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Panorama Das Glück allein
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20:07 10.06.2016
Mit 29 Jahren ließ die heute 60-jährige Maria Anna Leenen ihr damaliges Leben hinter sich, um sich Gott zu widmen. Einblicke in das Leben einer Eremitin. Quelle: iStock
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Vier Sekunden. Innerhalb von vier Sekunden, sagt Maria Anna Leenen, habe sich alles geändert. Ihr ganzes Leben. Von Grund auf. Sie stellt Kaffee auf den Küchentisch und ein Glas Honig dazu. Honig? In den Kaffee? Sie lächelt. "Einfach probieren", schlägt sie vor. Und es schmeckt tatsächlich.

Die vier Sekunden, das war 1985. Maria Anna Leenen, die damals noch einen anderen Vornamen trug, war eine quirlige junge Frau, 29 Jahre alt, lebenslustig, wahrscheinlich sogar etwas überdreht. Sie hatte schon etliche Dinge hinter sich, die sie an Grenzen gebracht hatten – und auch darüber hinaus, vom Tauchen bis zum Fallschirmspringen.

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Jetzt befand sie sich auf einer Farm in Venezuela. Dort hatte sie eine Büffelzucht mit aufbauen wollen, zusammen mit einem Mann, der nicht ihrer war, aber vielleicht werden würde. Doch manches ging schief, und plötzlich stand die Frage im Raum, ob die Farm überhaupt eine Zukunft hatte. Ob überhaupt irgendetwas eine Zukunft hatte. Maria Anna Leenen legt die Hände flach auf den Tisch. Sie habe auf einmal dagestanden und nichts mehr zu tun gehabt, sagt sie. Leere. Außen und innen.

Vier Sekunden in Venezuela

Sie habe nicht mal was zu lesen gehabt, und es gab kein Buch im Haus, das sie lesen konnte, ihr Spanisch reichte nicht. Es gab nur ein einziges Buch auf Deutsch, eines über Marienerscheinungen. So'n Schwachsinn, habe sie damals gedacht, sagt Maria Anna Leenen. Aber sie fing an zu lesen. Und dann passierte es. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig. "Dann wusste ich: Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben."

Es ist ziemlich kalt draußen, auch wenn an diesem Frühlingstag die Sonne scheint. In dem alten Fachwerkkotten irgendwo nördlich von Osnabrück, in dem Maria Anna Leenen von den vier Sekunden damals in Venezuela erzählt, ist es nicht nennenswert wärmer als draußen. Die Frau sitzt da im Sweatshirt. Heizen? Vielleicht später. Man muss nicht mal fragen, man weiß es auch so: Maria Anna Leenen bezieht ihre Wärme von innen.

Sie ist Einsiedlerin. "Diözesaneremitin", heißt das im Kirchendeutsch. Seit damals, seit 1985, hat sie ihr Leben dem Glauben verschrieben. Mittlerweile hat sie auch ein Gelübde abgelegt, hat Keuschheit, Armut und Gehorsam gegenüber Gott gelobt. In der katholischen Kirche ist das Eremitentum Teil des sogenannten geweihten Lebens, zu dem beispielsweise auch die Klöster gehören. Eremiten gibt es seit dem 4. Jahrhundert. Menschen, die sich seinerzeit ganz Gott widmen wollten, gingen in die Wüste – das griechische Wort für Wüste lautet "eremos".

Maria Anna Leenens Klause versprüht nichts von der üblichen Klosterromantik. Das Fachwerkhäuschen ist allenfalls leidlich intakt. Quelle: Kutter

Tatsächlich gehört eine gewisse Form der Zurückgezogenheit zum Eremitentum dazu. Aber von 100 Prozent Einsamkeit ist nirgendwo die Rede. Es gibt durchaus Eremiten, die völlig abgeschieden leben, es gibt andere, die arbeiten als Streetworker mit Prostituierten. Selbst die Wüsteneremiten damals bekamen Besuch, von Pilgern.

