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Panorama Als Deutschland an der Grenze war
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20:00 01.10.2015
Von Thorsten Fuchs
Auch wenn die Grenze längst verschwunden ist, sind die Folgen der Teilung in vielen Ortschaften immernoch spürbar. Quelle: Fuchs

Welche Erfahrungen haben jene Menschen gemacht, die direkt entlang jenes 1378 Kilometer langen Risses lebten, der sich einst durch Deutschland zog? Unser Autor Thorsten Fuchs hat sich auf Spurensuche begeben.

Am Anfang war's nur Spaß – Neele

"Hammerniedlich": Manchmal ist Schlagsdorf für Neele zu klein. Quelle: Fuchs

DDR war besser, sagt ihre Mutter manchmal, aber Neele glaubt das nicht. Kann sie sich nicht vorstellen, nicht nach all dem, was sie gehört hat. Dass man nicht einfach so sagen konnte, was man denkt? Dass man erschossen werden konnte, nur weil man mal rüberwollte nach Ratzeburg? Neele ist 14, sie ist auf dem Heimweg von der Schule, und jetzt schüttelt sie den Kopf. „Klingt doch alles ziemlich krass, oder?“

Schlagsdorf, ein altes Dorf, 1100 Einwohner, „eigentlich hammerniedlich“, sagt Neele. Lübeck ist nah, 25 Kilometer sind es nur, aber als es die DDR noch gab, lag Schlagsdorf gerade so auf der östlichen Seite der Grenze. Gleich hinter dem Dorf, unten am Mechower See, standen der Zaun, die Türme, der Stacheldraht, und die Älteren kennen noch die ganze Geschichte. Hans Hadeler zum Beispiel, 84, „der zweitälteste Schlagsdorfer“, sagt er stolz. Kariertes Sakko, Prinz-Heinrich-Mütze aus Cord, so radelt er langsam durch den Ort.

Am Anfang, so klingt es bei ihm, war ja alles auch noch ein Spaß; damals, als es die Mauer noch nicht gab und die Grenze noch ein Zaun mit einem Streifen penibel geharktem Sand war. „Da bin ich mit meinem Kumpel mal rückwärts Richtung Ratzeburg gegangen“, sagt er, und anschließend haben sie über die Grenzer gelacht, die die Eindringlinge aus dem Westen suchten.

Aber dann wurde es sehr ernst, an dem Zaun starben Menschen, und Schlagsdorf lag im Sperrgebiet, weil die Grenze so nah war. Alle, „die nicht tragbar waren“, so nennt Hadeler das, mussten weg aus dem Sperrgebiet. Sechs Leute aus Schlagsdorf traf es, Hadeler kannte natürlich alle. Zum Beispiel Johannes, „der hat am 1. Mai die Fahne runtergeholt, der kam nach Pommern“.

Wer ins Sperrgebiet wollte, in den Fünf-Kilometer-Streifen entlang der Grenze, brauchte einen Passierschein. Hadeler hat das nicht gestört. „War ruhig hier.“ Nur wenn sie mit ihrem Geflügelzuchtverein einmal im Jahr ihr großes Fest feierten und die befreundeten Geflügelzüchter sogar aus Sachsen einluden, dann fand er es blöd. Der Saal blieb dann immer halb leer. Irgendwer durfte immer nicht rein. „Feiern konnten wir in Schlagsdorf immer nur klein.“

Neele würde gern öfter weg aus Schlagsdorf. „Wenn wir ausgehen, dann meistens im Westen“, sagt sie. „Ratzeburg, Lübeck, Mölln.“ Nur fährt der Bus leider so selten. Das ist das Problem. „Aber wenn wir 16 oder 18 sind, dann gehen wir alle weg aus dem Dorf“, sagt sie. Hans Hadeler, geboren am 1. Januar 1931, hat sein ganzes Leben in Schlagsdorf verbracht. Er war nie weg.

Neele will nach Berlin. „Etwas mit Musik oder Theater“ will sie lernen, und dann vielleicht noch weiter. Die Welt, sagt Neele, stehe ihr schließlich offen.

