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Panorama Erfolg im Schwarm
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20:01 04.11.2016
Das Prinzip der Bienenkönigin: Erfolgreiche Firmenchefs führen durch Beispiel und Überzeugung, pflegen Kollaboration und fördern die Schwarmkreativität, um Visionen zu verwirklichen. Quelle: Montage: RND, Fotos: afp (4), iStock

Steve Jobs hat Apple nicht geschaffen. Das hätte er niemals allein gekonnt. Steve Jobs schuf den Schwarm, der Apple erschuf. Vom ersten Tag an war er angewiesen auf Legionen von Ingenieuren, Wissenschaftlern, Technikern, Buchhaltern, Hausmeistern. Ganz zu schweigen von jenen 4000 Jahren gesammelter Weisheit, wissenschaftlicher Erkenntnisse und technischem Know-how, die angehäuft wurden von chinesischen, indischen, mittelamerikanischen, griechischen, römischen, deutschen, englischen, französischen und amerikanischen Philosophen, Wissenschaftlern, Ingenieuren und Unternehmern.

Ein Mensch, auf sich allein gestellt, ist nicht viel besser als eine einzelne Ameise dazu geeignet, das nächste Tesla, Apple, Google oder Facebook zu schaffen. Doch genau wie bei den Ameisen oder Bienen ist auch ein Schwarm von Menschen in der Lage, erstaunliche Dinge zu leisten. Und genau wie ein Schwarm von Ameisen oder Bienen braucht auch ein menschlicher Schwarm eine Bienenkönigin – jemanden wie Steve Jobs, Larry Page, Mark Zuckerberg oder Elon Musk.

Der Schlüssel zu ihren Leistungen ist die Kommunikation. Nur wenn die Ziele kommuniziert werden, nur wenn die akkumulierte Energie und Weisheit des Schwarms kanalisiert wird, kann jenes "next big thing" gelingen, das die Welt verändert. Bessere Kommunikation führt zu einer besseren Zusammenarbeit – und diese zu mehr Innovation.

Die Kunst, den Schwarm zu pflegen

Ob Uber, Airbnb, Tesla oder Apple, es geht nicht darum, ein furchtloser Leader zu sein, sondern darum, einen Schwarm zu schaffen. Einen Schwarm, der mit gemeinsamem Bewusstsein daran arbeitet, Großes zu schaffen. Ein erfolgreicher Schwarm kanalisiert das Wettbewerbsstreben aller Teilhaber hin zur Zusammenarbeit, wie es herausragende Schwarm-Leader wie Steve Jobs oder Elon Musk genauso demonstrieren wie herausragende Schwarm-Unternehmen wie Airbnb und Uber.

Die Kunst besteht darin, den richtigen Schwarm zu wählen, zu pflegen und wachsen zu lassen. Das oft unterschätzte Erfolgsgeheimnis dieser Unternehmen ist ja nicht die Genialität ihrer Chefs, sondern der Stolz der Airbnb-Vermieter auf ihre Wohnungen und der Uber-Fahrer auf ihre Autos; er formt aus ihnen einen im Gleichklang agierenden Schwarm, der wiederum für das großartige Kundenerlebnis verantwortlich ist.

Die Menschen waren schon immer hin- und hergerissen zwischen Wettbewerb und Zusammenarbeit. Charles Darwin etwa war irritiert über die Vorteile der Kooperation, schließlich sollte eigentlich das evolutionäre "survival of the fittest" die wettbewerbsfähigsten Lebewesen begünstigen – während Kollaboration sich nicht auszahlen dürfte.

Kollaboration macht erfolgreich

Forschungsergebnisse der vergangenen fünfzig Jahre deuten allerdings auf das genaue Gegenteil hin. Supersoziale Spezies wie Ameisen, Bienen und Menschen haben sich in der Evolution als supererfolgreich erwiesen, und das auf Kosten von wettbewerbsorientierten Einzelkämpferspezies. Daraus folgt, dass die Menschen ihr Wettbewerbsstreben so kanalisieren müssen, dass sie Zusammenarbeit unterstützen – ein Verhalten, das ich kompetitive Zusammenarbeit nenne. Ganz im Gegensatz zu kollaborativem Wettbewerb, bei dem Menschen zusammenarbeiten, um effektiver zu konkurrieren.

Es ist Zeit für einen neuen Leader-Typus. Linus Torvalds, der Erfinder von Linux, Tim Berners-Lee, der das World Wide Web erschuf, und Jimmy Wales, der Gründer von Wikipedia, sind Beispiele für diesen neuen Stil der kollaborativen Führung. Sie sind die unumstrittenen Bienenköniginnen ihrer Schwärme aus Tausenden von Open-Source-Entwicklern und Wikipedia-Bearbeitern. Und doch haben weder Linus noch Tim noch Jimmy die Befugnis, auch nur einen ihrer Untergebenen zu feuern.

Führung durch Beispiel

Stattdessen führen sie durch Beispiel und Überzeugung, durch die Verantwortung, die sie für ihre jeweiligen Projekte tragen. Sie sind ständig um den Erfolg ihrer Innovationen besorgt und sind selbst die zentralen Schöpfer, Designer und Bauherren ihrer Produkte. Sie sind außerdem Prediger und Lehrer, sind die Fahnenträger ihrer Innovation und preisen unablässig die Vorzüge ihrer Werke. Und noch dazu sind sie auch Unternehmer, die die Finanzierung ihrer Projekte sichern und ihr Wachstum steuern. Sie sind ein neuer Leader-Typus, weg vom "Homo competitivus" eines Donald Trump, hin zu einem "Homo collaborensis".

Als ich im Jahr 2002 meine Forschungen zur Schwarmkreativität begann, nahm ich an, dass kollaborative Gruppen auf egalitäre Weise arbeiten würden. Ich ging davon aus, dass Gemeinschaften wie die der Open-Source-Entwickler von Linux oder die der Wikipedia-Editoren aus Menschen bestünden, die jeweils etwa das Gleiche beitragen. Aber was ich vorfand, war das genaue Gegenteil. Es stehen starke Führer an der Spitze, Jimmy Wales bei Wikipedia und Linus Torvalds bei Linux, deren Wort auch immer noch ein hohes Gewicht hat.

Was zählt, ist Überzeugung

Während theoretisch jedermann in die oberste Führung kommen kann, wird diese Ebene in der Praxis nur von den Kompetentesten der Community erreicht. Die Regeln und Verantwortlichkeiten der Führungskräfte sind klar definiert und völlig transparent. Dies führt dazu, dass die leidenschaftlichsten und intrinsisch motiviertesten Personen an der Spitze stehen.

Jeder kann danach streben, ein Anführer zu werden; jedoch werden die Beiträge jedes Einzelnen kontinuierlich ausgewertet, und die Mitglieder der Gemeinschaft wählen auf dieser Basis demokratisch ihre eigenen Leader.
Was heißt das für jeden Einzelnen von uns? Suche den Schwarm, hinter dem du voll stehen kannst, und bringe dich dort ein. Was zählt, ist Überzeugung und Leidenschaft für die Sache – vor der kurzfristigen Optimierung des Einkommens.

Zur Person

Peter Gloor ist Experte für kollektive Intelligenz und lehrt und forscht an der Sloan School of Management des Massachusetts Institute of Technology.

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