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Panorama Keine Angst vor grauem Haar
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20:06 26.08.2016
Von Daniel Behrendt
Herzeigen statt überfärben: Viele Frauen fürchten, mit grauem Haar weniger attraktiv zu sein. Doch der Trend geht vom Verstecken zum Verwöhnen – und zum Stolz auf die "Silberkrone". Quelle: Shutterstock
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Vielleicht muss man ein Kind sein, um dem Altern furchtlos begegnen zu können. Vielleicht bedurfte es der 14-jährigen Tavi Gevinson, um Grau endlich nicht mehr als Makel, sondern als erwägenswerte Haarfarbe für Menschen jeden Alters betrachten zu können. Die als "Wunderkind" gefeierte Modebloggerin aus den USA hat Furore gemacht, als sie sich die Haare grau färbte und ihren Kopfputz mit einem tüllbekränzten Dutt krönte.

Ein rosiges Mädchengesicht, dazu diese Frisur, die alle Märchenbuchoma-Klischees in den Schatten stellt – man hätte das leicht als neckische Kostümierung abtun können. Doch die souveräne Selbstverständlichkeit, mit der Gevinson ihr graues Haar präsentierte, wirkte wie ein absichtsvolles Statement. Das Kind hat das Selbstbild ganzer Generationen älter werdender Frauen infrage gestellt.

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Gevinsons Geschichte lässt an Hans Christian Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider" denken: Es muss erst ein Kind daherkommen, das mutig genug ist, die Nacktheit des Regenten zu benennen. Graues Haar ist auch eine Form der Nacktheit. Tavi Gevinson hat unbefangen sichtbar gemacht, was sonst übertüncht wird. Als hätte sie mit ihrem Grauschopf sagen wollen: Wozu das Theater? Steht zu eurer Nacktheit. Zeigt euer Grau!

Diskretes Platinblond statt Naturgrau

Auf den roten Teppichen Hollywoods ist das sogenannte Granny Hair, also "Oma-Haar", seit zwei, drei Jahren immer öfter zu sehen. Allerdings: Es sind zumeist schöne, jugendliche Frauen, kaum eine jenseits der 30, die ihr Haar grau tragen oder mal getragen haben: Rihanna, Rita Ora, Nicole Richie, Ellie Goulding oder das gerade mal volljährige Society-Sternchen Kylie Jenner. Sie können es sich erlauben, mit ihrem vorgetäuschten Grauschopf zu kokettieren – wohl wissend, dass ihr 300-Dollar-Friseur jederzeit zum nächsten haarigen Coup ansetzen kann, dann womöglich in Pechschwarz, Feuerrot oder auch Giftgrün.

Während freiwilliges Ergrauen, also Altern mit Rückfahrkarte, im VIP-Zirkus noch als amüsanter Modegag durchgeht, scheint Naturgrau unter weiblichen Promis noch immer weitgehend tabu. Von wenigen Ausnahmen wie Glenn Close oder Kathy Bates abgesehen, setzen die meisten reiferen Stars auf diskretes Platinblond und lassen die Klatschpresse darüber rätseln, ob das bemerkenswert frisch gebliebene Haar nun guten Genen oder doch eher einfühlsamen Stylisten zu verdanken ist.

Kreierte 2010 das "Granny Hair": Tavi Gevinson, das damals 14-jährige Wunderkind der US-Modebloggerszene. Quelle: Getty

Woher diese Vorsicht? Aus Angst vor dem Karriereknick? Aus Sorge, jenseits der 50 nicht mehr attraktiv genug zu sein, um für Rollen und Auftritte gebucht zu werden? Daran kann es eigentlich nicht liegen. Schaut man sich die Oscar-Nominierungen der vergangenen drei Jahre an, fällt auf, dass es durchaus auch ältere Schauspielerinnen unter die Topfavoritinnen geschafft haben: etwa Judi Dench (81), Charlotte Rampling (70), Meryl Streep (67) und Julianne Moore (55).

