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Medien TikTok: Eine Hype-App und ihre Probleme
Nachrichten Medien TikTok: Eine Hype-App und ihre Probleme
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12:24 11.03.2019
Bunt und albern: Seit die Lypsinc-App musical.ly zu TikTok wurde, ist die Bandbreite der Videos größer geworden. Quelle: Screenshot
Hannover

Der Newsfeed der Kurzvideo-App Tiktok ist ein einziges Schnipseldurcheinander. Gleich beim Öffnen der App startet das erste Video – und ein junger Asiate mit Mundschutz tanzt Michael Jacksons Moonwalk nach. 15 Sekunden lang, dann beginnt das Filmchen von vorne. Mit einem Wisch nach oben startet das nächste Video und zwei Handwerker vollführen eine irrsinnig alberne Choreografie zwischen einem Betonmischer und einem Baugerüst. Am Ende reißen sie die Hände in die Luft und stehen da wie Popstars. Wer doppelt auf das Video tippt, schenkt den beiden ein virtuelles Herz. Wer auf den Account der Handwerker klickt, kann ihnen folgen.

So oder so ähnlich chaotisch, albern und sympathisch absurd sehen die Newsfeeds von Millionen Tiktok-Nutzern weltweit aus. Die meisten sind jung. Vor allem Teenager nutzen die App, die früher einmal musical.ly hieß und eine reine Plattform für sogenannte Lip-Sync- also Mitsingvideos war. Dann kaufte das chinesische Start-up Bytedance musical.ly im November 2017 für rund eine Milliarde US-Dollar und fusionierte die App mit Tiktok.

Tiktok im App-Ranking 2018 vor Instagram und Snapchat

Seither gehen die Nutzerzahlen steil nach oben. Mehr als 500 Millionen aktive Nutzer sollen es mittlerweile pro Monat sein. 2018 war Tiktok die weltweit am vierthäufigsten heruntergeladene App – noch vor Instagram und Snapchat.

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Sie hat sich vor allem bei Teenagern etabliert. Weil die maximal 15 Sekunden langen Videos in jeder Fünf-Minuten-Pause auf dem Schulhof dazwischengeschoben werden können – und wohl auch, weil die App die nächste virtuelle Jugendnische ist. Seit sogar Großeltern eigene Facebook-Accounts haben und Angela Merkel auf Instagram über Ernährungssicherheit doziert, wandern junge Nutzer dorthin, wo sie möglichst unter sich zu sein glauben – wo Mama und Papa noch keine Accounts haben.

Die Stars: Lisa und Lena haben die meisten Follower

Längst hat die App eigene Stars. Schon musical.ly machte vor einigen Jahren Lisa und Lena berühmt. Die beiden 16-jährigen Zwillingsschwestern aus Stuttgart haben die meisten Follower auf Tiktok überhaupt – noch vor den vielen US-amerikanischen und den asiatischen Tiktok-Sternchen. 32,6 Millionen Nutzer folgen den beiden Schwäbinnen – und machten sie zu Superstars. Lisa und Lena treten in Kinofilmen von Matthias Schweighöfer auf, haben eigene Modekollektionen und sorgen regelmäßig für Trauben kreischender Teenies, wenn sie irgendwo auftauchen.

Eine eigene Single haben sie mittlerweile – natürlich – auch:

Ihr Erfolgsrezept sind noch immer die Lip-Sync-Videos der musical.ly-Zeit. In ihren Videoschnipseln tanzen die beiden kurze Choreografien und bewegen die Lippen zu aktuellen Popsongs. Sie sind Vorbild für Tausende Nutzer und deren Videos. Doch die Bandbreite der Kurzclips ist größer geworden, seit musical.ly zu Tiktok wurde. Noch immer beherrschen Tanz- und Mitsingvideos den Feed. Dazwischen aber gibt es Fußballtricks und Schminktipps – und auch immer mehr kommerzielle Accounts.

