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Panorama Gesucht: Spitzenkraft mit vielen Talenten
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20:01 17.06.2016
Die hektische Debatte um einen Nachfolger für Joachim Gauck ist verfrüht, meint Renate Künast. Denn die Herausforderungen im Land sind zu groß, um leichtfertige Entscheidungen zu treffen. Quelle: KH Reichert / CC BY-NC 2.0
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Nein, hier folgt jetzt kein einziger Name. Wer das erwartet, wird enttäuscht werden. Namen sind schon viel zu viele gefallen. Ich bin überzeugt, dass es dafür viel zu früh ist. Da haben wir doch gerade festgestellt, dass Joachim Gauck als Bundespräsident diesem Amt seine Würde zurückgegeben hat. Schon rennen einige in Medien und Politik los, als gelte es, diesen Effekt möglichst umgehend zunichtezumachen.

Schon heißt es "Parteien streiten über Gauck-Nachfolge ...", schon werden Wahrscheinlichkeitsrechnungen angestellt, die die Zukunft zum Teil direkt aus dem Kaffeesatz vorhersagen. Vor dem Aussprechen eines Namens für das Amt sollte gründliches Nachdenken stehen. Hören wir doch mal in uns hinein, was wir erhoffen und erwarten dürfen.

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Jemand Kluges hat einmal gesagt, dass das Leben vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden wird. Bevor wir also Namen für die Zukunft suchen: Was verstehen und sehen wir mit Blick auf die Reihe aller bisherigen Bundespräsidenten? Was hat ihre Person, ihre Amtsführung ausgesagt über die Zeit, in die ihre Amtszeit fiel? Was haben sie geprägt? Denken Sie einmal nach: Was berührt Sie heute noch?

Landesväter mit Profil

Richard von Weizsäcker hat uns mit einer eindrucksvollen Rede den 8. Mai 1945 zum Tag der Befreiung gemacht. Das musste und konnte nur seine Generation wirksam tun, eben ein ehemals beteiligter Soldat. Mit seiner persönlichen Geschichte konnte er es auch glaubwürdig begründen, was die junge Generation längst ungeduldig einforderte.

Johannes Rau kam als Typ des Landesvaters, keiner konnte wie er beim Bierchen für solide Debatten sorgen. Und eine sagenhafte Rede zum Thema Integration halten. Vor der Zeit. Wurden danach je wieder in Bellevue so viele Witze erzählt oder nach der Veranstaltung gemeinsam Lieder gesungen?

Roman Herzog sagte: "Es muss ein Ruck durchs Land gehen". Er blieb da auch dran. Horst Köhler wiederum zog den Blick auf die globale Gerechtigkeit und zeigte uns unsere Verantwortung. Leider lebte er das nicht selbst. Denn plötzlich warf er das Amt hin (darf ein Präsident so was?) und lies uns irritiert zurück. Dann kam Christian Wulff mit dem Satz: "Der Islam gehört zu Deutschland." Er hat ihn dann nicht ausgefüllt. Mag sein, ihm fehlte die Zeit dazu.

Aufgaben für die Nachfolger

Joachim Gauck schien mir der Richtige. Denn: Ein jegliches hat seine Zeit. Nach der Wende war er eine Persönlichkeit, die schon durch ihre eigene Biografie das Land eint. Freiheit war das Thema – und er brachte sich ein als Beispiel für Engagement für sein Land.

Wenn wir der Erwartung widerstanden haben, sofort einen Namen aus dem Hut zu zaubern, sollten wir nach vorne denken. An die vielfältigen Chancen und Hoffnungen, die mit der nächsten Amtsperiode verbunden sein werden. Wir schreiben dann das Jahr 2017. Betrachten wir einige der vielen Aufgaben, die wir heute schon kennen.

Das Wachsen von rechtsextremen oder rechtsnationalistischen Bewegungen und Parteien geht einher mit immer mehr verbaler Provokation und der Anwendung von Gewalt. Eine allgemeine Verrohung des Umgangstons ist, vorsichtig formuliert, zu beklagen. Das viel gelobte digitale Zeitalter hat uns Hasstiraden im Netz beschert. Die erst mit offenen Armen aufgenommenen Flüchtlinge müssen nun selbst in Deutschland auf ihre körperliche Unversehrtheit acht geben.

Kritische Zeiten und ehrgeizige Ziele

Es braucht eine aktive Gesellschaft und einen Menschen im Präsidentenamt, der an ein besseres Miteinander gemahnt. Der womöglich selbst eine Migrationsgeschichte hat (oder eben gerade nicht), um uns besser mitnehmen zu können. Philosophische Redekünste, die begeistern oder Kraft, Ausdauer und ein offenes Ohr? Sollen in Schloss Bellevue große, außenwirksame Zeichen gesetzt werden oder soll es ein Ort werden, von dem Bürgerinnen und Bürger wissen: Dort werde ich gehört – auch mit kritischen Fragen nach meiner Identität in Deutschland und der EU.

Das digitale Zeitalter hat rasantes Tempo aufgenommen, es verändert unseren Alltag. Aber auch den wirtschaftlichen und den Wissenschaftswettbewerb. Eine Aufgabe für einen Diskurs im Bellevue? Da war noch was: in New York hat die Völkergemeinschaft neulich Nachhaltigkeitsziele verabschiedet. Wie setzen wir sie um? In Paris verabschiedeten wir ein Klimaabkommen. Ehrgeizigste Ziele liegen vor uns. Wir werden die Art, wie wir produzieren, transportieren, uns ernähren, grundlegend verändern müssen. Es erfordert Courage, an diesen Zielen dranzubleiben.

Zeit für einen Frauennamen

Ein gutes und demokratisches Leben zu erhalten ist eine Herausforderung. Wer schiebt uns, wenn wir zögern oder einige Lobbys uns ausbremsen wollen? Jemand, der in Europa beharrlich für das Gemeinsame kämpft, obwohl andere sich verweigern. Deshalb schadet es übrigens nicht, neben Berufs- und Lebenserfahrung auch etwas vom politischen Handwerk zu verstehen. Denn das ist ja nicht einfacher geworden in Zeiten der Globalisierung.

Und: Wer repräsentiert uns angemessen? Wer tröstet in Notfällen? Wer tröstet Familien, wenn Soldaten nicht lebend zurückkommen? Wem ungeachtet all dieser Fragen zunächst ein Name eingefallen war, der zögert jetzt vielleicht. Denn es gibt niemanden, der das alles kann. Selbst Präsidenten wachsen noch in ihrem Amt – und mit der Bevölkerung, die sie repräsentieren.

Ein jegliches hat seine Zeit. Zeit ist es übrigens auch, dass uns ein Frauenname einfällt. Diese Hälfte des Volkes möchte sich gern auch mal direkt repräsentiert sehen. Es wird schon werden, Bellevue!

Zur Person

Quelle: dpa

Renate Künast (60), war von 2001 bis 2005 Bundesministerin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Die Grünen-Politikerin ist seit 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages.

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