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Panorama Das nächste große Ding
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20:06 19.08.2016
Warum folgen wir Trends, auch wenn wir sie eigentlich albern finden oder uns knallenge Hosen – ehrlich betrachtet – gar nicht stehen? Und wann wird der Trend zum Hype? Quelle: Shutterstock
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Vor einiger Zeit berichtete ein deutsches Fernsehmagazin über das, was ihm gerade als der letzte Schrei erschien. Eines der Themen war: "Urlaub in Tschernobyl." Ein anderes: "Süß und würzig: die neuesten Brot-Trends."
Soso. Urlaub in Tschernobyl. Nun, man muss nicht jeden Trend mitmachen. Aber vielleicht den Brottrend? Nach jahrelanger Verköstigung mit nachlässig hergestellten und von angeblichen Bäckern schockerhitzten Teigklumpen kümmern sich die Deutschen wieder ums tägliche Brot. Handwerkliche Feinarbeit, überlieferte Rezepte und – Himmel! – Selbstgebackenes. Brot ist total angesagt.

"Ein Trend", sagt der trendige Trendforscher Matthias Horx, "ist nichts anderes als eine Veränderungsbewegung oder ein Wandlungsprozess." Als die Menschheit anfing, morgens schwitzend durch Parks zu rennen, weil es in ihrem Alltag keine Büffeljagd und kein Baumfällen mehr gab, war das ein Trend. Als sie beschloss, die Natur wieder schützen zu wollen, nachdem ein paar Jahrzehnte an Menschenwerk die Naturarbeit von Jahrtausenden zunichtegemacht hatten, war das auch einer.

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Trends sind überall

Trends gibt es überall. In der Mode, in der Kindererziehung, beim Mineralwassernatriumgehalt und in der GPS-Steuerung von Mähdreschern. Die sichtbarsten Trends sind die in der Mode. Etwa die fälschlicherweise "Jumpsuits" genannten Teile, die aussehen, als hätten ihre Trägerinnen morgens vergessen, den Pyjama gegen was Vernünftiges auszutauschen. Aber egal, oder? Ist ja in.

Die Trends mit den größten Auswirkungen sind die in der Gesellschaft und in der Politik: Erst war da nur Putin. Jetzt haben wir Putin und Erdogan. Bald haben wir vielleicht Putin und Erdogan und Trump. Aber das ist wahrscheinlich kein Trend mehr, sondern bereits eine Katastrophe.

Ein Trend ist, wenn sich eine Entwicklung in Gesellschaft und/oder Wirtschaft und/oder Politik durchzusetzen beginnt und verfestigt. Ein Beispiel wäre das Zusammenleben ohne Trauschein. In den Fünfzigerjahren wurde man für so was aus dem Dorf geprügelt. In den Neunzigern war man ein Spießer, wenn man verheiratet war. Inzwischen dreht sich der Trend, nimmt die Zahl der Eheschließungen wieder zu.

Vom Mikro- zum Megatrend

Ein anderer Trend war die Zunahme von Singlehaushalten, hervorgerufen durch geringere Bindungsbereitschaft und durch immer mehr immer älter werdende Menschen, die nach dem Tod des Partners allein wohnen. Der Versingelungstrend gebiert freilich Folgetrends: Eine größere Nachfrage nach Zweizimmerwohnungen etwa, und ein gehäuftes Auftreten von Miniportionen im Discounter-Kühlregal. Es gibt Mikrotrends (Onlinehändler eröffnen völlig unvirtuelle Geschäfte in realen Städten) und Pseudotrends (ein Technologieunternehmen behauptet, seine teure Plastikuhr sei der Hammer) und Megatrends (die Gesellschaft kriegt immer mehr weiße Haare).

Trendforscher wie Matthias Horx sagen voraus, wie sich Trends entwickeln. Das ist wichtig für die Industrie. Vor gar nicht so langer Zeit haben sich die Konzernbosse gefragt, ob sie wohl ihre neuartigen "Phablets" genannten Telefone, die erstens plötzlich frühstücksbrettchengroß und zweitens vorwiegend handschweißresistent waren und mit denen man, drittens, unter ferner liefen auch noch telefonieren konnte, massenhaft verkaufen würden? Irgendwer hat wohl "ja" gesagt. Und recht behalten.

