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Panorama Die Grenzen der Selbstverliebtheit
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20:04 28.08.2015
Journalist und Buchautor Michael Jürgs findet Selfies als moderne Form der Selbstverliebheit. Quelle: Karlheinz Schindler/dpa
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In den Augen seiner Mitmenschen als selbstverliebt zu gelten kann so unbeliebt machen wie Mundgeruch oder Fußpilz. Selbstverliebt – dieses Attribut wird auch gern mit naheliegenden Beleidigungen gepaart, die alle mit dem Buchstaben A wie Angeber beginnen. Der Vorwurf der Selbstverliebtheit gehört in die Abteilung der Eitlen, die sich für die Besten, Schönsten, Klügsten halten, und andere Menschen für geistig minderbemittelte Nachkommen von Quasimodo, dem Glöckner von Notre-Dame.

Drei archetypische Vertreter sich selbstverliebt aufplusternder Schaumschläger(innen) sind in diesem Sinne beispielsweise der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis, der einstige Schlagersänger Dieter Bohlen sowie alle, die in der "Bunten" als ihren Beruf "Charitylady" angeben.

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In sich selbst verliebt zu sein lässt sich allerdings auch als positive Eigenschaft interpretieren. Weiter gedacht, eröffnen sich nach erstem Augenschein erstaunliche Perspektiven, gefolgt von überraschenden Blickwinkeln und deshalb neuen Sichtweisen. Mit sich im Reinen zu sein, sich selbst zu lieben, im Bewusstsein eigener Schwächen zu leben, sie stoisch hinzunehmen wie auch die seiner Mitmenschen macht immun für den Alltag.

Politiker als Vorbilder

Beispiele aus der Politik für diese positive Eigenart, in sich selbst verliebt und dennoch kein Angeber – sondern im Gegenteil – stark zu sein, sind das amtierende CDU-Urgestein Wolfgang Schäuble, der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck und die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Claudia Roth.

Der eine hat mit seinem schwachen Körper Frieden geschlossen, der andere sich durch die Flucht aus dem SPD-Haifischbecken von psychosomatisch bedingten Hörstürzen befreit. Und die unbekümmert nervige Grüne hat jahrzehntelange Häme grauer Schnarchsäcke über ihre grenzwertig farbenfrohen Verkleidungen gelassen überstanden.

Selbst in sich Verliebte leben bewusst so, wie sie sind oder im Laufe ihres Lebens nach Niederlagen halt geworden sind. Eine solche Behauptung ist belegbar mit einem Gebot aus dem Buch der Bücher, in dem geschrieben steht: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, also mit all seinen Schwächen und Fehlern. Unfehlbar sind bekanntlich nur Heidi Klum, der jeweils amtierende Papst, Ferdinand Piëch und Hans-Werner Sinn.

Nächstenliebe ist eher selten

Jenseits von Eden im Diesseits werden die Schwächen des einen durch die Stärken der anderen ausgeglichen. In besonderen Fällen von Glück, einem meist ja trügerischen Wandergesellen, kann aus dieser Erfahrung sogar ein dauerhaft starkes Liebespaar erwachsen wie beispielsweise Maria und Joseph oder Steffi Graf und André Agassi oder Daisy und Donald Duck oder Queen Elizabeth II. und Prinz Philip.

Zugegeben: In den Niederungen des Alltags von Schauspielern oder Parteifreunden ist Nächstenliebe eher selten verbreitet. Wolfgang Schäuble und Yanis Varoufakis beispielsweise werden in diesem wie im nächsten Leben keine Freunde mehr.

Der selbstverliebte griechische Easy Rider Varoufakis, qua Abstammung verwandt mit dem Urvater aller heutigen Eitlen aus der griechischen Mythologie, dem schönen Sohn des Flussgottes Kephissos, dürfte sich auch nach seinem Abgang von der Weltbühne nicht in eine duftende Narzisse verwandeln wie einst der andere Selbstverliebte nach seinem Sturz ins gekräuselte Nass. Wahrscheinlich wird der griechische Politprolo auf Europatournee gehen und gegen Entgelt üble Nachreden halten auf jene, die versucht haben, Griechenlands selbst verschuldete Misere zu lindern.

Das Selfie als Liebeserklärung

Eine moderne Form von Selbstverliebtheit ist unter dem Namen Selfie bekannt. Mitmenschen aller Art, die egal, wo auf der Welt, Fotos von sich machen und dabei automatisch den Wundern der Erde den Rücken zukehren, sind zwar in sich selbst verliebt, von Fall zu Fall jedoch gern auch zur Paarung mit ihresgleichen bereit.

Als Liebe mitunter noch eine Himmelsmacht war, schrieben sich Verliebte eigenhändig ihre Botschaften, heute versenden sie ihr soeben entstandenes Lächeln per Knopfdruck, und falls es mal vorbei ist mit der Liebe, ein Zieh-Leine-Smiley per SMS.

Die fanatischen Kämpfer des IS, mehrheitlich so hässlich, dass freiwillig keine Frau für sie auch nur ihren Schleier liften würde, geschweige denn mehr, halten sich selbstverliebt für Auserwählte. Sie vergewaltigen und töten und behaupten dabei auch noch, beschränkt, wie sie nun mal sind, ihrem Gott ein Wohlgefallen zu sein.

Den Nächsten lieben wie sich selbst

Es gibt aber nur einen Gott, egal, wie man ihn nennt. Und der fordert, in welcher Weltreligion und in welcher Sprache auch immer, von allen Menschen, seinen Nächsten zu lieben so wie sich selbst. Wer die Nächsten hasst, der hasst sich selbst.

Und wird sich wundern, was ER mit ihnen machen wird im Jenseits. Von wegen 72 Jungfrauen würden auf die Mörder warten im Himmel. Bitte, Herr Gott, erlöse uns erstens bald von allen Übeln, und schick sie dann zweitens direkt in die Hölle, wo sie bis zum Jüngsten Tag in der dortigen RTL-II-Folterkammer das Leben der schrecklichen Geißens anschauen müssen.

Der Unterschied zwischen in sich selbst verliebt und selbstverliebt liegt nicht nur in der Schreibweise. Gemeinsam zu grillen klingt zwar ähnlich wie gemein einen zu grillen, aber zwischen dem einen und dem anderen liegen Welten wie zwischen Sahra Wagenknecht und Ludwig Erhard oder Lothar und dem Apostel Matthäus oder den Scorpions und einer Rockband.

Von Michael Jürgs

Zur Person

Michael Jürgs war Chefredakteur der Zeitschriften „Stern“ und „Tempo“ und schreibt für die „Süddeutsche Zeitung“, den „Tagesspiegel“, das „Handelsblatt“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Er verfasste Sachbücher und Biografien, die Bestseller und zum Teil verfilmt wurden, unter anderem „Der Fall Romy Schneider“ (1991) und „Der Verleger – Der Fall Axel Springer“ (2001). Unter dem Titel „Seichtgebiete“ verfasste er 2009 eine Polemik gegen die „hemmungslose Verblödung“ im Alltag. Für sein Buch „Wer wir waren, wer wir sind“ hat Jürgs eine Reise zu Orten deutscher Geschichte unternommen. Der Band erscheint am 31. August im Verlag C. Bertelsmann.

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