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Panorama Der nackte Sänger
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07:01 09.06.2018
Stolzes Arbeitergefühl: Ein Straßenkünstler malt mit Kreide. Quelle: dpa
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Berlin


Ich habe das Gefühl, zurzeit nimmt die halbe Menschheit an einer Umschulung teil. Die alten Abschlüsse taugen nichts mehr. Mein Vater hatte drei Hochschulabschlüsse in der Sowjetunion, er war ein planwirtschaftlicher Ökonomist. Mir sagte er ständig, ich soll etwas Solides, Bodenständiges lernen, sonst würde ich als Straßenfeger ausgebeutet. Ich schaute neugierig auf die Straßenfeger, alles Menschen, die wahrscheinlich wie ich schlecht in der Schule waren. Zu Hause trainierte ich bereits mit einem Besen, ich bereitete mich auf die berufliche Zukunft vor. Die Karriere meines Vaters brach zusammen mit der Planwirtschaft ein.

Aber auch die Straßenfeger dominierten das Straßenbild nicht mehr, stattdessen standen Künstler an jeder Ecke. Also ließ ich mich als Künstler ausbeuten. In gewisser Weise sorgte diese Ausbeutung für ein stolzes Arbeitergefühl, „ich werde gebraucht, die Kapitalisten aller Länder stehen Schlange“.

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Heute sind viele ehemals solide bodenständige Berufsgruppen in der Krise, am liebsten würden die Kapitalisten sie entsorgen, irgendwo im Wald absetzen, mit einem Brötchen und einem Ei.

Aber auch die Kunst versagt, sie erfüllt die Erwartungen nicht. Mein Sohn jobbt in einem Berliner Theater als technischer Assistent. Neulich hatten sie Premiere, „Die nackte Sängerin“, die Plakate hingen überall in der Stadt. Viele Rentner kauften sich Karten, sie wollten die Sängerin nackt sehen. Stattdessen bekamen sie einen nackten Mann. Nichts ist mehr das, was es einmal war, klagten sie und gingen zur Kasse, um ihr Geld zurückzuholen.

Wladimir Kaminer ist Autor und lebt in Berlin.

Von Wladimir Kaminer

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