Auch Maria Anna Leenen hat ein offenes Ohr für Ratsuchende. Manche kommen einzeln zu ihr, manche in Gruppen. Rund um Leenens Haus liegen Felder und Weiden, man hört den Traktor, der auf dem nächstgelegenen Acker zugange ist. Das Dorf ist nicht weit, von vollkommener Einsamkeit kann keine Rede sein.

Der Satz von Jesus und dem Weg und der Wahrheit und dem Leben schwebt noch eine Weile im Raum, nachdem Maria Anna Leenen ihn ausgesprochen hat. Sie kann gut erzählen, sie ist eloquent und witzig und spricht ungeheuer schnell. So schnell, dass man manchmal gar nicht alles sofort mitbekommt. Für die Geschichte von ihrer Kindheit in Osnabrück bis zu den vier Sekunden in Venezuela hat sie nicht mal zwei Minuten gebraucht. Der Jesus-Satz aber kommt leise, sachlich, ohne jedes Pathos. Und langsam.

Unverständnis bei Freunden

Maria Anna Leenen war ursprünglich evangelisch, aber bloß auf dem Papier. "Taufscheinchristin", sagt sie. Als sie aus Venezuela zurückkehrte, ist sie zum Katholizismus konvertiert. Sie hat zuerst Rosenkränze ohne Ende gebetet, "Leistungsfrömmigkeit" nennt sie das, und ihre Augen blitzen schelmisch. Sie mag es, Dinge zu ironisieren, auch wichtige Dinge, wenn der Kern nicht infrage gestellt wird. Warum katholisch? Sie wird sofort ernst: "Weil diese Kirche meine geistliche Heimat ist."

Sie verlor damals so gut wie alle Freunde. Menschen, von denen sie gemeint hatte, sie würden zu ihr stehen, sagten: "Katholische Kirche? Da tritt man nicht ein. Da tritt man aus." Menschen, denen sie vertraut hatte, deuteten auf ihren Kopf und empfahlen ihr, sich mal untersuchen zu lassen.

Die anfängliche "Leistungsfrömmigkeit" wich einem Rückzugsversuch in einem Klarissenkloster in Münster. Dort bekam sie ihren neuen Namen "Maria Anna von der Demut Gottes". Drei Jahre dauerte diese Phase, und am Ende wusste Maria Anna Leenen: Es war richtig gewesen, dort hinzugehen. Und es war nun richtig, wieder wegzugehen. Und Einsiedlerin zu werden. Sie schaut kurz in Richtung Fenster, ein leises Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht. "Irgendwann war es völlig klar: Das ist meine Berufung."

"Teilweise habe ich gehungert"

Sie zog los, um sich von Gott zeigen zu lassen, wo ihr Platz war. Sie fuhr mit dem Rad, ging zu Fuß, auch bei Hagel und Schnee. Sie fand eine alte Flüchtlingsbaracke, Pumpe im Hof, Plumpsklo, Fenster kaputt. Das war der Anfang. Das ist 23 Jahre her. Maria Anna Leenen, die es nie länger als drei Jahre an einem Ort ausgehalten hatte, wurde heimisch.

Sie blieb neun Jahre in der Baracke. Eremiten gehören dem jeweiligen Bistum an, Maria Anna Leenen sagt "mein Bischof", wenn sie von Franz-Josef Bode spricht, dem Bischof von Osnabrück. Aber sie untersteht dem Bischof nur, er finanziert sie nicht. Das musste sie selbst organisieren. Sie schrieb hier und da Artikel für Kirchenzeitungen, bei spärlicher Honorierung. Ihr Erbe hatte sie verschenkt. "Teilweise habe ich gehungert", sagt sie, doch es klingt nicht, als hätte sie Schaden genommen, es klingt nach bestandener Prüfung.

Ein Bauernpaar brachte ihr manchmal Milch oder Suppe. Wenn es stürmte, bat sie Gott, ein paar Engel auf das brüchige Dach der Baracke zu setzen, damit es nicht wegfliegt. Irgendwann musste sie aus der Hütte raus, und bald darauf fand sie, einen Steinwurf weit weg, den kleinen Fachwerkbau, in dem sie heute lebt. Das Häuschen ist leidlich intakt, aber nicht saniert. Inzwischen setzt sich ein privater Förderverein für den Erhalt der Klause ein. Auch, weil sich darin eine Kapelle befindet, in der einmal im Monat die heilige Messe gefeiert wird.

