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Panorama Die innere Mauer muss weg
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20:01 21.10.2016
Wenn wir Mauern um uns bauen müssen, stimmt etwas nicht: Warum Menschen durch mehr Abschottung immer ängstlicher werden – und wie eine veränderte Sicht auf die Welt helfen kann. Quelle: Grafik: RND, Fotos: Fotolia
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Unser Weltverhältnis ist gestört. Wir merken es daran, wie uns die Welt gegenübersteht, wenn wir abends einzuschlafen versuchen. Ratgeber empfehlen, im Geiste eine Mauer um uns herum zu ziehen, als Schutzwall gegen den Alltag. Wir sollen die Welt auf Distanz bringen. Das ist verräterisch. Denn eigentlich ist die Moderne angetreten, das Gegenteil zu realisieren: Ihr Versprechen läuft darauf hinaus, mehr Welt erreichbar, kontrollierbar und verfügbar zu machen.

Dies ist jedenfalls das Ziel von Wissenschaft und Technik – von Mikroskop und Teleskop, Moped und Flugzeug, Telefon und Smartphone. Und auch das kapitalistische Wirtschaften wird durch den Wunsch der Weltreichweitenvergrößerung befeuert: Geld ist das Zaubermittel des Verfügbarmachens. Mithilfe wissenschaftlich-technischen Fortschritts, ökonomischen Wachstums und politischer Steuerung machen wir immer mehr Weltausschnitte erreichbar.

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Steigerung ist dabei unbemerkt zu einem institutionellen Zwang geworden: Ohne Wachstum bricht die Wirtschaftsordnung ein, ohne Verfügbarkeitsversprechen lässt sich kein Wahlkampf gewinnen, ohne den Anspruch auf Ausdehnung des Wissenshorizontes gibt es keine Wissenschaft. Im Ergebnis, so der Traum der Moderne, finden wir uns dann in eine Welt gestellt, die immer verlässlicher und greifbarer wird. Doch was ist daraus geworden?

Unser Verhältnis zur Natur ist prekär

"Ob einer glücklich ist", meint Theodor W. Adorno, "kann er dem Wind anhören." Singt er uns, wenn er des Nachts ums Haus pfeift, ein Lied des Geborgenseins, so ist unser Weltverhältnis intakt. Gemahnt er uns dagegen an die Zerbrechlichkeit des Daseins, sind wir unglücklich. Wer einschlafen will, muss seinen Standpunkt aufgeben, muss sich fallen lassen – das geht aber nur, wenn wir der Welt da draußen trauen können. Wenn wir Mauern um uns bauen müssen, stimmt etwas nicht.

Das Programm der Reichweitenvergrößerung ist aus dem Ruder gelaufen. Was des Nachts vor unserem Fenster steht und uns in den Traum scheint, das nehmen wir häufig zuerst als "Natur" wahr. Doch unser Verhältnis zu dieser Natur ist prekär. Klimawandel, Artenschwund, Massentierhaltung – es dominieren Bilder einer von uns zerstörten und gequälten Natur, die im Gegenzug selbst bedrohlich wird.

Näher noch aber liegt uns der eigene Körper. Wir haben ihn mit immer genaueren Messgeräten lesbar und erschließbar gemacht und arbeiten täglich an ihm mit dem Ergebnis, dass er uns zum Problem, zum Fremden wird, den wir kaum mehr zur Ruhe bringen, weil wir den Ausschaltknopf nicht finden.

Überrollt vom Optimierungsdruck

Die Welt, die wir nicht loslassen können, ist vor allem die tätig beackerte. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen gerne arbeiten. Arbeit ist ein Quell der Freude, tatsächlich – wenn wir sie gut machen können. Immer mehr Menschen aber klagen, sie könnten eben dies nicht: Der permanente Zeit- und Optimierungsdruck verhindere es. Sie fühlen sich überrollt von den Ansprüchen der Arbeitswelt – nicht zuletzt ihretwegen müssen die Mauern immer höher werden.

