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Panorama Advocaat ist keine Lösung
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19:56 24.06.2016
Von Imre Grimm
Das Urheberrecht ist für fast alle Betroffenen ein Buch mit sieben Siegeln. Abmahnanwälten gefällt das. Quelle: Justin Henry / CC BY 2.0
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Ich habe gerade etwas juristischen Ärger. Es geht nicht um ein Kapitalverbrechen. Ich habe weder den Sheriff erschossen noch den Deputy. Stattdessen habe ich in einer toxischen Mischung aus Stupidität, Dummheit, Blödsinnigkeit und Beschränktheit ein Bild aus dem Internet in den sozialen Medien verwendet, das über die ärgerliche Eigenschaft verfügt, nicht aus meinem eigenen fotografischen Schaffen zu stammen.

Ich möchte Sie nicht mit Urheberrechtsdetails langweilen (streng genommen möchte ich Sie überhaupt nicht langweilen), jedenfalls erhielt ich das eisige Schreiben eines Anwalts mit verschiedenen pompösen Formulierungen aus dem Handbuch "Der große Zürner: Juristische Laien wirkungsvoll einschüchtern – Teil 1". Dem Brief entnahm ich nach mehrstündigem Studium sinngemäß: Wenn ich das noch einmal tue, komme ich in den Kerker – bei Wasser, Brot und "Focus Online".

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Augen auf bei der Berufswahl

Für seine anwaltlichen Bemühungen, vulgo: Brief, berechnete der Herr Advokat, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Gebühr von knapp 700 Euro. Die Summe ergab sich durch diverse Kostenfaktoren, denen ich im Kern entnahm, dass ich den falschen Beruf ergriffen habe.

Ich habe nicht alles verstanden, aber unter anderem sorgten offenbar folgende Umstände zu heftigen Preisaufschlägen: schlechtes Wetter, kein Frühstück gehabt, viel zu tun, leichte Halsschmerzen, extra eine Briefmarke geholt, eigenhändige Unterschrift, Kuh kalbt, Spirituskocher ist explodiert, wollte mal Verfassungsrichter werden und muss sich jetzt mit dämlichen Journalisten herumschlagen. Ich benötigte Alkohol (für Sie getestet: Advocaat ist auch keine Lösung).

Gut angelegte 120 Euro

Ich überlegte kurz, wie wohl ein Brief beschaffen sein müsste, damit 700 Euro ein angemessener Preis wären. Blattgold? Sänftentransport mit 72 Jungfrauen? Handgeschrieben von Barack Obama? Am Ende gab es nur eine Antwort: Der einzige Brief, für den ein Anwalt völlig zu Recht 700 Euro Gebühr verlangen könnte, wäre einer, der 680 Euro in bar enthält.

Ich habe noch einmal nachgesehen: nichts drin. Ich beschloss spontan, die 700 Euro in Ein-Cent-Münzen zu transferieren. Macht 161 Kilogramm. Das Porto für eine 161-Kilo-Lieferung in die Kanzlei beträgt 120 Euro. Das ist es mir wert. Das Geld ist immer noch etwas weniger sinnlos angelegt als 700 Euro für einen Brief. Schönes Wochenende!

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