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Panorama Die Kunst der Kopie
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20:06 11.11.2016
Die Brüder Posin haben sich auf das Kopieren von Meisterwerken spezialisiert – ganz legal. Ihre Kunden kommen aus der ganzen Welt und bezahlen mehrere Tausend Euro für eine "Mona Lisa" oder einen Ernst Ludwig Kirchner. Ein Atelierbesuch. Quelle: Robin Reinhardt
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So also sieht eine Fälscherwerkstatt aus. Eine täuschend echt wirkende "Mona Lisa" prangt wie eine Ikone an der Wand gegenüber dem Eingang. Eine lilafarbene Seerosenlandschaft im Stil Monets hängt Seite an Seite mit Botticellis monumentalem Gemälde "Die Geburt der Venus". Und Franz Marcs "Pferd in der Landschaft" scheint aus dem Kölner Museum Folkwang geradewegs nach Berlin-Neukölln galoppiert zu sein.

Es riecht muffig wie in einer Männer-WG. Auf einem übervollen Teller türmen sich die Kaffeesatzreste von unzähligen Arbeitsstunden an der Staffelei. Auf dem ehemals grünen, fleckigen Teppich liegen zerdrückte Öltuben herum, an den Wänden lehnen Bilderrahmen. Die Risse in der schwarzen Ledercouch werden von einem Klebeband notdürftig zusammengehalten. In allen Ecken liegen verstaubte Flaschen hochwertigen Alkohols, unangerührte Mitbringsel zufriedener Kunden. Ein Zwischenreich aus Farbe und Zigarettenrauch.

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Tageslicht würde schließlich auch bloß die Bilder gefährden und die Illusion einer Parallelwelt zerstören, in der nur die Idee von einem Kunstwerk regiert. Dieser geben die drei russischen Brüder Eugen, Michael und Semjon Posin hier in ihrer Werkstatt eine neue Gestalt. Das Künstlertrio hat sich auf das Kopieren von Kunstwerken spezialisiert. Das ist 70 Jahre nach dem Tod des jeweiligen Urhebers ganz legal.

Fälscherbrüder: Michael, Eugen und Semjon Posin in ihrem Atelier in Berlin (von links nach rechts). Quelle: Robin Reinhardt

Die Posins, geboren zwischen 1944 und 1948, könnten mit ihren abgewetzten Lederwesten, den langen grauen Haaren und den rauchigen Stimmen auch als Mitglieder einer Ostrockband durchgehen. Ihre hageren Gesichter mit dem ernsten Ausdruck würden sich gut in einer Porträtsammlung für Alte Meister machen. Man möchte am liebsten "Gebrüder" sagen. Ihre Kunden kommen aus der ganzen Welt, die Website bietet Informationen in zehn verschiedenen Sprachen an, darunter Vietnamesisch, Chinesisch und Polnisch.

Bis zu 80 Bilder malen sie im Jahr. "Wir machen keine Massenproduktion", sagt Eugen Posin, der Sprecher des Trios. Immer mehr wohlhabende Kunden bestellen, die Werke werden so immer großformatiger. Ein DIN-A4-Bild kostet mindestens 1000 Euro, "eine Obergrenze gibt es nicht". Selbst für den inzwischen verstorbenen Papst Johannes Paul II. schuf Michael Posin ein Kreuz aus 17 Bildtafeln. Ein Ölbild in der Werkstatt zeigt die Audienz von Michael beim Papst, ihre Hände berühren sich inniglich.

Zwischen Genie und Ganove

Weshalb hängen sich die Menschen lieber ein wertvolles Duplikat ins Wohnzimmer, statt bei einem Nachwuchsmaler ein Original zu erwerben? Der Wiedererkennungsfaktor steigert den Kunstgenuss, das ist so wie bei einem Konzert, wenn zur Zugabe der alte Hit gespielt wird. Ein Bild der Posins ist etwas ganz anderes als ein Nachdruck von Ikea. Die Erhebungen der Farbhügel verleihen der Kunst buchstäblich etwas Erhabenes. Die öffentliche Wahrnehmung des Fälschers hat sich im Zuge der Beltracchi-Affäre gewandelt.

