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Panorama Die neue Ostsee
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20:06 05.08.2016
Leiser Luxus statt Massenbadewanne, schicke Bars statt Rentnerparadies: Die Ostseebäder erfinden sich neu. Eine Rundreise am Meer entlang. Quelle: Weissenhaus

Am Anfang war die Brücke. "Ein Seebad ohne Seebrücke ist keins", mussten sich die Heiligenhafener ständig anhören. Ganz vorn an der Meer, auf der Halbinsel Steinwarder, war nichts außer Parkplätzen. Die Kitesurfer liebten das Einfache. Jetzt aber erfindet sich das Küstenstädtchen in Schleswig-Holstein neu: als "Sonnendeck der Ostsee".

Als erstes hat Heiligenhafen eine Seebrücke bekommen. Im Logo und in der hoffnungsfrohen Realität. Der lange vergessene Ferienort will cool werden. Und so beliebt, dass er mit dem boomenden Ostseetourismus im Osten gleichziehen kann.

Lange vergessen: Heiligenhafen

Die neue "Erlebnis-Seebrücke" zieht sich weit in die Ostsee hinein, die an diesem Tag stahlgrau leuchtet. Sie knickt erst nach Backbord, dann wieder nach Steuerbord, es gibt Rampen, Treppen, Liege- und Lümmelstühle, einen Zaun für Liebesschlösser und einen formidablen Wasserspielplatz direkt über den Ostseewellen. Nur für die Ausflugsschiffe wäre die 5 Millionen Euro teure Brücke nicht nötig gewesen. Schließlich gibt es noch den Fischereihafen, wo die Kutter auf Touristen warten.

Zentraler Ort hier ist die Eisdiele Sammi, die jemand dringend im Bonner Haus der Geschichte der Bundesrepublik nachbauen müsste, mit farbigen Streuseln, Spaghetti-Eis und der freundlichen Betreiberfamilie mit singendem italienischem Akzent. Doch außer bei Sammi lief es lange nicht mehr so gut im alten Heiligenhafen. 2000 Ferienbetten gingen verloren. Jetzt aber kommen auf einen Schlag 1700 neue Betten hinzu. "20 Jahre lang ist hier nichts passiert", sagt Manfred Wohnrade, der Tourismuschef von Heiligenhafen. "Jetzt haben wir in drei Jahren Bautätigkeit alles nachgeholt."

"Relaunch" – Wohnrade mag das Wort. Hätte man "Heiligenhafen 2.0" gesagt, würde er es wahrscheinlich auch mögen. Wohnrade weist einmal kurz hinüber auf den alten, klotzigen Ferienpark am Ortsrand, nennt ihn wertfrei den "Beginn des Massentourismus in Heiligenhafen". Westdeutsche Sozialarchitektur als Ferientraum, die den Ort optisch dominiert. Aber dann lenkt Wohnrade den Blick auf den Steinwarder. Da spielt die Zukunft, da wird jetzt geklotzt.

"Holy Harbor": Heiligenhafen mausert sich mit Loungeatmosphäre zum Hotspot an der westlichen Ostsee – einem Ort, an dem hip noch lange nicht überteuert heißt. Quelle: dpa

Am 24. August wird es jetzt ernst. Dann eröffnet das erste der beiden neuen Hotels vorn an der Seebrücke, die Bretterbude. Vor Weihnachten folgt gegenüber das Beach Motel. Betreiber beider Hotels ist Jens Sroka, der bisher seinen Heimatort St. Peter-Ording an der Westküste aufgemischt hat. Der junge Erfinder hipper Hotels gibt sich gleich jede Mühe, die Ostsee nach Kräften zu loben. Für ein Nordseekind gelingt ihm das gar nicht schlecht: "Es ist doch toll, dass da Meer direkt vor der Tür ist", sagt er über Deutschlands größte Badewanne.

Das Beach Motel in Sankt Peter-Ording gibt sich als lässiges Surferhotel, wird aber gerne auch von mittelalten Paaren für einen Kurzurlaub gebucht, die sich keine messbare Zeit auf einem Brett halten könnten. Geduzt werden trotzdem alle, unabhängig vom Alter. Das Hotel ist das ganze Jahr lang bestens gebucht. Eine Hauptsaison gibt es nicht mehr bei solchen neuen Themenhotels an beliebten Kurzzeitdestinationen.