Trendforscher sind aber manchmal auch verwegen. Christopher Sanderson, ein britisches Exemplar der Gattung, hat behauptet: "Männer warten, bis jeder mit der gleichen Hose herumläuft." Hm. Wenn die Aussage stimmen würde, würden alle Männer heute noch im Lendenschurz darauf warten, dass alle anderen Männer in Slim-fit-Hochwasserhosen vor die Höhle treten.

Der durchgeknallte kleine Bruder

Noch ein Beispiel? Interviewer an Matthias Horx: "Wissen Sie immer, was die Zukunft bringt?" Horx: "Nicht immer." Da wundert es dann doch nicht, dass beispielsweise der Soziologe Holger Rust viele Trendforschungsergebnisse und -prognosen als aufgeblasene Nichtigkeiten und "semantische Politur" bezeichnet.

Neben dem Trend gibt es noch seinen durchgeknallten kleinen Bruder, den Hype. Der Hype ist immer latent hysterisch, etwas zu laut und nicht sonderlich erwachsen. Zu den Hypes gehört im Moment das "Pokémon Go"-Spielen, Leute, die durch ihre halb reale, halb virtuelle Wirklichkeit und über Friedhöfe stolpern. Auch Menschen, die das Heil von Quinoa-Samen erwarten, sind Teil eines Hypes.

Quinoa ist ein gutes Beispiel dafür, dass nicht alles, was up to date ist, auch sinnvoll sein muss. Die Quinoa-Pflanze stammt aus Lateinamerika. Ihre Samen sind sehr gesund. Nachdem sie zum Hype wurden, stiegen die Preise. Die Campesinos in Bolivien, Peru und Ecuador konnten sich ihr eigenes Nahrungsmittel nicht mehr leisten. Es ist chic, Quinoa ins Müsli zu kippen. Ökologisch ist es nicht – die Samen werden um den halben Erdball gekarrt.

Warum folgen wir Trends?

Modetrends sind eher kurzlebige Erscheinungen. Interessanterweise sind es oft gerade Modetrendsetter, die Trends verachten. Eine Reporterin hat einmal nach einer Fashion Week in Berlin Designer befragt und Antworten erhalten wie: "Ich hasse Trends." Vielleicht verbirgt sich dahinter die Sehnsucht, Bleibendes zu schaffen?

Bei mancher Mode aber hofft man geradezu, dass sie nicht zu etwas Bleibendem wird. Nehmen wir bloß diese knallengen Jeans. Die werden auch von Menschen getragen, die, um es zartfühlend auszudrücken, etwas stabiler gebaut sind. Ihre Beine sehen dann, um es weniger zartfühlend auszudrücken, wie Presswürste aus.

Aber die Beine sind nicht das Problem. Es ist ja erwiesenermaßen Quatsch, dass nur dünne Leute schön sind. Das Problem sind die Hosen. Weswegen die alles entscheidende Frage lautet: Warum ziehen sich solche Leute so was an? Sprich: Warum folgen wir Trends? Und warum folgen wir ihnen auch dann, wenn sie uns nicht stehen oder gar nicht guttun?

Der Wunsch nach Gemeinschaft

Weil – das kann einem jeder Psychologe erklären – Menschen soziale Wesen sind. Wir definieren uns darüber, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Wir wollen dazugehören. Wir haben Angst, aus dem Dorf geprügelt zu werden.
Das gilt ganz besonders für junge Leute, schlicht, weil sich ihre Persönlichkeit noch verfestigen muss, und so was dauert. Deswegen sind sie empfänglich für den Reiz, in der Masse unterzugehen. Wer nicht auffällt, wird leicht übersehen – er wird aber auch nicht abschätzig angeschaut.

Je stabiler die eigene Persönlichkeit ist, umso mehr kann man seine Individualität betonen. Alle tragen Schal. Aber der eine mit Knoten, der andere geschlungen, der dritte mit den Enden auf dem Rücken. Übermorgen bindet sich einer das Ding ums Ellbogengelenk, jemand macht es nach, und drei Wochen später haben wir einen Trend.

Es ist normal, Trends zu folgen. Schwierig wird es erst, wenn man sich selbst dadurch lächerlich macht (zu enge Hosen) oder gar beschädigt (Magersucht, Schönheitsoperationen). Dann wäre es dringend nötig, sich eine Weile selbst zu behaupten und auf die Meinung anderer zu pfeifen. Wer Argumentationshilfe braucht: Einer der Modedesigner, der nach der Fashion Week befragt wurde, hat gesagt: "Trends? Es gibt keine Trends mehr." Also: Trends sind out. Derzeit.

Von Bert Strebe

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