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Panorama Das neue Deutschsein braucht mehr Herz
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20:01 16.09.2016
Die Herkunft allein taugt im 21. Jahrhundert nicht mehr als Kitt, der eine Nation zusammenhält. Was fehlt, ist etwas, das greifbarer ist als das Grundgesetz – verbindende Emotionen, nicht nur verbindliche Paragraphen. Quelle: Fotolia
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Viele merken es selbst gar nicht. Aber intuitiv sind auch sie von dem Gedanken geleitet: Deutsch ist der, der deutsche Eltern hat. Ich bin demnach keine Deutsche. Meine Eltern stammen aus Syrien. Ich bin in Ahlen in Westfalen geboren, bin hier aufgewachsen, zur Schule gegangen, habe hier studiert und ich lehre hier. Aber ich habe eben keine deutschen Eltern. Kann ich deshalb nie einfach Deutsche sein?

Selbstverständlich gibt es noch Menschen, deren Eltern, Großeltern und Urgroßeltern alle aus ein und derselben Region stammen. Aber auf wie viele trifft das noch zu? Was ist mit denen, die Hugenotten im Stammbaum haben, Ruhrpolen, Juden? Sind diese Menschen weniger deutsch? Und wenn ja, ab welcher Generation sind ihre Nachkommen dann deutsch, ab wann gehören sie einfach dazu? Wie deutsch sind die Enkel, wenn der Sohn eine Italienerin heiratet?

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Zu glauben, im Europa des 21. Jahrhunderts könne man von einer klar definierten Volksgruppe ausgehen, ist Selbstbetrug. Die Herkunft allein taugt nicht mehr als Kitt, der eine Nation zusammenhält. Was aber dann? Vielleicht Heimat. Nur: Der Begriff Heimat ist nicht an Nationalität gekoppelt. Er ist vielmehr für die meisten ein räumlicher Begriff, verbunden mit dem Gefühl von Geborgenheit, von Vertrautheit und Sicherheit. Wenn ich in der Heimat bin, weiß ich, wie ich mich zu verhalten habe. Ich kenne mich aus. Ich kenne die Leute, ihre Mentalität. Wenn man mich also fragt, was meine Heimat ist, dann ist die Antwort klar: Deutschland.

Ein Land verstehen lernen

Oder Religion. Das Christentum hat Deutschlands Kultur zu großen Teilen geprägt. Jeder, der in Deutschland lebt, sollte es in irgendeiner Form kennen. Und jeder, der gläubig ist, sollte sich dazu bekennen – sofern er dabei die anderen nicht marginalisiert. Dennoch: Das Christsein hat viel von seiner verbindenden, definierenden Macht verloren. Nur noch zwei Drittel der Deutschen bezeichnen sich selbst als christlich. Mein Muslimsein ist nur eine von vielen religiösen Optionen in diesem Land.

Das Beherrschen der deutschen Sprache allerdings gehört definitiv zum Deutschsein. Auch eine gewisse Kenntnis von deutscher Geschichte, von großen Persönlichkeiten und den politischen Zusammenhängen. Niemand muss aus Kants, Goethes, Kleists oder Heines Schriften zitieren können, Beethovens Neunte oder Bachs Toccata und Fuge in d-Moll erkennen. Worum es mir geht, ist eher, eine emotionale Verbindung zu entwickeln, ein Gefühl für die Köpfe, die Deutschland geprägt haben. Denn wer zu einem Land gehört und dort lebt, muss es verstehen, um partizipieren zu können.

Der Zugang dazu führt über die Geschichte. Dabei muss man nicht einmal immer den großen historischen Bogen spannen. Im Gegenteil: Deutschsein findet vor allem im Kleinen statt. Für mich gehört die Verantwortung für die gemeinsame Umwelt dazu. Die Straßen, in denen wir leben, die Wälder und Parks, durch die wir spazieren, die wunderschönen Landschaften zwischen den Alpen und der Nord- und Ostsee – darauf müssen wir achten.

Wandel vollzieht sich über Generationen

Ich habe viel Verständnis für die emotionale Distanz zu diesem Land, die Menschen mit Migrationshintergrund angesichts der permanenten rassistischen und fremdenfeindlichen Schwingungen spüren. Doch nicht einmal der Ruf nach der Politik entlässt uns selbst aus der Pflicht. Ich denke auch an ein arabisches Sprichwort, das sagt: "Willst du dein Land verändern, verändere deine Stadt. Willst du deine Stadt verändern, verändere deine Straße. Willst du deine Straße verändern, verändere dein Haus. Willst du dein Haus verändern, verändere dich selbst."

Jeder Mensch, der Angst um diese Gesellschaft hat, kann in seinem Umfeld anfangen, etwas zu bewirken. Die Anforderungen an Politiker würde ich allerdings höher schrauben. Damit dieses Land die Zerreißprobe besteht,  müssen sie öffentlich Stellung beziehen, auch wenn sie das die eine oder andere Wählerstimme kostet. Politiker müssen den Menschen in Deutschland den gesellschaftlichen Wandel deutlich und unmissverständlich kommunizieren – und ihnen die Angst davor nehmen.

Zuwanderung und Wandel sind ein historisches Kontinuum, eine menschliche Selbstverständlichkeit. Und gesellschaftlicher Wandel erfolgt kaum jemals abrupt, überfordert Menschen keineswegs. Er vollzieht sich über Generationen. Größere Gruppen von Zuwanderern oder Flüchtlingen wurden nie mit offenen Armen empfangen, große Bewegungen haben immer zu Abwehr und Ausgrenzung geführt. Allein dieses Wissen hilft zu realisieren, dass man nicht von einem anderen Stern kommt, wenn man sich angesichts vieler fremder Menschen unwohl fühlt.

Identität mit Herz und Verstand

Aber aus Bequemlichkeit über diese Ängste hinwegzugehen trägt zur Radikalisierung bei. Es hilft nicht, die Veränderungen einfach laufenzulassen. Der Soziologe Wolf Lepenies hat in der Zeitung "Die Welt" gewarnt: "Der Angst vor einem Wandel kultureller Selbstverständlichkeiten kann man nicht damit begegnen, dass man den Wandel emphatisch begrüßt und sich vor Freude nicht zu halten weiß, dass 'unsere Welt eine andere werden wird'."

Angesichts des Wegbrechens herkömmlicher Identifikationsmuster können wir vielleicht vor allem eins sein: Verfassungspatrioten. Abstammung und Spracheigenschaften bleiben zwar weiter wichtige individuelle Identitätsbausteine, können aber nicht mehr allein eine kollektive Identität bestimmen.

Zum Deutschsein gehört aber nicht nur etwas für den Verstand, sondern auch etwas fürs Herz. Etwas, das greifbarer, spürbarer ist als das Grundgesetz und die gemeinsame Freiheit. Ein Land braucht etwas, hinter das sich seine Menschen gemeinsam stellen können. Eine Fußball-, Basketball-, Handballnationalmannschaft, eine besondere Persönlichkeit, die für ihre Leistung von allen geschätzt wird, kann so eine Gemeinsamkeit verkörpern. Wir müssen gemeinsam nach Dingen suchen, die unsere Gefühle ansprechen, ganz egal woher wir kommen. Das schafft Identität. Das ist der Kitt für das neue Deutschsein.

Zur Person

Lamya Kaddor ist Deutsche syrischer Herkunft. Die muslimische Religionspädagogin und Islamwissenschaftlerin war erste Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes. Der Beitrag ist ein Auszug aus ihrem Buch "Die Zerreißprobe. Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht", das jetzt im Rowohlt Verlag Berlin erscheint.

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