Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Panorama Sonne, Wind und Autofahren
Nachrichten Panorama Sonne, Wind und Autofahren
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:35 11.09.2015
Hermann Albers, Präsident des Verbandes WindEnergie setzt auf die Möglichkeiten von Windkraft auch jenseits vom Strommarkt. Quelle: BWE/Silke Reents
Anzeige

Der Siegeszug erneuerbarer Energien im Stromsektor schreitet voran. Gegenwärtig können bereits 32,5 Prozent des Strombedarfs von Haushalten, Handwerk, Gewerbe, Handel und Industrie größtenteils aus Sonne, Wind und Biomasse gedeckt werden. Dank der Innovationsschübe vergangener Jahre produzieren neu errichtete Solar- und Windkraftanlagen an Land bereits preiswerteren Strom als Atom-, Kohle- oder Gaskraftwerke. Der Zubau dieser Technologien wirkt sich deshalb zunehmend positiv auf den Strompreis aus.

Während es im Strommarkt also vorangeht, sieht es in den Bereichen Mobilität und Wärme schlecht aus, obwohl sie einen weit bedeutenderen Anteil an den CO²-Emissionen haben. Beispielsweise erscheint es aussichtslos, bei aktuell nur 19 000 Elektroautos das Ziel von einer Million solcher Fahrzeuge bis zum Jahr 2020 auch nur ansatzweise zu erreichen. Das ist so, obwohl Deutschland bis 2023 als erstes Land weltweit ein flächendeckendes Grundversorgungsnetz an Wasserstofftankstellen aufbauen will und parallel ein dichtes Netz von Elektroladesäulen an Autobahnraststätten errichtet.

Anzeige

Energiewende mit Rückenwind

Noch ist E-Mobilität in der Anschaffung sowie im Betrieb nicht konkurrenzfähig gegenüber Benzin und Diesel. Nur ein starker Nachfrageimpuls kann dies ändern. Allerdings lehnt die Bundesregierung eine Anschubfinanzierung aus Steuermitteln ab. Auf dem Feld der Wärme stockt die Umsetzung ebenfalls.

Es stellt sich also die Frage: Gibt es Wege, die die Energiewende auch in die beiden wichtigen Sektoren Mobilität und Wärme tragen? Ja, lautet die einfache Antwort, die manchen überraschen wird. Mit der Windenergie an Land steht nämlich nicht nur eine etablierte und in ganz Deutschland einsetzbare, sondern dazu noch äußerst preiswerte Technologie bereit, die sich besser als heute nutzen lässt.

Zur Person

Hermann Albers hat die Möglichkeiten grüner Energie früh erkannt: Der Präsident des Verbandes WindEnergie wuchs in Husum auf und baute im Jahr 1992 einen der ersten deutschen Windparks auf einem Feld. Mittlerweile leitet der Landwirt mehrere Windparks – und setzt weiter auf Energiegewinnung an Land.

Im Moment könnte man den Eindruck gewinnen, dass Windräder oft stillstehen. Ursache ist vor allem der aus vielen Gründen stockende Netzausbau. So gibt es immer wieder Phasen, in denen Netzengpässe zur Abregelung von Windkraftanlagen führen. Da eine gerechte Abregelung einzelner Windkraftanlagen nicht darstellbar ist, wird die nicht nutzbare Energie vergütet und schlägt sich anschließend in den Netzentgelten nieder.

Noch hemmen rechtliche Regelungen die Kreativität der Betreiber, in solchen Phasen andere energiewirtschaftlich sinnvolle Wege zu gehen. Umschalten statt abschalten sollte die Devise sein, mit der sich gleichzeitig die Netzentgelte entlasten lassen. Dafür müssen allerdings Denkblockaden und überkommene rechtliche Hürden infrage gestellt werden.

Die digitale Revolution erreicht die Energiewende mit hoher Dynamik. Windkraftanlagen kommunizieren heute mit den Leitstellen der Netzbetreiber. Warum also nicht die Windkraftanlagen mit einem Regler ausstatten und den Strom im Bedarfsfall in andere Richtungen lenken? Windkraftanlagen stehen überwiegend in ländlichen Regionen.

Die digitale Revolution nutzen

Wie wäre es, in Zeiten von Netzengpässen, die Pumpen im örtlichen Wasserwerk, im regionalen Wasser- und Bodenverband oder im Klärwerk direkt zu beliefern? Auch denkbar ist es, über eigene Leitungen den nächsten Supermarkt, die Tankstelle oder Dienstleister wie Paketdienste, den öffentlichen Nahverkehr und mobile Pflegedienste mit Strom für Elektromobilität zu versorgen. Wenn das zur normalen EEG-Vergütung erfolgte, würde es einen sehr starken Impuls für E-Mobilität geben und die Bundesregierung könnte darauf verzichten, die Batterietechnik steuerlich zu bezuschussen. 100 Kilometer Fahrtstrecke mit EEG-Windstrom kosten dann nur etwa 1,50 Euro gegenüber 9 Euro plus CO²-Emissionen mit fossilen Energien.

Technisch möglich ist es außerdem, in Stunden, in denen Wind weht, Strom aber gerade nicht ausreichend abgenommen oder abtransportiert wird, dezentral über einen Elektrolyseur vor Ort im Windpark Wasserstoff herzustellen, um diesen dann für Mobilität und die Industrie bereitzustellen. Wasserstoff könnte zudem ein Weg sein, um erneuerbare Wärme voranzubringen. Während der Energiebedarf dank Niedrigenergiehäusern und der Kombination von Fotovoltaik­anlage, Wärmepumpe und Batterie im Einfamilienhausbestand deutlich sinken wird, haben Industrie und öffentliche Bauten weiter hohen Bedarf. Schulen, Krankenhäuser und Verwaltungen lassen sich durchaus auch über Wasserstoff beheizen.

Aus Windenergie Wärme erzeugen

Und im Mietwohnungsbestand zeigen erste Stadtwerke, dass das Modell "Power to Heat" – also elektrische Energie in Wärme umzuwandeln – wirtschaftlich ist. Noch sind viele der angesprochenen Wege wirtschaftlich nur schwierig darzustellen. Wenn die Bundesregierung aber vorübergehend darauf verzichtet, die für Mobilität und Wärme bereitgestellten Strommengen mit Steuern und Abgaben zu belegen, wäre der Weg frei für Effektivitätsgewinne. Billiger kann die Energiewende nicht in diese wichtigen Sektoren getragen werden.

Vieles ist heute nicht möglich, weil Betreiber von Anlagen zum Energieversorger oder Netzbetreiber werden und das rechtlich-regulatorische Dickicht die lokalen Akteure überfordert. Lassen wir Innovation und Kreativität zu. Geben wir Akteuren die Chance, neue Wege überhaupt gehen zu können. Ein barrierefreier Zugang der preiswerten Windenergie in Mobilität und Wärme wird der Bundesregierung helfen, die desaströse Bilanz in diesen Sektoren zu verbessern.

Von Hermann Albers

Deutsche Presse-Agentur dpa 11.09.2015
Panorama "Curiosity" auf dem Mars - Ein Leben in Staub und Braus
Uwe Janssen 11.09.2015
Panorama Lustpille für Frauen - Das Betthupferl
Imre Grimm 11.09.2015