5,7 Millionen US-Dollar Strafe für Tiktok

Doch längst hat die App mit dem wachsenden Erfolg auch ein massives Problem. In den USA musste Tiktok Ende Februar die Rekordstrafe in Höhe von 5,7 Millionen US-Dollar (rund 5 Millionen Euro) zahlen. Das Unternehmen hatte Daten wie die Telefonnummern und biografische Angaben von Nutzern gesammelt, die jünger als 13 Jahre alt sind – ohne dabei die Zustimmung von deren Eltern einzuholen.

Als Ergebnis hat Tiktok in den USA nun sämtliche Daten von unter 13-Jährigen gelöscht und ein neues Mindestalter eingeführt. Wer jünger als 13 Jahre ist und die App nutzen will, soll in den USA künftig zu einer eigenen gesicherten Kinderversion der App weitergeleitet werden.

Erst ab 13 Jahren: Mindestalter in den USA

Für Tiktok ist das ein erstaunlicher Schritt. Viele Stars der App sind gerade einmal etwas älter als 13 Jahre – und haben viele ihrer Follower gesammelt, als sie jünger waren. So hat das 13-jährige US-Tiktok-Sternchen Halia Beamer mehr als fünf Millionen Follower. Angemeldet ist sie auf der App aber schon deutlich länger.

Zudem ist völlig unklar, wie Tiktok zukünftig kontrollieren will, dass Nutzer sich wirklich an die Altersgrenze halten. In Deutschland gilt das Alterslimit schon länger – und trotzdem ist die App schon auf Grundschulhöfen beliebt. Denn wer sie wirklich nutzen will, der kann das auch tun. Das Geburtsjahr, das bei der erstmaligen Anmeldung angegeben werden muss, lässt sich simpel nach hinten datieren – und schon steht auch jedem Grundschüler die Tiktok-Welt offen.

Tiktok-Accounts können „privat“ gestellt werden

Die Verantwortung bleibt so einmal mehr an den Eltern hängen. Sie können immerhin über die Einstellungen der App-Stores dafür sorgen, dass die App im Smartphone der Kinder blockiert ist. Wer die Kurzvideos nicht ganz verbieten will, kann mit den eigenen Kindern deren Profile zumindest auf „privat“ stellen – und so nur noch akzeptierte Freunde zulassen und Fremden den Blick versperren.

Das sorgt zwar dafür, dass die hochgeladenen Videos der Kinder im Zweifel weniger Herzen bekommen, weil sie weniger Nutzern ausgespielt werden – ist aber trotzdem ein hilfreicher Schutz. Denn noch immer finden sich unter Tanzvideos von minderjährigen Mädchen anzügliche Kommentare. Und noch immer wird der Ton schnell gehässig, wenn Kinder dicker oder dünner sind – oder einfach nicht dem Schönheitsideal entsprechen.

Tiktok-Firma Bytedance ist das wertvollste Start-up

Tiktok verweist bei diesen Themen gern auf seine Community-Richtlinien und sein digitales Sicherheitszentrum in der App. Doch endgültig effektiv waren die Maßnahmen zum Schutz der jungen Tiktok-Gemeinde bislang noch nicht. Und auch die Frage nach der weiteren Verwendung der Nutzerdaten bleibt offen. Die Tiktok-Firma Bytedance ist nicht nur das aktuell wertvollste Start-up der Welt, sie ist auch der erste chinesische Akteur unter den im Westen erfolgreichen großen Social-Media-Plattformen. Immer wieder wird Tiktok von Datenschützern kritisiert, weil nicht deutlich genug ist, an wen die Nutzerdaten weitergeleitet werden.

Für Falco Punch ist das allerdings kein größeres Problem. Der 23-Jährige aus Schleswig-Holstein gehört mit mehr als fünf Millionen Abonnenten zu den größeren deutschen Tiktok-Stars – und hängt den Datenschutz nicht allzu hoch: „Ob die Daten irgendwo landen, wo sie eigentlich nicht landen sollten, darüber mache ich mir eigentlich gar keinen Kopf“ , sagte Punch im Februar in einem NDR-Beitrag. Er wird nicht der einzige Tiktok-Nutzer sein, der so denkt.

Von Ansgar Nehls

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