Leenen, die ihr Gesicht nicht zeigen will, teilt ihre Einsiedelei unter anderem mit ein paar Zwergziegen. Quelle: Kutter

Die Kapelle ist der schönste Raum im Haus, mit liebevoll bemalten Wänden und einer warmen, friedvollen Ausstrahlung. Man spürt: Hier liegt das Zentrum, alles andere, Küche und Arbeitszimmer und Hof, ist nur Beiwerk. In der Ecke befindet sich ein Tabernakel, darin bewahrt Maria Anna Leenen eine Monstranz mit einer geweihten Hostie auf. "Das ist das Allerheiligste hier." Ihre Augen strahlen, als sie das sagt. Sie bewegt sich beschwingt, sie lacht. Sie lacht überhaupt ziemlich gerne und oft.

Maria Anna Leenen tritt auf den Hof. Die Zwergziegen meckern in ihrem Gehege. Sie öffnet das Gatter, nimmt eine auf den Arm. Sie zeigt auf dieses und auf jenes Tier, nennt die Namen, erzählt, dass sie den Ziegen manchmal Halsbänder umbindet und mit ihnen spazieren geht. Eremiten haben früher oft Ziegen gehalten, wegen der Milch und wegen des Fleisches. Maria Anna Leenen schreibt nur über sie, letztes Jahr hat sie ein Kinderbuch über ein Zicklein verfasst.

Sie schreibt auch weiterhin Artikel und alle möglichen Bücher über das Christen- und das Eremitentum. Und jüngst ist ein Roman erschienen, "Ganz weit draußen", die Geschichte einer Frau, deren Leben durcheinandergerät und die bei einer Einsiedlerin Rat und Trost findet.

"Gott ist nicht katholisch"

Wenn sie von der Haus- und Hofarbeit und der Zeit am Schreibtisch abends berichtet, kommen die Worte in Windeseile. Wenn sie über die stillen Phasen in ihrem Tagesablauf spricht, die Stundengebete, das Lesen religiöser Texte, wird sie langsamer. Wenn man sie fragt, ob sie keine Sehnsucht nach Kino, Tanzen oder gar Männern habe, sagt sie wie aus der Pistole geschossen: "Davon hatte ich genug."

Wenn man sie nach Widersprüchen im Katholizismus fragt, etwa nach ihrer eigenen Armut und dem Milliardenvermögen der Bistümer, wird sie hingegen langsam und nachdenklich. Als die Sprache auf den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester kommt, erzählt sie, sie habe mit missbrauchten Kindern gearbeitet, und sie macht so viele Pausen in den Sätzen, als müsse sie vor Zorn nach jedem einzelnen Wort erst mal Luft holen.

Und was ist mit der Verbotskultur des Klerus? Ist der katholische Gott ein strafender Gott? Maria Anna Leenen schüttelt den Kopf. "Gott ist nicht katholisch", sagt sie. Das wäre eigentlich ein langsamer Leenen-Satz. Aber sie sagt ihn schnell. Vielleicht, damit ihre Zuhörer ihn nur halb mitbekommen. Ihr Bischof wird solche Sätze womöglich nicht mögen.

Das Kraftzentrum der Klause ist ein Raum, den Maria Anna Leenen als Kapelle nutzt, der einmal im Monat auch Außenstehenden für die heilige Messe offensteht. Quelle: Kutter

Und dann, von eben auf jetzt, wird Maria Anna Leenens Stimme ganz weich, ihre Sprache sachte, fast zögerlich. Sie redet über die Einsamkeit. Die Zeiten, in denen es nicht bloß still, sondern geräuschlos bei ihr ist. Das Alleinsein macht im Sommer die Hälfte und im Winter 80 Prozent ihrer Tage aus. Das Zurückgezogensein, das Kontemplative, ist das Schönste und Wichtigste in ihrem Leben – und das Schwerste.