Das zeigt allein dessen Bezeichnung als "Jahrhundertfälscher". Das klingt ehrerbietig: Nicht nach einem Kriminellen, der einen geschätzten Schaden von rund 34 Millionen Euro verursachte und zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurde, sondern nach einem gewieften Schelm. Inzwischen hat Wolfgang Beltracchi eigene Ausstellungen mit seiner nachgemalten Kunst und veröffentlichte eine Autobiografie.

Die Mischung aus Ganove und Genie ist unwiderstehlich. Die Idee des autonomen Kunstwerks und der Einmaligkeit des Originals ist ins Wanken geraten. Der Fälscher ist kein bloßer Kopierer mehr, sondern steht mit dem Künstler des Originals auf einer Stufe. Eugen Posin malt schon länger Van Goghs als der Künstler selbst, der im Alter von 37 Jahren gestorben ist. "Ich muss nicht besser sein als er, es reicht, wenn ich genauso gut bin", kommentiert Posin. Die "Caféterrasse" hat er schon mehr als 20-mal auf die Leinwand gebannt.

Original und Fälschung: Die "Mona Lisa" von Leonardo da Vinci (1503, links) und die Kopie der Posins. Quelle: Robin Reinhardt / Wikicommons

Und auch ein Bild, das Van Gogh nie gemalt hat: Die "Sonnenblumen", eins der bekanntesten Motive des niederländischen Künstlers, sind verwelkt und liegen schlapp auf dem Boden. Man muss sich gut auskennen mit dem Werk eines Künstlers, um es spielerisch weiterzudenken. Nicht nur die Blumen, auch die "Mona Lisa" ließen die Posins altern, in Form einer Porträtreihe in verschiedenen Reifestufen. Sie ist aus Platzmangel im Keller untergebracht, in dem es wundersamerweise noch düsterer als im Atelier ist.

Hier lagern auch ein Gewehr sowie ein Kuhschädel, kuriose Geschenke. Auch Original-Posins sind hier versteckt. Ein Schwerpunkt neben der Kopie sind Heiligenbilder, die an Pop-Art erinnern. Ein Jesus mit schocklilafarbener Kutte trägt ein beinahe neonoranges Kreuz. Die Farben wirken so intensiv und knallig, als handele es sich um ein Kirchenfenster, durch das Licht einfällt.

Die Kopie von Stilen und Maltechniken mit leichten Variationen gehört zur Kunstgeschichte. Die Posins sprechen von der "Inkarnation eines Werkes". Für diesen Tag haben sie sich vorgenommen, ein Ölbild in wenigen Stunden zu vollenden: einen farbintensiven Akt von August Macke. Der Titel: "Sitzender Akt mit Kissen" aus dem Jahr 1911. Der Expressionist hat immer wieder seine Frau gemalt.

Immer näher ans Original

Eugen Posin zeichnet zunächst mit Bleistift die Umrisse der nackten Frau auf die 60 mal 80 Zentimeter große Leinwand. Sie sitzt mit dem Rücken zum Betrachter und hält ihren Kopf leicht gesenkt. Binnen weniger Sekunden ist so die Form für das Folgende vorgegeben. Eugen Posin fasst den filigranen Pinsel in der Mitte an wie ein Stäbchen im Asia-Restaurant. Einen Moment blickt er auf das Foto, das den Künstlern als Vorlage dient. Dann fährt er die Körperlinien mit schwarzer Farbe ab. Die weiblichen Rundungen nehmen Kontur an.

