Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Panorama Bier muss Arbeit bleiben
Nachrichten Panorama Bier muss Arbeit bleiben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:56 11.11.2016
Von Imre Grimm
Nieder mit der der Industrieplörre, her mit den Spezialbieren aus Mikro- und Hobbykellerbrauereien! Der Craftbeer-Hype schwappt von den Hipster- in die Durchschnittskneipen – und lässt manchen verstört zurück. Quelle: Tama Leaver / CC BY 2.0
Anzeige

Keine Ahnung, was passiert ist, aber die Leute gurgeln jetzt immer öfter auch mit Bier. Ich möchte das nicht. Früher bestellte man einfach ein Pils, heute soll's ein Gotlands Great White Bulldog Wheat IPA sein. Dazu macht der Biergourmet ein Auskennergesicht wie ein Fliesenleger im Karojackett beim "Winetasting" auf der "AIDAperla" zwischen Portoferraio und Civitavecchia.

Hmmm. Blubberblubber. Aarrrrrgh. "Anisnote, viel Bauch, leichter Honignachgang, pfft, püüh". Dazu gibt's zur Freude der Nebenstehenden luftreiche Geräusche wie bei einem bronchitischen Frosch. Herrgott. Könnt ihr nicht einfach ton- und meinungslos euer Glas leeren? Reicht das nicht, wenn sich die Weinjungs zum Kasper machen?

Anzeige

Die große Geschmacksverschwörung

Ich verstehe nicht viel von Wein. Mich leiten beim Erwerb drei Dinge: Erstens meine erhebliche Ignoranz. Zweitens das Etikett. Und drittens muss ich den Namen schon mal gehört haben. Bardolino. Ah. Montepulltschano. Hm. Für das simulierte Gefühl, ein Weingourmet zu sein, genügt es mir vollkommen, wenn dieser eine Gang im Supermarkt mit gefälschtem dunklem Holzparkett ausgelegt ist und ein paar traurige Plastiktrauben am Regal baumeln. Das ist mein Weinkeller.

In Weinfragen habe ich den WG-Bastflaschen-Chianti nur knapp hinter mir gelassen und den Château Lafite Rothschild 1986 nie erreicht. Ich glaube ohnehin, dass Wein eine große Verschwörung ist. Wie moderner Ausdruckstanz. Oder Haute Couture. Oder Zwölftonmusik.

Sommeliers und Zwölftonmusiker

Ich glaube fest, dass Sommeliers am späten Abend, wenn die Gäste weg sind, mit Lachkrämpfen über der Theke hängen, weil seit Jahrhunderten kein Mensch zugibt, dass Rotwein wie Rotwein und Weißwein wie Weißwein schmeckt. Ich glaube auch, dass Zwölftonmusiker uns alle reinlegen. Und dass Haute-Couture-Designer sich beömmeln, wenn sie ihr untragbares Zeug an diese vor Ehrgeiz zitternden Upper-Eastside-Weiblein verkaufen.

Ich möchte nicht, dass Bier dereinst dasselbe Schicksal ereilt. Dass es zum Lifestyle-Accessoire für Poloshirthochklapper wird. Zum Rucola des Trinkens. Bier sollte kein Genuss sein. Niemals. Bier muss Arbeit bleiben. Da habt ihr euer Wahlkampfthema, SPD. Schönes Wochenende!

Panorama Namensfragen mit Uwe Janssen - Es müllert wieder
Uwe Janssen 11.11.2016
11.11.2016
11.11.2016