Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Panorama Die Rettungsinsel
Nachrichten Panorama Die Rettungsinsel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:06 26.08.2016
Lesbos: Von der Urlaubsinsel zur Rettungsinsel für Geflüchtete
Nach der Flüchtlingskrise kam die Tourismuskrise: Auf Lesbos bleiben die Gäste in Hotels, in Restaurants und an Stränden weg. Das trifft die geplagte Wirtschaft der wunderschönen Insel hart – und trotzdem hilft dort jeder, wo er kann. Quelle: Shutterstock
Anzeige

Daphnes privater Aufstand gegen das Falsche begann im Sommer 2015. Damals kamen jeden Tag hunderte, manchmal tausende Flüchtlinge auf der Ägäisinsel Lesbos an. Kriegsflüchtlinge aus Syrien, die meisten, in Booten herübergebracht von der gerade mal neun Kilometer entfernten türkischen Küste. Lesbos, Insel der Urlauber und der antiken Lyriker, ist die letzte, aber eben auch winzige Bastion Europas gegen die sogenannte Flüchtlingswelle. Lesbos ist überfordert. Und Daphne Vloumidi-Troumpounis legt sich mit der Obrigkeit an.

60 Kilometer müssen die Flüchtlinge, die im Inselnorden landen, unter gleißender Sonne bis zur Registrierungsstelle in der Inselhauptstadt Mytilini laufen. Viele Inselbewohner bringen ihnen Wasser oder nehmen sie ein Stück im Auto mit. Es ist streng verboten. Man will jeden Anschein vermeiden, dass Flüchtlinge auf Lesbos willkommen sind.

Doch an einem Tag im Juli fährt Daphne eine Gruppe Erschöpfter direkt bis vor die Tore des Zeltlagers Kara Tepe am Rand von Mytilini. Sie lässt sie nicht heimlich irgendwo aus dem Auto, sondern unter den Augen der Sicherheitskräfte. "Ich hatte eine hochschwangere Syrerin dabei – sollte ich die durch die Gluthitze laufen lassen?"

Wegen Schlepperei vor Gericht

Drei Tage später steht Daphne Vloumidi-Troumpounis in Mytilini vor Gericht. Doch was als Anklage wegen Schlepperei beginnt, wird bald zur Demonstration gegen die Kriminalisierung von Helfern: Der Saal ist prall gefüllt mit Freunden, mit griechischen und internationalen Freiwilligen, Pro Asyl stellt Daphnes Anwälte. Und weil alle Insassen ihres Kleinbusses aussagen, unentgeltlich mitgenommen worden zu sein, wird der Schleppereivorwurf bald fallen gelassen. Wenige Tage später fällt auch der pauschale Schleppereiverdacht, dem bis dato alle ausgesetzt waren, die den Flüchtlingen auf ihrem beschwerlichen Weg über die Insel halfen.

Ein Sieg über absurde Regeln für die Zivilgesellschaft von Lesbos. Und in der spielt Daphne schon lange eine besondere Rolle. "Wer das Richtige tut, muss sich nicht verstecken", sagt Daphne Vloumidi-Troumpounis. Das klingt sehr prinzipiell und sehr streng. Dabei ist Daphne gar nicht so, sondern selbstbewusst, selbstironisch und zutiefst geerdet. Aber manchmal braucht man wohl auch Prinzipien, wenn man das Richtige tun will – aber Recht und Gerechtigkeit auseinanderklaffen. Auf Lesbos ist das so, immer noch. Leute wie Daphne sind immer noch auf der Hut. Denn Gerechtigkeit hat Lesbos seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesehen.

Nicht für die Flüchtlinge, die in den Lagern festsitzen. Und nicht für die, die auf Lesbos zu Hause sind und um ihre Existenz, den Tourismus, fürchten. Daphne hat sich schon um Flüchtlinge, Illegale und Hausbesetzer gekümmert, als sie noch als Italienischlehrerin in ihrer Geburtsstadt Athen arbeitete. Das war viele Jahre bevor sie zusammen mit ihrem Mann, dem Architekten Iannis Troumpounis, die Führung des Hotels Votsala am Strand von Thermis übernahm. Votsala heißt Kieselstein, doch die beiden bringen weitaus mehr als nur Kieselsteine ins Rollen.

