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19:59 09.09.2016
Von Rainer Wagner
Dirigentinnen hatten es in einer Welt der Altherren-Netzwerke lange schwer, kaum ein hochkarätiges Orchester konnte mit einer Frau am Pult aufwarten. Diese Zeiten sind jetzt vorbei, wie das Lucerne Festival eindrucksvoll beweist. Quelle: Lucerne Festival

Eine Männerbastion bröckelt. Was bei Dax-Konzernen nach wie vor die Ausnahme ist, wird bei immer mehr Sinfonieorchestern die neue Regel: die Chefin. Der Weg zur Dirigentin ist bislang mühsam gewesen. Eine Opernchefin an der Staatsoper in Hamburg. Und in Hannover. Und schon war's wieder vorbei. Bis jetzt ist bei uns der Anteil von Frauen auf den Chefdirigentenposten geringer als der von Alkoholikern am Dirigentenpult.

Das ändert sich aber gerade, viel ist im Auf- und im Umbruch. Das traditionsreiche und hochkarätige Lucerne Festival hat in diesem Jahr nicht nur die ersten Frauen zum Festivalthema "PrimaDonna" gemacht, sondern ihnen auch einen Erlebnissonntag gewidmet. Sechs Musikerinnen zeigen, wo es künftig langgeht. Gleichzeitig illustrierten sie die vielfältigen Wege ans Dirigentinnenpult. Die eine erobert sich als Starsolistin auch die führende Rolle, die andere gründet erst einmal ihr eigenes Ensemble, ehe sie sich renommierten Orchestern stellt. Die dritte stellt als Komponistin Eigenes (und Fremdes) vor – dann gibt es noch die Spezialistinnen für Neue Musik und für Jazz.

Eines ist, zumindest in Luzern, allen gemeinsam und gibt Entwarnung an der Modefront: Die Maestra trägt wie der Maestro Schwarz. Hellstenfalls Dunkelanthrazit. Und zu erhöhten Absätzen neigen ja auch kleingewachsene Pult-Napoleons.
Nur als Geigerin tritt man im gewohnt schulterfreien Galakleid auf (hier rotfliederfarben). Arabella Steinbach wird in Luzern nicht als Dirigentin angekündigt, sondern als "musikalische Leiterin".

Handfest bis swingend: Anu Tali sekundiert Yulianna Avdeeva bei Chopins 1. Klavierkonzert. Quelle: Lucerne Festival

Zwar spielt sie dann bei Vivaldis "Vier Jahreszeiten" die Tuttipassagen mit, macht also mit ihren Mitspielern der Lucerne Festival String gemeinsame Sache, doch eine Interaktion findet nicht statt. Jeder geigt seinen Teil, der nach wie vor größte Hit der Streicherliteratur wird dadurch so glattgebügelt, als wäre in den letzten Jahrzehnten musikalisch nichts passiert. Da sind prominentere (und handwerklich besssere) Geigerinnen wie Julia Fischer und Anne-Sophie Mutter doch die stärkeren Führungspersönlichkeiten.

Resoluter zeigt sich die estnische Dirigentin Anu Tali, die vor gut 20 Jahren ihr eigenes Nordic Symphony Orchestra gründete, zwischenzeitlich aber auch vor gestandenen Orchestern bestand. Wenn es in Eduard Tubins "Estnischer Tanzsuite" betont rhythmisch zugeht, dann agiert sie passend recht robust, der lange blonde Pferdeschwanz tanzt lustig mit. Prokofiews "Symphonie classique" dirigiert sie allerdings etwas verkrampft aus den Schultern heraus. Und sie lässt sich bei Chopins 1. Klavierkonzert auf einen Machtkampf mit der russischen Pianistin Yulianna Avdeeva ein, den sie nur verlieren kann, weil der Komponist dem Dirigenten hier wenig Freiraum gegeben hat. Die resolut zupackende Russin beansprucht ihn dafür voll und ganz.

