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Panorama Die Freibartsaison beginnt
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20:10 20.05.2016
Wiedergekommen, um zu bleiben: Der Bart war mal in, mal out, mal Modetrend und mal Protestsymbol. Inzwischen ist selbst der Rauschebart vom Hipsteraccessoire zum männlichen Normalzustand geworden. Quelle: iStock
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Man(n) hat es eigentlich immer gewusst: Alles kommt wieder. Die Farbkombination Braun-Orange – igitt! – kommt wieder. Das Modeverbrechen Hochwasserhose ist zurück. Aber auch der komplette Herrenanzug, der in weiten Kreisen über Jahre als nahezu reaktionär galt, ist heute – sehr schön! – erneut en vogue. Und seit einiger Zeit ist auch der Bart wieder da. So richtig. Nicht nur für den Hipster, der mit Rauschebart ein kreatives Fashionstatement abzugeben glaubte. Sondern für alle. Einfach so. Ohne weltanschauliche Sonderlocke.

Bartträger wissen: Er war nie weg. Und Nichtbartträger wissen im Grunde besser als jeder Bartträger, dass der Bart nie weg war, sie müssen dafür nur morgens in den Spiegel schauen. Ob sie am Vortag Klinge, Messer oder irgendeinen Power-Glide-Style-Apparat benutzt haben – egal. Der Bart kommt wieder.

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Glattrasiert verkauft sich schlecht

Über Jahrzehnte fristete er ein – wie soll man das nennen? Bartschattendasein? Das ist vorbei. Bester Gradmesser: die Werbung. Da ist schon fast nichts anderes mehr zu sehen als sprießendes Terminalhaar am Männerkinn. Zwei rauchende Herren stehen draußen, was für die Glimmstängelreklameerfinder das neue In ist, und tragen prägnante Gesichtsbehaarung.

Rasputin rühmt Wodka, Jesus preist Jeans, Karl Marx verkauft braune Kapitalistenbrause – oder war das der Weihnachtsmann? Es scheint, dass glatt rasierte Männer nur noch für das Letzte werben dürfen, an dem sie sich festhalten können: den Nassrasierer. Der aber, siehe oben, in der Langzeitbetrachtung wirkungslos bleiben muss.

Es wurde auch Zeit, erst recht angesichts des allgemeinen Enthaarungswahns. Vielleicht ist der Bart sogar der Beginn einer männerdominierten Gegenbewegung? Einfach deswegen, weil Männer keine Schweine sind und das ständige Abreißen der Borsten von Bauch, Brust, Beinen und Backen viel weniger aushalten als das angeblich schwache Geschlecht. Und so kommt es, dass die alten Fahndungsfotos von bin Laden heute problemlos als Shots von einem Pariser Laufsteg durchgehen würden. Was hat der Mann gemacht? Keine Ahnung, aber er sah cool aus dabei.

Gefühlte Bartdichte bei 70 Prozent

Nach den letzten Statistiken tragen 45 Prozent der Männer Bart, 62 Prozent sind es bei den jungen Männern. Jeder Blick in eine Fußgängerzone zeigt: Gefühlt sind wir längst bei 70 Prozent. Und wir wären schon darüber hinaus, gäbe es nicht die starre Business-Etikette. 16 Prozent der Nichtbartträger meinen, sie könnten sich aus beruflichen Gründen keinen Bart leisten (vielleicht sollten sie mal ihre Chefin fragen).

Allerdings geht völlig fehl, wer den Bart bloß für ein Trend- oder Stylingphänomen hält. Er ist viel mehr. Er ist ein Teil der Urgeschichte der Menschheit. Und der Männlichkeit: Der Bart schützt(e) vor Wind und Wetter, wirkt(e) bedrohlich auf Feinde. Nach wie vor signalisiert er Erwachsensein.

Jeder Mensch, auch der weibliche, macht beim Evolutionscrashkurs im Mutterleib im siebten Monat eine Phase der Ganzkörperbehaarung durch. 3000 v. Chr. hatten die Götter Tierköpfe – also Pelz im Gesicht. Es gab bald darauf bei Königen und Priestern elaborierte Zeremonialbärte, die der Bedeutung einer Krone gleichkamen. Später wurde bei den Ägyptern der Bart zum Zeichen inkorporierter Macht – religiöser, sozialer und sexueller Natur.

