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Panorama Steigen Sie gern aus Fenstern?
Nachrichten Panorama Steigen Sie gern aus Fenstern?
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21:03 08.04.2016
Der große Auftritt ist nicht Seins: Jonas Jonasson lebt mit seinem Sohn zurückgezogen auf der schwedischen Insel Gotland. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa
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Glauben Sie wie Forrest Gump, dass das Leben wie eine Schachtel Pralinen ist: Man weiß nie, was man kriegt?
Ich schreibe gerade an meinem vierten Buch. Darin geht es wie in den drei Vorgängern um eine doppelte Reise: sowohl im Geiste als auch mit dem Körper. Vielleicht ist das ein anderer Weg, um denselben Gedanken auszudrücken.

Sie schreiben von einem Hundertjährigen, der sich auf eine Abenteuerreise begibt, und in Ihrem jüngsten Roman über einen mehrfachen Mörder, der ein glühender Jesusjünger wird. Sie scheinen es nicht zu mögen, wenn Menschen das tun, was man von ihnen erwartet ...
Dazu fällt mir eine Geschichte ein. Mein Sohn ist gerade neun Jahre alt geworden. Sein älterer Cousin hat als Geschenk einen Fischteich bekommen. Die Reaktion meines Sohnes: "Alle meine Freunde haben einen Fischteich. Deshalb sollte ich keinen haben." Ich liebe ihn dafür. Wie der Vater, so der Sohn.

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Ihre Figuren erscheinen oft wie vom Schicksal überrumpelt. Glauben Sie an Vorsehung?
Absolut nicht. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Ich glaube, man sollte Chancen nutzen. Ich selbst bin schon mehrere Male aus dem Fenster meines Lebens geklettert.

 Erzählen Sie mir vom ersten Mal. Sie waren Journalist, und plötzlich wollten Sie keiner mehr sein ...
Ich war Reporter und Ressortleiter beim "Smalandsposten" und "Expressen". Irgendwann forderte mich das nicht mehr heraus. Also kündigte ich Mitte der Neunzigerjahre, ohne einen anderen Job zu haben oder eine finanzielle Absicherung. An meinem letzten Tag verabschiedete ich mich und stieg in den Fahrstuhl. Der stoppte im dritten Stock, und der Assistent des Geschäftsführers gesellte sich zu mir. Ehe wir das Erdgeschoss erreichten, hatte ich ein Jobangebot, als Medienberater für Polen, Estland und Lettland. Die Sowjetunion war gerade zusammengebrochen, und es boten sich neue Möglichkeiten für eine freie Presse. Ich führte hochintelligente und interessante Kollegen in den modernen Journalismus ein. Ich war also nur 25 Sekunden arbeitslos.

Das klingt so unwahrscheinlich wie Ihre literarischen Geschichten.
Man denkt immer, Autoren müssten die Realität übertreiben. Das Gegenteil ist der Fall. Ich muss untertreiben, die Wahrheit würde mir niemand glauben. Ein Nachbar von mir zum Beispiel züchtet nicht nur eine sehr alte Gotländer Hühnerrasse, sondern betreibt auch noch eine Gokart-Arena und ein Museum über Gotland. Er hat einen Doktortitel in BWL und bietet Hypnose an. Nebenbei komponiert er klassische Musik und gibt Judounterricht. Wenn ich diesen Charakter in einen Roman steckte, würden alle denken: Jetzt ist er völlig abgedreht.

Ihr jüngster Roman kreist um einen Mörder, eine Ex-Pastorin und einen frustrierten Rezeptionisten, die eine Fake-Religion erschaffen, um den Gläubigen ihr Geld aus der Tasche zu ziehen. Sie scheinen kein großer Freund von Religion zu sein.
Es ist weniger die Religion, die ich kritisch sehe, als die Menschen. Donald Trump verlangte jüngst von seinen Anhängern, dass sie ihm Gefolgschaft schwören. In meinem Buch heißt es über Mörder Anders: "Elvis ist zurückgekehrt." Diese Macht einzelner Menschen über die Massen halte ich für sehr gefährlich.

