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Panorama Keine Furcht vor Minaretten
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11:42 26.09.2015
In Europa geht die Angst vor Islamisierung um – unbegründet, wenn man Wissenschaftler fragt. Quelle: Shutterstock
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Berlin

Der Unterton, der in der Frage der jungen Schweizerin an Angela Merkel mitschwang, war nicht zu überhören: Hier ist Europa, sagte sie, das christliche Abendland. Wie lange wird es dauern, bis die Minarette der Moscheen die Kirchtürme in unseren Städten und Dörfern an Zahl und Höhe überragen? Wie können wir das verhindern? Weil sie die Frage im Fernsehen stellte, formulierte sie ein wenig dezenter, aber nicht weniger fordernd: Wie, Frau Bundeskanzlerin, wollen Sie Europa und unsere Kultur vor der Islamisierung schützen?

Nun liegt die Schweiz fernab der Flüchtlingsströme, gleichwohl scheint es die gleiche Grundangst zu geben wie in jenen Ländern der Europäischen Union, in denen sich Hunderttausende von Flüchtlingen aus dem Nahen und Mittleren Osten in Aufnahmelagern drängen. Angst, so lehrt die Lebenserfahrung, wurzelt nicht selten in Unwissenheit. Im Fall der Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak wissen wir zwar, dass etwa 90 Prozent von ihnen Muslime sind. Was wir nicht wissen ist freilich, wie streng sie ihren Glauben leben wollen, gerade in der Fremde. Zugespitzt gefragt, wie fundamentalistisch oder gar fanatisch sind sie eingestellt?

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Oder sollten wir nicht besser daran denken, wie es sich mit den Christen verhält, die die Heilige Schrift vielleicht noch im Regal stehen haben und an Weihnachten mal im Gottesdienst vorbeischauen? Zwar kann man, salopp gesagt, aus dem Islam nicht "hinauskonfirmiert" werden, aber gibt es nicht auch dort Gläubige, die den Propheten ehren und den Koran schätzen, aber ansonsten ihren Gott einen guten Mann sein lassen? Die Antwort ist nicht einfach.

Europa wird nicht überrannt

Blickt man allein auf die Prognosen der Bevölkerungswissenschaftler, dann scheint die Annahme berechtigt, dass die Welt insgesamt islamischer wird. Laut einer Studie des renommierten "Pew Research Center" in Washington D. C. ist der Islam die einzige Religion, deren Anhängerschaft in den kommenden Jahrzehnten schneller wachsen wird als die Weltbevölkerung.

Betende Muslime aus Syrien in der Ditib-Moschee in Köln-Chorweiler. Quelle: Oliver Berg

Bis 2050 wird es genauso viele Muslime wie Christen auf der Welt geben, sagen die Forscher, bis 2070 sei der Islam dann die am meisten verbreitete Religion der Welt. Das schließen die Wissenschaftler aus Daten wie Geburtenrate, Einwohnerstruktur und Religionswechsel. So liege die Geburtenrate muslimischer Frauen bei 3,1 Prozent, die von christlichen Frauen bei 2,7. Hinzu komme: Das Christentum werde rund 66 Millionen Gläubige allein dadurch verlieren, dass Menschen eine andere Religion wählen oder an gar nichts mehr glauben.

Was Europa betrifft, so können die Bevölkerungswissenschaftler die junge Schweizerin und mit ihr die Aktivisten von Pegida und ihren Ablegern aber beruhigen: der Islam mag sich stark ausbreiten, aber Europa wird keineswegs überrannt. "Muslimische Bevölkerungen sind in einigen der am schnellsten wachsenden Regionen der Welt konzentriert", sagt der Direktor des Instituts, Alan Cooperman.

So werden die meisten Muslime irgendwann in Indien leben. Zwar wird der Hinduismus dort die am weitesten verbreitete Religion bleiben. Weil es inzwischen allerdings mehr als eine Milliarde Inder gibt, hat der Anstieg der muslimischen Bevölkerung im fernen Teil Asiens aber einen Effekt auf die Religionsverteilung der ganzen Welt. Für Europa gehen die Forscher davon aus, dass im Jahr 2050 10 Prozent der Bevölkerung muslimischen Glaubens sein werden. Die jüngsten Flüchtlingsbewegungen sind dabei freilich noch nicht berücksichtigt.

Über die Religiosität von muslimischen Migranten und ihre Auswirkungen auf die Integration wird viel spekuliert. Wohlgemerkt, es geht um die Religiosität im Alltag, nicht um den verbrecherischen Islamismus von Terroristen und seinen Nährboden, den Fundamentalismus.

50 Prozent der Muslime sind "eher gläubig"

Die einzige umfassende Grundlage bietet die Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge aus dem Jahr 2009. Der allgemeine Befund klingt überraschend: Im Vergleich zur deutschen Gesamtgesellschaft sind muslimische Migranten nicht auffällig religiöser. 50 Prozent der Muslime halten sich für "eher gläubig" – was man vielleicht mit den hiesigen Weihnachtsgottesdienstlern gleichsetzen könnte. Immerhin 36 Prozent stufen sich als "sehr stark gläubig" ein.

