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14:26 18.05.2016
Jugendlichkeit galt lange nur als Ideal für das äußere Erscheinungsbild. Doch Malbücher für Erwachsene, Edel-Lego und Geocaching zeigen: Das Streben nach kindlicher Neugier und Unschuld ist gesellschaftsfähig. Quelle: Maxime De Ruyck / CC BY 2.0
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Man stelle sich eine Mittdreißigerin im Berliner Hipstercafé St. Oberholz vor. Während die anderen Gäste mit ihren iPads spielen, zückt sie ein Malbuch und füllt genüsslich die Konturen von Eulen, Schlössern und Schmetterlingen mit blauen, gelben oder grünen Buntstiften aus. Bis vor kurzem hätte die digitale Bohème angesichts dieses doppelten Anachronismus' amüsiert in ihren Latte macchiato geschnaubt.

Doch inzwischen gehört die Beschäftigung mit Malbüchern auch bei Erwachsenen zur Alltagskultur. Eine Schottin namens Johanna Basford hat für einen regelrechten Boom der Malbücher für Volljährige gesorgt. Damit hat die 33-Jährige offenbar einen Nerv getroffen: 16 Millionen Mal haben sich ihre Bücher mit verwunschenen Motiven vom Zauberwald bis zum fantastischem Ozean weltweit verkauft.

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Die Menschen laden Fotos ihrer Kreationen bei Facebook hoch und kampieren sogar vor den Buchläden, um als Erste ein neues Basford-Bild mit Farbe füllen zu dürfen. Der britische Buchhändler Waterstone registrierte jüngst bei Malbüchern einen Anstieg der Verkaufszahlen um 300 Prozent. Auch bei der Leipziger Buchmesse wurden die Bücher mit naiven Motiven und kitschigen Namen wie "Mein verzauberter Garten" als Megatrend der Branche angepriesen – und das, obwohl sie größtenteils ohne Text auskommen.

Ausmalen als Alltagsflucht

Weshalb nur boomt dieses Malen ohne Zahlen? Vielleicht, weil sich die Ausmaler dank der vorgegebener Konturen – und unabhängig ihres bildnerischen Talents – ein wenig wie Künstler fühlen können. Ein Bild ausgefüllt zu haben, ist ein Erfolgserlebnis, das einfach zu haben ist. Die wiederkehrenden Muster sollen zudem beruhigend und stabilisierend wirken, Populärwissenschaftler schwärmen gar von "Yoga für die Seele". Die sinnlich greifbare Beschäftigung setzt zudem einen Kontrapunkt zu einem zunehmend durchtechnisierten Alltag.

In diese Kerbe schlägt auch das Marketing zahlreicher Nachahmer. Bei den mehr als 2000 Titeln, die etwa der Onlinehändler Amazon führt, heißt es etwa: "Mit friedvollen Bildern vom Alltag entspannen". Oder simpler: "Farbe rein, Stress raus". Dank der Verheißung von Entschleunigung und Stressabbau ist in der Erwachsenenwelt eine Praxis salonfähig geworden, die vormals ausschließlich Kindern zugebilligt wurde.

Kulturpessimisten sprechen schon von einem Werteverfall, weil nicht mehr Sloterdijks Schriften, sondern Malbücher die Bestsellerlisten anführen. Sie klagen über Realitätsflucht, über Neo-Biedermeier, über einen Rückzug ins Private – und diagnostizieren gar einen Infantilisierung der Gesellschaft.

Paintball, Lego, Geocaching

Allerdings hat sich das Image von "kindlichem Verhalten" längst geändert: Die Bezeichnung "infantil" war noch vor kurzem ein Schimpfwort, bestenfalls eine Verspottung. Ein derartig Belächelter war nicht ausgereift, in der Spielphase verhaftet, kein ernstzunehmendes Mitglied der Gesellschaft. Oder noch schlimmer ein Narzisst, der sich jeglicher Verantwortung entzogen hat.

Derart böse Bewertungen der ewig Verspielten sind längst passé. Denn: Das Peter-Pan-Syndrom greift um sich – und Erwachsenenmalbücher sind nur eines von vielen seiner Symptome. Beim Paintball beschießen sich Junggesellenabschiedsgesellschaften wonnevoll mit bunter Farbe, die perfekt durchchoreografierte Lego-Marketingmaschine verkauft Steinchenstapeln als erfüllende Feierabendbeschäftigung und Kartbahnen stehen zur Spontanentspannung in so manchem Seminarraum bereit.