An der Ostküste will Sroka seine Hotelgeschichten nun noch klarer erzählen. Das Beach Motel und die Bretterbude stehen einander gegenüber, am Anfang einer Promenade, wo die Baufahrzeuge langsam den Kaffee-, Bademode- und Eisläden weichen. 2016 ist noch eine Übergangssaison. An der "Bretterbude" werden noch die Holzbohlen für den Vorplatz zusammengeschraubt. 81 Zimmer gibt es, die hier "Butzen" heißen. Bei 39 Euro geht es los. Die "Spezialbutzen" kosten 99 Euro, sie sind von "Kooperationspartnern" wie Fritz-Kola oder dem FC St. Pauli eingerichtet. Der Steinwarder wird durch Sroka zum Hipster-Bezirk.

Der Fluch der guten Anbindung

Während die Bretterbude eine Geschichte des coolen Discount-Kurzurlaubs erzählt, wird das Beach Motel im Vergleich zur Westküste deutlich aufgehübscht. Hier soll der Reisende mit tieferem Geldbeutel unterkommen. Einer jedoch, der keinen klassischen Luxus mag. 115 Zimmer, 62 Ferienwohnungen, ein 600 Quadratmeter großer Schwimmbad- und Saunabereich, 700 Quadratmeter "Ocean Spa" und das kalauerhaft benannte Restaurant "Holy Harbour Café & Grill". Die Spezialsuiten werden hier unter anderem von der Automarke Mini und der Brauerei Jever ausgestattet. Man bemerke die feinen Unterschiede im Sroka-Universum.

"Heiligenhafen und wir sind aufeinander angewiesen", sagt Sroka knapp und klar. Und Manfred Wohnrade sagt in seinem Büro neben dem Zollamt am Hafen umgekehrt genau dasselbe. Ohne Srokas Konzepthotels – und ohne das bereits eröffnete Hotel Meereszeiten direkt zwischen Jacht- und Kutterhafen hätte der Relaunch von Heiligenhafen nicht genügend Durchschlagskraft.

Aber solange der Ort nicht neonleuchtend auf der Landkarte der Ostseegäste markiert ist, bekommt selbst die gute Autobahnanbindung etwas Zweischneidiges. Die Strecke führt an allen klassischen Badeorten an der Neustädter Bucht vorbei: Wer nach Heiligenhafen will, muss darauf so fixiert sein, dass er Timmendorfer Strand und Scharbeutz rechts liegen lässt.

Luxus ohne Gedöns: Weissenhaus

Die Erdbeertorten sind immer noch Teil vieler Erzählungen. Das "Erdbeer-Paradies" hieß Schloss Weißenhaus bei den Ostsee-Kennern, als es noch kein "Grand Village Resort & Spa" war. Als es noch nicht den Anspruch des ganz leisen Luxus hatte, sondern ein Ort für einen Nachmittagsausflug war. Heute aber schreibt sich der Ort "Weissenhaus" und ist ein Wohlfühldorf, in dem Zeit und Geld nichts bedeuten, wenn man genug von beidem mitbringt.

Das weiße Schloss leuchtet im Hintergrund, der Rasen ist englisch fein geschnitten, der Kies knirscht beruhigend unter den Schuhen, während der Gast die Allee vom Schloss zum Deich entlangflaniert. Dort wartet dann das Bootshaus direkt am Meer, mit windgeschützter Terrasse und drinnen der tiefen, braunen Ledercouch vor dem Kamin. An den Tischen, die wie aus Strandgut zusammengefügt aussehen, aber trotzdem edel sind, gibt es Fish and Chips für 24 Euro.

Weissenhaus ist ein Resort für Hanseaten. Understatement ist das oberste Gebot. Kein Gedöns, nur Ruhe. Auch die Ostsee spielt mit. Sie plätschert friedlich, sie rauscht sich nicht in den Vordergrund.
Weissenhaus ist exklusiv, aber es schließt niemanden aus. Es gibt keine Zäune um das Dorf, der Radweg führt direkt am Bootshaus vorbei. Allerdings achtet man auf die Ästhetik. Die Kellnerin weist eine Gruppe Radtouristen höflich, aber unmissverständlich darauf hin, dass sie ihre bepackten Drahtesel nicht an die grau gestrichenen Wände des Lokals lehnen dürfen. Auch die Gäste müssen hier mitspielen.