Abgetaucht, durch die ElbeSiegfried Schmidt

Freiheitsliebend: Siegfried Schmidt flüchtete 1962 in die BRD. Quelle: Fuchs

Manchmal, wenn Siegfried Schmidt heute in Schnackenburg ist, schaut er auf die Tafel an dem Haus am Alten Hafen. 25 Namen stehen darauf, alle mit Todesdatum, daneben Sätze wie „in der Elbe ertrunken“ oder „durch die Schiffsschraube eines DDR-Patrouillenbootes tödlich verletzt“. „Hat nicht viel gefehlt“, sagt Schmidt, „dann würde mein Name heute auch hier stehen.“

Schnackenburg, das war der erste Ort an der Elbe im Westen, und als er im Winter 1962 in Riesa auf die Karte schaute, da wusste er: Nur da kann er es versuchen. Seine Eltern hatten damals gerade ihren Hof verloren, zermürbt vom Druck der Partei, von den Parolen, die Tag und Nacht aus Lautsprechern in ihr Haus drangen. Seine Familie waren Bauern in vierter Generation. Er war 21 und wollte die fünfte werden. „Ich wollte Landwirt sein, mein eigener Herr“, sagt Schmidt. Das ging dort nicht mehr.

Für den 8. März 1962 sagte der Wetterbericht minus sechs Grad voraus. Die Elbe war tödlich kalt. Für Schmidt waren es ideale Bedingungen: „Ich wusste, ich musste es versuchen, wenn niemand damit rechnete.“ Genau dafür hatte er sich vorbereitet, hatte sich aus Regenmänteln einen Taucheranzug genäht, war in einen Tauchclub eingetreten, um sich abzuhärten.

Am Abend, gegen zehn, steigt er bei Müggendorf in die Elbe. Eine Stunde, hat er sich ausgerechnet, muss er sich mit seinem Schnorchel treiben lassen, vorbei am Wachturm in Cumlosen mit seinem Riesen-Scheinwerfer, und dann in Schnackenburg aus dem Wasser steigen. Die Uhr an seinem Handgelenk soll ihm zeigen, wann es so weit ist. Doch als er nach 60 Minuten an Land geht, steht er vor einem Zaun. Die Elbe fließt an diesem Tag langsamer als berechnet. „Ich war fünf Meter zu früh aus dem Wasser gestiegen.“

Also wieder in die Elbe, doch jetzt reißt sein Anzug am Stacheldraht auf und läuft voll Wasser. Er spürt, wie die Kälte seinen Körper lähmt, „mir wurde auf einmal alles egal“. Mit letzter Kraft erreicht er Schnackenburg und geht in eine Gaststätte. „Die haben mich angeguckt, als käme ich vom Mond.“

Die Gaststätte ist heute geschlossen. Schnackenburg, das war der letzte Hafen vor der DDR, der Ort, an dem sich die Schiffer noch einmal eindeckten. Jetzt fahren sie mit ihren Schiffen vorbei, der Hafen ist leer. „Verlierer der Wende“, so sehen sich die Schnackenburger.

Siegfried Schmidt wurde tatsächlich Landwirt, er baute einen Hof in Königslutter auf, steht noch immer auf Wochenmärkten, es lief gut. Schnackenburg, das ist für ihn noch immer dieser besondere Ort, der Eingang zu einem besseren Leben. Vor Kurzem hat er einen Bus gemietet und hat seine ganze Familie hierhergebracht, um ihr alles zeigen. Mehr als 50 Jahre liegt seine Flucht zurück, und doch spürt man bei ihm, dem 75-Jährigen, noch immer diese Entschlossenheit, die ihn dazu brachte, sein Leben zu riskieren. Angst ist bei ihm nicht zu spüren, und vielleicht gab es sie auch damals nicht. Die Situation sei für ihn so unerträglich gewesen – „da war es einem egal, ob man überlebt oder nicht“.

Chinesen auf dem richtigen Gleis – Andreas Bartsch

Einmal Eisenbahner, immer Eisenbahner: Andreas Bartsch. Quelle: Fuchs

Bartsch fährt wieder. Zwar erst mal nur von Gräfenthal nach Ernstthal, und auch nicht mit der Lok, sondern mit der Motordraisine, aber er fährt. Neulich hatte er sogar Chinesen als Gäste, von so weit war noch niemand gekommen. „Da muss sich doch was draus machen lassen“, sagt Andreas Bartsch, und seine Stimme klingt nach Trotz und Entschlossenheit.

