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Panorama Achtung, Spoiler!
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20:06 05.08.2016
Wer sich im digitalen Zeitalter von Filmen oder Serien noch überraschen lassen will, muss alle Spoiler – Vorabinformationen, die den Spaß verderben – mühsam meiden. Von der Angst vor der Spannungslosigkeit. Quelle: Montage: RND, Fotos: Fotolia, Wikipedia, RND
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Vorsicht, Spoiler: Wenn Sie diesen Text lesen, werden Sie womöglich wissen, wer in der Arztserie "Grey's Anatomy" stirbt, welche unerwartete Wendung die Liebesklamotte "How I Met Your Mother" nimmt und ob Jon Schnee im Fantasyspektakel "Game of Thrones" wieder von den Toten aufersteht. Was, der war gestorben? Jetzt ist der ganze Spaß verdorben! Nicht, weil er tot ist. Sondern weil ich's weiß, bevor ich sein Ende miterleben konnte.

"Spoiler-Alarm" – das Wort taucht immer öfter auf in Internetblogs und Zeitungsartikeln. Eingeweihte wissen: Jetzt kommen Informationen, die den Verlauf einer Handlung von Filmen und Serien vorwegnehmen und dem Leser womöglich dem Spaß an der nächsten Episode verderben. In der weltweit größten Filmdatenbank IMDB sind diese Spoiler-Warnungen für alle Rezensenten inzwischen sogar verpflichtend.

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Die Vorfreude auf das Unbekannte

Schon früher konnte man sich furchtbar unbeliebt machen, wenn man beim Filmabend vor dem Fernseher das durch den Kinobesuch erworbene Wissen über den Verlauf der Handlung vorzeitig preisgab. Dennoch ist der Spoiler ein Phänomen unserer Zeit. Denn durch Streamingportale hat sich die Halbwertszeit einer Information extrem verkürzt: Serien werden direkt nach der Erstausstrahlung ins Netz gestellt und von immer mehr Zuschauern auch gleich im meist englischsprachigen Original konsumiert – und in den sozialen Netzwerken umgehend diskutiert.

Bei den beliebtesten Serien ist es daher schwer, sich die Vorfreude auf Kommendes nicht vermiesen zu lassen. Serien bergen wie Sportturniere das große Versprechen einer mehr oder weniger kalkulierbaren Dramaturgie der Ereignisse, die gerade in Zeiten einer immer unübersichtlicher werdenden Informationsschwemme attraktiv erscheint. Der Spoiler dagegen lässt die Spannungskurve jäh abreißen.

Das gilt auch jenseits des Fernsehens: Das vorzeitig preisgegebene Wahlergebnis, die Twitter-Nachricht aus der Politikertagung noch vor der Pressekonferenz – all diese Beispiele führen uns vor Augen, dass einzelne Angeber an der Quelle des Wissens sitzen und wir hinterherhinken. Das ist kein schönes Gefühl.

Geschichte in Echtzeit erleben

"To spoil" heißt auf Englisch "verderben". Das klingt nach beleidigter Leberwurst, nach Schmolllippe, nach einem Spielkind, dem die Schaufel weggenommen wurde. Dementsprechend fallen auch die Reaktionen auf den Geheimnisverrat aus: Wer in sozialen Netzwerken gleich nach dem Schauen den Schicksalsverlauf seiner Helden kommentiert, erntet einen Proteststurm.

So erging es selbst dem Fußballnationalspieler Mario Götze, der bei Instagram eine Information aus "Game of Thrones" ausplauderte. Seine Fans reagierten empört: "Ich habe es geschafft, die ganze Zeit allen Spoilern aus dem Weg zu gehen, und jetzt werde ich ernsthaft auf Instagram gespoilert? Nicht dein Ernst", kommentierte ein User.

Gemessen an den Reaktionen scheint der Spoiler ein Fall für die NSA zu sein. Woher kommt diese Paranoia? Die Erklärung könnte in der emotionalen Bindung zur Lieblingsserie begründet sein: Der Zuschauer möchte sich in diese fiktiven Welten hineinversetzen und die Entwicklung der Geschichte gleichsam in Echtzeit miterleben. Er möchte mit Ted aus "How I Met Your Mother" um seine mehr oder weniger platonische Freundin Robin buhlen, ohne zu wissen, ob sie jemals ein Paar werden.