Hanseaten-Luxus ohne Gedöns: Weissenhaus soll ein "magischer Ort" direkt am Meer werden. Quelle: Weissenhaus

Genug zum Spielen und Genießen gibt es indes. Kochkurse mit Christian Scharrer, dem neuen Chef des Restaurants Courtier im Schloss, der an den besten Adressen gekocht hat. Sein Patissier führt die Gäste in die Geheimnisse der Stickstoffkreationen ein. Gäste können den Honig der Weissenhaus-Bienen schleudern. Es gibt E-Bikes für Ausflüge zum nahen Schloss Panker, Und es gibt überall den leisen Luxus: den unterirdischen Gang vom Schlosshotel zum Wellnessbereich mit offenem Kamin und Pool-Fernseher, draußen in der Wand. Den Schneeraum neben den Saunen, wo tatsächlich Flocken fallen.

"Wir wollen hier keinen Kurzurlaub bieten", sagt Frank Nagel, der Chef dieses Traums aus Schloss, Backstein und Reetdach. "In zwei Tagen wird man Weissenhaus nicht verstehen können. Es gibt so viele wahnsinnige Momente, die man hier erleben kann. Aber die muss man erst einmal entdecken." Internetpionier Jan Henric ­Buettner hatte das Areal gekauft, 70 Millionen Euro eigenes und fremdes Geld hineingesteckt. Dann übergab er das operative Geschäft an Luxusprofi Nagel, der zuvor die A-Rosa-Resorts geleitet hatte.

Nun will er Weissenhaus zu einem "magischen Ort" machen. Einem Ort, der sich nur noch mit einer anderen Adresse vergleicht, mit Schloss Elmau am Alpenrand. "Es gibt Weissenhaus im Norden und Elmau im Süden", sagt Nagel und lässt den Satz nachwirken. Am liebsten würde Nagel die 55 Zimmer nur noch für mindestens fünf Tage vermieten. Bereits jetzt bleiben die Gäste im Durchschnitt 3,6 Tage, das ist schon knapp jenseits des Kurzurlaubs.

Wellnesspilger und Promis: Ahrenshoop

Morgens überqueren die Frühaufsteher im Bademantel die Dorfstraße. Eine Prozession weiß gewandeter Wellnesspilger verschwindet zwischen den Dünen des Strandaufgangs direkt gegenüber vom Hotel The Grand am Rande von Ahrenshoop auf dem Darß. Der riesige, 3000 Quadratmeter große Spa-Bereich liegt im Erdgeschoss des futuristischen Neubaus. Gut versteckt und dennoch höchst praktisch. Vom Pool zur See dauert es eine Minute auf Badelatschen. Abends sinkt die Sonne direkt vor dem Hotel ins Meer. Dann sind in der Bar Weitblick im Dachgeschoss keine freien Plätze mehr zu bekommen.

Der Name könnte nicht passender gewählt sein: Der Blick schweift den ganzen Weststrand entlang, und um die Ecke, im windgeschützten Bereich, glitzert das Wasser des Boddens. Der Pianist spielt, der Barmann mixt und alle können sich wie ein Kapitän auf der Brücke eines Kreuzfahrtriesen fühlen. Die Promibilder an der Wand zeigen Corinna Harfouch, Armin Mueller-Stahl und Jan Josef Liefers, der mit seiner Band Radio Doria jedes Jahr eine Woche zum Proben herkommt und dann ein Konzert im Kursaal gibt, der in das Haus integriert ist. Spektakulärer kann es kaum noch werden an der Ostsee.

In Ahrenshoop war das Fehlen solch anziehender Locations lange ein Problem. An der Stelle stand das alte Kurhaus, ein DDR-Klotz mit Festsaal, hässlich, aber nicht allzu auffällig. Nun erhebt sich hinter den niedrigen Reetdachhäusern des Ortskerns eine Art Ostsee-Sternenkreuzer, ein geschwungenes Ding mit vier Obergeschossen. Der Schock hat nachgelassen. Jahrelang fuhren Radfahrer fäusteschwingend an dem Neubau vorbei, nun sei es ruhiger geworden, erzählt Hoteldirektor Oliver Schmidt.

Plüschfreie Zone: "Einfach nur großartig" soll die Spa-Erfahrung im Ahrenshooper Hotel The Grand sein. Mit Meerblick. Quelle: The Grand

Schmidt kommt aus Berlin, er trägt Vollbart und T-Shirt statt Anzug. Er ist schon optisch der Gegenentwurf eines Grandhotel-Direktors, und so hat er auch sein Haus von allem Plüsch, Pomp und von Sternen befreit. Zuerst hieß es "Kurhaus Grand Hotel Moderne". Da verwechselten es Gäste noch mit der Reha-Klinik und präsentierten am Check-in die Krankenkassenkarte. Also fiel das "Kurhaus" weg.

