Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Panorama Freiheit darf keine Rechtsfreiheit sein
Nachrichten Panorama Freiheit darf keine Rechtsfreiheit sein
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:59 23.09.2016
Wie groß der tatsächliche Schaden durch Cybercrime ist, kann noch immer nur geschätzt werden. Die Freiheit des Internets darf keine Rechtsfreiheit sein, meint BKA-Präsident Holger Münch. Quelle: iStock
Anzeige

Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass wir heute tragbare Telefone haben, mit denen wir nicht nur telefonieren, sondern auch gestochen scharfe Bilder aufnehmen und diese sofort mit der ganzen Welt "teilen"? Wer hätte gedacht, dass wir im Netz mobil und jederzeit unsere Flug- und Bahntickets buchen, in Onlineshops Kleidung oder Lebensmittel bestellen oder die Heizung unseres Zuhauses regulieren können?

Das Internet vernetzt heute nahezu alle Lebensbereiche. Neue Möglichkeiten der Kommunikation und des Wissenszugangs sind entstanden, neue Geschäftsmodelle wurden entwickelt, neue Felder in Forschung und Entwicklung haben sich etabliert. In vielen Bereichen eröffnen sich neue Chancen und Perspektiven. Digitalisierung und Vernetzung sind aber auch in der Kriminalität angekommen. Mit dem Internet haben sich Begehungsweisen und Erscheinungsformen von Straftaten verändert. Terrororganisationen nutzen das Internet für ihre Propaganda, um Sympathien, Unterstützer und gegebenenfalls neue Mitglieder zu gewinnen und für ihre Ziele zu werben.

Anzeige

Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen und Cyberspionage sind eine Bedrohung für den Staat. Kinderpornografie im Internet, "Phishing" persönlicher Zugangsdaten zu Bankkonten oder Onlineshops, Netzwerkeinbrüche und DDoS-Attacken (Sabotage bei einer Vielzahl von Computersystemen), Verbreitung von Schadsoftware sowie Betrugshandlungen finden im und über das Internet statt.

Hohe Dunkelziffer bei Cybercrime

Das Internet bietet Kriminellen immer neue Tatgelegenheiten. Cyberkriminelle sind sowohl klassische Einzeltäter als auch international organisierte Tätergruppierungen. Die Täter schließen sich meist nur für einen gewissen Zeitraum im virtuellen Raum zusammen, oft ohne sich überhaupt gegenseitig zu kennen.

Wie groß der durch Cybercrime verursachte Schaden tatsächlich ist, bleibt unklar. Taten werden nicht bemerkt oder in vielen Fällen nicht angezeigt. Die Gründe für die niedrige Anzeigebereitschaft reichen von der Angst vor Reputationsverlust des eigenen Unternehmens bis hin zur Unkenntnis, an wen genau sich Geschädigte wenden können.

Insofern bildet die Polizeiliche Kriminalstatistik nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Cyberstraftaten ab. Für 2015 wurde hier eine Gesamtschadenssumme von 40,5 Millionen Euro bei mehr als 45 000 Cyberstraftaten erfasst. Die tatsächliche Schadenssumme durch Cybercrime in Deutschland wird hingegen auf rund 50 Milliarden Euro geschätzt.

Von Drogen bis zu Schadsoftware

Seit dem Amoklauf in München wird viel über das Darknet gesprochen. Hier könnte sich der Täter die Tatwaffe besorgt haben. Tatsächlich hat sich in den "dunklen" Bereichen des Internets eine sogenannte Underground Economy etabliert. Im Darknet kann man, bedingt durch eine spezielle Netzwerkstruktur, weitgehend anonym agieren. Das macht es attraktiv für Kriminelle. Geschäftsabsprachen laufen zudem in geschlossenen Chats, gezahlt wird nicht mit Bargeld, sondern mittels elektronischer Zahlungsmittel wie zum Beispiel Bitcoins.

Hier gibt es illegale Märkte, die wie gängige Onlinehandelsplattformen aufgebaut sind. Der Unterschied ist, dass hier mit illegalen Waren gehandelt wird: Drogen, Falschgeld, Waffen, gefälschten Ausweisen, aber auch sensiblen persönlichen Daten (etwa Kreditkartendaten, Zugangsdaten zum Onlinebanking, zu sozialen Netzwerken). Darüber hinaus findet man den Kundenwünschen angepasste Schadsoftware und Cybercrime-Infrastrukturen sowie entsprechende Handlungsanleitungen und Tutorials.

