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Panorama Die Planetenjäger
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20:05 20.05.2016
Der Carinanebel im Sternbild Kiel des Schiffs. Hier entstehen neue Sterne und Planeten.
Mindestens 6500 Lichtjahre von der Erde entfernt: Der Carinanebel im Sternbild Kiel des Schiffs. Wissenschaftler vermuten, dass es Milliarden von Planeten allein in unserer Galaxie gibt. Von der Suche nach neuen Welten – und nach Leben im All. Quelle: Esa / Nasa
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Diesen Planeten hätte es gar nicht geben dürfen. "51 Pegasi b" ist ein Riese, etwa elfmal so groß wie die Erde. Er umkreist seine Sonne in einer so engen Umlaufbahn, dass deren gewaltige Anziehungskräfte ihn eigentlich in Stücke reißen müssten. Deshalb erntete der Schweizer Astronom Michel Mayor am 6. Oktober 1995 bei einer Fachtagung in Florenz nur Zweifel und Kopfschütteln, als er seinen Kollegen die Entdeckung des ersten Planeten außerhalb unseres Sonnensystems verkündete.

Heute sind alle klüger. Schon bald wurden die Daten des Schweizers von US-Experten bestätigt. Weltweit berichteten Zeitungen, Radio und Fernsehen über die wissenschaftliche Sensation. Damit nicht genug: Praktisch nebenbei hat Mayor eine ganz neue Disziplin innerhalb der Astronomie begründet – seit jener Konferenz in Florenz jagen Wissenschaftler systematisch nach neuen Planeten.

Mit immer besseren Teleskopen und Computern haben sie bis heute bereits mehr als 3400 gefunden, jede Woche kommen neue hinzu. Und immer geht es dabei auch um die eine große Frage: Gibt es jenseits der Erde Leben im Universum?

"Planeten findet man nicht wie Juwelen"

Berlin, Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in der Rutherfordstraße. Hier gibt es kein Teleskop. Stattdessen schlichte Büroräume, schnöde Computer. Die Fernrohre, mit denen der Weltraum nach neuen Planeten abgesucht wird, stehen in Chile, in Spanien oder befinden sich im Orbit um unsere Erde. "Bei uns ist es nicht spektakulär", sagt die Physikerin Ruth Titz-Weider halb entschuldigend. Denn hier geht es vor allem darum, die von den Teleskopen gesammelten Daten auszuwerten.

Routiniert spricht die 55-Jährige von der Suche nach fernen Planeten, die nicht um ­unsere Sonne kreisen, also nicht Teil unseres Sonnensystems sind. Deshalb heißen sie extrasolare Planeten, oder kurz: Exoplaneten. Für Titz-Weider ist das vor allem Grundlagenforschung. Es geht auch darum, die Entstehung unseres Sonnensystems mit den acht Planeten von Merkur bis Neptun besser zu verstehen.

Science-Fiction, sagt sie, habe sie nicht sonderlich inspiriert, mit Klingonen oder Jedis kann sie nicht viel anfangen. Doch wenn sie von ihrer Profession spricht, redet sie ganz selbstverständlich von "Goldnuggets", "Diamanten" und "Juwelen": "Planeten findet man nicht wie Juwelen, die man einsammelt und auf einem Tisch vor sich aufreiht", sagt sie etwa, und es blitzt etwas von der Faszination für ihre Arbeit auf. Die sei sehr schön, versichert sie, zugleich aber auch recht mühsam.

Glühwürmchen neben Flutscheinwerfern

Das liegt daran, dass Exoplaneten unglaublich weit von uns entfernt sind. "51 Pegasi b" etwa zieht in 50 Lichtjahren Entfernung seine Bahn, das sind gut 470 Billionen Kilometer. Weil Planeten nicht leuchten, sondern nur das Licht ihrer Sonne schwach reflektieren, sind sie auf diese Distanz in den meisten Fällen nicht direkt zu beobachten.

Hinzu kommt, dass ihre Sonne Milliarden mal heller strahlt: Einen Exoplaneten einfach mit einem Teleskop zu suchen wäre etwa so, als würde man aus großer Entfernung ein Glühwürmchen neben einem Flutscheinwerfer sichten wollen.  