Donnerstagabend, der Mann mit den schulterlangen grauen Haaren steht im ersten Stock des Heimatmuseums von Probstzella vor der acht mal zwei Meter großen Modelleisenbahnanlage, Bartsch hat sie mitgebaut: Probstzella im Jahr 1989. Mit dem Bahnhof, Grenzübergangsstelle, mit Mauer und Zäunen um die Gleise eins und zwei. Bis dahin hielt jeder Zug zwischen München und Berlin hier. Pässe wurden kontrolliert, Hunde unter die Züge geschickt. Heute fahren die ICEs durch, und wo mal die Grenzübergangsstelle war, steht heute „Norma“. Bartsch ist seit 15 Jahren nicht mehr bei der Bahn. Den orangefarbenen Overall jedoch trägt er immer noch, auch jetzt. „Einmal Eisenbahner, immer Eisenbahner“, sagt er nur.

Bartsch war Fernmelder. Vor Dienstbeginn Pass abgeben, so war das vorgeschrieben auf dem Grenzbahnhof. Bartsch war für die Leitungen zuständig – Telefon, Signalleitungen, das war sein Bereich. 2000 war Schluss, nach 23 Jahren. Er hat es dann auch noch im Westen versucht, ging zur Telekom, aber das war nicht seine Welt. Einmal Eisenbahner, immer Eisenbahner. Bartsch kam zurück.

Von der Bahn, dem einst größten Arbeitgeber, ist nur der „Schiebebahnhof“ geblieben: Loks, die andere Züge nach Pressig-Rothenkirchen hochschieben. Aber Bartsch hat jetzt einen Traum: eine eigene Bahn. Von Probstzella nach Ernstthal will er fahren, eine Lok gibt es schon, einen Namen auch: Max-und-Moritz-Bahn.

1997 war die Strecke stillgelegt worden. Jetzt rupft er Schösslinge aus dem Gleisbett, sammelt Geld und bietet auf einem Teil der Strecke Fahrten mit der Motordraisine an. Für die ganze Strecke fehlt es noch an Geld, ein Teil ist auch verpachtet. „Aber wenn das woanders geht, muss das hier doch auch gehen“, sagt er. Bartsch, so viel steht fest, will es nicht noch einmal hinnehmen, dass Dinge über seinen Kopf hinweg entschieden werden.

Das Geheimnis der anderen – Wolfgang May

Stets wachsam: Wolfgang May arbeitete als Grenzbeobachter für die Bundespolizei. Quelle: Furchs

Hinter dem Ort, ein Stück Richtung See, haben sie ein Stück Grenze stehen lassen. Oder, genauer: Sie haben es wieder aufgebaut, mit Turm, Signalzaun, Stolperfallen. Wolfgang May ist oft hier. Dann erklärt er Besuchern, wie die Grenze war. Von oben, so viel ist sicher, kennt sie kaum jemand so gut wie er.

Jeden Tag, von 1984 bis 1989, ist Wolfgang May mit dem Hubschrauber an der Grenze entlanggeflogen. „Jeden Werktag“, korrigiert er sich. May, damals Sachgebietsleiter Sicherheit bei der Bundespolizei, will genau sein, noch immer. Sein Auftrag damals: herausfinden, was auf der anderen Seite geschah. Seine Quellen: Zeitungen lesen, Ost-Fernsehen gucken, Flüchtlinge befragen, und aus dem Hubschrauber schauen natürlich. Ob er je in der DDR war? „Nein“, sagt er. „Erst hatte ich keine Ambitionen. Dann durfte ich nicht mehr.“ Der Mann, der von Schlagsdorf aus die DDR auskundschaften sollte, hatte nie einen Fuß auf ihren Boden gesetzt.

Seine wichtigste Beobachtung in all den Jahren: als bei Kneese mal ein neuer Checkpoint eingerichtet wurde. „Wir wollten ja wissen, wie nah die Menschen an die Grenze durften.“ Dann holt er ein Notizbuch raus. Schwarz-Weiß-Bilder von DDR-Grenzern kleben darin. Er hat sie gemacht, wenn er an der Grenze entlangging. Sprechen durften sie nicht miteinander. Dafür haben sie sich schweigend gegenseitig fotografiert.

Über die Grenze gefahren ist er zum ersten Mal im Frühjahr 1990. In Zarrentin wollte er sich die Kirche ansehen, mit seiner Familie. Dann hält ein Mofa neben ihm, ein Mann spricht ihn mit Namen an. Ein Flüchtling, den er mal interviewt hatte, stellt sich später heraus. In dem Moment denkt May aber: Stasi. „Ich hatte Schiss, ich bin gleich wieder umgedreht.“

Heute lacht er darüber. Über dieses Misstrauen, das sich mitunter zur Paranoia auswuchs. Und heute? Ost, West, alte Länder, neue Länder – „die Gegensätze gibt es für mich nicht mehr, die Grenze ist für mich abgehakt“.

