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Panorama Genervt vom Netz
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22:45 30.10.2015
Von Imre Grimm
Überfordert im Mitmachnetz
Überfordert im Mitmachnetz: Die Vernichtung der Ferne hat keine neue Nähe gebracht, sondern Erschöpfung.
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Wir waren Helden. Wir alle. Vor neun Jahren kürte das US-amerikanische "Time Magazine" die komplette Weltbevölkerung zur "Person des Jahres 2006". 6,6 Milliarden Menschen, damals, in einer Reihe mit Bono und Bill Gates, Wladimir Putin und Barack Obama. Auf dem "Time"-Titel klebte Spiegelfolie. Darauf stand: "Person of the Year: You". Und darunter: "Ja, du. Du beeinflusst das Informationszeitalter. Willkommen in deiner Welt."

Ein Marketingcoup, das auch. Aber er trug einer revolutionären Entwicklung Rechnung, die niemand mehr leugnen konnte: Das Internet – das war nicht länger die Spielwiese von Technokraten, Wissenschaftlern, Firmen, Nerds und Militärs. Das Netz waren nicht mehr "die". Das Netz waren "wir". Es war die Geburtsstunde des Web 2.0: Millionen beteiligen sich seither weltweit als Blogger, Wikipedia-Autoren, Produktbewerter, Kommentatoren, Filmemacher, Meinungsventilierer, Plagiatsjäger, Instagram-Poster.

Das "Wir" macht "uns" zu schaffen

Das Web 2.0 schien das Versprechen einer digitalen Solidargemeinschaft zu erfüllen, die das tiefe menschliche Bedürfnis nach Teilhabe, Zugehörigkeit und Bestätigung befriedigt. Das Netz – schon das Wort klingt nach Zusammenhalt, Struktur und Elastizität. Tatsächlich haben die sozialen Medien die Welt demokratischer gemacht. Aber – das zeigt sich im täglichen digitalen Klein-Klein – auch sehr viel anstrengender.

Es ist der unauflösbare Widerspruch der Jahrtausenderfindung Internet, dass es einerseits die Suche nach dem einen, nie zuvor gedachten Gedanken erleichtert. Andererseits verbirgt sich das Gold der Originalität in einem anschwellenden Geröllberg von tausendmal gelesenen Redundanzen, endlos Wiedergekäutem, Ausrechenbarem, Oberflächlichem, Lahmem, Nervtötendem und Zerstörerischem. Es ist ausgerechnet das "Wir", das "uns" zu schaffen macht.

Neun Jahre nach dem Partizipationsversprechen auf dem "Time"-Titel ist das Mitmachinternet an einem kritischen Punkt angekommen. Das Wort von den asozialen Medien macht die Runde. Jean-Paul Sartres existenzialistischer Stoßseufzer – "Die Hölle, das sind die anderen" – gilt heute unvermindert. Es geht nicht um die bekannten Gefahren, um Netzkriminalität, Cybermobbing, Hackerangriffe, Kinderpornos. Es geht um die schleichend-toxische Ausbreitung von Missgunst und Paranoia.

Die Anstrengung, dranzubleiben

Praktisch jede Onlinedebatte endet früher oder später im reflexhaften Austausch erwartbarer Parolen. Praktisch jedes dürre Youtube-Video wird flankiert von einer Flut belangloser Kommentare, von denen "Erster" und "Muhaha" noch die originelleren sind. Zu Ruhm gebracht hat es "Godwin’s law" nach dem Autor Mike Godwin. Es besagt, dass sich in jeder Netzdiskussion die Wahrscheinlichkeit, dass jemand Hitler oder die Nazis erwähnt, dem Wert Eins annähert.

Millionen Buttons pochen darauf, wir mögen bitte unseren letzten Hosenkauf und den aktuellen Daddel-Highscore sofort mit der Welt teilen. "Little Miss Over­share" heißt ein Comicbüchlein von Dan Zevin. Der Mensch, der mit seinem eigenen banalen Leben anderen auf die Nerven geht, ist ein Phänotyp unserer Zeit.

Es erweist sich als enorm anstrengend dranzubleiben, in einem permanenten Prozess das eigene Filtersystem für die Digitalfluten zu optimieren, den idealen Algorithmus für die eigenen Interessen zu entwickeln. Um eben bloß nicht der eine Abgehängte zu sein. Derjenige, der nicht bei Whatsapp ist. Der, den man extra anrufen muss.