"Wer das Richtige tut, muss sich nicht verstecken": Daphne und Iannis Troumpounis unterstützen die auf Lesbos gestrandeten Flüchtlinge. Nur neun Kilometer ist die türkische Küste von der griechischen Insel entfernt. Quelle: Schacht

Daphne und Iannis gehören zum Typ "Gastgeber zum Mitmachen". Sie kochen mit ihren Gästen, wandern mit ihnen zu den kühlen Hängen des knapp 1000 Meter hohen Olympos, machen Bootsausflüge zu einem der beiden riesigen Golfe der vulkanischen Insel, erklären auf der nahen Grabungsstätte die 5000 Jahre alte Geschichte von Thermis. Und wer sich für die jüngste Geschichte von Lesbos interessiert, den nimmt Daphne mit auf die Fahrt in den Norden. Dorthin, wo die Flüchtlinge die erste Begegnung mit jenem Paradies hatten, als das sie sich Europa vorgestellt haben müssen.

Ironie der Geschichte: "Paradies" heißt an der Nordküste auch eine kleine Strandbar. Sie wurde zur Basisstation für Helfer und Reporter, die hier an manchen Tagen bis zu 5000 Flüchtlinge in Empfang genommen haben. Mehr als eine halbe Million Flüchtlinge sind bis März auf die Insel geströmt. Lesbos aber hat nur 86 000 Einwohner und zählt selbst in guten Jahren nicht einmal ebenso viele Touristen.

Zum Vergleich: Das doppelt so große Mallorca hat rund 870 000 Einwohner und beherbergte 2015 mehr als zehn Millionen Touristen. Welch ein abgeschiedener Ort ist da Lesbos, wo ohne das EU-Türkei-Abkommen in diesem Jahr wohl die Zahl der Flüchtlinge die Millionengrenze überschritten hätte.

Touristen gibt es keine mehr

Stattdessen deutet im Sommer 2016 an den Stränden nichts mehr auf das Drama der vergangenen Monate hin. Hunderttausende Rettungswesten, Tausende Schlauchboote, Hunderte Bootsrümpfe, die Flüchtlinge und Schlepperbanden zurückgelassen haben, sind weggeschafft. Die Urlauber könnten allenthalben den Reiz der Insel wiederentdecken.

Lesbos, das ist nicht nur Flucht und Not, das sind schließlich auch alte Dörfer und einsame Klöster, versteinerter Wald und Wüste, das schattige Grün von Pinien, Gebirgskiefern und Steineichen. Vor allem aber mehr als elf Millionen Olivenbäumen, deren Ertrag einst den ganzen Reichtum der Insel ausmachte. Noch heute lässt sich dieser Reichtum an den prächtigen Patrizierhäusern in den größeren Orten ablesen.

Das Problem ist nur: Es gibt keine Touristen mehr. Der Flüchtlingskrise folgt auf Lesbos die Tourismuskrise. Mit Wucht. Tagsüber bleiben viele Strandliegen so leer wie abends die Tische in den Restaurants. In der pittoresken Agora von Molivos im Norden ist gut die Hälfte der Geschäfte verrammelt, manche Läden sind "For Rent", andere zum Verkauf angeboten, Charterflüge werden gestrichen oder unter Preis verramscht, Hotels beklagen Buchungsausfälle um die 60 Prozent.

Abwechslung im trostlosen Lageralltag: Das Hotel Votsala bietet regelmäßige Badetage für Flüchtlinge an. Quelle: Schacht

Nach Angaben des Flughafens Lesbos sind 2016 zwischen März und August 16 745 Touristen auf der Insel angekommen, kaum mehr als ein Drittel der 47 479 Besucher, die 2015 im selben Zeitraum gelandet sind. Nicht nur an der leeren Strandbar "Paradies", auch sonst gibt es viel Platz im Paradies.