Das reicht aber nicht. Schmidt schaut an sich herunter: "Ich bin nicht Grandhotel, wir sind nicht Grandhotel. Wir schreiben auch keine Sterne dran." Das Hotel spricht für sich selbst. Es ist groß und soll großartig sein. The Grand blieb von dem sperrigen Namen folglich übrig. Drüben in Weissenhaus hat Manfred Nagel gesagt: "Schleswig-Holstein kann sich als Reiseland neu erfinden, im Osten ist das vorbei." Die enorm erfolgreiche ostdeutsche Ostsee könne nur noch so weitermachen wie bisher, glaubt er. OIiver Schmidt will mit dem The Grand das Gegenteil beweisen.

Gerade baut er im Weitblick eine offene Küche ein. Die Bar ganz oben hatten die Architekten eigentlich gar nicht vorgesehen. Nun brummt sie, auch weil es sonst im Ort abends nicht viel gibt. Der Boom hat dazu geführt, dass kleinere Betreiber kaum noch Personal finden, ihre Gaststätten abends schließen müssen oder gar Ruhetage einführen. Dennoch glaubt Schmidt nicht, dass sich die ostdeutsche Ostsee ernsthafte Sorgen machen muss vor der Offensive in Schleswig-Holstein. "Wir sind denen immer zehn Jahre voraus", sagt er. "Und wir haben die schöneren Strände."

Sommer-Klassiker mit Stausorgen: Rügen

Auf Rügen gibt es sie noch, die Saison. Reinhardt Liedtke versteht das nicht. "Wir haben den typischen Andrang in den Sommerferien", sagt der Bürgermeister des Seebades Sellin. "Auch die Nachsaison läuft gut, inzwischen sogar bis Ende Oktober. Aber Mai und Juni, die eigentlich schönsten Monate, laufen leider immer noch zu wenig." Über den Winter redet er gar nicht erst. Einmal hatte die Gemeinde eine Loipe durch das hügelige Waldgebiet der Granitz gespurt. Die Langläufer waren an einer Hand abzuzählen. Immerhin bekamen sie freien Eintritt im Selliner Spaßbad. Die letzten Winter aber fiel kaum noch Schnee.

Rügen funktioniert anders als der Darß oder Usedom. Das hat auch mit der Entfernung zu tun. Berliner brauchen fast zwei Stunden länger nach Sellin als nach Ahrenshoop, und der Stau auf der Insel ist auch durch den Ausbau der B 96 nur verschoben, aber nicht aufgehoben. "Das ist wie in Kitzbühel oder anderen Skigebieten", sagt Liedtke, "da ist an den Anreisewochenenden auch das Tal dicht."

Die Gemeinde tut, was sie kann. Inzwischen können Gäste bis nach Binz kostenlos die Inselbusse nutzen. Die Ferienwohnungen sind alle belegt, und auch hier lässt sich zwischen der Bäderarchitektur leiser Luxus entdecken. Im Roewers an der Wilhelmstraße zum Beispiel. Statt eines Hotelklotzes haben die Betreiber einen Park von Bädervillen angelegt, und natürlich werben auch sie mit ihrem "Spa Concept". Vorn schieben die fröhlichen Massen vorbei, hinten ist man unter sich.

"Weltweit beispiellos": Die einstige Nazi- und DDR-Ferienanlage Prora soll kleiner und dafür umso edler werden. Quelle: dpa

Auch Prora will edler werden. Das "Seebad der 20 000" wollten die Nazis mit dem 4,5 Kilometer langen Betonriegel schaffen. Nun könnte es das Seebad der 10 000 werden, durchaus auch der oberen. 700 Millionen Euro werden investiert, Seebrücke und Jachthafen entstehen, 3000 Ferienbetten sind beantragt, der Seebadstatus wird geprüft. Die Promenade entlang der Prorer Wiek ins größte Rügener Ostseebad Binz ist hingegen schon fertig.

Zwischen 80 000 und 800 000 Euro haben Käufer für Domizile in dem Betonriegel hingelegt. Balkone und helle Farben machen das einstmals monotone Monster unbeschwert und urlaubstauglich. Mit seiner Geschichte geht jeder individuell um. Als "weltweit beispiellos" bezeichnete Karsten Schneider, Bürgermeister der Gemeinde Binz, kürzlich die Prora-Pläne. Es ginge wohl auch eine Nummer kleiner. Aber die Ostsee, dieses oft so unterschätzte Meer, ist auf dem Weg zu neuen Rekorden.

