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10:24 18.12.2015
Fußball als Vorbild: Birgit Gegier Steiner plädiert für eine jungengerechte Erziehung. Quelle: iStock

Es war ein schleichender Prozess. In den letzten Jahrzehnten standen ausschließlich die Mädchen im Fokus. Sie waren benachteiligt. Ihnen musste zu Recht geholfen werden. Leider hat sich daraus ein Erziehungsmodell entwickelt, das nicht mehr zu den Jungen passt, das ihre Bedürfnisse nicht in angemessener Weise berücksichtigt.  

Jungs wollen sich bewegen und mit allen  Sinnen sich und ihre Umwelt kennenlernen. Die Pädagogik beobachtet es. Die Biologie und die Medizin erklärt es: Neurologische Mechanismen werden hormonell gesteuert. Hormone beeinflussen nicht nur die physische, sondern auch die psychische Entwicklung eines Kindes. Es ist das androgene Hormon, das Testosteron, das die Freude an Bewegung und Wettbewerb fördert. Aber auch die Risikobereitschaft, das Denken in Dominanzhierarchien. Und es schärft die Wahrnehmungsfähigkeit. Der Alltag unserer Jungen dagegen wird beängstigend bewegungsärmer und die Sinneswahrnehmung häufig auf Auge und Ohr reduziert.

Hinzu kommt, dass wir ängstlicher geworden sind: Taxi-Eltern kutschieren ihre Kinder in die Schule aus Angst, sie könnten unterwegs verunfallen. Und welche Erzieherin wagt es da noch, einem Sechsjährigen ein Schnitzmesser in die Hand zu drücken? Wie soll eine jungengerechte Erziehung nun also aussehen?

Was hat Fußball mit Erziehung zu tun?

Angereichert mit wissenschaftlichem Know-how und kombiniert mit einer satten Portion Erziehungsleidenschaft, möchte ich folgende Grundsätze vorschlagen: Ich akzeptiere, dass ein Junge einen anderen biologischen Bauplan hat. Ich weiß, dass ich ihn in seiner Unfertigkeit dennoch lenken kann. Wo Freiheit Prinzip ist, bedarf es auch Regeln und Grenzen. Ich zolle ihm Respekt. Respekt fordere ich aber auch für mich ein. Letztlich war es die Beobachtung von Fußballspielen, die mir die Lösung lieferte: das fußballdidaktische Erziehungsprinzip.

Was hat Fußball mit Erziehung zu tun? Zunächst einmal ist da dieses riesige Spielfeld, das dem einzelnen Spieler erstaunlich viel Bewegungs- und Aktionsfreiheit lässt. Die einzelnen Spieler können ihren individuellen Stil zelebrieren, ohne in der Masse unterzugehen. Andererseits verlangt die Größe des Raumes dem Einzelnen einiges ab: weite Laufwege, Durchhaltevermögen, Schnelligkeit, Überblick. Man ist körperlich und gedanklich gefordert. Wer mit den Gedanken woanders ist, wird ausgewechselt. Wer keine gute Kondition hat, kommt schnell an seine Grenzen. Das Spiel selbst bietet klare Strukturen. Es gibt zeitliche und räumliche Vorgaben. Ein verständliches Regelwerk unterstützt den strukturierten Rahmen. Ziel ist es, das bessere von zwei Teams zu sein.

Im Team selbst hat jeder seine konkrete Aufgabe, die er bestmöglich ausfüllt. Dem Trainer kommt eine wichtige Führungsrolle zu. Selten wird seine Kompetenz angezweifelt. Die Spielregeln werden von einer zweiten Führungsinstanz durchgesetzt: dem Schiedsrichter. Und es ist beeindruckend, dass selbst zweifelhafte Schiedsrichterentscheidungen akzeptiert werden (müssen).

Freiräume und Grenzen

Der verlängerte Arm des Trainers auf dem Spielfeld ist der Spielführer, der sich durch spielerisches Können, Teamgeist, Umsicht und Übersicht den Respekt seiner Mitspieler erworben hat. In diesem geordneten Rahmen ist eine Mannschaft zu erstaunlichen Leistungen fähig und erntet schließlich Zustimmung und Lob. Lob und die Erkenntnis, etwas Tolles geschafft zu haben, macht zufrieden und stärkt das Selbstbewusstsein.

Kramen wir also in unseren Erinnerungen und geben den Jungen das zurück, was wir einst hatten: Freiräume einerseits, Führung und Sicherheit schenkende Grenzen andererseits. Das fußballdidaktische Erziehungsprinzip ist ein erzieherisches Leitbild, das auf Normen und Werten basiert, die Jungen wünschen, brauchen und akzeptieren und ihnen hilft, zufriedene, authentische, unserer Gesellschaft zugewandte Persönlichkeiten zu werden.

Wie geht nun aber Schule mit dieser Forderung um? Für die Bildungspolitik ist die Individualisierung das Allheilmittel – die Förderung des Einzelnen. Das klingt zunächst gut. In der Praxis findet Individualisierung aber fast ausschließlich nach einer Leistungsdiagnose statt, um dann verschiedene Leistungsniveaus zu bedienen. Unberücksichtigt bleibt, dass das ein und dasselbe über verschiedene Sinneskanäle gelernt werden kann. Es fehlen die Aufgaben, die differenzierte Zugänge erlauben: einfach einmal raus aus dem Klassenzimmer, um im prallen Leben zu lernen. Erlebnispädagogik als Standard statt als Belohnung. Zielführend angeleitet, mit vielen persönlichen Freiräumen, aber auch Regeln und Grenzen, die Orientierung bieten.

Gleichberechtigung respektiert den Unterschied

Gewiss sind viele Bedürfnisse und Charakterzüge von Jungen und Mädchen gleich. Doch es gibt definitiv Unterschiede. Weil wir uns angewöhnt haben, diese Unterschiede auszublenden, laufen wir Gefahr, den Zug der Gleichberechtigung zu übersteuern und die Jungen auf unserer Fahrt in die Zukunft zu verlieren. Gleichberechtigung respektiert auch den Unterschied – sowohl zwischen den Geschlechtern als auch innerhalb der Geschlechtergruppe.

Das Geheimnis glücklicher Jungs liegt darin, dass sie verstanden und unterstützt werden. Eltern, Erzieher und Lehrer müssen bereit sein, genau hinzuschauen, offen für Änderungen, aber auch mutig genug, um Bewährtes aufrechtzuerhalten. Wir brauchen keine Superhelden, aber wir brauchen eine nachwachsende Generation, die unsere Werte aufrecht und unsere demokratische Gesellschaft zusammenhält. Waren wir nicht alle begeisterte Fans unserer Fußballnationalmannschaft 2014? Lasst uns auch wieder begeisterte Fans unserer Jungs und Söhne sein. Ach ja: Und eine gehörige Portion Humor gehört zur Erziehung natürlich auch dazu.

Zur Person

Birgit Gegier Steiner Quelle: privat

Die Sachbuchautorin Birgit Gegier Steiner, geboren 1960, leitet eine Grundschule mit sport- und bewegungsorientiertem Profil im Kreis Konstanz. Sie hat einen Sohn und eine Tochter.

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