Doch die Planetenjäger haben ausgefeilte Methoden entwickelt, um diese kosmischen Glühwürmchen aufzuspüren. So arbeiten sie längst nicht mehr nur mit Teleskopen, die auf der Erde errichtet wurden, sondern haben schon mehrere Instrumente ins All gebracht, um ungestört von der irdischen Atmosphäre Lichtjahre weit ins Universum spähen zu können.

Das Weltraumteleskop Kepler: Seit 2009 sucht das 600 Millionen Dollar teure Gerät vom All aus nach fernen Planeten – mehr als 1000 hat es bereits gefunden. Quelle: Nasa

Bahnbrechend war etwa der Erfolg des Weltraumteleskops "Kepler", das die Nasa 2009 ins All schickte. Allein "Kepler" hat bisher fast 2400 Exoplaneten entdeckt. Es war  in der vergangenen Woche eine kleine Sensation, als die Nasa berichtete, dass 1300 von "Kepler" entdeckte Objekte tatsächlich Planeten sind.

Viele Daten seien nicht eindeutig, sie müssten immer wieder überprüft werden, betont Titz-Weider: "Das sind aufwändige, mehrstufige Verfahren, bei denen viele Fehlerquellen ausgeschlossen werden müssen." Bis aus einem "Kandidaten" ein bestätigter Exoplanet wird, kann viel Zeit vergehen. So gibt es derzeit noch mehr als 2400 planetenähnliche Himmelskörper, deren Status noch nicht geklärt ist.

Die Berliner Wissenschaftler arbeiten an einer eigenen Mission, die noch erfolgreicher sein soll als "Kepler". Das von der Europäischen Weltraumorganisation Esa geleitete Projekt heißt "Plato" und könnte der Planetenforschung neue Dimensionen erschließen. Geplant ist, in acht Jahren eine Plattform mit 34 kleinen Teleskopen in 1,5 Millionen Kilometer Entfernung von der Erde in Stellung zu bringen. Mindestens sechs Jahre lang sollen sie mit ihrer kombinierten Sehkraft bis zu eine Million Sterne überprüfen und dabei 50 Prozent des Himmels untersuchen.

Winzige Helligkeitsunterschiede

So dürften Tausende neue Planeten entdeckt werden. Das Besondere: "Plato" fahndet in der Nähe heller Sterne, um Objekte zu finden, die etwa so groß wie die Erde sind und deren Masse und Alter ermittelt werden können. Denn nur mit diesen Informationen lässt sich letztlich bestimmen, ob es sich um einen Gesteinsplaneten oder etwa einen kleinen Gasplaneten handelt, auf dem kein uns bekanntes Leben möglich ist.

Bei der Suche gibt es vor allem zwei Verfahren; die erfolgreichste ist die Transitmethode, mit der auch "Plato" arbeiten wird: Wenn ein Planet von der Erde aus gesehen vor einem Stern vorbeizieht, reduziert er dessen Helligkeit – ein Effekt, den wir von Sonnenfinsternissen kennen, wenn der Mond sich zwischen Erde und Sonne schiebt. Doch ein Exoplanet bedeckt nur einen winzigen Teil seiner Sonne, so kann er sie nur um Prozentbruchteile abdunkeln.

Auch die besten Instrumente können nicht die Silhouette des Planeten zeigen, sehr wohl aber die Abnahme der Helligkeit des Sterns messen. "Aus dem All betrachtet bewirkt ein Transit der Erde vor der Sonne, dass diese um ein hundertstel Prozent dunkler wird", erklärt Titz-Weider. Bei Jupiter, dem größten Planeten in unserem Sonnensystem, sei es auch nur ein Prozent. Wenn diese Verdunkelung regelmäßig auftritt, dann deutet dies darauf hin, dass da draußen ein Planet seine Sonne umkreist.

Schlingernde Sterne

Kurze Umlaufzeiten sind sehr hilfreich: Bei unserer Erde müssten Beobachter 365 Tage warten, bis sich die Verdunkelung wiederholt, sie also relativ sicher sein könnten, dass ein Planet die Ursache ist. Beim Jupiter wären es sogar zwölf Jahre. Mit der Transitmethode wurden bisher 2660 Planeten gefunden, bei denen aus dem Grad der Verdunkelung auch gleich die Größe berechnet werden konnte.