Die Menschen stellen sich unter Eremiten gern genügsame Gottesleute vor, die völlig in sich ruhen. "Aber das ist nicht Kuscheln mit Klein-Jesulein", sagt Maria Anna Leenen. In der Einsamkeit kann das Glück kommen. Aber es kommen auch die Zweifel. Skepsis. Unruhe. Angst. Sie hat alles aufgegeben. War das richtig? Ist ihre Liebe zu Gott ausreichend? Ist der Glaube fest genug? Und Gott ist ja auch nicht immer geneigt, auf Gebete gleich zu antworten. Manchmal antwortet er gar nicht.

Während sich die Stimme der Eremitin vortastet, schwebt plötzlich wieder etwas durch den Raum, aber diesmal ist es kein Satz, sondern eine Haltung. Und man begreift: Maria Anna Leenen weicht nicht aus. Weder den Widersprüchen, noch der Konfrontation noch dem Zweifel noch dem Schmerz.

Zeichen einer neuen Verbindung

Am Anfang des Gesprächs hatte sie, huschhusch, erzählt, dass sie einen Bruder hat, aber noch drei weitere Geschwister haben würde, wenn Gott es zugelassen hätte. Und sie hat erzählt, dass sie selbst ihre Geburt fast nicht überlebt hätte. 38 Zentimeter Körpergröße, Nottaufe, jemand sagte auf Plattdeutsch: "Dat Wicht geiht weder dot." Doch sie ist nicht gestorben. Sie ist bloß dem Schmerz aus dem Weg gegangen, die ersten 29 Jahre lang. Dann nicht mehr.

Dieser Moment in Venezuela übrigens, die vier Sekunden, das sei keine Erleuchtung oder dergleichen gewesen, sagt Maria Anna Leenen. Sondern: "Ein Zerbrechen." Manchmal muss etwas kaputtgehen, damit daraus etwas Neues entsteht. "Glauben ist ein Geschenk", sagt sie. Dass er auch Arbeit ist, braucht sie nicht mehr dazu zu sagen. Sie sitzt wieder am Tisch, die Hände liegen auf der Platte. Sie trägt einen Ring. Das war einmal der Ehering ihrer Mutter. Jetzt ist er das Symbol einer neuen Verbindung.

Von Bert Strebe

Interview mit der Autorin Ebba Hagenberg-Miliu

Kaum jemand ist derart vielen Eremiten begegnet wie die Journalistin Ebba Hagenberg-Miliu. Tiefe Einblicke in die selbst gewählte Einsamkeit gewährt ihr Buch "Allein ist auch genug. Wie moderne Eremiten leben" (Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten, 15,99 Euro). Quelle: privat

Frau Hagenberg-Miliu, Kaum ein Lebensentwurf ist radikaler als der des Eremiten. Was bringt Menschen dazu, den konsequenten Rückzug aus der Gemeinschaft als ihren Weg zu wählen?
Der Auslöser mag in vielen Fällen eine Krise oder ein Absturz sein. Aber die Entscheidung, mit dem alten Leben zu brechen und Eremit zu werden, erfolgt fast nie notgedrungen und abrupt, sondern sehr reflektiert. Zumeist sind es lebenserfahrene Menschen mittleren Alters, die sich für diesen Weg entscheiden. Eine starke Triebfeder ist ihre Sehnsucht nach Gott. Häufig sind es Ordensleute, die die wohl radikalste Form der Abgeschiedenheit wählen. Sie haben im Kloster bereits relativ zurückgezogen gelebt und haben eine Vorstellung davon, dass sie sich gewissermaßen auf eine Reise ohne Rückfahrkarte begeben. Ich habe aber auch Eremiten kennengelernt, die zuvor in einem normalen bürgerlichen Leben standen: Etwa eine Ärztin, die in ihrem verantwortungsvollen Beruf in einer ethischen Frage nicht mehr weiter wusste und diesen radikalen Schritt vollziehen wollte, um wieder mit sich und der Welt ins Reine zu kommen.

