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Nachrichten Medien ESC 2019: Ein Sieg für die Niederlande – und ein Debakel für Deutschland
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14:16 19.05.2019
Duncan Laurence hat den Eurovision Song Contest gewonnen. Quelle: Ilia Yefimovich/dpa
Tel Aviv

Ein Klavier, eine Stimme, ein glaubwürdiges Lied – mehr braucht man manchmal nicht, um etwas Großes zu erreichen: Duncan Laurence (25) aus den Niederlanden heißt der Sieger des Eurovision Song Contest 2019 in Israel. Mit seiner gefühlvollen Klavierballade „Arcade“ siegte er vor 8000 Zuschauern in Tel Aviv. Es war ein Favoritensieg – seit Tagen hatte er bei den Wettbüros vorne gelegen. Es ist der fünfte ESC-Sieg für die Niederlande – 1974 hatten sie zuletzt gewonnen.

Video: ARD-Unterhaltungsschef ist enttäuscht

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Deutschland erlebte ein Debakel: Für die Sisters Carlotta Truman und Laurita Spinelli reichte es mit ihrer Powerballade „Sister“ nur für den 24. und damit drittletzten Platz (bei 32 Punkten). Nach dem Zwischenerfolg Platz vier im Vorjahr setzt sich die Pleitenserie nun also fort – eine große Enttäuschung. Zwei Punkte gab es von der irischen Jury, drei von der australischen, fünf von der litauischen, sechs von der schweizerischen und acht gar von der weißrussischen und dänischen. Beim Publikum kam Deutschland auf null Punkte. Das war schon hart.

Insgesamt nahmen 26 Länder mit ihren Kandidaten am Finale des Eurovision Song Contests 2019 teil. In dieser Bildergalerie finden Sie die Fotos aller Acts und ihre Platzierungen.

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ESC 2019: Luca Hänni gehörte zu den Gewinnern des Abends

Bei den Jurypunkten hatte noch Schweden vorne gelegen. Die gebündelten Punkte der Zuschauer jedoch machten dann den Niederländer zum Gewinner – nach einem engen Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Niederlanden, Nordmazedonien und Schweden. Die Finalplatzierung: Niederlande, Italien und Russland.

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Zu den Gewinnern des Abends gehörte nach einem extrem knappen Rennen unter anderem der Schweizer Luca Hänni mit seinem Justin-Timberlake-artigen Partysong „She Got Me“ (Platz 4), der Schwede John Lundvik mit der Funknummer „Too Late For Love“ (Platz 6) und die Australierin Kate Miller-Heidke (Platz 9) als Königin der Nacht mit einer suizidalen Trash-Oper auf sich wiegenden Pfosten – so spektakulär wie wahnsinnig. Eindrucksvoll auch der Italiener Mahmood mit seinem Vater-Sohn-Monolog (Platz 2), Aserbaidschan mit einem Partysong über Trennungsschmerz (Platz 7) und die nordmazedonische Sängerin Tamara Todevska mit ihrer kraftvollen Bombastballade „Proud” (Platz 8). Etwas zu dick aufgetragen war der Toleranzappell des 19-jährigen Franzosen Bilal Hassani, der als androgyne Diva auch noch eine Ballerina ohne Idealfigur und eine gehörlose Frau aufmarschieren ließ (Platz 14).

Duncan Laurence, der bürgerlich Duncan de Moor heißt, wuchs in Spijkenisse in der Provinz Südholland auf. Mit 16 gewann er eine Talentshow. Nach seinem Schulabschluss studierte er Gesang an der Rock Academy in Tilburg,

ESC 2019: Die Sisters konnten das europäische Publikum nicht begeistern

Und die Sisters aus Deutschland? Ihr Song „Sister“ war stark gesungen, fehlerfrei und emotional. Die Inszenierung mit übergroßen Gesichtern freilich war doch sehr düster. Der Song erntete im ESC-Zirkus allenthalben ein „ganz okay“. Das reicht eben nicht, um Millionen Europäer vom finnischen Busfahrer bis zur portugiesischen Krankenschwester zu überzeugen. Hinter Deutschland lagen nur noch Weißrussland und – einmal mehr – Großbritannien.

Fragen über Fragen: Ist Britney Spears jetzt plötzlich Weißrussin? Wann kamen Schnurrbärte wieder in Mode? Kann mal jemand kurze Lederjacken für Kerle verbieten? Können Roboter künstliche Herzen herstellen? Was ist aus der guten alten Windmaschine geworden? Und was macht die lichtverarbeitende Industrie eigentlich, wenn gerade mal nicht Eurovision Song Contest ist?