Bei den Ermittlungen im Internet kombiniert die Polizei Mittel und Werkzeuge aus der digitalen und analogen Welt. Hierzu gehören beispielsweise die Informationsgewinnung mithilfe von verdeckt ermittelnden Personen oder die Telekommunikationsüberwachung vor oder nach einer möglichen Verschlüsselung durch direkten Abgriff an den Endgeräten. Auch die Sicherstellung von Bitcoins ist Bestandteil von Cyberermittlungen. Polizeibeamte arbeiten mit Cyberanalysten – ausgebildeten Informatikern – Hand in Hand, denn Fachwissen ist in diesem Bereich der Kriminalitätsbekämpfung unentbehrlich.  

Enge internationale Zusammenarbeit

Zur erfolgreichen Bekämpfung von Cybercrime gehört außerdem die enge, internationale Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden. Wie gut diese Zusammenarbeit funktioniert, zeigte sich im Sommer 2015, als es unter Federführung des FBI und Europol gelang, ein Forum der Underground Economy zu zerschlagen. 17 Staaten waren an dem "Takedown" des Forums beteiligt. Verdächtige wurden festgenommen, Wohnungen durchsucht und die Forum-Domain sowie entsprechende Server beschlagnahmt.

Da Wirtschaftsunternehmen besonders im Zielspektrum von Cyberkriminellen, fremden Nachrichtendiensten und Konkurrenzausspähungen stehen, ist die enge Kooperation und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Sicherheitsbehörden und Wirtschaft besonders wichtig. So gibt es bereits eine Vielzahl von Kooperationen mit dem Ziel, unsere Kommunikation, unsere sozialen Zusammenhänge und unser wirtschaftliches Leben – soweit mit dem Internet verbunden – gegen Gefahren zu schützen.

Daten und Spuren sind flüchtig

Um geschädigten Personen und Unternehmen kompetente Ansprechpartner zur Verfügung zu stellen, wurden bei den Polizeibehörden Spezialdienststellen eingerichtet. Ein Beispiel sind die "Zentralen Ansprechstellen Cybercrime" (ZAC) des BKA und der Landeskriminalämter. Die Polizei kann Cybercrime jedoch nur wirksam bekämpfen, wenn sie von entsprechenden Straftaten erfährt. Daher ist es wichtig, dass Betroffene Anzeige erstatten.

Nur so kann die Polizei die Daten sichern und Kriminelle überführen. Da es sich häufig um "flüchtige Daten" handelt, ist zudem schnelles Handeln geboten. Eine frühzeitige Anzeigeerstattung und eine umfassende Informationsweitergabe an die Polizei sind daher unentbehrlich; ansonsten gehen Ermittlungsansätze verloren und Täter bleiben straflos. Zudem können ohne ein aktuelles, klares Bild der Lage, der Täterstrukturen und des Modus Operandi Bekämpfungs- und Präventionskonzepte nicht greifen und weiterentwickelt werden.

Das Darknet ist ein wichtiger Teil des Internets

Das Internet eröffnet uns unzählige neue Chancen und Möglichkeiten. Es hat unser Leben in vieler Hinsicht bereichert und erleichtert. Auch das Darknet ist ein wichtiger Bereich des Internets, denn es ermöglicht durch seine Anonymität freie Meinungs- und Willensäußerung dort, wo diese – wie beispielsweise in autoritären Systemen – im öffentlichen Raum nicht möglich ist.

Aufgabe der Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden ist es, Kriminalität im Internet einzudämmen und zu verfolgen und somit eine der großen Schattenseiten moderner Kommunikationsmittel und globaler Vernetzung zu bekämpfen. Das Internet darf bei all den Möglichkeiten, die es bietet und die auch von Kriminellen genutzt werden können, kein strafverfolgungsfreier Raum sein. Um dies zu gewährleisten, arbeiten wir national und international mit allen relevanten Akteuren zusammen.

Eine hundertprozentige Sicherheit lässt sich aber nicht herstellen. Hier ist – wie auch in der analogen Welt – die Eigenverantwortung von Unternehmen, Behörden und jedes Einzelnen gefragt, die Risiken, die mit der Nutzung moderner Kommunikationsmittel und der zunehmenden globalen Vernetzung einhergehen, zu kennen und sich dagegen zu schützen.

Zur Person

Quelle: BKA

Holger Münch ist seit 2014 Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA). Zuvor war der Diplom-Verwaltungswirt Polizeipräsident in Bremen sowie Staatsrat beim Senator für Inneres und Sport der Freien Hansestadt Bremen.

Panorama Wortfindungspoesie mit Imre Grimm - Sprich Wörter!
Imre Grimm 23.09.2016
Panorama Unkaputtbares mit Uwe Janssen - Smarter, mutiger Chuck
Uwe Janssen 23.09.2016
Panorama Mit Leiche und Sackkarre durch Berlin - Claus-Brunner hat den Mord wohl geplant
23.09.2016