Schon seit Langem streichen griechische Urlauber mangels Geldes ihren Urlaub, jetzt bleiben auch die Ausländer weg – die Bilder der Verzweifelten, die sich mit letzter Kraft an den Strand schleppten, wirken nach. Die Situation hat sich längst entspannt. Aber die vielen Absagen treffen alle, Hoteliers, Gastwirte, Bootsverleiher, Fremdenführer, Souvenirverkäufer.

Daphne und Iannis halten mit einem Ja dagegen. Auch sie haben viel zu wenig Gäste, um die alltäglichen Unkosten zu decken – aber sie laden weiterhin Flüchtlinge in ihr Hotel ein. Wöchentlich empfangen sie 20 junge Leute zum Badeausflug mit anschließendem Mittagessen auf der Terrasse ihres Hotels – zu einer der wenigen Abwechslungen im trostlosen Alltag des Flüchtlingslagers Moria. Die meisten Badegäste gehören zu den rund 200 Teenagern, die ohne ihre Eltern auf der Insel gelandet sind, erst mit 18 Jahren ins Asylverfahren kommen und als Minderjährige nicht abgeschoben werden.

Hilfe für die Schwächsten

Der Sorge um die schwächsten Flüchtlinge, die nicht aufs griechische Festland und von dort entweder zurück in die Türkei oder weiter in andere europäische Länder geschickt wurden, haben sich Daphne und Iannis zuallererst verschriebenn. Es suchten ja schon in früheren Jahren Menschen aus den nordafrikanischen Krisengebieten Zuflucht auf Lesbos. Die von Daphne und Iannis zusammen mit deutschen Freunden gegründete Organisation Odysseas hilft schon seit elf Jahren minderjährigen Flüchtlingen.

2005 hat Odysseas begonnen, Geld zu sammeln: Die damals noch wenigen Flüchtlinge, die in der alten Villa Azari im Inselinneren kaserniert waren, sollten Englischunterricht bekommen. "Odysseas ist der neugriechische Name von Odysseus, des Heroen aus der altgriechischen Mythologie", sagt Iannis, "und wir fanden, dass eine Organisation im Namen eines Helden, der eben auch ein Reisender auf Irrfahrt und damit ein Hilfebedürftiger war, für uns sehr passend ist."

Heute unterstützt Odysseas gezielt Alleinerziehende, Traumatisierte und chronisch Kranke. Die meisten von ihnen leben im Flüchtlingslager Pikpa – es das einzige von Freiwilligen gegründete, private Lager, gezielt für die Schwächsten unter den Flüchtlingen. Mit seinem auf Rettungswesten am Eingang geschriebenen Appell "Safe Passage!" wirkt es weitaus freundlicher als das staatliche Lager Moria, einer einstigen Militärkaserne hinter Gittern und Stacheldraht. Und auch freundlicher als das auf einem kahlen Hügel aus Zelten improvisierte, gleichfalls stacheldrahtbewehrte städtische Lager Kara Tepe.

Fotografieren verboten

Rund 2500 Menschen leben im Lager Moria – unter strenger Aufsicht des Militärs. Nur mit einem Passierschein dürfen die Flüchtlinge das Lager für ein paar Stunden verlassen. Journalisten dürfen umgekehrt gar nicht erst herein. Sie kommen nicht einmal nah dran. Fotografieren ist verboten. Weitere mindestens 1000 Flüchtlinge leben im Lager Kara Tepe, in dessen Zelten die Temperaturen tagsüber auf mehr als 40 Grad klettern können. Sie alle wissen, ihr Weg ist hier zu Ende. Bis sie in  die Türkei zurückgeschickt werden, sitzen sie fest. Versorgt nur mit dem Allermindesten.

Odysseas springt ein, wo's nur geht: finanziert eine Krankenschwester für das Lager Pikpa, organisiert Bildungs- und Beschäftigungsangebote für alle Flüchtlinge in einem neuen Unterstützungszentrum in Mytilini, sorgt für Griechisch- und Englischkurse. Und im Keller stehen Nähmaschinen, auf denen Flüchtlinge Taschen in vorwiegend orangefarbener Patchworktechnik herstellen – aus einem ebenso denkwürdigen wie symbolträchtigen Material, nämlich aus dem Stoff der Rettungswesten.

