Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Panorama Die letzten Zeitzeugen
Nachrichten Panorama Die letzten Zeitzeugen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:05 29.04.2016
Der Fotograf Stefan Hanke hat eindrucksvolle Porträts von 121 der letzten noch lebenden Holocaust-Überlebenden geschaffen. Ein Gespräch über Erinnerung, Wahrhaftigkeit und das Weiterleben. Quelle: Stefan Hanke / RND
Anzeige

Herr Hanke, für Ihren Bildband haben Sie 121 Menschen porträtiert, die von den Nationalsozialisten in Konzentrationslagern eingesperrt wurden. Wie kamen Sie auf die Idee für dieses Projekt?
Das Thema ließ mich seit meiner Jugend nicht los. Ich bin Jahrgang 1961. Im Geschichtsunterricht kam der Nationalsozialismus nur am Rande vor, vieles wurde verdrängt, verschwiegen. Das hat mich neugierig gemacht – und ich hatte viele Fragen. Deshalb bin ich 1978 nach Dachau gefahren und habe dort für mich nach Antworten gesucht und schon damals erste Fotos zu diesem Thema gemacht.

Die ersten Porträts für Ihr Buch haben Sie bereits 2004 fotografiert. Warum hat es mehr als zehn Jahre gedauert, bis Sie das Projekt abschließen konnten?
Schon nach den ersten Begegnungen mit Überlebenden wurde mir klar, dass ich mir viel mehr Wissen aneignen muss, wenn ich dieses Projekt erfolgreich umsetzen will. So habe ich zu dieser Thematik viel gelesen und Gedenkstätten in Deutschland und im Ausland besucht. Ab 2010 führte ich dann meine Serie weiter fort. Insgesamt sind 121 Porträts von Überlebenden in sieben Ländern entstanden.

Anzeige
Kazimierz Piechowski steht vor der "Schwarzen Wand", die als Kugelfang im Block 11 diente, dem Lagergefängnis des ehemaligen KZ Auschwitz. Dort ermordete die SS Tausende. 1942 gelang Piechowski zusammen mit drei Häftlingen in SS-Uniformen die Flucht aus Auschwitz. Darauf schloss er sich der Polnischen Heimatarmee an. 1946 wurde Piechowski vom kommunistischen System durch eine Denunziation zu zehn Jahren Haft verurteilt. Quelle: Stefan Hanke

Wie haben Sie Kontakt zu diesen Menschen aufgenommen?
Am wichtigsten war wohl, dass mich Überlebende, die ich fotografiert hatte, weiterempfohlen haben. So entstand ein Netzwerk von Kontakten, über die weitere Begegnungen zustande kamen.  Mithilfe des Internets konnte ich viel recherchieren und ich bekam vor allem im Ausland Unterstützung von Organisationen, die mit Zeitzeugen in Verbindung standen.

Wie liefen die Treffen mit den Überlebenden ab?
Jeder der Überlebenden hat natürlich eine eigenständige Persönlichkeit, jeder hatte seine eigene unverwechselbare, tief beeindruckende Geschichte. Deshalb war auch jedes Treffen unterschiedlich. Für mich war es wichtig, den Porträtierten eine Atmosphäre zu bieten, in der sie frei erzählen konnten und nichts erklären mussten. Dazu war eine gründliche Vorbereitung für jedes Treffen wichtig. Die honorierten die Porträtierten wiederum zumeist mit Vertrauen und Offenheit –  die entscheidende Basis für so ein sensibles Projekt. Ich habe die Menschen in keine vorgefassten Opferschablonen gepresst, sondern ließ mich auf jede Begegnung neu ein.

Sie haben Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebenswegen und Hintergründen porträtiert – vom Chef des Hauses Wittelsbach bis zu inhaftierten Zeugen Jehovas. Was verbindet diese Menschen?
Fast alle haben mir berichtet, dass "überlebt!" ihr erster Gedanke nach ihrer Befreiung war. Doch selbst in diesem so grundlegenden Moment hatte jeder sein eigenes Schicksal. Manche waren im Moment der Befreiung einfach nur glücklich. Andere fühlten sich völlig einsam, da sie ihre Familie und ihre vollständige soziale Struktur verloren hatten.