Der Rezeptionist und die Ex-Pastorin denken immerhin, dass Geben auch ganz nett ist, solange es das Nehmen nicht gefährdet ...
Ja, weil ich niemals die Hoffnung aufgebe. Selbst die größten Schelme möchten eigentlich gute Menschen sein. Die beiden erfinden rührselige Geschichten von kleinen vernachlässigten Mädchen und bewegen die Menschen so dazu, ihre Geldbeutel zu öffnen. Diese Art der Manipulation funktioniert. Man muss sich nur mal anschauen, wie die Welt um den Löwen Cecil getrauert hat, der zur Jagdtrophäe eines US-Zahnarztes wurde. Die Medien garnierten die Berichte mit Kinderfotos, auf denen Cecil aussieht wie aus dem Film "Der König der Löwen". Tatsächlich war Cecil aber schon 13 Jahre alt. Menschen ertranken im Mittelmeer, doch es drehte sich alles um Cecil. Bis ein neues Bild auftauchte, von einem toten Flüchtlingsjungen am Strand.

Zurück zu Ihrem persönlichen Schicksalsschlag. Ein Burn-out zwang Sie Anfang des Jahrtausends zum erneuten Fensterstieg. Wie kam es dazu?Ich gründete mit einem Partner eine Medienberateragentur. Innerhalb eines Jahres hatten wir 100 Mitarbeiter. Ich bin überzeugt, man kann 16 Stunden pro Tag arbeiten, wenn man dann zufrieden nach Hause geht. Bei mir war das Gegenteil der Fall. Jeden Tag blieb etwas liegen, sodass ich nach 16 Stunden noch nicht einmal mit dem Vortag abgeschlossen hatte. Sehr frustrierend. Eines Tages dachte ich, ich hätte einen Herzinfarkt. Der Arzt sagte: "Sie sind komplett gesund. Abgesehen davon, dass Sie sich mit Arbeit umbringen werden."

Kämpfen Sie noch mit den Folgen?
Ja, absolut. Ich fühle mich extrem schnell gestresst. Zum Glück ist mein Sohn sehr feinfühlig. Er merkt, wenn ich gestresst bin, und sagt dann: „Keine Panik, Papa, ich ziehe mir die Schuhe schon selbst an.“ Wir helfen einander.

Sie verkauften die Firma, suchten Frieden und fanden gleich mit Ihrem Debütroman Weltruhm. Ist das nicht genau die Ironie des Schicksals, die man auch in Ihren Romanen findet?
Ja, wobei mich der Ruhm keine Spur interessiert.

Sie sind dann in die Schweiz gezogen, haben geheiratet und ein Kind bekommen. Dann mussten Sie wieder aus dem Fenster steigen, weil Ihre Ex-Frau drohte, den Sohn zu entführen. Was ist passiert?
Ich möchte nicht ins Detail gehen, aber es gab eine Familientragödie, die sich zwischen der Geburt unseres Sohnes und dessen zweitem Lebensjahr zuspitzte. Die Dinge wurden zusehends unerträglich, und so ging ich vor Gericht. Die Schweiz ist ein sehr konservatives Land, was die Rechte von Müttern und Vätern anbelangt, und das Tessin ist vermutlich der konservativste Kanton. Dennoch entschied das Gericht, dass die Mutter das Kind nicht sehen dürfe, solange sie nicht zu der Anhörung kommt und sich erklärt, was sie nicht getan hat. Danach sind mein Sohn und ich zurück nach Schweden gezogen, wo wir für eine Zeit eine neue Identität zum Schutz annahmen. Der Mutter wurden verschiedene Lösungen angeboten, aber sie wollte nicht kooperieren. Ich fühle keinen Hass. Es zählt nur eins: Mein Sohn ist das tollste Kind der Welt, er ist sicher und glücklich – und er will keinen Fischteich.

 Auch Ihre Romanhelden finden auf der schwedischen Insel Gotland Zuflucht. Weshalb eignet sich dieser Ort so gut für einen Neuanfang?
Es ist der mildeste und sonnigste Fleck Schwedens. Hier fühlen mein Sohn und ich uns sicher, weil auf einer kleinen Insel jeder jeden kennt. Wir geben hier aufeinander acht. Auf den Fähren gibt es übrigens Literatur von gotländischen Autoren. Ich gelte noch nicht als solcher. Ich träume davon, eines Tages meine Romane auf dieser Fähre zu sehen.