Unser Weltverhältnis ist prekär geworden, wir fühlen uns auch angesichts des endlos in den Adern der sozialen Netze zirkulierenden Kommunikationsstromes in eine fremde, tosende und doch zugleich schweigende Welt gestellt. Ihr gegenüber den Standpunkt zu verlieren scheint lebensgefährlich.

Was wir brauchen, ist deshalb nicht ein besseres Programm zur Steigerung von Reichweite und Verfügbarkeit – sondern einen kulturellen und institutionellen Paradigmenwechsel in unserer Bezugnahme auf die Welt. Es ist kein Zufall, dass Adorno Glück als ein auditives Weltverhältnis denkt: Das, was passiert, wenn zwei Stimmen einander so hören und antworten, dass sie sich davon berühren und verändern lassen, ist der Kern eines anderen In-der-Welt-Seins. Ich möchte es als Resonanzbeziehung bezeichnen.

Resonanz lässt sich nicht erzwingen

Resonanz meint ein Weltverhältnis, in dem uns etwas anspricht und berührt. Wir begegnen den Augen eines anderen, einem Satz, einer Melodie oder einem Arbeitsgegenstand: Wir erfahren einen Anruf und reagieren darauf, werden selbstwirksam. Das Aufleuchten der Augen indiziert einen solchen Resonanzmoment, in der Natur, bei der Arbeit, im Dialog.

Tatsächlich sind Menschen von Kind an Resonanzwesen; sie entwickeln sich in allen Dimensionen ihres Daseins durch solche Resonanzerfahrungen. Allein, Resonanzbeziehungen stehen in einem doppelten Spannungsverhältnis zum Programm der Reichweitenvergrößerung: Erstens eignet ihnen ein Moment der Unverfügbarkeit an. Resonanz lässt sich nicht erzwingen; nie lässt sich mit Sicherheit vorhersagen, wo sie sich einstellt.

Zweitens bedeutet mit der Welt in Resonanz zu treten, sie sich anzuverwandeln, statt nur anzueignen – wir sind danach andere als zuvor. Hören und Antworten als Form des In-der-Welt-Seins: Das ist etwas ganz anderes als Verfügbarmachen und Unter-Kontrolle-Bringen.

Die Flüchtlingskrise als Projektionsfläche

Die Politik offenbart das Defizit unserer Weltbeziehung überdeutlich. Die dominanten Bilder sind derzeit die der Mauer und des Zauns. In ihnen tritt das Bedürfnis zutage, die andrängende Welt, das lebendige, unverfügbare Andere auszuschließen, sich vom Leibe zu halten, und sei es mit Waffengewalt. Wenn wir die Welt als bedrohlich wahrnehmen, gehen wir auf Abwehr und versuchen uns zu verschließen gegenüber ihrem Anruf.

Ebendieses Weltverhältnis findet in der Flüchtlingskrise seine ideale Projektionsfläche. Die Fremden erscheinen als Grund der Weltentfremdung. Rechtspopulisten und Wutbürger wollen es den Linken und Gutmenschen zeigen – und ihre Gegner sehen nur Rassisten, die es zu bekämpfen gilt.

Wer Sätze sagt wie "Die Flüchtlinge gehören nicht hierher!" oder aber: "Dieses rechte Pack muss weg!" kann an seiner eigenen Mimik und Gestik, an seiner Stimme beobachten, wie er sich duckt, verschließt, unempfindlich macht und die innere Mauer höher zieht. Hören und antworten – statt schreien und empört sein, statt klicken und aneignen, statt senden und optimieren: Dies ist die Alternative zum Mauerbau.

Zur Person

Der Politikwissenschaftler und Soziologe Hartmut Rosa lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Kürzlich erschienen: "Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung". Suhrkamp. 816 Seiten, 34,95 Euro.

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