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20:01 24.06.2016
Sind Frauen weniger für Führungspositionen geeignet, oder haben sie nur häufiger mit schwierigen Ausgangssituationen zu kämpfen? Quelle: iStock
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Sie sind noch immer viel zu selten: Frauen in Vorständen der deutschen Wirtschaft. Das gilt vor allem für die großen Unternehmen, wie die jüngste Studie zu Frauen in Führungsetagen gezeigt hat: Die Wirtschaftsberatungsgesellschaft KPMG hat 250 der größten deutschen Familienunternehmen untersucht und ihren Frauenanteil in Führungsfunktionen mit demjenigen in Dax-Unternehmen verglichen.

Die deutschen Familienunternehmen stehen demnach sogar noch schlechter da als der Durchschnitt aller Dax-Konzerne. Beide rangieren im einstelligen Prozentbereich: Die Dax-Unternehmen weisen einen Frauenanteil in der Unternehmensleitung von knapp unter zehn Prozent auf, die untersuchten Familienunternehmen erreichen mit nicht einmal fünf Prozent sogar nur die Hälfte dieses Wertes.

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Das sind schlechte Zahlen für eine hoch entwickelte Volkswirtschaft und unsere moderne Gesellschaft. Dass noch immer viele börsennotierte Gesellschaften nur einen marginalen Frauenanteil in ihren Vorständen vorweisen können, stellt unseren Großunternehmen auch im internationalen Vergleich kein gutes Zeugnis aus.

Der Fortschritt ist mühsam

Auch die deutsche Wirtschaft ist sich dessen durchaus bewusst. Sie hat sich schon vor 15 Jahren im Corporate-Governance-Kodex zu dem Ziel bekannt, mehr Frauen in Führungsetagen zu erreichen. Und tatsächlich sind in den frühen Nullerjahren erste Frauen in die Vorstände börsennotierter Unternehmen eingezogen. Aber dieser Fortschritt blieb ebenso mühsam wie langsam; er stellte die Geduld der Frauen auf eine harte Probe.

2013 schien sich endlich eine Trendwende abzuzeichnen. Die Zahl der Frauen in Dax-Vorständen stieg auf bis dahin nie erreichte 17 – viele Frauen hofften damals, der Durchbruch sei erreicht. Aber leider kam es ganz anders: Nach ihrem kurzen Höhenflug sank die Zahl der weiblichen Vorstände schon kurze Zeit später drastisch. Fast die Hälfte der Frauen in Dax-30-Unternehmensvorständen musste 2014 ihren Posten wieder verlassen – und das sogar vorzeitig.

Dieses Scheitern hinterließ Frustration und Ratlosigkeit. Bei der Suche nach den Ursachen tauchte rasch eine Vermutung auf, die wir aus der Diskussion um die Aufsichtsratsquote nur allzu gut kennen: Ob diese Posten nicht vielleicht wegen des öffentlichen Drucks eher nach Geschlecht als nach Kompetenz besetzt worden seien?

Geschlecht statt Kompetenz?

Als scheinbarer Beleg dafür machte nun ein Geschlechtervergleich die Runde: Konnte das vorzeitige Ausscheiden der Vorstandsfrauen auf eine grundsätzlich unterschiedliche Verweildauer im Amt zurückzuführen sein? Der Vergleich zeigte: Im Durchschnitt waren weibliche Vorstände nicht einmal drei Jahre im Amt, ihre männlichen Kollegen hielten sich dagegen fast dreimal so lang, nämlich acht Jahre.

War damit nicht bewiesen, dass Frauen in diesen anspruchsvollen Führungspositionen doch nicht genauso gut sind wie Männer? Dass die Luft in den Vorstandsetagen eben doch zu dünn ist für Frauen? Und dass die ausgeschiedenen Vorstandsfrauen tatsächlich weniger Kenntnisse und Kompetenzen für den Job mitbrachten als ihre männlichen Kollegen? Sonst, so sollte man meinen, hätten sich Vorstandsfrauen doch genauso lange im Amt halten müssen wie ihre männlichen Kollegen.

Aber Vorsicht vor solch voreiligen und kurzsichtigen Schlüssen. Schauen wir lieber genauer hin. Einfache Durchschnittszahlen täuschen oft über die wahren Ursachen hinweg. Auch der simple Vergleich der Verweildauer allein auf Basis des Geschlechts verleitet zu falschen Vermutungen. Als Erklärung für das vorzeitige Ausscheiden der betroffenen Vorstandsfrauen taugt dieser Vergleichswert jedenfalls nicht.

Entscheidend: Quereinstieg und Ressort

Schon allein die unterschiedliche Größe der Vergleichsgruppen ist problematisch: Eine Vorstandsfrau mit heute acht Jahren Verweildauer hätte 2007 ins Amt gekommen sein müssen – doch damals gab es überhaupt nur eine einzige Frau unter den rund 200 Dax-30-Vorständen. In den Jahren bis 2014 hat sich dieser Frauenanteil zwar vervielfacht, machte aber trotzdem nicht einmal acht Prozent aller Dax-Vorstände aus – ein früheres Ausscheiden aus dem Amt schlägt sich also bei den Frauen deutlich überproportional nieder.

Den Fokus allein auf das Geschlecht zu legen, blendet die eigentlichen Zusammenhänge aus. Wie genauere Untersuchungen zeigen, sind für eine kürzere Verweildauer im Vorstand tatsächlich ganz andere Kriterien entscheidend, nämlich Quereinstieg und Ressort: Extern berufene Vorstandsmitglieder scheitern eher. Der Grund: Sie sind nicht im Unternehmen aufgestiegen und daher nicht mit den internen Koalitionen und informellen Kommunikationswegen vertraut.

Die Gefahr eines vorzeitigen Scheiterns besteht noch umso mehr, wenn die extern Berufenen für den Bereich Personal zuständig sind – ebenfalls unabhängig vom Geschlecht. Beide Kriterien treffen auf weibliche Vorstände besonders häufig zu. Sie sind besonders oft verantwortlich für Human Resources und treten häufig als Unternehmensfremde in den Vorstand ein.

Frauen im eigenen Unternehmen fördern

Das Geschlecht ist also nicht der entscheidende Faktor. Die suggestive Deutung der durchschnittlichen Verweildauer hat uns in die Irre geleitet. Scheitern in Spitzenpositionen ist für Frauen keineswegs wahrscheinlicher als für Männer. Sie verfügen über die gleichen Fähigkeiten und Kompetenzen wie das andere Geschlecht.

Am Ende des Tages wird es entscheidend darauf ankommen, eine unternehmenseigene und bewusst breit aufgestellte Karriereförderung gerade auch für Frauen zu betreiben: Damit erstens Vorstandskandidatinnen aus dem eigenen Haus gewonnen werden und zweitens in allen Ressorts Verantwortung übernehmen.

Denn auch die großen deutschen Unternehmen können praktizieren, was der kleinere Mittelstand in vielen Bereichen bereits vormacht: Frauen in gleicher Weise in unternehmerische Führungsverantwortung zu bringen wie Männer.

Zur Person

Quelle: dpa

Stephanie Bschorr ist seit 2012 Präsidentin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen (VdU).

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