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Panorama Die Macht bleibt in der Familie
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20:06 25.11.2016
Von Stefan Koch
Immer wieder streben die Mitglieder prominenter Politiker-Familien in den USA in hohe politische Ämter. Wie kommt es zu immer neuen Kennedys, Bushs und Clintons? Und wird mit Trump jetzt alles anders? Quelle: RND
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Auf dem internationalen Parkett gelten japanische Diplomaten als Meister des Protokolls. Wer mit wem spricht und wer bei den Gesprächen zugegen sein darf, ist wohl nirgends so streng geregelt wie in Tokio. Umso überraschter zeigte sich Shinzo Abe von seiner ersten Begegnung mit dem künftigen Präsidenten der USA: Als der Ministerpräsident zum vertraulichen Gespräch mit Donald Trump in New York eintraf, saßen wie selbstverständlich Tochter Ivanka und Schwiegersohn Jared Kushner mit auf dem Sofa. Die Kinder, so gab man dem Gast aus Fernost zu verstehen, würden noch eine große Rolle in der Politik spielen.

Nun stammt Abe selbst aus einer Politikerfamilie. Sein Vater war Außenminister und sein Großvater saß im Parlament. Doch die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Trump-Kinder in ein hochsensibles Treffen einmischten, ging dem Premier entschieden zu weit. Mitglieder der japanischen Delegation mokierten sich später gegenüber Journalisten: Das Gebaren einer Königsfamilie stehe den Vertretern der größten Demokratie der Welt nicht gut zu Gesicht.

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Mit diesem Rüffel wäre die Angelegenheit vielleicht erledigt gewesen, hätte nicht ein Reporter dem Diplomaten eine schlagfertige Antwort gegeben: "Politische Dynastien sind in Amerika ebenso alt wie die Demokratie."
Nun lässt sich darüber streiten, ob die Trumps bereits in diese Kategorie fallen. Der 70-jährige Donald ist der Erste seiner Familie, der in ein öffentliches Amt gewählt wurde. Allerdings engagierten sich die Kinder Ivanka, Donald Junior und Eric so offensiv im Wahlkampf, waren so sicht- und hörbar, dass sie bei einer eigenen Kandidatur für ein politisches Amt wohl keine allzu großen Hürden mehr zu überwinden hätten.

Dynastien statt Aristokratie

Es mag auf den ersten Blick erstaunen, aber viele Amerikaner pflegen einen entspannten Umgang mit Politikerfamilien. Und sie nehmen es gelassen hin, dass politische Macht in diesen Familien über Generationen hinweg "vererbt" wird. Als die junge Republik nach dem amerikanischen Revolutionskrieg ihrem ersten Präsidenten die Krone anbot, lehnte George Washington ab. Für eine Monarchie, sagte er, hätten nicht Tausende Amerikaner ihr Leben gelassen. Schon die Verfassung von 1787 legt es fest: Im Land der Freiheit ist kein Platz für eine Aristokratie. Die Verleihung von Adelstiteln ist verboten.

Vielleicht fehlt den Amerikanern deshalb etwas. Vielleicht haben sie sich deshalb so etwas wie bürgerliche und politische Dynastien geschaffen. John Quincy Adams wurde 1825 zum sechsten US-Präsidenten gewählt – er war Sohn des zweiten Präsidenten, John Adams. Clans wie die Kennedys werden bis heute fast wie moderne Königsfamilien gefeiert. Die Geschichten aus dem Privatleben der weitläufigen Verwandtschaft füllen nach wie vor die Klatschspalten der Boulevardpresse.

Familie Bush vergisst nicht

Und was der Demokratischen Partei die Kennedys sind, das sind die Bushs den Republikanern. So geht die scharfe Kritik, die viele Konservative an Trump üben, nicht zuletzt auf die frühzeitige Niederlage zurück, die Jeb Bush im Vorwahlkampf als Präsidentschaftsbewerber gegen den pöbelnden Geschäftsmann aus New York erlitten hat. Bruder George W. Bush hatte sogar noch Ende Oktober die Öffentlichkeit wissen lassen, dass er trotz seines republikanischen Parteibuchs für Hillary Clinton stimmen werde. (Am Ende hat er sich eigenem Bekunden nach nur der Stimme enthalten.)

Die Familie vergisst so schnell nicht. Immerhin wird sie von ihrem Biografen Peter Schweizer als eine der erfolgreichsten politischen Dynastien Amerikas beschrieben. Da gab es nicht nur Präsidenten und Gouverneure in jüngerer Zeit, sondern bereits den Großvater von Jeb und George W., Prescott Sheldon Bush, der als Senator in Washington den Bundesstaat Connecticut vertrat. Und Jeb Bushs Sohn George Prescott Bush ließ sich vor zwei Jahren in Texas in sein erstes öffentliches Amt wählen.

