Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Panorama Herkunft darf nicht die Bildung bestimmen
Nachrichten Panorama Herkunft darf nicht die Bildung bestimmen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 22.04.2016
Von 100 Kindern aus nicht akademischen Familien nehmen nur 23 ein Studium auf. Die Stiftung ArbeiterKind.de will das ändern. Quelle: iStock
Anzeige

Ich bin die erste in meiner Familie, die einen Hochschulabschluss erreicht hat. Daher weiß ich aus eigener Erfahrung: Bildung ist ein hohes Gut. Der Zugang zu höherer Bildung bedeutet die Chance auf Aufstieg, Teilhabe und nicht zuletzt auf einen zufriedenen Lebensweg. Deutschland hat ein gesteigertes Interesse am Bildungsaufstieg. Der demografische Wandel sorgt dafür, dass wir in naher Zukunft viel mehr Fachkräfte brauchen werden.

In der Pisa-Studie von 2001 hatte die Bundesrepublik schwarz auf weiß erhalten, wie es um das Bildungssystem bestellt war. Zur Erinnerung: Wir lagen, was die Leistung der Schülerinnen und Schüler anbetraf, unter dem Durchschnitt. Noch gravierender war aber die Feststellung, dass in keinem anderen vergleichbaren Land die Leistungen so stark an die familiäre Herkunft gekoppelt waren wie in unserem.

Anzeige

Der Befund setzte eine breite Bildungsdiskussion in Gang. Zahlreiche Reformen wurden auf den Weg gebracht. Ja, es hat sich auch einiges verbessert. Aber an dem Prinzip "Die Herkunft bestimmt die Bildung" hat sich nichts geändert. Die Sozialerhebung des Deutschen Studierendenwerks liefert leider eindeutige Zahlen: Von 100 Kindern aus nicht akademischen Familien nehmen nur 23 ein Studium auf, obwohl doppelt so viele das Abitur machen. Von 100 Akademikerkindern studieren dagegen 77.

Der Bildungsweg ist früh vorgezeichnet

Woran liegt das? Bei uns fängt die Selektion nicht erst in der Hochschule an, sondern schon viel früher, in der Grundschule und der weiterführenden Schule. Hier ist es immer noch schwer, den einmal eingeschlagenen Weg wieder zu verlassen, zu wechseln und aufzusteigen. "Pfadabhängigkeit" heißt das heute im Fachjargon.

Daher ist bei vielen Kindern der spätere Weg schon in der Schule vorgezeichnet, wenn sie nicht zufällig an Lehrer, Freunde oder Bekannte geraten, die sie gezielt fördern und ihnen weitergehende Bildungsperspektiven aufzeigen. Oft können Eltern aus bildungsfernen Schichten ihre Kinder wenig oder gar nicht finanziell unterstützen. Schulden, die man mit Bafög aufnehmen würde, gelten jedoch gerade in diesen Milieus als unstatthaft. Auch das inzwischen recht breite Stipendienangebot ist vielen nicht bekannt.

Ein viel schwerwiegenderes Problem ist aber mangelndes Selbstbewusstsein und fehlendes Vertrauen in den akademischen Bildungsweg. Die Kinder aus nichtakademischen Elternhäusern trauen sich gar nicht erst zu, ein Studium aufzunehmen, sich um ein Stipendium zu bewerben. "Ich habe ja eh keine Chance", denken viele. Der akademische Habitus ist ihnen fremd, sie haben Angst, sich durch ein Studium von ihrer eigenen Familie zu entfernen, im Vergleich mit anderen Studierenden nicht bestehen zu können.

Ermutigung und Unterstützung

Weil auch ich diese Erfahrung machen musste, habe ich schließlich ArbeiterKind.de gegründet. Mit dieser bundesweiten gemeinnützigen Initiative erreichen wir seit 2008 Ratsuchende sehr niedrigschwellig über eine Website, ein Infotelefon und durch ein Netzwerk von über 6000 Ehrenamtlichen in 75 lokalen ArbeiterKind.de-Gruppen. Wir ermutigen und unterstützen sie auf dem Weg ins Studium und anschließend in den Beruf.