Deutlich weniger effektiv (666 neue Planeten) ist die Radialgeschwindigkeitsmessung: Wenn ein Stern und ein Planet sich umkreisen, ziehen sie sich gegenseitig an. Die Anziehungskraft des Planeten ist zwar sehr schwach, genügt aber, um den Stern auf seinem Weg durchs All ein ganz klein wenig schlingern zu lassen.

Dies führt zu einer regelmäßig wiederkehrenden Veränderung der Wellenlänge des Sternenlichts, die sich exakt messen lässt. Je stärker der Stern wackelt, umso größer muss das Gewicht seines Planeten sein, so kann man die Mindestmasse des neu entdeckten Himmelskörpers bestimmen.

Suche mit der Transitmethode: Ein Exoplanet bedeckt bei einem Vorbeiflug einen winzigen Teil seiner Sonne, die dadurch um Prozentbruchteile abgedunkelt wird. Diese Abdunklung lässt sich messen. Quelle: Esa

Für die Astronomen geht es um Grundsätzliches: Wie entwickelt sich ein Planetensystem? Wie formen sich Planeten? Verändern sie ihre Umlaufbahnen? "Wir lernen die allgemeinen Regeln der Entstehung eines Planetensystems", sagt Titz-Weider. Wobei auch noch ganz neue Arten von Planeten entdeckt wurden: Super-Erden, Mini-Neptune oder heiße Jupiter. "Wir öffnen ständig Türen", schwärmt Titz-Weider, "die uns zu neuen Türen führen, hinter denen es weitere spannende Fragen gibt."

Doch auch die "Plato"-Mission hat noch ein anderes offizielles Ziel: die Suche nach Leben auf fernen Planeten. Dabei geht es nicht allein um Mikroben oder intelligente Aliens. Sondern zunächst darum, die Entwicklung von Leben besser zu verstehen, betont die Astrophysikerin Lisa Kaltenegger. Auf welchen Planeten, heiß oder kalt, klein oder groß, alt oder jung, kann Leben existieren, fragt die Direktorin des Carl Sagan ­Instituts in Ithaca (US-Bundesstaat New York).

Die meisten bisher aufgespürten Exoplaneten sind zu nah an ihrer Sonne oder zu weit von ihr entfernt, damit sich Organismen dort wohlfühlen können: Entweder glüht ihre Oberfläche, oder sie ist permanent gefroren. Sicher wissen wir bisher nur, dass es Leben auf der Erde gibt – daraus lassen sich Parameter für die Suche ableiten: Der ideale Kandidat müsste eine felsige Oberfläche haben, er dürfte höchstens zehnmal so schwer und doppelt so groß wie unser Heimatplanet sein.

Zwillingserde Kepler 452 b

Außerdem müsste er sich in der sogenannten habitablen Zone befinden, das ist genau der Abstandsbereich um einen Stern, der Temperaturen erwarten lässt, bei denen Wasser weder verdampft noch permanent vereist. Denn Wasser ist unverzichtbar für Leben, wie wir es kennen. Und nur nach dieser Form von Leben können wir gezielt suchen. Bisher wurden 550 Planeten lokalisiert, die in Bezug auf ihre Größe der Erde ähneln, 21 bewegen sich in der habitablen Zone.

Immer wieder sorgt die Entdeckung einer neuen Super-Erde für Aufsehen. Im vergangenen Sommer bejubelte die Nasa sogar den Fund einer "Zwillingserde": "Kepler 452 b", 1400 Lichtjahre von uns entfernt, hat in etwa die richtige Größe und umkreist seinen Stern in 385 Tagen innerhalb der bewohnbaren Zone. Außerdem ähnelt sein Stern auch noch unserer Sonne.

Das ist sehr vielversprechend, aber "Kepler 452 b" könnte trotzdem ein extrem lebensfeindlicher Gasplanet sein. Oder er ist zwar ein Gesteinsplanet, aber hat wie der Mars eine viel zu dünne und für uns giftige Lufthülle. Tatsächlich hat man bisher bei keinem Exoplaneten mit felsiger Oberfläche auch nur die Spur einer Atmosphäre gefunden. "In manchen Fällen kommen wir mit unseren Untersuchungsmethoden einfach nicht weiter, dann ist eben Schluss", bedauert Titz-Weider.