Wie man mit wiegender, abwägender Handgebung auch hochkomplexe Avantgardepartituren meistert, zeigt beispielhaft die australisch-schweizerische Dirigentin Elena Schwarz bei den Kompositionen von Olga Neuwirth. Ähnlich sanft ausschwingend präsentiert die amerikanische Komponistin und Bandleaderin Maria Schneider zwei von ihr vertonte Gedichtzyklen, bei denen das Ensemble der Lucerne Festival Academy seine Swing-Kompetenz beweisen kann.

Hymnische Rezensionen

Die griechische Komponistin, Dirigentin und Professorin in München Konstantia Gourzi (im langen hellblauen Seidengehrock zur schwarzen Hose) führt dann vor, wie man mit präziser Handführung Kompliziertes von Iannis Xenakis und Fröhlich-Folkloristisches des jungen György Ligeti dirigiert. Wenn Per Norgards "Voyage into the Golden Screen" gar kein Ende nehmen will, dann formt Gourzi mit ihren beiden Händen die versterbenden Töne, als würe sie Seifenblasen in Sicherheit bringen.

Dafür ist sie umso entschlossener, wenn es um die Uraufführung ihres Auftragswerks "Ny-él. Two Angels in the White Garden" geht. Da tönt eine Viertelstunde gar nichts Esoterisches, trotz der Titelgebung, sondern eine vitale rhythmisch geprägte Musik, deren Themen durchaus auch filmtauglich wären – für den Alfred Hitchcock der Schwarz-Weiß-Jahre oder ein griechisches Drama.

Die größte Aufmerksamkeit aber gilt der gerade 30-Jährigen Litauerin Mirga Gražinyté-Tyla (auf dem Titelbild). Sie hat bereits eine erstaunliche Karriere hinter sich, die sie über Kapellmeisterposten in Heidelberg und Bern als Musikdirektorin ans Salzburger Landestheater führte. Sie wurde "Associate Conductor" beim Los Angeles Philharmonic, wo ihre Aufführung von Mahlers 5. Sinfonie 2014 geradezu hymnische Rezensionen einfuhr (die "Los Angeles Times" befand: "A star was born") und tritt gerade in Birmingham die Nachfolge von Andris Nelsons (und von Sir Simon Rattle) an.

Die amerikanische Komponistin und Bandleaderin Maria Schneider dirigiert eigene Gedichtvertonungen.

Sie eröffnet den Luzerner Erlebnistag mit einem tiefernsten Streichorchesterstück ihrer Landsfrau Raminta Šerkšnyte und einer Interpretation von Beethovens Pastorale, die aufhorchen läßt. Die zart gebaute, aber gestählt wirkende Frau macht gestisch nicht mehr als nötig, bringt ihren Gestaltungswillen dem angesehenen Chamber Orchestra of Europe aber deutlich nahe. So pointiert im Beginn, so zart (aber nicht verzärtelnd), so schwebend in der Szene am Bach hat man diese altvertraute Sinfonie noch kaum gehört. Gražinyté-Tyla ist eine Musikerin von Format, eigenwillig, aber spannend. Ihre Devise: Man muss nur dem Komponisten, den Musikern und sich selbst vertrauen.

Natürlich durfte eine Diskussion zum Thema nicht fehlen. Problem der Dirigentinnen sei das "Old-Boys-Network". Der Aufstieg der Maestras werde noch immer behindert von Agenten, Intendanten und Musikern, die sich von einer Frau nichts sagen lassen wollen. Doch das soll sich nun ändern. "Der Knoten ist geplatzt", weiß Luzerns Festival-Intendant Michael Haeflinger. Und hat wie zum Beweis noch andere angesehene Dirigentinnen im Programm. Inklusive eines (Sparten-)Programms mit "Wassermusik"-Suiten von Georg Friedrich Händel.

Die notorisch frauenresistenten Wiener Philharmoniker lassen sich von einer Frau anführen: Emmanuelle Haïm. Auch diese Mauer wird geschleift. Die Stunde der Maestra schlägt. Endgültig geschafft aber, darin sind sie sich in Luzern alle einig, haben es die Dirigentinnen erst, wenn eine von ihnen das Wiener Neujahrskonzert leiten wird.

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