In der Gesamtbevölkerung sieht es so aus: Laut dem Religionsmonitor 2008 der Bertelsmann Stiftung sind 52 Prozent der Deutschen "durchschnittlich religiös" und 18 Prozent "hochreligiös". In dieser Studie wurden auch Menschen ohne Religionszugehörigkeit befragt. Berücksichtigt man nur Menschen aus der Gesamtgesellschaft, die einer Religionsgemeinschaft angehören, entspricht der Anteil der Religiösen etwa dem der Muslime.

Eine Erkenntnis der Studie "Muslimisches Leben in Deutschland" ist darüber hinaus, dass eine starke Religiosität keine Besonderheit muslimischer Migranten ist. Der Anteil Religiöser und Hochreligiöser ist unter den nicht muslimischen Migranten, die ja aus den selben mehrheitlich muslimisch geprägten Herkunftsländern stammen, vergleichbar hoch.

Bundeskanzlerin Merkel: "Vielleicht kann uns diese Debatte auch mal wieder dazu führen, dass wir uns mit unseren eigenen Wurzeln befassen und ein bisschen mehr Kenntnis darüber haben." Quelle: afp

90 Prozent der Syrer sind Muslime, das klingt sehr viel, aber es lässt sich nicht eins zu eins auf die syrischen Flüchtlinge umrechnen. Oft fliehen bei einem Bürgerkrieg Minderheiten wie Christen oder Jesiden zuerst. Klar ist aber: Die muslimische Gemeinschaft in Deutschland wird durch die Syrer in den nächsten Jahren arabischer werden. Bisher haben rund zwei Drittel der Muslime Deutschlands ihre Wurzeln in der Türkei. Dies bedeutet zuvörderst: Nicht allein die religiöse Gewichtung in Deutschland wird sich verschieben, auch der Islam in Deutschland wird seine Ausprägung verändern.

Merkel spricht deutliche Worte

Syrien war vor dem Krieg ein multikonfessionelles Land, Muslime lebten ihren Glauben vielfältig. Im Alltag gingen sie am Freitag in christliche Geschäfte, die Christen am Sonntag in die Läden der Muslime, und alle zusammen haben sie – wie in so vielen Ländern des Nahen Ostens – die Feiertage ihrer "andersgläubigen" Freunde bei denen einfach mitgefeiert. Wegen der Assad-Diktatur haben viele Syrer ihre Religion im Privaten leben müssen, es gibt also so etwas wie eine säkulare Tradition.

Für die deutsche Zivilgesellschaft gilt es nun, ein zartes Pflänzchen zu hegen statt Ängste zu schüren. Mehr und mehr ist davon zu hören, dass auch viele muslimische Organisationen Hilfe für Flüchtlinge organisieren. Moscheegänger werden mit einem Mal als helfende Akteure wahr- und ernst genommen, auch von Behörden und Polizei. Einige Moscheen wollen Flüchtlingshilfswerke gründen, ähnlich der kirchlichen Caritas. Hier dürfen Integrationsbeauftragte nicht um ihre Bedeutung bangen, sie müssen vielmehr mutig die Parole ausgeben "Helft euern Glaubensschwestern und -brüdern". Tatkräftige Unterstützung dafür sollte selbstverständlich sein.

Noch eine Spur aufregender als die Frage an die Bundeskanzlerin war übrigens die Antwort von Angela Merkel. Sie scheint ein Gespür dafür zu haben, was hinter der vordergründigen Furcht vor den Muslimen stecken könnte – nämlich die Unsicherheit der westlichen Bevölkerung, was ihre eigenen Werte und Normen angeht. Mit den Muslimen könnte, so lautet die Vermutung, eine Bevölkerungsgruppe kommen, die noch eine starke Bindung an sittliche Gesetze in sich spürt.

Da wird die Pfarrerstochter Merkel ziemlich deutlich: "Wenn Sie mal Aufsätze in Deutschland schreiben lassen, was Pfingsten bedeutet, da würde ich mal sagen, ist es mit der Kenntnis über das christliche Abendland nicht so weit her. Und sich dann anschließend zu beklagen, dass Muslime sich im Koran besser auskennen, das finde ich irgendwie komisch. Und vielleicht kann uns diese Debatte auch mal wieder dazu führen, dass wir uns mit unseren eigenen Wurzeln befassen und ein bisschen mehr Kenntnis darüber haben."

Der Streit um die Minarette ist in Köln zum Beispiel gut ausgegangen. Dort hat die muslimische Gemeinde im Stadtteil Ehrenfeld eine große Moschee errichten lassen, die anfänglich stark umstritten war. Heute regt sich kein Mensch im Rheinland mehr darüber auf, im Gegenteil, der moderne Bau aus hellem Beton und Glas belebt das Straßenbild. Und die Türme vom Dom sind sowieso höher.

Von Reinhard Urschel

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