Auf der Suche nach Sauerstoff und Methan

Weil es so viele Parameter und Einflussfaktoren gebe, könne die Astronomie nicht einfach feststellen, welcher Planet der Erde am ähnlichsten ist. Denn hinfliegen und mal eben nachschauen ist bis auf Weiteres unmöglich: Die Reisen könnten Hunderte oder Tausende von Jahren dauern, weil irdische Raumschiffe aus physikalischen Gründen niemals auch nur annähernd mit Lichtgeschwindigkeit fliegen können werden. Das weiß man seit Albert Einsteins Relativitätstheorie.

Die Astrophysikerin Kaltenegger versucht deshalb, den "Licht-Fingerabdruck" der Exoplaneten zu ermitteln. Wenn sich ein Planet vor einen Stern schiebt, filtert seine Lufthülle, sofern er eine hat, einen kleinen Teil des Sternenlichts. Das Spektrum dieses Lichts wird, wie bei einem Regenbogen, von Spektrografen zerlegt und aufgezeichnet.

Weil chemische Elemente im Lichtspektrum eindeutige Spuren hinterlassen, kann man durch den Vergleich von normalem und gefiltertem Sternenlicht die Gase in der Planetenatmosphäre identifizieren. Würde man mit dieser Methode auf einem Planeten in der habitablen Zone Sauerstoff, Ozon oder Methan finden, wäre das ein sehr deutlicher Hinweis auf Lebensformen, weil alle drei durch organische Prozesse erzeugt werden können. Aber bisher wurde dieser spezielle Cocktail in der Luft nirgendwo gefunden.

Kandidat in der habitablen Zone: Der Planet Kepler 442 b im Sternbild Leier ist etwa so groß wie die Erde und umkreist seine Sonne in der Zone, in der Leben möglich ist. Möglicherweise ist er zudem ein Gesteinsplanet, hat also eine feste Oberfläche. Quelle: Nasa

Irgendwann jedoch, da sind die Planetenforscher sicher, wird man solche oder andere Spuren von Leben im Universum aufspüren. Dafür spricht die Wahrscheinlichkeitsrechnung: Aus den bereits entdeckten Exoplaneten haben Wissenschaftler errechnet, dass es vermutlich allein in unserer Milchstraße mindestens 100 Milliarden Planeten gibt. Sie vermuten, dass davon wiederum gut eine Milliarde potenziell lebensfreundliche Welten sind – und die Milchstraße ist nur eine von Milliarden Galaxien mit jeweils Milliarden Sternen.

Paul Hertz, Direktor der Astrophysik-Abteilung bei der Nasa, geht sogar davon aus, dass es insgesamt mehr Planeten als Sterne geben könnte. Warum soll es bei so vielen Möglichkeiten nur auf der Erde Leben geben? Skeptiker halten dagegen, dass unglaublich viele Faktoren zusammenkommen mussten, damit sich auf der Erde die Menschheit entwickeln konnte. Tatsächlich wäre es ein gewaltiger Zufall, wenn es woanders exakt die Art von Leben gäbe, die wir kennen. Aber warum soll sich nicht eine andere Form von intelligentem Leben entwickelt haben?

"Warum sind sie nicht hier?"

Eine mögliche Antwort darauf gab schon im Sommer 1950 der Physiker und Nobelpreisträger Enrico Fermi, indem er seine berühmte Gegenfrage stellte: "Warum sind sie nicht hier?" Wenn es im gewaltig großen Universum außerirdisches Leben gibt, müssten doch längst ein paar Aliens auf der Erde gelandet sein.

Oder wir müssten eindeutige Signale empfangen haben, die ihre Existenz irgendwo da draußen beweisen würden. Haben wir aber nicht. Ergo gibt es die Aliens nicht, lautete Fermis Schlussfolgerung, die als "Fermi-Paradoxon" in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen ist.