Immer wieder hält der Künstler inne, der Pinsel wackelt wartend in der Luft. Der Blick ist meist auf das Foto gerichtet und nicht auf das eigene Bild. Es ist ein bisschen wie bei Malen nach Zahlen: erst Himmelblau, dann Schwarz, ein sattes Violett, Altrosa und Gelb. Immer mehr Farbflächen füllen die Künstler aus. So werden allmählich die zum Dutt geformten Haare sichtbar, ein Kissenberg und eine Art Tasche.

Das Trio steht vor der Staffelei und starrt die Leinwand an. Einer sagt etwas auf Russisch, die anderen erwidern etwas. Die Diskussion wird leidenschaftlicher, klingt beinah nach Streit. Dann löst sich der Knoten, Michael Posin tritt an die Leinwand. Er testet einen Farbton, fügt noch etwas Deckweiß hinzu, um dem Original näherzukommen. Die drei Brüder wirken beim Malen wie ein Organismus, ein Comiczeichner würde sie vielleicht als ein Wesen mit drei Köpfen und drei Armen darstellen.

Die Werkstatt der Posins in Berlin-Neukölln ist gefüllt mit kunstvollen Kopien. Quelle: Robin Reinhardt

"Schon als Dreijährige hatten wir diesen Berufswunsch und haben Postkarten nachgezeichnet", erzählt Eugen Posin. "Wir haben diesen Beruf nicht gesucht, der Beruf hat uns gesucht." Für die Posins ist die Bezeichnung als Fälscher keine Beleidigung. "Kopieren, das gehört heute für uns zu unserer Person", sagt Eugen Posin.

Gelernt haben sie die Kunst der Kopie an der Kunstakademie Leningrad, dem heutigen St. Petersburg. Das Abmalen der alten Meister war ein elementarer Teil der Ausbildung. Weil die Brüder ihre Pinsel nicht in den Dienst des sozialistischen Realismus stellen wollten, verließen sie das Land. Seit 27 Jahren wohnen sie bereits in Berlin. Sie waren schon in Neukölln, ehe der Stadtteil hip wurde. Unmoralische Angebote bekommen sie immer wieder. Einmal hat ein Kunde versucht, ihre Kopien des britischen Romantikers William Turner als Originale zu verkaufen. Der Versuch flog auf – ohne Folgen für die Posins.

Immer wieder wird die Konzentration vom Läuten der Türklingel unterbrochen. Ein Journalist möchte ein Interview, ein Mann in den Fünfzigern ein Porträt seiner Frau im Warhol-Stil. Über solche Anfragen rümpfen die Posins die Nasen. Die einzige Grenze für die Künstlerbrüder ist die Zeit. Einerseits, weil sie so viele Aufträge bekommen, dass sie nie Urlaub machen. "Wir können kaum eine Anfrage ablehnen. Denn das Malen ist für uns kein Beruf, sondern eine Art von Leben", sagt Eugen Posin. Andererseits, weil das Urheberrecht erst 70 Jahre nach dem Tod erlischt. "Picasso, Dalí oder Chagall werden wir nie malen", sagt der Künstler mit leisem Bedauern.

Ein Macke im Kofferraum

Am Ende unterzeichnet er auf der Rückseite der Leinwand. Mit August Macke. Auch die Signatur und das ursprüngliche Entstehungsjahr gehören zur Kopie dazu. Mit dem Bild unterm Arm bildet man sich ein, dass die Passanten neugierig schauen. Selbst in der Hauptstadt kommt es nicht alle Tage vor, dass jemand mit einem täuschend echt aussehenden Meisterkunstwerk durch die Straßen schlendert. Die Farbe ist noch frisch, sie verbreitet im Auto einen intensiven Werkstattgeruch und das schelmische Vergnügen, Teil einer Verschwörung zu sein. Wer kann schon von sich sagen, er habe einen Macke im Kofferraum?

www.kunstsalon-posin.de
In Brandenburg gibt es in einem Hotel ein Museum mit 100 Posin-Bildern: www.seehotel-grossraeschen.de