Fühlen Sie noch manchmal das Bedürfnis, wieder aus dem Fenster zu steigen?
Ich glaube, ich bin fertig damit. Ich war immer schon ein Autor, aber nicht nur ein nichtgelesener, sondern auch ein nichtgeschriebener. Erst mit 47 Jahren konnte ich diese Identität auch praktizieren. Jetzt bin ich zu Hause angekommen. Ich wüsste nicht, in welche Richtung das Fenster sich öffnen sollte.

Made in Gotland: Der Mann, der nicht mehr aus den Bestsellerlisten verschwand

Der Fuchs ist schuld. Bis vor acht Wochen hatte Jonas Jonasson noch Hühner. Jetzt steht der Stall leer. Er ist neben einem Pool und einem Ferienhaus für Gäste nur eins von vielen Gebäuden auf dem großzügigen Grundstück des Bestsellerautors auf der Insel Gotland. Eine halbe Stunde Autofahrt von dem pittoresken Mittelalterstädtchen Visby entfernt gelangt der Besucher am Ende eines langen Kiesweges zu einer roten Scheune. "Made in Gotland" steht darauf, als handele es sich um ein Souvenirgeschäft. Tatsächlich verbergen sich dahinter Büros von Jonasson und seinen Assistenten.

Das Schreibzimmer wirkt karg wie ein Wartezimmer beim Arzt, wäre da nicht das Regal, das ringsherum den Raum umschließt. Es ist prall gefüllt mit Jonassons Werken. Man könnte denken, der 54-Jährige hätte bereits ein stolzes Oeuvre, dabei sind erst drei Romane erschienen. Die wurden jedoch in 42 Ländern verkauft, sodass die verschiedenen Ausgaben für Regalmeter sorgen. 2009 erschien Jonassons skurriler Erstling über einen Hundertjährigen, der mit Stalin und Truman verkehrte. Allein in Deutschland verkaufte sich der Roman vier Millionen Mal.

Für das Hörbuch zu "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" wurde Jonasson mit drei goldenen CDs für den Verkauf von 300.000 Exemplaren ausgezeichnet. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa

Vorliebe für sperrige Titel

Der Autor blieb seiner Vorliebe für sperrige Titel und Schelmenfiguren treu, "Die Analphabetin, die rechnen konnte" (2013) handelt von einem Slummädchen, das Geschäfte mit dem schwedischen König macht. Beide Titel zusammen standen fünf Jahre lang ununterbrochen auf der "Spiegel"-Bestsellerliste.

Der Autor wurde als Pär-Ola Jonas Jonasson in Växjö in Småland geboren. Seit seinen Jahren als Medienberater belässt er es beim international verständlicheren Jonas. In seinem jüngsten Roman "Mörder Anders und seine Freunde nebst dem einen oder anderen Feind" macht er sich den Spaß daraus, einen der drei Helden Per Persson zu nennen und über den Humor der namensgebenden Eltern zu spekulieren.

Sein Sohn ist sein ganzer Stolz

Der Roman ist noch bissiger und schwarzhumoriger als die Vorgänger. Er handelt von einem frustrierten Rezeptionisten und einer atheistischen Ex-Pastorin, die einen trinksüchtigen Mehrfachmörder zum Guru stilisieren. Dabei bringen sie die kriminelle Unterwelt gegen sich auf.

Jonasson wirkt intelligent, selbstreflektiert und spricht sehr langsam und in Geschichten. Sein Wohnhaus gegenüber der Büroscheune ist im Landhausstil gehalten. Im Salon, den eine edle Standuhr ziert, liegen noch die bunten Luftballons von der Geburtstagsfeier seines Sohnes herum. Der alleinerziehende Vater spricht viel und liebevoll über ihn. Etwa davon, wie sie gemeinsam im eigenen Hobbyraum herumbasteln. Die Schule des Sohnes soll geschlossen werden, alle Eltern protestieren, doch die Medien zitieren nur Jonasson.

Selbst in der Einöde ein Star

Selbst in der Einöde ist der Autor also ein Star, auch wenn er Einladungen zu Premieren in Stockholm regelmäßig ausschlägt. Er geht lieber in die Bibliothek von Visby, setzt sich in seinen roten Stammsessel und beginnt bei einem dreifachen Espresso zu schreiben. Absurde Situationen speichert er im Gedächtnis. Vor 25 Jahren wartete Jonasson auf den Zug, als ein alter Mann vorbeikam. Er wollte auf die Toilette, doch sein Koffer passte nicht mit in die Kabine. Jahre später begann so "Der Hundertjährige".

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