Überzeugend ist das jedoch nicht. Es gibt zahlreiche Gründe, warum intelligente Lebewesen darauf verzichten könnten, zur Erde zu fliegen: Vielleicht ist ihnen der technologische Aufwand zu hoch, die Reisen könnten zu teuer sein, zu lange dauern, mit unkalkulierbaren Risiken verbunden sein – gute Gründe, die ja auch uns Menschen bisher daran gehindert haben, uns auf den Weg zu fernen Planeten zu machen.

Das "Wow!"-Signal ungeklärter Herkunft

Spuren in Form von Funk- oder Lichtsignalen dürfte allerdings jede Zivilisation ins All senden, so wie wir Menschen es seit etwa 100 Jahren ständig tun. Das Seti-Projekt (Search for Extraterrestrial Intelligence) lauscht deshalb seit 1960 mit Radioteleskopen ins Universum. Ergebnis bisher: Schweigen im All.

Allerdings wurde am 15. August 1977 ein besonders starkes Signal registriert, das die Erde aus dem Sternbild Schütze erreichte. Seine Ursache ist ungeklärt, es wurde nie wieder gemessen. Frequenz und Stärke könnten auf Außerirdische hindeuten – vielleicht war es aber auch nur ein gewaltiger Energieausstoß eines Neutronensterns.

Seti-Gründer Frank Drake schätzt, dass es allein in unserer Milchstraße 10 000 kommunikationsfähige Zivilisationen gibt. Und er ist unverdrossen optimistisch: In 20 bis 30 Jahren, glaubt er, werde man ihre Signale finden.

Kosmische Suchmaschinen: Radioteleskope des Seti-Projekts fahnden nach außerirdischen Signalen. Quelle: Nasa

Vom Erfolg der Aliensuche ist auch der berühmte Astrophysiker Stephen Hawking überzeugt. Er ist einer der Initiatoren eines neuen Seti-Programms, mit dem in den nächsten zehn Jahren etwa eine Million Sternsysteme und 100 Galaxien nach Hinweisen auf intelligente Außerirdische abgesucht werden soll. Ein privater Investor zahlt 100 Millionen US-Dollar dafür – so faszinierend ist die Vorstellung, dass wir nicht allein im Universum sind.

In Berlin sieht Ruth Titz-Weider das Ganze etwas nüchterner. Sie hält es für realistischer, dass man irgendwann Einzeller oder mikrobielles Leben nachweisen wird. Auch das wäre eine Sensation, die für das philosophische oder religiöse Denken der Menschheit große Folgen haben könnte.

Doch für die Wissenschaftlerin greifbarer sind die enormen Erkenntnisgewinne, die die Planetenforschung in den vergangenen 20 Jahren gebracht hat. "Bei jedem Schritt, den wir seither gegangen sind", sagt Titz-Weider, "hat sich gezeigt, dass es immer neue Überraschungen gibt." Wie den eigentlich unmöglichen Planeten, den Michel Mayor 1995 fand und mit dem alles begann.

Von Udo Harms

Interview mit Astrophysiker Prof. Klaus Strassmeier

Ist sicher, dass es außerirdisches Leben gibt: Prof. Klaus Strassmeier vom Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam. Quelle: aip

"Leben ist nicht zu vermeiden"

Herr Professor Strassmeier, gibt es jenseits der Erde Leben im All?
Selbstverständlich! Da habe ich gar keinen Zweifel. Es gibt bei dieser Frage zwei große Denkschulen: Die eine sagt, dass es reiner Zufall war, dass die physikalischen und chemischen Zustände in der Uratmosphäre der Erde gerade so waren, dass sich organische Moleküle entwickeln konnten. Die andere sagt, dass Leben nicht zu vermeiden ist: Egal, wie die Umstände sind, Leben im organischen Sinne wird sich entwickeln – davon bin auch ich überzeugt.

Wie viele Planeten gibt es, auf denen Leben existieren könnte?
Wir sind sicher, dass jeder Stern einen oder mehrere Planeten hat. Früher untersuchten wir, warum unsere Sonne acht Planeten hat. Heute ist die Fragestellung genau andersherum: Wie kann es sein, dass zum Beispiel ein Stern wie 51 Pegasi nur einen einzigen Planeten hat? In unserer Galaxie, der Milchstraße, gibt es wahrscheinlich 60 Milliarden Planeten, die unserer Erde ähnlich sind. Vermutlich gibt es auf jedem dieser Planeten irgendeine Form von Leben.