Wir sind Süchtige

46 Millionen Deutsche besitzen ein Smartphone. "Es hat unser Leben komplett verändert", sagt Alexander Markowetz von der Universität Bonn. "Wir sind ihm verfallen. Das wirkt sich negativ auf unsere geistige Leistungsfähigkeit und Gesundheit aus." Das Scrollen über den Screen aktiviert die gleichen Stoffwechselvorgänge im Gehirn wie bei Drogensüchtigen. Der Geist ist überladen. Wir spüren das. Aber wir sind Süchtige. Die Vernichtung der Ferne hat keine neue Nähe gebracht, sondern Erschöpfung.

Wie im Rausch liken Teenager die von Freunden geposteten Bilder bei Instagram, getrieben vom Wunsch, man möge mit ihren dasselbe tun. Eines nach dem anderen bekommt per Daumendruck ein Herz verpasst. Herzherzherzherzherz. "Das ist echt viel Arbeit, immer alles zu liken", stöhnte kürzlich, ehrlich genervt, eine Zwölfjährige mit müdem Daumen. Aber der Appell, es dann eben sein zu lassen, ist naiv. So selbstverständlich ist das unsichtbare digitale Korsett geworden, dass Verweigerung in die soziale Isolation führt.

"Ein Mann, der was zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran", hat Bertolt Brecht geschrieben. "Noch schlimmer sind Zuhörer dran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat." Das war 1927. Es ging um das Radio. Brecht träumte von einem Rückkanal, der den "Distributionsapparat" in einen "Kommunikationsapparat" verwandelt.

Verpestete Kommunikationskultur

Die Möglichkeit, im Web 2.0 seine Meinung kundzutun, galt lange als gesunde Demokratisierungsmaßnahme, auch als Emanzipation einer bevormundeten Leserschaft gegenüber einer Medienwelt, die es nicht gewohnt war, hinterfragt zu werden. Aggression und Maßlosigkeit im Schutz der Anonymität aber haben die Kommunikationskultur verpestet. Es wächst das diffuse Gefühl, dass eine Art zersetzendes Gift durch das Netz wabert, das die Art, wie wir auch in der analogen Welt miteinander umgehen, verändert hat.

Journalisten verabschieden sich schon länger ironisch mit dem Mantra "Don’t read the comments". Der klassische Internettroll, der um der Provokation willen provoziert, ist gar nicht das Problem. Viel schwieriger zu tolerieren ist der latent aggressive, ewig klagende, anonyme Forist. Studien zeigen, dass das Gehirn von Menschen, die für ihr Verhalten keine unmittelbaren Konsequenzen befürchten müssen, Denkabkürzungen nimmt, also vernunftreduziert funktioniert.

Gelangweilte User

Neu ist: Es sind die User selbst, die sich zu langweilen beginnen. Nach Werbeblockern, die bereits auf 25,3 Prozent aller deutschen Internetgeräte unerwünschte Banner ausblenden, verbreiten sich jetzt Kommentarblocker wie "Shut up" (Halt die Klappe), die dasselbe mit den Meinungsspalten tun. Etablierte Tech-Portale schließen ihre Foren. Die Bändigung der Fluten durch Moderatoren und Algorithmen frisst Zeit und Geld.

Die polnische Designerin Agata Nowak hat eine aufklappbare Polsternische für Sitzmöbel entwickelt, die jegliche Handystrahlung abschirmt. Ihr erklärtes Ziel: Freiheit. Eines Tages habe sie eine Entscheidung getroffen, sagt die US-Journalistin Mary Elizabeth Williams. "Ich habe die Worte 'DON’T READ THE COMMENTS' auf einen Post-it-Zettel geschrieben und an meinen PC geklebt. Ich bin seitdem viel glücklicher."

Freiwilliger Rückzug

Junge User reagieren auf die tägliche Überforderung mit vorsätzlicher Reduktion. Mit der ganzen Welt zu diskutieren – das stellt für sie überhaupt keinen Reiz mehr dar, sondern schlicht Stress. Millionen vertrauen nicht mehr auf noch so smarte Apps, die das Weltgeschehen nach festen Parametern vorsortieren, sondern ausschließlich auf Empfehlungen ihrer engsten Freunde. Und dankend verzichten sie auf öffentliche Kommentierfunktionen.

Stattdessen: Rückzug ins Private, aus Selbstschutz. Raus aus googlebaren Foren, rein in nicht öffentliche Messenger wie Snapchat. "Dark social" heißt der Trend. Man könnte von digitalem Cocooning sprechen. Es ist der freiwillige Verzicht auf das, was einst als größte Verheißung des Internets galt: die globale Kommunikation.

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