Er war nie weg: Karl Marx mit Denkerbart, MC Fitti mit Rapperbart, Sting mit Künstlerbart (von links). Quelle: Wikipedia, dpa, afp

Wobei die Bart- und Haupthaarpflege rasch zum Zeichen der Kontrolle der Triebhaftigkeit avancierte. Die alten Römer übrigens haben sich sogar ihre Venus mit Bart vorgestellt. Keinen Bart zu tragen war ein Sinnbild für Schwäche. Sklaven wurden geschoren. Zu Zeiten von Wilhelm Zwo wirkte die sinkende Monarchie noch einmal stilbildend und machte den Bart zum Symbol der Kaisertreue. Der Hoffriseur entwickelte eigens eine Barttinktur, die die Standfestigkeit der nach oben gezwirbelten Bartenden gewährleisten sollte.

Kleiner Exkurs zur Standfestigkeit: Der Bart ist ja auch ein Verkehrszeichen. Nicht umsonst läuft er bei den meisten Männern, wenn sie ihn denn lassen, nach unten hin spitz zu. Eine Funktion, die im 20. Jahrhundert von der Krawatte übernommen wurde, und seit die Krawatte nicht mehr ganz so angesagt ist, musste offenbar ein neuer körpernaher Hinweis her. Vielleicht war das sogar der eigentliche Grund für die Wiederkehr des Bartes.

Oder die Tatsache, dass Softies endlich und hoffentlich für immer out sind. Softies durften nicht piken. Männer müssen piken. Jedenfalls ab und zu. Dieses Naturgesetz (großes Wort, aber das ist es) wurde tatsächlich Ende des 19. Jahrhunderts beim Versuch einer Art kollektiver Haarwurzelspitzenresektion fast ausgehebelt. John F. O’Rourke hieß der Herr, der im Jahr 1898 das US-Patent Nr. 616554 auf den Elektrorasierer bekam.

Dreitagebart dank Sting

Und damit kumulierte dann alles: Körperkult, Sport, industrielle Revolution, Maschinengläubigkeit, moderne Lebensführung. Ergebnis: Das glatt rasierte Gesicht wurde Standard.
Wer dennoch Bart trug, den rückte die Gesellschaft in den Bereich des Animalischen. Oder er musste sich fragen lassen, ob er etwas zu verbergen habe. Überliefert ist die Geschichte einer Gattin, die ihren Gemahl nötigte, den Bart abzunehmen, Begründung: Sie wolle ihn endlich ganz nackt sehen. Müßig zu erwähnen, wie es mit der Ehe weiterging.

Die wenigen Bartträger, die es noch gab, waren links, jung, Studenten, Revolutionäre, Hippies. Dann wurden sie älter und rasierten sich. Die noch wenigeren, die nicht älter wurden, waren Seebären, Künstler oder verrückt. Die Gesellschaft spaltete sich: gut versus böse, konservativ versus progressiv, rasiert versus behaart.

Erst in der zweiten Hälfte der Achtziger wendete sich das Blatt. Der Dreitagebart kam in Mode. Wir verdanken ihn Leuten wie Sting. Der war schlicht zu faul, sich zwischen zwei Konzerten jedes Mal das Kinn zu schaben. Von da an wurde es langsam, aber stetig besser. Die Hipster nutzten den Vollbart als Möglichkeit, sich vom Rest der Welt abzugrenzen, offenbar nicht wissend, dass sie sich damit eigentlich in die Welt integrierten, denn nichts ist so normal an einem Mann wie ein Bart.

Vom Protestsymbol zum Modeaccessoire

Hinzu kam, was noch jede Jugendbewegung erlebt hat: Die Gesellschaft verleibt sich die Renitenz einfach ein und nimmt ihr so die Wirkung. Der Vollbart wandelte sich vom Protestsymbol zum Modeaccessoire. Um dann wieder zu dem zu werden, was er eigentlich ist: ein Maskulinum.

Inzwischen befassen sich, oh Wunder, sogar Männermagazine mit haariger Haut. Der Dreitagebart sei gut für rechteckige Männergesichter, lesen wir, da sie so weniger knochig wirkten. Vollbart mache aus Kindern Bohemiens oder Naturburschen. Schnurrbart wirke nostalgisch. Einen Kinnbart empfänden Frauen als temperamentvoll oder verträumt.

Bla, bla, bla. Jedermann sollte den Bart tragen, der zu ihm passt, sprich: mit dem er sich wohlfühlt. Welcher das ist, verrät ein Blick in den Spiegel. Vielleicht ist es dann auch gar kein Bart, mit dem man sich wohlfühlt. Und wenn man(n) sich mal vertan hat – keine Bange. Der Bart kommt wieder. Immer. Dauert nur ein bisschen. Müssen nicht alle Dinge, die uns was wert sind, langsam wachsen?

Von Bert Strebe

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