Und: Das bundesweit boomende Spiel "Escape Room", bei dem man in der Gruppe Rätsel lösen muss, um sich aus einem Raum zu befreien, sowie das GPS-basierte Geocaching sind letztlich nichts anderes als komplexere Formen der Kindergeburtstagsschnitzeljagd.

Sehnsucht nach Unbeschwertheit

Es gibt Profi-Murmelbahnen, deren Aufbau beinahe ein Ingenieursdiplom erfordert. Manga-Sammelfiguren, deren Preis jedes Taschengeldbudget sprengt. Die "Sendung mit der Maus" zu schauen gilt als Kult beim Sonntagsbrunch mit Freunden, und die immer zahlreicher werdenden Comichelden auf der Kinoleinwand gebärden sich oft wenig jugendfrei.

Wer sich der Erwachsenenwelt verweigert wie die Figur Oskar Matzerath in Günter Grass' Roman "Die Blechtrommel" machte sich früher verdächtig. Doch das Kind in sich zu entdecken, das ist heutzutage kein Anzeichen von Regression mehr, sondern ein erklärtes Sehnsuchtsziel. Es klingt nach Unbeschwertheit, nach einem Alltag jenseits von Börsenkursen, Riesterrente und Hausratsversicherung.

Die Peter-Pan-Gesellschaft kann als eine Rückkehr der nach den Anschlägen vom 11. September 2001 totgesagten Spaßgesellschaft unter neuen Vorzeichen verstanden werden. Sie ist gewissermaßen eine FSK-0-Version der gierigen Hedonisten von einst, eine Huldigung des Augenblicks ohne Exzess.

Ewige Jugend – innen wie außen

Im Sinne des äußeren Erscheinungsbildes war Jugend schon lange ein Ideal, die Kosmetikindustrie basiert auf dem Leitbild eines enthaarten, unschuldigen, also kindlichen Körpers. Im Innern sollte es dann aber bitte doch eher kultiviert, abgeklärt und irgendwie weiter vorangekommen aussehen. Alles andere galt noch unlängst als furchtbar peinlich.

Spielerisches, ausprobierendes Erkunden der Welt wird schon lange als Motor kindlicher Entwicklung akzeptiert. Nun scheinen wir uns unbewusst auf diese Neugier zurückzubesinnen und begreifen das Universum als Spielwiese. "One Age" lautet die neue Losung, die die Überwindung von altersspezifischen Vorlieben propagiert: Eltern und Kinder lesen gleichermaßen "Harry Potter", ein Freizeitparkbesuch ist auch ohne die Begleitung von Alibi-Nachwuchs möglich.

Die Grenzen zwischen Erwachsenen und Kinderwelt verwischen generell immer mehr. Nachwachsende Generationen verhalten sich immer weniger so, wie es traditionellen Vorstellungen von Kindheit entspricht: Rasante Games auf dem iPad scheinen oft kurzweiliger als klassische Brettspiele. Und weshalb sollte man den sperrigen Buntstiftkasten mit sich herumschleppen, wenn man mit Apps wie "Happy Kids Ausmalen" auch gleich den Finger als Pinsel verwenden kann, der mit einer schnellen Wischgeste jede beliebige Farbe annimmt?

Kinder werden zu Technikcracks

Während die Gesellschaft sich genussvoll infantil gebärdet, werden Kinder zu kleinen Technikcracks, kommunizieren immer früher wie die Erwachsenen. Während sich ihre Eltern zum Spieleabend beim Bier treffen, erzählt die Vorlese-App die Gute-Nacht-Geschichte.

Diese Entwicklung muss man gewiss nicht gleich als Niedergang der Zivilisation betrachten. Ebenso, wie es im Leben einer Balance aus Freizeit und Arbeit, Spaß und Ernst bedarf, brauchen wir womöglich auch ein Gleichgewicht zwischen den gefühlten Lebensaltern.

Wer einem Freund am Abend einen großmütterlich weisen Ratschlag erteilt, der darf am nächsten Morgen durchaus auch mal enkelhaft "Angry Birds" zocken. Und all die Schwarzmaler, die unsere Gesellschaft schon zum Kindergarten mutieren sehen, sollten vielleicht einfach mal ein Bildchen ausmalen. Gerne in allen Farben des Regenbogens.

Von Nina May

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