Maria Gniatczyk steht in einer Straße der Altstadt, in der 1944 viele Kämpfe des Warschauer Aufstandes tobten. Innerhalb von zwei Monaten verloren damals weit mehr als 150 000 Warschauer ihr Leben – eine neue Dimension des Terrors der Nationalsozialisten im Europa des Zweiten Weltkriegs. Maria Gniatczyk war in der Zentrale der Polnischen Heimatarmee (AK). Sie erledigte damals Kurierdienste und versorgte auch Verwundete. Quelle: Stefan Hanke

Wie haben Ihre Protagonisten das Geschehene verarbeitet?
Sehr unterschiedlich. Unter den Porträtierten war beispielsweise ein Mitglied des Sonderkommandos von Auschwitz-Birkenau, Shlomo Venezia. Er musste lange Zeit als Häftling täglich Tausende Menschen in die Gaskammer begleiten. Er hatte durch die Hölle des Sonderkommandos eine ungeheure Last zu tragen. Sein Zitat in meinem Buch zeugt von der unvorstellbaren Qual, was diesem Menschen jeden Tag neu in seinem Leben zugefügt wurde: "Ich habe überlebt, ich wurde aber nicht gerettet." Ein jeder der Überlebenden ging seinen eigenen Weg. Sehr viele schwiegen ihr Leben lang, andere konnten erst im hohen Alter über das Erlebte und Erlittene sprechen.

Welche Geschichten sind Ihnen besonders nahegegangen?
Jede der Geschichten ging mir nah. Sehr berührt haben mich dabei oft kleine Dinge, die ich auch aus meiner eigenen Lebenserfahrung erfassen konnte. Ein Beispiel: Eine alte Dame berichtete mir, wie ihr während einer Selektion ihre Schwester aus der Hand gerissen wurde. Sie zeigte mir das letzte Foto, das sie von ihr noch hatte. Es war am Tag der Einschulung des Mädchens entstanden. Sie hatte die Haare zu lustigen Zöpfen gebunden, den Schulranzen umgeschnallt und lächelte stolz in die Kamera. Genau so ein Bild habe ich von meiner Tochter. Da wird das Grauen plötzlich sehr plastisch, greifbar geradezu! Ich hörte in den Jahren so viel Entsetzliches. Ich konnte mir vorher nicht im Geringsten vorstellen, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sein können. Bei einem so sensiblen Projekt gilt es, die Balance zwischen Empathie und Zurückhaltung der eigenen Person zu wahren. Denn es stand ja nicht ich im Mittelpunkt, sondern der jeweilige Überlebende und seine Geschichte. Ich verstehe meine Arbeit übrigens nicht so sehr als ein dokumentarisches Projekt. Vielmehr interpretierte ich die Begegnungen mit den Überlebenden künstlerisch.

Leon Weintraub steht vor der Zeppelintribüne auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Hier nahm Adolf Hitler Paraden ab und sprach zu den Massen. Als Überlebender ist es für ihn ein besonderes Gefühl der Genugtuung, vor diesem Ausdruck des Größenwahns zu stehen. Er fühlt sich nicht als Opfer, sondern als Sieger. Quelle: Stefan Hanke

Konnten die Porträtierten trotz des großen Leids, das sie erfahren mussten, überhaupt noch Momente ungetrübten Glücks erleben?
Natürlich. Diese Menschen haben überlebt und sie lebten weiter. Als ich Leon Weintraub vor der Kulisse des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg fotografiert habe, sagte er mir: "Ich fühle mich hier nicht als Opfer, sondern als Sieger. Denn ich bin noch da und die, die diesen Wahnsinn schufen, sind verschwunden." Harry Zansberg wiederum fotografierte ich an der Stelle, an der er befreit wurde. In seinem Gesicht spiegelte sich noch einmal die Freude über das wiedergewonnene Leben. So auch bei Pavel Stránský, den ich im Schwurgerichtssaal 600 des Nürnberger Justizpalastes porträtierte, in dem sich führende Vertreter des NS-Regimes vor einem internationalen Gericht für ihre Taten verantworten mussten. Er trug seinen schlichten Ehering, den er noch vor Theresienstadt bekam. Die Liebe, so betonte er an diesem historisch bedeutsamen Ort, ist das Wichtigste im Leben.

Wie viele Ihrer Porträtierten leben heute noch?
Etwa zwei Drittel. Leider bekomme ich mittlerweile immer öfter Nachrichten vom Tod meiner Protagonisten. Die Jüngste, die ich fotografiert habe, ist heute gerade einmal 72 Jahre alt. Der Älteste ist 2013 im Alter von 108 Jahren gestorben.