Von Nina May

Interview mit Henry Keazor

Henry Keazor, Professor für Neuere und Neueste Kunstgeschichte an der Uni Heidelberg. Quelle: Oliver Dietze

Ist die Autonomie des Kunstwerks infolge der Beltracchi-Affäre nun eigentlich infrage gestellt?
Wolfgang Beltracchi ist nicht der erste Fälscher, der versucht, sich als Künstler zu etablieren. Bereits im 19. Jahrhundert wurde Giovanni Bastianini international als großer Künstler gefeiert, nachdem er als Fälscher von Renaissance-Skulpturen entlarvt worden war. Bei Han van Meegeren in den Vierzigerjahren oder Elmyr de Hory in den Siebzigerjahren war es genauso. Die Autonomie der Kunst stellt das nicht infrage. Sie ist seit den Sechzigerjahren sogar noch unantastbarer, weil es seitdem die sogenannte Fake- und Appropriation-Art gibt, welche sich Strategien des Kopierens und Fälschens im Rahmen eines konzeptuellen Ansatzes aneignet: Künstler wiederholen die Werke von Kollegen und eignen sich diese an. Aber im Unterschied zu Fälschern wollen sie gerade, dass dies vom Publikum auch erkannt wird, um so Fragen nach dem Wesen künstlerischer Kreativität aufzuwerfen und eben nicht, um zu betrügen.

Wie werden Fälschungen als solche enttarnt?
Das kann man so pauschal nicht beantworten, da dies von Fall zu Fall ja sehr unterschiedlich ist. Blickt man aber in die Geschichte der Fälschung zurück, sieht man, dass es meistens doch zunächst stilkritische Beobachtungen waren, welche erste Verdachtsmomente weckten, die dann von naturwissenschaftlichen Untersuchungen und Provenienzforschungen bestätigt wurden.

Welche Bedeutung haben die Kunstfälschung und das Kopieren allgemein in der Kunstgeschichte?
Beide Formen spielen eine große Rolle, zumal sie sich ja auf vielfältige Weise überkreuzen und ineinander übergehen: Künstler lernten anhand der Anfertigung von Kopien nach großen Meistern das technische Handwerk, weshalb dies ein fester Bestandteil des künstlerischen Unterrichts in Akademien war und zuweilen noch bis heute ist. Solche Kopien können dann jedoch, wenn sie nicht als Kopien, sondern als vermeintliche Originale in Umlauf gebracht werden, zu Fälschungen mutieren. Und Fälschungen befördern in gewisser Weise den Fortschritt in der Kunstgeschichte, denn um Fälschungen zu enttarnen, muss die Kunstgeschichte ihre Methoden verfeinern. Die Disziplin lässt sich meiner Meinung nach aber noch zu selten auf das Thema ein, beziehungsweise immer nur dann, wenn gerade mal wieder ein großer Fälschungsfall hochkocht. Hier sollte das Fach aktiver und weniger reaktiv sein.

Wie erklären Sie sich, dass kopierte Kunst immer beliebter wird?
Reproduktionen berühmter Kunstwerke sind schon immer beliebt gewesen, allerdings handelte es sich bislang dabei meistens um fotografische Wiedergaben. Wenn nun von Hand gemalte Reproduktionen erschwinglich werden, macht sie das noch attraktiver, weil sie dem Original insofern näherkommen, als sie händisch und zudem anscheinend mit den gleichen Materialien hergestellt sind. Der Begriff der "zertifizierten Fälschung" soll Original und Kopie einander dann noch weiter annähern: Biederen Kopien wird so der aufregende Geruch des scheinbar Kriminellen, Subversiven und Skandalösen hinzugefügt, ohne dass der Bereich des Legalen wirklich überschritten wird – paradoxe Wendungen wie "echte handgemalte" oder "legale Fälschungen" machen das ja schon deutlich.

Interview von Nina May

Bis zum 26. Februar ist am Institut für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg die Ausstellung "Fake: Fälschungen, wie sie im Buche stehen" zu sehen.

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