"Es ist faszinierend, dass ausgerechnet auf Lesbos, wo zu den wirtschaftlichen Problemen aller Griechen noch die besondere Flüchtlingsproblematik hinzukommt, die europäischen Werte von Freiheit und Solidarität so praktisch gelebt werden", sagt die Schweizer Krankenschwester Regula Reichenberger. 2015 wurde sie vom Gast im Hotel Votsala unversehens zur Helferin, transportierte Flüchtlinge oder verteilte Wasserflaschen. Jetzt ist sie als Gast mit ihrer Familie wiedergekommen. "Es ist bitter zu sehen", sagt sie, "dass diese vorbildliche Haltung von vielen Touristen nicht honoriert wird – obwohl von der Flüchtlingskrise fast nichts mehr zu sehen ist."

Einst nur Gast, jetzt zurück als engagierte Flüchtlingshelferin: Die Schweizerin Regula Reichenberger. Quelle: Schacht

Selten fällt der Kontrast zwischen staatlicher Kälte und zivilgesellschaftlicher Wärme so krass ins Auge wie im Vergleich der drei Flüchtlingsunterkünfte, der freilich auch von der Armut öffentlicher Einrichtungen in Griechenland zeugt. "Zu Beginn der Finanzkrise wurde uns versichert, in zehn Jahren werde alles besser sein", sagt die Ärztin Ireni Koumpa. "Aber wir erwarten immer noch ein Desaster."

Auch sie hat, wie so viele hier, von den viel beschworenen europäischen Werten ein ganz handfestes Verständnis: "Wir versorgen die Flüchtlinge erst einmal mit den in Europa üblichen Schutzimpfungen", sagt die junge Ärztin im Poliklinischen Zentrum von Mytilini. "Damit schützen wir die Flüchtlinge, aber auch unsere eigene Bevölkerung und alle Bürger der EU, in deren Länder die Flüchtlinge später vielleicht gelangen, vor Ansteckungen und vor Epidemierisiken, die in Europa längst überwunden sind."

Nötig werden solche Impfungen mit der anhaltenden Dauer und dem wechselnden Charakter des Flüchtlingszuzugs immer häufiger. "Zuerst kamen vor allem Junge und Gesunde, jetzt kommen ganze Familien mit sichtlichem Armutshintergrund." Anfangs hätten vielen nur einzelne Impfungen gefehlt, jetzt gibt es oft nicht einmal einen Impfpass. "Aber die schlechte Gesundheitsverfassung ist meist sowieso unübersehbar."

"Das Gesundheitssystem ist überfordert"

Hinzu kommt, dass die Flüchtlinge nicht mehr wie anfangs nur kurz auf der Insel bleiben und meist in Richtung Athen weiterziehen. Jetzt, sagt Ireni Koumpa, seien es zwar viel weniger, diese blieben aber dauerhaft, darunter viele chronisch Kranke, die auf Medikamente angewiesen sind. "Das überfordert die Möglichkeiten des ohnehin dramatisch unterfinanzierten griechischen Gesundheitssystems."

Ireni Koumpa arbeitet in der Poliklinik nicht nur in 36-Stunden-Schichten, oftmals hängt sie noch einige Stunden Freiwilligenarbeit zur medizinischen Versorgung im Lager Pikpa dran. Kopfschüttelnd hört Klaus Woltersdorf diese Worte. Daphne Vloumidis-Troumpounis hat den Kontakt zwischen der griechischen Ärztin und ihrem deutschen Stammgast Woltersdorf hergestellt. "Welche menschliche Wärme und selbstverständliche Hilfsbereitschaft wir hier erleben", sagt der frühere Studienseminarleiter aus Köln, "das ist überwältigend und ansteckend zugleich."