Zofia Posmysz, eine prominente polnische Autorin, steht am Morgen nach der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes in einer Baracke des ehemaligen Frauenlagers von Auschwitz-Birkenau. Am linken Arm ist die Tätowierung ihrer Häftlingsnummer zu sehen. Am Anfang konnte sie es nicht nachvollziehen, einen Orden aus Deutschland dafür zu bekommen, dass sie erzählte, was Deutsche gemacht haben. Quelle: Stefan Hanke

Was kann die Fotografie dazu beitragen, dass die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus am Leben bleibt?
Meine Arbeit widme ich allen Verfolgten totalitärer Systeme und unserer zukünftigen Generation, von der ich mir Wachsamkeit gegenüber jeglicher Tyrannei erhoffe. Ich denke dabei an einen Satz, den der Überlebende Adam König in unserer Begegnung sagte: "Wer das vergisst, was während der faschistischen Zeit geschah, der kann gezwungen sein, das Geschehene wiedererleben zu müssen."

Stefan Hanke: "KZ überlebt". 264 Seiten; 29,80 Euro. ISBN 978-3-7757-4020-3

Interview von Julian Heißler

Archive als Langzeitgedächtnis

Reinhard Florian im Jahr 1948. Die Stimme des Auschwitz-Überlebenden ist dank des Projekts "Sprechen trotz allem" über seinen Tod im Jahr 2014 hinaus zu hören. Quelle: privat

Reinhard Florian sitzt in seiner Wohnung in Aschaffenburg. Der alte Mann hat auf einem Polstersessel Platz genommen, auf einem Sims neben ihm steht ein großer Rosenstrauß. Florian spricht langsam. Nachdrücklich rollt er jedes "R" – ganz so, wie es in seiner ostpreußischen Heimat üblich war. Ein freundlicher Mann. Ein Foto aus dem Jahr 1948 zeigt das filigran geschnittene, sanftmütige Gesicht des jungen Mannes.

Noch bevor dieses Bild entstand, ist Reinhard Florian durch die Hölle gegangen. 1941 wurde der Sinto von der Gestapo verhaftet. Die Nazis steckten ihn zunächst zur Zwangsarbeit ins Konzentrationslager Mauthausen, später nach Auschwitz-Monowitz. Erst am 6. Mai 1945, zwei Tage vor der Kapitulation Nazideutschlands, wurde er befreit.

Reinhard Florian lebt heute nicht mehr. Er starb am 17. März 2014. Trotzdem kann man ihm noch zuhören. Denn kurz vor seinem Tod erzählte Florian zwei Mitarbeitern der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas für das Projekt "Sprechen trotz allem" seine Leidensgeschichte. Das fast viereinhalb Stunden lange Video steht im Internet.

Berichten über den Tod hinaus

In ganz Deutschland versuchen mittlerweile Projekte, die Stimmen der Überlebenden für die nächste Generation zu erhalten. Die Stolperstein-Initiative in Stuttgart sammelt genauso Interviews wie die jüdischen Museen in Frankfurt und Berlin. Denn je länger das Ende des Zweiten Weltkrieges und der NS-Diktatur zurückliegt, desto weniger Überlebende können noch unmittelbar von ihren Erfahrungen berichten.

71 Jahre nach der Befreiung des letzten Konzentrationslagers sind viele der Überlebenden verstorben. Doch was bedeutet es für die Erinnerung an die Nazi-Verbrechen, wenn über sie nur noch aus zweiter Hand berichtet werden kann?

"Ohne Zeitzeugen wird sich die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus verändern", sagt Céline Wendelgaß. Sie arbeitet als Ausstellungskoordinatorin bei der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main. Seit 1997 finden dort Gespräche von Schulklassen mit Menschen statt, die sich noch bewusst an die NS-Zeit erinnern können. "Als wir angefangen haben, hatten wir etwa 30 Ansprechpartner", so Wendelgaß. Inzwischen jedoch seien es weniger als zehn.

"Gespräche mit Zeitzeugen sind etwas Besonderes"

Für Einrichtungen wie die Bildungsstätte Anne Frank bedeutet das allmähliche Verschwinden der Zeitzeugen ein Verschwinden von Authentizität und Intensität in der Aufarbeitung der Vergangenheit: "Es gibt natürlich auch andere gute Quellen, aber Gespräche mit Zeitzeugen sind vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene etwas Besonderes", meint Wendelgaß.

