auf Nachfrage zu diesem Problem nicht konkret. Es gibt Unternehmen, die ihren Nutzern anbieten, ihre persönlichen Daten zu verwenden, um sie in einen Chatbot-Doppelgänger zu verwandeln. Ein großer Markt – vergleichbar mit dem Werbegeschäft – wird daraus aber wohl eher nicht, glaubt Öhman.

Doch auch wenn es noch keine Lösungen für die Frage gibt: Wir sollten uns jetzt darüber Gedanken machen. Die wachsende Zahl gestorbener Facebook-Mitglieder werfe wichtige Fragen zum virtuellen Erbe der Nutzer auf, sagen die beiden Forscher. „Als Gesellschaft haben wir gerade erst angefangen, diese Fragen zu stellen, und wir haben noch einen langen Weg vor uns“, erklären sie. Man kann es auch anders ausdrücken: Noch haben wir die Möglichkeit, zu entscheiden, wie unser digitales Nachleben aussehen soll.

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Von Anna Schughart/RND

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