Angesteckt von so viel Hilfsbereitschaft: Klaus Woltersdorf organisierte Medizinprodukte als Spende für die Poliklinik. Quelle: Schacht

In seinem Falle brachte die "Ansteckung" den langjährigen Gymnasiallehrer auf die Idee, einen seiner einstigen Schüler, der mit Medizinprodukten handelt, um eine Spende zu bitten. Jetzt steht die Lieferung von vier Paletten mit Einmalhandschuhen und Binden, Kanülen und Kompressen, Einmalspritzen und OP-Besteck für Mytilinis Poliklinikum bevor.

"Ohne Leute wie Daphne und Mister Klaus", sagt Ireni Koumpa, "ohne die Hilfe von Nichtregierungsorganisationen, von Spendern und von Freiwilligen wäre das Desaster schon längst da – und die Schwächsten bekämen es am stärksten zu spüren."

"Mosaik" heißt übrigens das neue Unterstützungszentrum mitten in der Altstadt von Mytilini. Darin steckt nicht nur eine Anspielung auf die zu harmonischen Blumenmustern gelegten Kieselsteine im schattigen Hof des alten Patrizierhauses. Dahinter steckt auch die Hoffnung, dass sich die neue ethnische, kulturelle und religiöse Vielfalt auf der Insel zu miteinander harmonisierenden Mustern zusammensetzen lässt. "Natürlich wäre es schön, wenn es keine Flüchtlingskrise gäbe", sagt Daphne. "Aber wenn diese Menschen zu uns kommen, sind wir es nicht zuletzt uns selbst schuldig, sie auch menschlich zu behandeln."

Von Daniel Alexander Schacht

Interview mit Menschenrechtsanwalt Syd Bolton

Syd Bolton, Menschenrechtsanwalt in London, gehört zum Vorstand des Projekts Flüchtlingskinderrechte der Universität Essex. Er ist Mitglied der Kinderkommission des britischen Asylbeirats und hat mehrere Bücher über die Lage minderjähriger Flüchtlinge, über Opfer von Folter und Kindesverschleppung geschrieben. Quelle: privat

Herr Bolton, Sie haben während der Flüchtlingskrise damit begonnen, als Freiwilliger auf der Insel Lesbos zu helfen. Was waren Ihre ersten Erfahrungen dort?
Ursprünglich wollten meine Frau und ich auf die Insel, um einigen konkreten Fällen der Verletzung von Kinderrechten nachzugehen, denen ich bei unserer Arbeit begegnet war. Aber wer im August oder September 2015 nach Lesbos kam, wurde fast automatisch in einen Helfer verwandelt. Da gab es Tage, an denen 6000 Menschen auf Lesbos landeten, da ging es einfach darum, ihnen aus den Booten oder aus dem Wasser herauszuhelfen, sie mit Trinkwasser und trockener Kleidung zu versorgen. Und weil zu diesem Zeitpunkt die Hilfsmaschinerie der internationalen Organisationen und Freiwilligen noch gar nicht angesprungen war, erlebten wir, dass nur die Inselbewohner und auch viele Touristen Helfer waren, und beschlossen, im Winter auf die Insel zurückzukehren.

Sie haben dann als Rechtsberater auf der Insel gearbeitet?
Wir hatten in London ein Fundraising angeschoben, haben Rettungsdecken, Essen und Spielzeug für Kinder im Gepäck gehabt, weil wir gesehen hatten, dass weder der griechische Staat noch die internationale Gemeinschaft tätig wurde. Erst haben wir beim Aufbau des Camps Pikpa geholfen, haben Flüchtlinge transportiert und für sie gekocht. Dann haben andere Freiwillige gesagt, wenn ihr Juristen seid, schaut euch doch die rechtliche Situation an – und die ist wirklich weit unterhalb der Standards, die die UN-Kinderrechtskonvention setzt …

… die auch Griechenland ratifiziert hat …
… die alle UN-Staaten ratifiziert haben, außer den USA. Viele Flüchtlinge werden beispielsweise nicht darüber aufgeklärt, dass sie einen Asylantrag nicht nur in Griechenland, sondern auch in einem Land stellen können, in dem sich ein Verwandter bereits aufhält. Geschweige denn, dass es Hilfen beim Asylantrag gibt. Information allein nützt aber nichts, wenn man nicht der Information entsprechend handeln kann. Diese Diskrepanz erklärt vielleicht auch, dass es bisweilen Gewalt und Kämpfe und so viel Frustration, Depression und Verzweiflung in den Flüchtlingslagern gibt.