Dennoch hegt sie Hoffnung für die Zukunft: "Videoprojekte können Zeitzeugengespräche zwar nicht ersetzen, aber sie verleihen den Schilderungen der Überlebenden größere Präsenz und fördern damit die Auseinandersetzung mit ihren Berichten", sagt Wendelgaß. Diese Hoffnung wird in vielen Gedenkstätten geteilt. Mit mehr als 200 gefilmten Interviews verfügt das Projekt "Sprechen trotz allem" über eine der größten Sammlungen hierzulande.

Die Nachfrage ist allerdings noch nicht allzu groß. Etwas mehr als 1000 Menschen haben sich auf der Homepage registriert, um die Videos ansehen zu können. Monatlich greifen zwischen 500 und 600 Menschen auf die Seite zu.

Subjektive Quellen für Historiker

Im Ausland gibt es deutlich größere Sammlungen. In den USA führte die von Regisseur Steven Spielberg ins Leben gerufene Shoah Foundation seit 1994 mehr als 53 000 Interviews mit Holocaust-Überlebenden, ein Teil der Gespräche ist online abrufbar. Ebenfalls im Netz stehen mehr als 6000 Videos, die das United States Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. produziert hat. Über das größte Archiv dürfte jedoch die israelische Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem verfügen. Dort lagern die Aussagen von mehr als 125 000 Menschen.

Ist angesichts dieses riesigen Wissensschatzes sichergestellt, dass die Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen auch nach dem Tod der letzten Zeitzeugen weiterhin erforscht werden kann? Mancher Historiker ist skeptisch. Die Aussagen von Überlebenden gelten aufgrund ihrer subjektiven Perspektive nicht immer als verlässliche Quelle. Dokumente und Akten seien besser geeignet, um die Geschichte der NS-Zeit zu rekonstruieren, heißt es oft.

Das Interesse wird nicht schwinden

"Die monotone Klage, wie es mit der Erinnerung weitergehe, wenn die Zeitzeugen gestorben sind, könnte den Eindruck erwecken, die Zeitzeugen würden alle Kenntnis der Vergangenheit mit ins Grab nehmen", meint die österreichische Historikerin Heidemarie Uhl.

"Auch wenn Zeitzeugen für die Erforschung des Holocaust womöglich nicht mehr die wichtigste Quelle sind: Es wird auf jeden Fall ein Verlust sein, wenn sie nicht mehr leben", sagt Gottfried Kößler, stellvertretender Direktor des Pädagogischen Zentrums in Frankfurt am Main, das vom Fritz Bauer Institut und dem Jüdischen Museum der Stadt getragen wird. Die Erzählungen von Überlebenden seien gerade für Schüler wichtig, sagt er. Sie führten den Jugendlichen die Bedeutung von Grundrechten und demokratischen Strukturen vor Augen, erklärt Kößler.

Der Pädagoge glaubt nicht, dass das Interesse am NS-Unrecht mit den letzten Überlebenden verschwinden wird. "Solche Prognosen gab es schon früher – und sie haben sich stets als falsch erwiesen", sagt der Historiker. Es sei allerdings denkbar, dass der Umgang mit dem Thema zunehmend distanzierter werde, wenn der direkte Kontakt mit Zeitzeugen unwiederbringlich verloren ist.

Ein Problem für kleinere Gedenkstätten

Vor allem kleinere Gedenkstätten seien oft auf die Fürsprache der Überlebenden angewiesen gewesen, so Kößler. Für sie werde es schwieriger werden, Gehör zu finden. Damit liefen sie Gefahr, zu "einem Ort unter vielen" zu werden.

Damit zumindest der indirekte Kontakt zu den Überlebenden des NS-Regimes erhalten bleibt, finden weiter überall in Deutschland Zeitzeugenprojekte statt. Die Initiatoren hoffen, dass sich die Distanz der jüngeren Generation zum Thema Nationalsozialismus durch sie so klein wie möglich halten lässt. Oder wie es der Friedensnobelpreisträger und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel ausdrückte: "Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden."

Von Julian Heißler

Panorama Verlust der Bildungsvielfalt - Abitur ist Pflicht
Heike Manssen 29.04.2016
Panorama Gastbeitrag von Dr. Guido Steinberg - Keine Kompromisse im Kampf gegen den IS
29.04.2016
Panorama Interview mit Regisseur Tom Tykwer - Wie sexy ist Saudi-Arabien?
29.04.2016