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Panorama Circus Roncalli verzichtet auf echte Tiere – die Alternative begeistert sogar Hollywood
Nachrichten Panorama Circus Roncalli verzichtet auf echte Tiere – die Alternative begeistert sogar Hollywood
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18:50 12.06.2019
Nicht echt, aber trotzdem beeindruckend: Der Circus Roncalli setzt in der Manege jetzt auf Hologrammtiere statt auf echte. Die können genauso gut einen Handstand machen oder auf ein Podest steigen und bedürfen keiner artgerechten Tierhaltung. Quelle: Foto: Circus Roncalli
Hannover

Auf der Bühne des Circus Roncalli steigen wieder Elefanten mit langen Stoßzähnen auf ein Podest und verbeugen sich. Doch nach der Vorstellung müssen die Tiere nicht in einen engen Käfig und über die Autobahn in die nächste Stadt. Denn: sie sind nicht echt, sondern holografisch erstellt. Für sein neues, tierfreies Konzept wird der Zirkus von Tierschutzorganisationen wie Peta als „vorbildlich“ eingestuft.

Wildtiere hat Roncalli seit 1991 aus seinem Programm verbannt, vergangenes Jahr hat sich Zirkusdirektor Bernhard Paul auch von den letzten tierischen Akteuren verabschiedet – den Pferden. Zumindest von den echten: Als Hologramme laufen stattdessen Pferde aus Sternenstaub durch die Manege, mehr als eine Million Goldpartikel werden dafür laut Roncalli-Pressesprecher Markus Strobl animiert.

Roncalli hat echte Tiere aus seiner Manege verbannt - und arbeitet stattdessen mit holografischen Tieren. Quelle: Roncalli Circus

Idee für Hologramme statt Tieren im Circus Roncalli entstand schon 2006

Die Idee sei 2016 entstanden, damals habe man nur an Hologrammen für eine Bühne gearbeitet, auf die der Zuschauer frontal guckt. Als Zirkusdirektor Paul 2018 beim Super Bowl den Auftritt von Justin Timberlake mit einem Hologramm des verstorbenen Musikers Prince sah, fühlte er sich darin bestätigt, die Hologramme auch in die runde Zirkusmanege zu bringen. 2018 waren die ersten Hologramme bei Roncalli zu sehen. Damit ist der Zirkus der erste, der mit holografischen Tieren arbeitet. Nicht aber der erste tierfreie: Auch Zirkusse wie Cirque du Soleil oder Flic Flac setzen auf Akrobatik und Co. statt Tiere.

Die Menschen seien in ihrem Bewusstsein für Tiere sensibler geworden, sagt Paul. „Es ist klar, dass man in einem Zirkus die Tiere von Stadt zu Stadt transportieren muss und dass die Plätze nicht unbedingt geeignet sind für Tierhaltung.“ Auch er habe ein „schlechtes Gewissen“ bekommen. „Es ist auch nicht notwendig, es fehlt nichts“, ist er sich sicher. Wenn er in Shows angekündigt habe, dass sie nun tierfrei seien, sei Applaus gefolgt. Und der Zirkus bekomme auch prominente Zuschriften, wie Pressesprecher Strobl berichtet: „Der ,Game of Thrones’-Autor George R.R. Martin hat uns eine Fanmail geschrieben und uns nach Amerika eingeladen.“ Auch ins Silicon Valley sei Paul eingeladen worden.

Bernhard Paul, Direktor des Circus Roncalli, hat mit seinem Hologramm-Programm den Nerv der Zeit getroffen. Quelle: Circus Roncalli

Roncalli-Zirkusdirektor zu Hologrammen: „Nerv der Zeit getroffen“

Dem Zirkusdirektor ist bewusst, dass man mit dieser Neuerung auch „den Nerv der Zeit getroffen“ hat. Das sei aber nicht der Grund dafür gewesen: „Das war eine einsame Entscheidung von mir, bei der auch viele gesagt haben: ,Das wird aber schwer ohne Tiere.’“ Wurde es nicht. „Es war richtig. Wir merken, was so los ist bei anderen Zirkussen, die mit Tieren arbeiten.“ So protestieren Tierschützer immer wieder gegen Tiershows in Zirkussen, der Circus Belly sorgte in den vergangenen Jahren mit Gerichtsprozessen um seinen Schimpansen Robby für Aufsehen.

Zirkusdirektor Paul ist sich sicher, dass Zirkusse immer wieder „Kurskorrekturen“ vornehmen müssten. „Das ist moderner Zirkus“, sagt er über die neuen Entwicklungen. Diese Einstellung belohnt unter anderem Peta mit Lob: Die Tierschutzorganisation bezeichnet Roncalli als „tierfreundlichsten Zirkus“. „Unnatürliche Kunststücke, wie sie im Zirkus zu sehen sind, werden Tieren meist mit Schlägen oder psychischem Druck eingetrichtert“, heißt es von der Organisation. Die Tierfreiheit könne auch Vorteile für die Zirkusse mit sich bringen: Schon mehr als 100 Städte in Deutschland hätten Peta zufolge Zirkusse mit Wildtieren verbannt, ohne Tiere sei die Standplatzsuche einfacher.

Hologramme im Circus Roncalli sollen weiterentwickelt werden

Wie die echten Tiere sollen auch die holografischen sich weiterentwickeln: Statt Tierdompteuren helfen Techniker und Grafiker dabei. „Der nächste Schritt soll sein, dass Realität und virtuelle Welt zusammengeführt werden“, erklärt Strobl. Während zurzeit beispielsweise die animierten Pferde durch die Manege galoppieren und dann eine Clownsnummer folgt, soll das künftig kombiniert werden – aus einer realen Seifenblase könnte dann zum Beispiel, wenn sie platzt, ein Pferd herausgaloppieren. Mit echten Pferden wäre das schwer geworden.

Wildtierverbote für Zirkusse in europäischen Ländern

Den Versuch, ein Wildtierverbot für Zirkusse einzuführen, gab es schon mehrfach in der deutschen Politik. Doch bisher ist daraus nichts geworden: Drei Anläufe im Bundesrat, 2003, 2011 und 2016, scheiterten durch die Blockade der Unionsparteien und aufgrund des Vetos des zuständigen Bundesministeriums. Das Argument: Die Einführung eines Verbots käme einem Berufsverbot gleich, Tierdompteure würden dadurch arbeitslos. Andere europäische Länder sind da strikter: So gilt unter anderem in Belgien, den Niederlande, Österreich, Italien, Dänemark, Irland und anderen Ländern ein Verbot für Wildtiere im Zirkus. In wenigen Ländern wie Griechenland und Zypern sind sogar generell Tiere in Zirkussen verboten.

Von Hannah Scheiwe/RND

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