Bisher hat man mehr als 2100 Exoplaneten, also Planeten außerhalb unseres Sonnensystems, entdeckt – aber noch keine Spur von Leben.
Das stimmt. Aber wir haben bereits indirekte Hinweise auf Leben gefunden, zum Beispiel Wasser, Kohlenmonoxid und -dioxid oder Kalium in der Atmosphäre von Exoplaneten. Für uns Menschen sind die meisten der gefundenen Elemente nicht lebensentscheidend, für das höhere Leben auf der Erde waren die Entwicklung von Sauerstoff und seinem Isotop Ozon ausschlaggebend. Nach diesen Signaturen suchen wir, aber noch haben wir sie nicht gefunden.

Bei Nasa und Esa geht man davon aus, dass wir in 20 bis 30 Jahren Leben im All nachweisen können. Halten Sie das für realistisch?
Da bin ich sehr optimistisch. Wir entwickeln immer bessere Teleskope, mit denen wir ständig neue Planeten entdecken und genauere Daten über sie sammeln können. Die europäische Community baut derzeit ein 39-Meter-Teleskop. Aber im Grunde haben wir schon jetzt die nötigen Geräte, um Leben im Universum nachzuweisen. Wir müssten nur wissen, wo genau wir suchen sollen.

Welche Formen von Leben könnten wir finden?
Alles ist möglich. Wir suchen ja nur nach Leben, das aussieht wie das auf der Erde, also Leben, wie wir es kennen. Aber es könnte ja auch Lebensformen geben, die ganz andere Bedingungen brauchen als wir. Vorstellbar wäre Leben, das nicht wie wir auf Kohlenstoffen basiert, sondern zum Beispiel auf Silikaten. Solche Lebewesen würden völlig anders aussehen als alles, was uns bekannt ist. Vielleicht ist die am weitesten verbreitete Form von Leben im Universum so, dass wir sie uns noch gar nicht vorstellen können. Dann wären wir Menschen tatsächlich etwas Besonderes, vielleicht sogar einmalig.

Das klingt nach "Star Trek", in der Serie gibt es ja auch öfter mal Leben in Form von Gas- oder Energiewolken. Wäre so etwas möglich?
Warum nicht? Der entscheidende Punkt ist: Bisher kratzen wir nur an der Oberfläche des Lebens im Universum. Und wir kennen nur Leben, wie es auf der Erde existiert, und selbst das nicht wirklich. Wir könnten vermutlich sogar Leben entdecken, ohne es zu merken – weil vielleicht gerade diese Form von Leben unseren Horizont übersteigt.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass wir einmal mit Aliens Kontakt aufnehmen?
Obwohl es uns schon seit 400 000 Jahren gibt, haben wir erst vor 60 Jahren mit dem Satelliten "Sputnik" den ersten Schritt ins All getan. Seither haben wir in enorm kurzer Zeit gewaltige Fortschritte gemacht. Das heißt: Niemand kann voraussehen, zu welchen technischen Leistungen wir in den nächsten 5000 Jahren fähig sein werden, sofern wir uns nicht vorher durch Kriege oder den Klimawandel umbringen. Das größte Problem für eine Kontaktaufnahme ist, dass die Lebensspanne einer fernen Zivilisation, die für uns sichtbar wäre, sich möglicherweise nicht mit unserer überschneidet: Vielleicht existiert sie noch nicht – oder nicht mehr –, wenn wir gerade hinschauen.

Manche Leute glauben, dass die Außerirdischen längst hier waren.
Interessanter ist der Gedanke, dass es sie gibt, sie aber einfach nicht an uns interessiert sind. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie uns schon längst beobachten. Denn das ist ja genau das, was auch wir Menschen tun würden, wenn wir es schon könnten. Die spannende Frage ist: Was passiert, wenn wir entdeckt werden? Wenn technisch hoch entwickelte Außerirdische zur Erde kommen würden? Aus unserer eigenen Erfahrung mit Entdeckungsfahrten und Kolonisationen wissen wir, dass s owas für die Entdeckten meist nicht gut ausgeht.

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