Dass dem 40-Jährigen auf Anhieb die Direktwahl zum Chef der einflussreichen Land-Behörde gelang, erstaunt nur auf den ersten Blick. Wahlforscher gehen davon aus, dass die Träger berühmter Namen einen geradezu natürlichen Vorsprung besitzen, da sie sich nicht erst Land und Leuten vorstellen müssten.

Reiche, einflussreiche Familien

Die Harvard-Professorin Barbara Kellerman erforscht seit Jahren Amerikas politischen "Adel" und kommt zu der Erkenntnis: Durch die Massenmedien hat sich ein "Celebrity-Kult" entwickelt, der Mitgliedern von einflussreichen Familien den Weg an die gesellschaftliche Spitze erleichtert. Bei Direktwahlen, in denen Parteizugehörigkeiten nur eine untergeordnete Rolle spielen, schlage dieser Vorsprung voll durch.

Ein Phänomen, das sicherlich nicht ganz neu ist, wie sich am Beispiel der Familiengeschichte von Rodney Frelinghuysen zeigt. Der 70-Jährige vertritt seit 1995 den Bundesstaat New Jersey als Abgeordneter im Repräsentantenhaus. Seine Vorfahren waren seit 1793 im US-Parlament vertreten – insgesamt in 25 Legislaturperioden. In seinem Stammbaum finden sich ein Außenminister, diverse Senatoren und Abgeordnete. Ein gewisser Frederick Frelinghuysen zählt sogar zu den Verfassungsvätern des Staates New Jersey.

Über die tieferen Ursachen der unzähligen kleinen und großen Dynastien in Amerika lässt sich sicherlich streiten. Offenkundig ist es aber für vermögende Persönlichkeiten einfacher, den Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen: So zählt die breite Mehrheit der Kongressabgeordneten zu den Millionären. New Yorks früherer Bürgermeister Michael Bloomberg verfügt sogar über mehrere Milliarden Dollar.

Der Klassiker – die Kennedys: John F. Kennedys Tochter Caroline fährt als neue US-Botschafterin am kaiserlichen Palast in Tokio vor. Quelle: afp

In Washington wird ohnehin vom "American Way of Politics" gesprochen, andere verweisen auf die enormen Kosten, die die Wahlkämpfe der Direktkandidaten verschlingen. Wer nicht über ein gut gefülltes Bankkonto oder über finanzkräftige Sponsoren verfügt, hat in diesen Auseinandersetzungen wenig Chancen.

Nach Kellermans Einschätzung waren die Kennedys die erste Familie, die ihren Namen zu einer Marke entwickelte. JFK (John F. Kennedy) war zu Lebzeiten überaus populär – und sei durch das tödliche Attentat zur Legende geworden, die bis heute unzählige Amerikaner fasziniere. Begründet wurde die Dynastie von Patrick Joseph (P. J.) Kennedy. Dessen Vater wiederum legte durch einträgliche Kooperationen mit dem Großindustriellen Rockefeller das finanzielle Fundament. Namen wie Senator Edward "Ted" Kennedy und Präsidentengattin Jackie Kennedy sind quasi jedem Amerikaner ein fester Begriff.

Bis heute ist die Familie in der Staatsspitze präsent: JFK-Tochter Caroline vertritt die Vereinigten Staaten seit 2013 als Botschafterin in Japan. Und im Kongress in Washington ist zurzeit Joseph Patrick Kennedy III. als Vertreter des Bundesstaates Massachusetts aktiv. Der 36-Jährige ist der Enkel von Robert und der Großneffe von John F. Kennedy. Ohne falsche Bescheidenheit gab er in diesem Sommer bekannt, dass er in absehbarer Zeit vom Repräsentantenhaus in den noch ehrwürdigeren Senat wechseln wolle.

Grundlage für die nächste Dynastie

Gemessen an dieser Generationenfolge lassen sich die Clintons noch nicht als Dynastie bezeichnen, wenngleich Chelsea Clinton regelmäßig anmerkt, sich einen Einstieg ins Politikgeschäft vorstellen zu können. Ihre Mutter Hillary Rodham Clinton hätte wiederum für sich verbuchen können, bei einer erfolgreichen Wahl sowohl die erste Frau auf dem Chefsessel im Weißen Haus zu sein als auch die erste Ehefrau, die ihren Ehemann im mächtigsten Staatsamt beerbt.

Nun bleibt sie mit ihrer Arbeit als Senatorin und Außenministerin in Erinnerung. Aus ihrem Wahlkampf ist da eine überraschende Bemerkung hängen geblieben, die so schnell nicht vergessen wird. Als sie in der zweiten TV-Debatte Anfang Oktober vor einem Millionenpublikum gefragt wurde, ob ihr politischer Gegner auch eine positive Seite besitze, antwortete sie spontan: Es spreche für Donald Trump, dass er so beeindruckende Kinder habe. Sie seien unglaublich gut qualifiziert. Damit legte Clinton – gewollt oder nicht – die Grundlage für den Mythos von der nächsten Dynastie.

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