Ist die Motivation immer religiös?
Überwiegend, aber längst nicht immer. Neben den etwa 80 bis 100 "offiziellen" Eremiten, die die katholische Kirche in Deutschland zählt, gibt es freie Eremiten, deren Zahl sich kaum zuverlässig ermitteln lässt. Einigen der freien geht es ihren Angaben nach nicht um Gott, sondern um Ideale, die in meinen Augen dann aber doch Parallelen aufweisen, etwa ein Leben im Einklang mit der Natur. Natürlich sind daneben auch ganz persönliche Beweggründe ausschlaggebend: Raus aus dem Stress, dem Lärm, dem permanenten Außer-sich-Sein.

Derartige Ziele haben auch viele Aussteiger oder die sogenannten Minimalisten, Menschen die versuchen, mit dem Allernötigsten hinzukommen. Worin unterscheiden die sich von Eremiten?
Vor allem in der Radikalität ihres Entschlusses. Kennzeichnend für Eremiten ist die konsequente Abgrenzung von der Um- und Mitwelt, das Leben in Stille und Einsamkeit, Enthaltsamkeit von Sexualität, Konsum und Zerstreuung, die bedingungslose Zuwendung zu Gott und der Schöpfung und – vor allem für katholische Eremiten wichtig – beständiges Beten und Büßen. All diese Vorgaben lassen sich in einem normalen sozialen Umfeld nicht ansatzweise durchhalten, während Minimalisten oder Aussteiger weitreichende Kompromisse eingehen können und so innerhalb der bestehenden Gesellschaftsordnung Nischen finden.

Sie haben für Ihr Buch Kontakt zu rund 20 Eremiten aufgebaut. War das nicht ziemlich schwer?
Durchaus. Glücklicherweise jedoch lernte ich Schwester Benedicta kennen, eine Eremitin, die in einer winzigen, zu einer alten Kapelle gehörenden Klause bei Bonn lebt. Sie hat mir den Kontakt zu anderen katholischen Eremiten ermöglicht. Die freien Eremiten aufzuspüren war hingen knochenharte Recherchearbeit.

Schwester Benedicta war die erste Eremitin, die Sie kennengelernt haben. Was war Ihr Eindruck von dieser Frau?
Warmherzig, mütterlich und ganz und gar in sich ruhend. Von ihr, ihrer Innerlichkeit und ihrer kargen Klause ging ein starker, geradezu verführerischer Reiz aus. Ich erinnere mich, dass ich zuerst Neid empfunden habe auf dieses Mit-sich-im-Reinen-Sein, auf diesen tiefen Frieden.

Manche Eremiten verspüren die Berufung, heilsam zu wirken. Wie soll das funktionieren, wenn sie sich so sehr zurückziehen?
In gewissem Umfang pflegen viele Eremiten Kontakte. Etwa als Seelsorger, die die Sorgen und Nöte anderer Menschen viel vorurteilsfreier und offener betrachten können als ein Gegenüber, das in den gesellschaftlichen Konventionen verhaftet ist. Außerdem müssen Eremiten für ihren Lebensunterhalt sorgen. Einige arbeiten etwa als Küster oder verzieren in Heimarbeit Kirchenkerzen. Arbeiten also, bei den man anderen Menschen weitgehend, aber doch nie ganz aus dem Weg gehen kann.

Sie sagten, dass Eremiten eine "Reise ohne Rückfahrkarte" antreten. Geht diese Reise immer gut?
Viele Eremiten sind freier und glücklicher geworden. Es gibt aber auch traurige Wendungen, die in den Suizid münden, in die Psychiatrie führen – oder irgendwann einfach doch wieder zurück in ein bürgerlicheres Leben. Diejenigen, die sich für die Einsiedelei entscheiden, sind vorher gedanklich auf einen radikalen Bruch gefasst. Aber sie machen sich dann doch keine wirkliche Vorstellung von der Anstrengung, allein und aus sich selbst heraus ein strukturiertes und erfülltes Leben zu führen. Eremit wird man nicht durch eine einmalige Entscheidung. Man muss sich dieses Leben täglich aufs Neue erkämpfen.

