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Panorama Abregen und genießen
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20:00 06.05.2016
Gesund geniessen / Symbolbild
Immer neue Lebensmittelskandale und Ernährungsideologien machen deutlich: Wir haben verlernt, unseren Sinnen beim Essen zu vertrauen. Ein Aufruf zum Genießen. Quelle: Archiv
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Die überhitzten Ernährungsdebatten machen noch ein wenig Pause. Zumindest bis zur Badesaison, für die es sich noch rasch mit einer Bikinifigur-Blitzdiät zu stählen gilt. Oder aber bis zum nächsten Lebensmittelskandal. Oder dem, was zu einem solchen hochgeschrieben wird. Bis dahin bleibt aber vielleicht noch etwas Zeit, sich zumindest beim Essen etwas zu entspannen und einen weniger aufgeregten Blick auf die eigenen Ernährungsgewohnheiten und die ganz persönliche Genussfähigkeit zu werfen.

Und sich, statt gebannt auf all die (eingebildeten oder tatsächlichen) Ernährungsprobleme zu starren, statt gastrosophische Verschwörungstheorien zu spinnen, über die Schlechtigkeit der Welt zu lamentieren und die Schuld immer bei anderen zu suchen (bei der bösen Lebensmittelindustrie, den unmoralischen Fleischessern, den ignoranten Gastronomen etc.), auf die Suche nach brauchbaren kulinarischen Lösungen im eigenen Alltag zu machen.

Natürlich hat Alice Waters, die prominente amerikanische Gastronomin, Autorin und Pionierin des Local Food Movement, recht, wenn sie meint, dass jede Entscheidung, die wir in Bezug auf Essen treffen, auch gesundheitliche, ökologische, soziale und ethische Folgen nach sich zieht. Als Imperativ für unsere täglichen Einkaufs-, Koch- und Essentscheidungen aber folgt daraus nichts anderes als eine individuelle Überforderung.

Genießen fördert die Gesundheit

Wir fühlen uns ständig mitschuldig: ob an der Überfischung der Meere, am Elend der heimischen Bauern und der Landarbeiter in den Entwicklungs- und Schwellenländern, am Leiden der Schweine, Hühner und Rinder, am Hunger in der Welt oder bloß am eigenen unbefriedigenden Gesundheitsstatus, wenn wir nicht jeden Bissen daraufhin überprüfen, welche Kollateralschäden er auslösen könnte. Und vergessen dabei schlicht und einfach, unsere Lebensmittel und Speisen zu genießen.

Dabei wäre das der Schlüssel, um, wenn schon nicht alle, so doch einige der Probleme zu lösen, die uns beim Thema Ernährung so auf den Nägeln brennen. Genießen, das haben die Psychologen Reinhold Bergler und Tanja Hoff mit ihren Studien schon vor über zehn Jahren gezeigt, befördert nicht nur die Lebensfreude, sondern auch die Gesundheit.

Denn Menschen, die ihr Essen bewusst genießen können, zeigen auch sonst ein Alltagsverhalten, das ihrer Gesundheit eher dienlich ist: Sie betreiben statistisch gesehen mehr Sport, ernähren sich ausgewogener und vielfältiger, sind öfter an der frischen Luft, seltener einsam oder depressiv.

Mehr Bewusstsein für Qualität

Menschen, die bewusst genießen können, vertrauen auch mehr ihrem eigenen Geschmack und ihren Nahsinnen (also ihrem Gaumen und ihrer Nase) und sind damit weder so leicht für abstruse Heilversprechungen von Ernährungsideologien anfällig, die nach striktem Verbots- und Gebotsschema agieren, noch für die leeren Werbeversprechen der Lebensmittelindustrie.

Und weil das bewusste Genießen auch zu einer kritischeren Qualitätsbeurteilung sowie zu einer höheren Wertschätzung sensorisch überzeugender Lebensmittel und Speisen führt, unterstützt es – Stichwort Bio – auch eine Produktions- und Verarbeitungsweise, die ökologischer und ethischer ist – und zwar ohne ständig ein Verzichts- und Verbotsmantra rezitieren zu müssen. Sehr oft nämlich erweist sich das kulinarisch Bessere auch als das gesundheitlich, ökologisch und ethisch Bessere.

Und dass dieses nicht zwangsläufig teuer sein muss, dafür können Gastronomie, Handel und Politik einen entscheidenden Beitrag leisten: mit saisonal orientierten Angeboten; mit klugen Vernetzungen kleiner Produzenten; mit einer Landwirtschaftspolitik, die nicht vor allem auf Exportmengen abzielt und primär die Fleischproduktion unterstützt; mit der Förderung von Startups, die an intelligenteren Lösungen für Vertrieb, Logistik und Abfallvermeidung sowie für Koch-Know-how und ressourcenschonendes Küchenmanagement in den privaten Küchen arbeiten und dabei ganz ohne moralinsaure Strategien auskommen.

Nicht jeden Ernährungsmythos glauben

Wie aber können wir selbst unsere Geschmackskompetenz und unsere Genussfähigkeit verbessern? Zunächst, indem wir nicht alles glauben, was uns tagtäglich an Ernährungsrisiken aufgetischt wird, indem wir unsere Aufmerksamkeit nicht primär auf den Beipackzettel mit seinen Nährwertangaben und E-Nummern fokussieren, sondern auf die sensorischen Empfindungen beim Verzehr unserer Lebensmittel und Speisen.

Das setzt natürlich voraus, sich auch ausreichend Zeit zu nehmen und Essen nicht bloß als physiologisch notwendige Nebenbeschäftigung zu betrachten und es damit aller sinnlicher Komponenten zu berauben. Den Empfindungen des Geschmacks und des Geruchs den Vortritt zu lassen, langsamer und aufmerksamer zu essen führt schließlich nicht nur dazu, dass wir uns früher satt fühlen (also meist weniger essen), sondern schärft auch unsere Sinne und erweitert unsere Wahrnehmungs- und damit Genussfähigkeit.

Je besser wir diese Kompetenz entwickeln, desto leichter fällt es uns, ein genuss- und zugleich maßvolles Essverhalten zu entwickeln, das nicht durch externe Regeln und Vorschriften gezügelt wird, sondern durch die selbstbestimmte Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen und Emotionen. Desto leichter fällt es uns auch, die Qualität von Lebensmitteln und Speisen zu beurteilen und die für uns richtige Wahl zu treffen.

Zur Person

Quelle: Nico Heiling

Hanni Rützler ist Ernährungswissenschaftlerin, Gesundheitspsychologin und Food-Trend-Expertin. In ihrem aktuellen Buch "Muss denn Essen Sünde sein? Orientierung im Dschungel der Ernährungsideologien" (Brandstätter Verlag, 2015) beschäftigt sie sich mit den Zusammenhängen zwischen Genuss, Geschmack, Gesundheit und einem gelungenen Leben.

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