Von Jan Sternberg

Interview mit Jan Sönnichsen, Urlaubsexperte

Jan Sönnichsen, Entwickler von Urlaubsdestinationen, hat das Tourismuskonzept für Heiligenhafen mitentwickelt. Quelle: privat

Herr Sönnichsen, Sie waren an der Neuerfindung von Heiligenhafen beteiligt. Wie lief das ab?
Als ich nach Heiligenhafen kam, gab es bereits ein Tourismuskonzept. Es gab auch schon die Idee einer neuen Erlebnisseebrücke. Das Problem war, Investoren insbesondere für ein gewünschtes Hotel zu finden. Hieraus entstand der Masterplan für das Marina Resort Heiligenhafen mit dem Herzstück eines Seebrückenvorplatzes. Dazu wurde das Terrain aufgeschüttet, ein neuer Platz mit besonderer Qualität entstand –und mit ihm eine neue Inszenierung, eine neue Wertigkeit des Ortes.

Die schleswig-holsteinische Ostseeküste hat 25 Jahre verschlafen. Woran lag das?
Es gab nach der Wende von einem Tag auf den anderen einen neuen Wettbewerber auf der Landkarte und durchaus auch eine gewisse Wettbewerbsverzerrung. Mecklenburg-Vorpommern hat die Chance schnell erkannt und konsequent in den Tourismus investiert. Teilweise wurden so Hotels bis zur Hälfte der Investitionssumme gefördert. Es wurden neue Qualitätsmaßstäbe gesetzt, etwa bei Zimmergrößen und den Wellnessbereichen. Ohne Förderung in dieser Form wäre das nicht möglich gewesen. Ich hatte lange den Eindruck, als habe die Dynamik eine Art Schockstarre bei den Akteuren in Schleswig-Holstein ausgelöst. In den letzten Jahren hat das Pendel aber nahezu komplett umgeschlagen. Mecklenburg-Vorpommern wirkt fast etwas satt, Schleswig-Holstein steht mit den aktuellen Entwicklungen für Dynamik und Innovation – eine Art Boom.

Wer profitiert denn von diesem Boom?
Der große Gewinner ist die Hotellerie, Nicht nur in diesem Sommer, sondern wegen langfristiger Trends. Die Ferienwohnungen bleiben zwar das stärkste Angebot, aber die Hotels profitieren vom Trend zum Kurzurlaub. Wenn ich ein verlängertes Wochenende wegfahre, dann ist das intensiver Urlaub. Da möchte ich umsorgt werden, Wellnessangebote haben – und mich vor allem nicht ums Frühstück kümmern müssen.

Aber die Leute machen doch nicht nur ­Kurzurlaube?
Aber immer mehr. Die großen Ferien gibt es nicht mehr. Viele fahren im Sommer nur noch zwei Wochen weg und machen übers Jahr verteilt drei, vier Kurzurlaube.

Ist es nicht inzwischen schon zu voll an Usedoms Stränden und auf Rügens Straßen?
Vor dem Krieg und zu DDR-Zeiten war es ähnlich voll oder gar noch belebter in den beliebten Ostseebädern. Es gibt sicher Regionen in Deutschland, die in der Hauptsaison inzwischen am Limit sind. Aber manche suchen ja auch den Trubel, andere Ruhe und Abgeschiedenheit – und noch findet jeder "seinen" Ort.

Bei welchen Ferienregionen würden Sie sich schwertun, eine überzeugende Geschichte ­zu entwickeln?
Die Mittelgebirge haben es aktuell schwer. Für die Regionen abseits der Küsten und Alpen ist es eine große Herausforderung, das Interesse der heutigen Urlauber ganzjährig zu wecken, auch unter Berücksichtigung des Klimawandels und schneearmer Winter. Wenn aber das Angebotspaket passt, das Zusammenspiel von natürlichen Rahmenbedingungen und touristischem Angebot, kann es auch im Binnenland klappen. So hat sich die Müritzregion fest auf der touristischen Landkarte positioniert.

Und wohin fahren Sie in den Urlaub?
Ich bin da wohl ein bisschen langweilig, aber die unglaubliche Natur der Dolomiten fasziniert mich und meine Familie bereits über viele Jahre. Ich fahre zwei Wochen im Sommer und eine Woche im Winter in ein kleines, familiengeführtes Hotel auf die Seiseralm.

Interview von Jan Sternberg

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