Interview von Daniel Behrendt

Eremit auf Probe

Für die Einsiedelei St. Verena im Schweizer Kanton Solothurn wird alle paar Jahre ein neuer "Betreiber" gesucht. Zur Zeit ist die Stelle ausgeschrieben. Quelle: einsiedelei.ch

Wie die Wüstenväter

Die ersten Eremiten waren die im 3. Jahrhundert n. Chr. lebenden Wüstenväter. Der Begriff Eremit leitet sich also nicht zufällig vom vom griechischen Wort "eremos" ab, das "Wüste", aber auch "leer" und "unbewohnt" bedeutet. Wer erahnen will, welche Kargheit diese frühen Christen für ihren Glauben auf sich nahmen, sollte ein paar Tage in der Wüste verbringen. Anbieter wie klosterreisen.de haben eigens Reisepakete für Eremiten auf Zeit geschnürt: Schlafen unter einem Zelt aus Abertausend Sternen, Aufstehen bei Sonnenaufgang, Meditationen, Körperübungen, den Sand der Wüste Sinai zwischen den Zehen – und sehr, sehr viel Stille und Einsamkeit.

Wie Brüder und Schwestern

Wer für seine erste Einsiedlererfahrung nicht gleich in sengender Wüstensonnen verglühen will, wählt womöglich die zivilisationsnähere Variante eines Klosters auf Zeit. Deutschlandweit haben Klöster das einträgliche Geschäft mit der Stille für sich entdeckt. Einige der altehrwürdigen Gottesburgen sind längst zu luxuriösen Resorts umfunktioniert worden, die Kontemplation und Seelenwellness im Fünf-Sterne-Ambiente bieten. Das allerdings wäre keine Abgeschiedenheit nach Eremitenart. Authentischer und erhellender ist da schon ein Aufenthalt unter leibhaftigen Brüdern und Schwestern. Auch das ist nicht wirklich eremitisch, aber ein Schritt Richtung Bedürfnislosigkeit, Kontemplation und Stille. Einige Kommunitäten nehmen für begrenzte Zeit Gäste auf, die am Klosteralltag teilnehmen dürfen. Voraussetzung ist üblicherweise ein Schreiben an die betreffende Bruder- oder Schwesternschaft, das die Motivation für einen solchen Aufenthalt erklärt. Informationen hierzu finden sich etwa auf den Internetseiten der Deutschen Ordensobernkonferenz (www.orden.de) oder der Evangelischen Kirche in Deutschland (www.ekd.de).

Wie Robinson und Freitag

Anders als ein Einsiedler, der aus bewusster Entscheidung die Einsamkeit wählt, strandet der Romanheld Robinson Crusoe schiffbruchbedingt auf einer einsamen Insel. Doch so unfreiwillig eine Robinsonade auch sein mag: Das karge, einsame Inselleben kann nach höherer Erkenntnis Suchenden durchaus einsiedlerartige Erfahrungen bescheren. Wer wahre Abgeschiedenheit sucht, kann ab einem fünfstelligen Betrag eine unbewohnte Insel vor der Küste Kanadas kaufen, etwa über Anbieter wie Vladi Private Islands.

Wie ein Beamter des Herrn

Wer das Einsiedlerleben nicht nur beschnuppern, sondern gleich tiefer einsteigen will, sollte hin und wieder auf der Homepage der Einsiedelei St. Verena im schweizerischen Kanton Solothurn vorbeischauen (www.einsiedelei.ch). Alle paar Jahre ist der dortige Job als Einsiedler vakant. Der lebt in der wildromantischen Verenaschlucht in einem bildhübschen Eremitenhäuschen mit zauberhaftem Rosengarten. Bequemerweise muss sich der Eremit nicht um seinen Lebensunterhalt sorgen, das übernimmt mit 2000 Franken im Monat die Bürgergemeinde Solothurn, die auch Trägerin der Eremitage ist. Berufsvoraussetzung: eine besonders innige Beziehung zu Gott. Zum 1. Juli wird die Stelle neu besetzt, es liegen rund 40 Bewerbungen vor.

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