Auf Lesbos leben derzeit rund 200 Minderjährige, die nicht abgeschoben werden. Sobald sie volljährig werden, droht ihnen aber die Abschiebung. Viele kommen aus Pakistan oder Afghanistan.Sind das sichere Herkunftsländer?
In Afghanistan leben Zivilisten derzeit so gefährlich wie niemals zuvor, und in Pakistan ist die Lage vielerorts ähnlich. Aber wer die Kinderrechtscharta ernst nimmt, kann Flüchtlingsgruppen sowieso nicht nur aufgrund ihrer Herkunft in Asylberechtigte und Wirtschaftsflüchtlinge einteilen und darf auch in sogenannte sichere Herkunftsländer nicht einfach abschieben, sondern muss jeden einzelnen Fall prüfen. Mit Blick auf Kinderrechte ist es auch kein hinreichender Abschiebegrund, wenn in einem Herkunftsland nicht unmittelbare Gefahr für Leib und Leben besteht. Denn gewährleistet sein müssen auch Kinderrechte wie das Recht auf Geborgenheit, Gesundheit und Bildung.

Sie sind Vizedirektor des Refugee Children's Rights Project und haben lange Erfahrung mit der Lage von minderjährigen Flüchtlingen und von Opfern von Kinderprostitution. Gibt es auf Lesbos andere Schicksalswege? Oder sind die Erfahrungen, die junge Flüchtlinge machen, ähnlich?
Nach unserer Erfahrung mit Hilfsorganisationen und Anwälten von Kinderrechten ist die Lage von minderjährigen Flüchtlingen auf Lesbos durchaus typisch. Sie haben dieselben Bedürfnisse und Hoffnungen, dieselben Gründe für das Verlassen ihrer Heimat, wie Flüchtlinge aus anderen Weltregionen. Nur sind die Zahlen geringer als im globalen Vergleich, was vielleicht noch zur Unterschätzung dieses Problems beiträgt. Schließlich sind die 42 000 Minderjährigen, die etwa in Deutschland 2015 ohne ihre Eltern angekommen sind, nur ein winziger Bruchteil der Kinder, die weltweit auf der Flucht sind. Insgesamt muss man davon ausgehen, dass 40 Prozent aller Flüchtlinge minderjährig sind, die meisten davon freilich in Begleitung von Erwachsenen. Aber immerhin 10 Prozent aller Flüchtlinge sind minderjährig und dabei ganz auf sich allein gestellt.

Wird Europa den Herausforderungen durch das besondere Schutzbedürfnis Minderjähriger gerecht?
Einen Unterschied zwischen Europa und dem Rest der Welt gibt es allerdings: Je mehr die Flüchtlingszahlen in immer kürzerer Zeit gestiegen sind, desto selbstverständlicher hat Europa die Kinderrechte, auf deren Einhaltung man sich theoretisch so viel zugute hält, ignoriert und entwertet. Das ist keine Frage von Rechtstheorie, da geht es um eine ganz praktische Politik der Zurückweisung. Wenn es zum Schwur kommt, fällt offenbar jede Scham.

Sie selbst sind gerade von Lesbos zurückgekehrt. Wann fahren Sie wieder hin?
Wir werden Anfang September wieder da sein, an einem Treffen des griechischen Anwaltsverbands teilnehmen und dann örtliche Anwälte beraten. Und wir wollen Wege suchen, wie internationale Anwälte ihre griechischen Kollegen unterstützen können. Also: Wir machen weiter, egal ob wir in London oder auf Lesbos sind.

Interview von Daniel Alexander Schacht

Panorama Im Trend: Stilvoll ergrauen - Keine Angst vor grauem Haar
Daniel Behrendt 26.08.2016
Panorama Interview mit Jennifer Aniston - Waren Sie eine gute Tochter?
26.08.2016
Panorama Gastbeitrag von Seyran Ates - Die Stunde der Denunzianten
26.08.2016