Der Fangemeinde entrissen

Und er möchte mit Amy aus "Big Bang Theory" darum zittern, dass aus ihrem halb autistischen Freund Sheldon doch noch ein Gefühlsmensch wird – ohne zu wissen, ob der von ihm gekaufte Ring jemals zum Einsatz kommt. Der Spoiler jedoch zerstört diese Illusion, selbst ein Protagonist zu sein. Der Geheimnisverräter ist deshalb nicht bloß ein lästiger Tratscher, er macht die Wand zwischen Zuschauer und Spieler sichtbar. Und er entreißt den Zuschauer gewaltsam der Fangemeinde.

Deren Zusammengehörigkeitsgefühl gründet darauf, immer auf demselben Informationsstand zu sein, um gemeinsam über die jüngste Wendung debattieren zu können. Diese Clubmitgliedschaft wird durch den Spoiler zwangsaufgekündigt. Die durch Netflix und Co. bedingten Veränderungen des Sehverhaltens unterstützen den Effekt: Der Trend des "Binge Watching", des Serienmarathons, verstärkt noch den Sogeffekt in eine fiktive Welt.

Der Spoiler beamt dagegen schmerzhaft in die Wirklichkeit zurück und ist somit der Lieblingsstreich übelmeinender Serien-Nerds. Auch deshalb ist ein Portal wie Spoiled.io von Erfolg gekrönt, über das man Freunde per SMS anonym mit Spoilern bombardieren kann.

Knacks in der Matrix

Bei der aktuellen Staffel von "Game of Thrones" waren sogar schon die Zuschauer spät dran, die sich bei Amazon oder iTunes die jeweilige Folge kauften, die beim Bezahlsender Sky und beim Originalsender HBO schon einen Tag vorher zu sehen war. Diejenigen, die mit der Erstbetrachtung auf die DVD warten, gehören inzwischen zu den Dinosauriern unter den Konsumenten. Mit dem verstärkten Akutkonsum geht ein erhöhtes Bedürfnis nach singulärer Erfahrung einher. So erklärt sich die Verärgerung über den Spoiler als Unbehagen über den Knacks in der Matrix.

Allerdings ist der Spoiler keineswegs eine Erfindung des Internets. Der Kabarettist Wolfgang Neuss versuchte 1962 die Zuschauer in seinen eigenen Kinofilm "Genosse Münchhausen" zu locken, indem er den Mörder des zeitgleich laufenden Fernsehkrimis "Das Halstuch" in Anzeigen verriet. Damit wurde er zum Buhmann der Nation und von der "Bild" gar als "Vaterlandsverräter" betitelt.

Die "Simpsons" parodierten den Effekt schon in den Achtzigerjahren: Homer kommt aus dem Film "Das Imperium schlägt zurück", und während er an der Schlange der Kinobesucher vorbeiläuft, sagt er laut: "Wer hätte gedacht, dass Darth Vader Lukes Vater ist?"

Spoiler als Erziehungsmaßnahme

Der Spoiler ist gleichsam das Gegenstück zum Teaser, also der kryptischen Andeutung, die neugierig auf eine neue Staffel machen soll. Bei der aktuellen Staffel der Gefängnisserie "Orange is the New Black" etwa hieß es im Vorfeld, eine wohlbekannte Figur werde wieder auftauchen. Nur wehe dem, der den Namen ausplaudert!

Welche Macht dem Wissen über das Ende der Geschichte innewohnt, zeigt auch eine Anekdote aus den Anfängen der Serie "Game of Thrones". Diese basiert bekanntlich auf den Romanen des Autors George R. R. Martin. Inzwischen hat das Fernsehen die Literatur überholt, doch zu Beginn wussten Martins Leser noch mehr über die Handlung als die Zuschauer.

Diesen Vorsprung nutzte – so geht die Legende – ein Mathelehrer aus Belgien, um seine Schüler zu bändigen: Wenn sie keine Ruhe geben, so drohte er, würde er die Namen der Serienfiguren an die Tafel schreiben, die in der nächsten Staffel sterben werden. Eine Spoiler-Warnung ganz anderer Art. Und: eine besonders effektive.

Von Nina May

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