Dass Moore die Trophäe 2015 zudem für ihre Verkörperung einer an Alzheimer erkrankten Frau in dem Film "Still Alice" zugesprochen bekam, kann womöglich als Hinweis gelesen werden, dass das Altern – auch in seinen beschwerlichen Facetten – selbst in der Traumfabrik nicht zwingend ins Abseits verbannt werden muss. Mehr noch: Schauspielerinnen wie Streep, Rampling oder auch die 81-jährige Maggie Smith scheinen mit den Jahren immer gefragter zu werden – in Rollen, die keinerlei Scheu vor dem Alter zulassen.

Die Angst vor dem Grau ist nicht neu

Es ist naheliegend, eine angebliche Krankheit unserer Zeit, den Jugend-, Schönheits- und Leistungswahn für die Angst vor dem Ergrauen verantwortlich zu machen. Doch die Verdrängung des Graus ist längst nicht nur ein heutiges Phänomen. Schon die Römer waren erfindungsreiche Retuscheure. Wie Forscher herausfanden, verwendeten sie bereits vor mehr als 2000 Jahren eine giftige Paste aus Bleioxid und Löschkalk, um bleichem Haar sattes Schwarz zurückzugeben.

Die Angst vor dem Grau scheint vor allem Frauen umzutreiben. Das ist nicht weiter erstaunlich. Denn der Blick auf und die Definitionsmacht über die Schönheit ist nach wie vor patriarchalisch geprägt. Dieser Blick misst mit zweierlei Maß: Die grauhaarige Frau hat ihre Blüte, ihre Fruchtbarkeit längst hinter sich, sie gilt als welk und sexuell unattraktiv. Der ergraute Mann hingegen gilt als seriös, reif, gelassen und – man denke an George Clooney, Richard Gere und Sky du Mont – durchaus auch als erotisch anziehend.

Im Netz finden sich Dutzende Umfragen, die belegen, dass Frauen grauhaarige Männer sexy finden. Befragungen von Männern zur Attraktivität weiblichen Silberhaars muss man hingegen mit der Lupe suchen. Was ebenfalls nicht erstaunt, denn die Ergebnisse dürften kaum schmeichelhaft sein. Nimmt es unter solchen Vorzeichen Wunder, dass einiges an Selbstbewusstsein dazu gehört, als ältere Frau zur naturgegebenen Haarfarbe zu stehen?

Vom Verstecken zum Verwöhnen

Immerhin scheint Grau allmählich seinen Schrecken zu verlieren. Die "Brigitte" plädiert unter dem Titel "Graue Haare färben? Schluss damit!" dafür, die Natur gewähren zu lassen. Bloggerinnen jenseits der Fünfzig empfehlen Frisuren und Looks, die graues Haar effektvoll in Szene setzen. Und selbst einige Haarkosmetikhersteller raten inzwischen vom Übertünchen des Graus ab und werben für Pflegemittel, die dem spröder werdenden, reifen Haar Glanz und Spannkraft zurückgeben sollen. Der Trend ist unübersehbar: Er geht vom Verstecken zum Verwöhnen.

In der Bibel, genauer im Buch der Sprüche, steht eine Weisheit, die sich beinahe wie eine Liebeserklärung an graues Haar liest: "Graue Haare sind eine Krone der Ehre; auf dem Weg der Gerechtigkeit wird sie gefunden." Es ist, nur in viel weisere Worte gekleidet, die wohlbekannte Ermahnung, Respekt vor dem Alter zu zeigen. Denn Alter kann auch Erfahrung und Klugheit bedeuten. Es kann bedeuten, bei sich angekommen zu sein, es nicht mehr jedem beweisen zu müssen. Und es kann bedeuten, nachsichtig zu sein mit den Jüngeren – und die Überholspur jenen zu überlassen, die noch glauben, es gehe immer nur bergauf im Leben.

Wie alles von wahrem Adel ist auch die "graue Krone" kein Geschenk. Viele, mitunter wechselvolle Lebensjahre verstreichen, ehe sie errungen ist. Wer sie schließlich vom Leben aufs Haupt gesetzt bekommen hat, sollte sie mit Würde tragen. Und durchaus auch mit Stolz.

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