Das Prinzip ist sehr erfolgreich, da unsere Ehrenamtlichen oft selbst die Ersten ihrer Familie an einer Hochschule sind oder waren und die Probleme sehr genau kennen. Sie helfen individuell, unbürokratisch und schnell, mittels Sprechstunde oder Stammtisch, halten Schulvorträge und informieren auf Bildungsmessen. Die vielen Bildungsgeschichten von Menschen, die ich getroffen habe und über die ich in meinem Buch "Ausgebremst – Warum das Recht auf Bildung nicht für alle gilt" berichte, zeigen, dass es geht. Sie sind Motivation für andere.

Durchlässigkeit ist ein Prozess, der nach meiner Erfahrung immer wieder angepasst werden muss, um ihn zu gewährleisten. Die Bildungsaufsteiger der Sechziger- und Siebzigerjahre sind entsetzt, wenn sie hören, wie schwer es heute wieder viele junge Menschen haben, sich ihren Bildungswunsch zu erfüllen. Gewiss, der Zugang zu Schul- und Hochschulbildung hat sich allgemein verbessert. Allerdings wird auch manches schlechter, dazu gehört, dass im Bildungsbereich sozial selektiert wird. Es herrschen große Informationsdefizite. Chancen werden kaum genutzt.

Bildungshürden abbauen

Wir brauchen eine Bildungskultur, die Perspektiven aufzeigt und junge Menschen dazu anspornt, Herausforderungen anzunehmen und auch mal Risiken einzugehen. Um Hürden im Bildungssystem abzubauen, brauchen wir Experten. In dieser Rolle sehe ich vor allem Bildungsaufsteiger, da sie die Hürden selbst schon überwunden haben, die Probleme kennen und eine Vorbildfunktion übernehmen können. Sie können Vorurteile und Ängste abbauen und die betroffenen Ratsuchenden am besten erreichen.

Um Schwellenängste abzubauen, um Kinder aus dem nicht akademischen Milieu zu ermutigen, den aus ihrer Sicht womöglich nicht nächstliegenden Bildungsweg einzuschlagen, ist die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite gefordert, nicht nur die Politik. Jeder kann im Kleinen etwas dazu beitragen, indem er mit offenen Augen durch die Welt geht und erkennt, wenn ein Kind Hilfe und Rat benötigt.

Ungenutzte Potenziale ausschöpfen

Auch Lehrer tragen eine große Verantwortung. Sie haben die Möglichkeit, die Schülerinnen und Schüler mit allen relevanten Informationen zu versorgen und ihnen so eine realistische Perspektive zu eröffnen, die an ihren tatsächlichen Potenzialen und nicht an ihrer sozialen Herkunft orientiert ist. Sie können Horizonte aufzeigen, die jenseits des Vertrauten, des Elternhauses bestehen.

An den Universitäten herrscht oftmals die Angst vor Qualitätsverlusten, wenn man nicht mehr "unter sich" ist. Dabei schafft eine größere Durchlässigkeit mehr Raum für unterschiedliche Potenziale, die sonst ungenutzt blieben. Die Hochschulen sollten die Studierenden der neuen Generation als Bereicherung, nicht als Belastung empfinden. Finanzielle Unterstützung muss schnell und unbürokratisch gewährt werden.

Wenn wir dahin kommen, dass Bildungskarrieren nicht mehr nur von zufälligen Begegnungen mit Menschen abhängen, die zu Förderern werden: Dann sind wir einen großen Schritt weiter.

Zur Person

Quelle: Nadine Wojcik

Katja Urbatsch ist Gründerin und Geschäftsführerin der Initiative ArbeiterKind.de, die Bildungsaufsteiger fördert und begleitet.

Panorama Interview mit EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström - Haben Sie Angst vor dem Scheitern?
Marina Kormbaki 22.04.2016
Panorama Münzkunde mit Imre Grimm - Blaues Geld
Imre Grimm 22.04.2016
Panorama Bankraubkritik mit Uwe Janssen - Nicht wissen, was man nicht weiß
Uwe Janssen 22.04.2016