Ein lustiger Ort für Syrer – Inge Winkel

"Ein Bergvolk": Inge Wenzel, Ortsbürgermeisterin in Sorge. Quelle: Fuchs

Im Hotel „Sorgenfrei“ dröhnt arabische Musik aus dem Saal. Drei junge dunkelhaarige Männer tanzen, die Arme über den Kopf gehoben, Kinder laufen umher, und irgendwann steht auch der schwergewichtige weiße Mann hinter der Rezeption auf, klemmt sich die Zigarette in den Mundwinkel und macht mit. Die jungen Männer klatschen anerkennend, und Rajji, einer von ihnen, ein schmaler 21-Jähriger, lacht. Er wusste nicht genau, was ihn in Deutschland erwarten würde, als er sich vor vier Wochen in Damaskus auf den Weg machte. Aber ein Dorf mitten in Deutschland mit einer alten Grenzanlage am Rand und einem tanzenden holländischen Hotelier: das sicher nicht. „Lustiger Ort“, sagt Rajji. „Sehr lustiger Ort.“

Es war am ersten Sonntag im September, da kam die Weltgeschichte mal wieder nach Sorge, in den kleinen Ort neben Elend. Um 14.10 Uhr klingelte bei Inge Winkel, der Bürgermeisterin, das Telefon, der Bürgermeister der Stadt Oberharz war dran, zu der Sorge gehört. Um 16.30 Uhr, sagte er ihr, bringe ein Bus 50 syrische Flüchtlinge in ihren Ort. „Ich dachte, das ist unfair, da hätte man mich doch informieren müssen“, sagt Inge Winkel. Aber das ist nicht passiert. Und es kamen auch noch mehr Busse. Gut 100 Asylbewerber sind im Hotel „Sorgenfrei“ untergekommen. Jetzt leben mehr Syrer als Sorger in Sorge.

Hans Dorrestijn findet, dass das ja wohl auch bitte kein Problem sein sollte. Dorrestijn kommt aus Amsterdam. „Der Holländer“, so nennen sie ihn im Ort nur. „Da“, sagt er, „wär das überhaupt kein Thema.“ Das „Sorgenfrei“, das zentrale Haus im Ort, 1771 gebaut, Harzer Stil, war zur DDR-Zeit ein FDGB-Heim, Urlaub im Sperrgebiet für verdiente Gewerkschafter. Dann stand es 17 Jahre leer, und im vergangenen Jahr hat Dorrestijn es gekauft. Er wollte es umbauen, ein Sport- und Abenteuerhotel daraus machen, aber ganz so weit ist er noch nicht, und da passte es ganz gut mit den Flüchtlingen. Hinter seinem Schreibtisch hängt ein Foto, er mit Bill Clinton. Dorrestijn hatte früher einen Chauffeurdienst in Amsterdam, Clinton hat er während einer Lesereise durch Holland gefahren. Hinterher kam noch ein Dankesbrief, der hängt auch da. „Hätte er ja nicht machen müssen“, sagt Dorrestijn, „Supertyp.“ Der Holländer fühlt sich heimisch in der weiten Welt.

Die Dorfbewohner, befürchtet Inge Wenzel, sind das eher nicht. „Ich kenne ja meine Sorger“, sagt sie. Seit 2001 ist sie Bürgermeisterin, SPD-nah, aber parteilos. „Ein zänkisches Bergvolk“, so nennt sie die Menschen hier, und das klingt wahrscheinlich schroffer, als sie es meint. Und dann gibt es ja auch noch ein paar Rechte im Ort. Einer kam gleich nach der Ankunft zu ihr und sagte: „Ein Wort, Frau Wenzel, und wir marschieren braun durchs Dorf.“ Inge Wenzel hat ihn dann mal ganz resolut wieder nach Hause geschickt. Aber Angst gemacht hat es ihr schon. Sie will den Flüchtlingen helfen, sie schützen. „Aber ich habe Angst vor den Nebenwirkungen.“