Es war eine solide, wenn auch etwas sterile Show. Das israelische Supermodel Bar Refaeli machte im Quartett der Moderatoren eine gute Figur – in einem silbernen Glitzerkleid, das entfernt an die Tatsache erinnerte, dass sie vor wenigen Tagen zur Nachzahlung von zwei Millionen Euro Steuerschulden verdonnert worden war.

Madonna beim ESC 2019: Sie war eine der schwächsten Sängerinnen des Abends

Und Madonna? Der 60-jährige Superstar im Herbst der Karriere gab ein inhaltsarmes Interview im Greenroom, gekleidet in ein Art Handgranate aus Lametta. Und sang dann ihre neue Single „Future“ und ihren Hit „Like A Prayer“ von 1989. Trotz eines 35-köpfigen Chores gehörte sie zu den schwächsten Sängerinnen des Abends. Der vieldiskutierte Kurzeinsatz, für den der israelisch-kanadischen Milliardär Sylvan Adams, der in Tel Aviv lebt, mehr als eine Million Euro springen ließ, war dann doch erstaunlich egal. Adams macht in Immobilien und wolle mit dem Coup vor allem Werbung für sein Land machen. Das ist nur bedingt gelungen.

Israel nutzte die Gelegenheit, sich als offenes, tolerantes, kulturell überreiches und sicheres Reiseland zu präsentieren. Es war der vierte ESC im Land – und der erste in Tel Aviv. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hätte den europäischen Kindergeburtstag gern zum vierten Mal in Jerusalem veranstaltet. „Nächstes Jahr in Jerusalem“ hatte er 2018 getwittert – nach dem Sieg von Netta Barzilai in Lissabon. Aber die politisch-gesellschaftliche Stimmung in Israel hat sich verändert. Das Land wird rechtskonservativer. Die ultraothodoxen Juden in seiner Koalition zwangen Netanjahu, der Europäischen Rundfunkunion die Wahl zu überlassen. Und die wählte Tel Aviv, die weiße, sonnige, weltoffene Partymetropole.

Das deutsche Debakel ist bitter. Die Punkte beim ESC kommen zur Hälfte von Publikum und zur Hälfte von nationalen Expertenjurys, die traditionell mit Musikfachleuten besetzt sind. Der NDR setzt bei seinen Entscheidungen eindeutig zu stark auf diese Jurys, hofft auf die Anerkennung von Musikspezialisten und TV-Machern – statt einen Act abzuliefern, der ein großes Publikum sofort begeistert, auch ohne Fachwissen. Mit anderen Worten: Die Sache ist zu verkopft. Mehr Begeisterung wagen! Die deutschen ESC-Beiträge der letzten zehn Jahre waren allesamt Midtempo-Nummern. Kein Funk, keine Party, kein Soul, nichts Tanzbares.

ESC 2019: Gastgeber verkaufte sich weit unter Wert

Der ESC ist immer auch kultureller Seismograph der gesellschaftlichen Stimmung. Offenbar ist dem Kontinent nach all der Politik, nach Jahren voller Toleranzappelle, nach all dem Feiern der Vielfalt und Andersartigkeit von Siegern wie Conchita Wurst oder Netta Barzilai einfach mal nach Feiern und Genießen zumute. Nicht Frankreich mit seinem androgynen Bilal Hassani stand im Mittelpunkt, nicht der Brite Michael Rice mit seinem Anti-Mobbing-Appell, sondern der bunte, smarte Spaß junger, alerter Entertainer wie Luca Hänni oder John Lundvik. Die Essenz des ESC 2019: Wir lassen es krachen!

Der Gastgeber hat sich musikalisch zwar mit Platz 23 für das dunkle Heimatlied „Home“ von Kobi Marimi weit unter Wert verkauft. Als Veranstalter aber hat sich Israel glänzend in Szene gesetzt. Die Zahl der Sicherheitskräfte, Polizisten und Kontrollpunkte wurde noch einmal erhöht. Dass aber noch vor wenigen Tagen sechzig Kilometer südlich von hier Kassam-Raketen niedergingen, blendete die Eurovisionsmaschinerie erfolgreich aus. Ziel der Stadt Tel Aviv war, sich durch den ESC als Gastgeber internationaler Großveranstaltungen ins Gespräch zu bringen. Das dürfte funktioniert haben. Olympia in Tel Aviv? Alles ist möglich.

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Von Imre Grimm/RND

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