Nach seiner Ankunft in Sorge ist der 21-jährige Rajji auch mal zu den alten Grenzanlagen gegangen, Grenzturm, Zaun, alles hat er sich angesehen. Rajji kennt sich aus mit Grenzen, er hat ja gerade erst einige überquert. „So etwas“, sagt er, „habe ich auf dem ganzen Weg nicht gesehen.“ Und eines wundert ihn besonders: „Wenn es die Grenze nicht mehr gibt“, fragt er, „warum lässt man das denn noch stehen?“

Zwei halbe Dörfer, geteilt in der Einheit – Jürgen Fuchs

Nur gefühlt aus dem Osten: Jürgen Fuchs. Quelle: Fuchs

"Little Berlin“, so hat man Mödlareuth lange genannt. „Berlin“, weil das Dorf bis 1989 geteilt war und genau durch den Ort eine Mauer verlief. Und „Little“, weil Mödlareuth gerade mal 50 Einwohner hat, 30 im Osten und 20 im Westen, wenn man das heute noch so sagen kann. Als Russen und Amerikaner nach dem Krieg ihre Gebiete absteckten, zogen sie am Tannbach einen Strich. Da verlief früher schon die Grenze zwischen Bayern und dem Fürstentum Reuß. Nur hatte die nie jemanden interessiert. Dann baute die DDR dort eine Mauer. Und als die Mödlareuther sie 1990 einrissen, ließen sie 100 Meter am Ortsrand stehen. Deshalb kommen im Jahr jetzt 70 000 Menschen nach Mödlareuth und fragen sich womöglich: Ist das Dorf jetzt tatsächlich vereint – oder womöglich immer noch nicht ganz?

Eine, die das wissen muss, ist Karin Mergner, eine Bäuerin, 68 Jahre alt. Ja, natürlich, sagt sie, die Grenze hat Familien geteilt, da hat der eine Bruder im Westen und der andere im Osten gewohnt, und Jahrzehnte haben sie sich nicht gesehen. Aber so geteilt sei das Dorf dann eben doch nicht gewesen. „Man hat sogar den Klatsch gehört.“ Wie? „Na, weil man sich eben doch mal etwas zugerufen hat, über die Mauer, verbotenerweise, zum Beispiel.“ Neuerdings gibt es sogar einen gemeinsamen Kulturverein. „Der Zusammenhalt ist vielleicht sogar größer als früher.“ Sagt Frau Mergner.

Drüben, auf der anderen Seite des Ortes, steht Jürgen Fuchs vor seinem Haus. „Kommste och us’m Osten?“, steht auf seinem T-Shirt, und da müsste Fuchs eigentlich Nein“sagen, denn er ist vor 13 Jahren aus Hof hergezogen. Seine Frau ist aus Sachsen, sein bester Freund auch. „Ost, West, das ist gar kein Thema mehr“, aber je länger er redet, desto mehr geht es dann doch um Unterschiede. Denn im wiederveingten Mödlareuth heißt es noch immer: zwei Vorwahlen, zwei Bundesländer, zwei Kennzeichen, „Grüß Gott“ auf der einen und „Guten Tag“ auf der anderen Seite. Und die Sache mit dem DSL-Anschluss, die hat Fuchs dann genervt. Bis vor ein paar Tagen hat er zu Hause noch mit ISDN gesurft. „Im westlichen Teil gab es DSL schon vor acht Jahren.“ Wahrscheinlich, vermutet Fuchs, lag es einfach an der Nachfrage. Aber am Ende war der Osten eben hinterher.

Am 3. Oktober wird in Mödlareuth die Einheit gefeiert, Markus Söder kommt, der bayerische Finanzminister, und sicher Tausende Besucher. Claudia Wolf hat gerade ihren Schweinestall zu einem Souvenirlädchen umgebaut. Kaffeebecher mit Maueraufdruck stehen im Regal, Stück 6,90 Euro, oder das Puzzle, die Mödlareuther Mauer in 200 Teilen. Im Laden riecht es noch nach Farbe, „gutes Timing“, sagt sie und lacht.

Ihr Freund, Stefan Greim, 46, hat sein ganzes Leben in Mödlareuth gelebt, auf der bayerischen Seite. Er freut sich auf die Besucher, könnte ein gutes Geschäft werden. Nur eins ist ihm wichtig: Soll ja keiner denken, er wisse, wie die Grenze wirklich war, wenn er den Mödlareuther Mauerrest gesehen hat. „Die Wirkung ist weg“, sagt er. „In echt war’s viel dramatischer.“

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