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10:24 18.12.2015
Hofft auf Weichenstellungen bei der UN-Klimakonferenz in Paris: Grünen-Fraktionsvorsitzender Anton Hofreiter.

Auf einer meiner Wanderungen in diesem Jahr war ich in den Bergen. In der Nähe des Großglockners, einer meiner Lieblingsregionen in den Alpen. Ich kam auch wieder zur Pasterze, einem Gletscher, den ich von einer früheren Tour kannte. Er war  deutlich kleiner als in meiner Erinnerung. Dieser Gletscher wird nicht nur kleiner, er wird wohl verschwinden. Er schmilzt dahin wie die Polarkappen am Nord- und Südpol. Er schmilzt, weil wir alle zusammen so viel Treibhausgase wie nie in die Luft pusten, sei es durch schmutzige Braunkohlewerke oder durch schmutzige Verbrennungsmotoren in unseren Autos. Die Folgen sind für sehr viele Menschen schon unmittelbar spürbar: in Ländern, wo Wetterextreme zunehmen, wo Überschwemmungen und Dürre Lebensgrundlagen vernichten.

Nach meiner Wanderung auf dem Rückweg nach Hause bin ich auf dem Hauptbahnhof in München umgestiegen. Seit der Flüchtlingskrise sind uns die Bilder von dort bekannt – Münchner helfen Menschen, die fliehen, weil Krieg und Terror ihre Lebensbedingungen in ihrer Heimat extrem verschlechtert haben. Hunderttausende Flüchtlinge, Familienväter, Frauen, Kinder, haben sich auf den Weg Richtung Europa gemacht, um zu überleben und sich eine bessere Zukunft aufzubauen.

Wenn sich in Paris in den nächsten Tagen die Staaten der Welt treffen, um über ein internationales Klimaabkommen zu beraten, geht es auch darum: Wir dürfen nicht zulassen, dass wir durch nationale Egoismen und Nachlässigkeiten in der Klimapolitik neue Fluchtursachen schaffen. Klimaschutz bedeutet deshalb auch den Schutz der Heimat für Menschen in besonders gefährdeten Regionen.

Globale existenzielle Bedrohung

Wir stecken bereits in der Klimakrise und begegnen ihr immer häufiger. Und wenn wir nicht aktiv werden, wird die Klimakrise zu einer Klimakatastrophe. Die Klimakrise ist neben dem Artensterben eine der beiden globalen existenziellen Bedrohungen der Menschheit.

Ich bin zuversichtlich, dass wir Menschen unsere selbst verursachten Probleme auch selber wieder lösen können. Aber mir ist auch klar: Wir werden das Ruder beim Klimaschutz nicht sofort herumreißen können. Dafür verfolgen zu viele Länder zu unterschiedliche Interessen. Mit welchem Recht verlangen wir von anderen Ländern eine Umkehr, wenn sie unser Wachstumsmodell kopieren? Die Herausforderung fängt also vor allem bei uns selbst an.

Wir sind gefragt. Unsere Generation. Wir können den Klimaschutz nicht aufschieben, sondern müssen sofort handeln – auch um anderen Ländern zu zeigen, dass es geht: Wirtschaft und Umwelt miteinander in Einklang zu bringen. Gegenüber 1990 müssen wir in Deutschland den CO²-Ausstoß bis 2020 um mindestens 40 Prozent senken, bis 2050 sogar um 95 Prozent. Das heißt: Wir werden vollständig auf fossile Energien verzichten müssen. Wir können Mitte dieses Jahrhunderts keine Kohle, kein Erdöl oder Erdgas mehr verbrennen. Diese Rohstoffe müssen im Boden bleiben.

Energiewende als Vorbild

Der Weg zu diesem Ziel ist gangbar. Mit neuen Vorgaben für den Schadstoff-Ausstoß verschaffen wir der besten, umweltfreundlichsten Technologie den dafür nötigen Schub. Auch der weltweite dynamische Ausbau der erneuerbaren Energien sorgt für Rückenwind. Knapp 60 Prozent der in 2014 weltweit neu installierten Stromerzeugungsanlagen dienen der Produktion erneuerbarer Energien.

Deutschland ist die viertgrößte Wirtschaftsnation der Welt. Unser Land kann zeigen, wie eine Energiewende in großem Maßstab funktioniert und damit Einkommen und Wohlstand in diesem Land erzeugt. Andere Staaten schauen auf Deutschland. Deshalb ist die Energiewende nicht nur gut für uns, sondern kann auch international Vorbild werden. Wir brauchen dafür ein Klimaaktionsprogramm, mit dem wir zeigen, in welchen Branchen wir welche CO2-Einsparungen erreichen können, sozialverträglich und wirtschaftlich.

Wenig effizient: Das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hat den dritthöchsten Kohlendioxid-Ausstoß aller Kraftwerke in Europa. Quelle: Tobias Scheck / CC BY 2.0

Wir können kurzfristig allein 200 Millionen Tonnen CO2 im Kraftwerkspark einsparen, wenn wir die schmutzigsten Braunkohle-Dreckschleudern vom Netz nehmen. Wir brauchen klimafreundlicheren Verkehr. Sinnvoll sind zum Beispiel Kaufprämien für Elektroautos. Die ökologische Gebäudesanierung sollte angekurbelt werden, um bislang ungenutztes Potenzial der erneuerbaren fairen Wärme zu heben.

Auch in anderen Ländern scheint mehr möglich als je zuvor: Die Dynamik, mit der Staaten wie ausgerechnet die USA und China sich neuerdings Ziele setzen und diese umsetzen, ist beeindruckend. Die Geradlinigkeit, mit der Staaten wie Dänemark seit vielen Jahren Klimaschutz praktizieren, ist vorbildlich. Großbritannien will bis 2025 alle Kohlekraftwerke schließen. Bemerkenswert ist auch, wie Fonds, Kommunen und Initiativen ihr Geld aus der Verbrennung von Kohle und Öl ziehen und in zukunftsträchtige Anlageformen investieren. Diese Bewegung nennt sich Divestment und entzieht schmutziger Energieerzeugung das nötige Geld.

Klimakonferenz als Nagelprobe

Ich bin gespannt auf Paris. Die Konferenz ist für viele Staaten eine Nagelprobe. Eine gute Gelegenheit, sich auszutauschen, sich gegenseitig anzuspornen, sich zu erklären, sich zu bekennen. Die bisherigen Zielstellungen der Staatengemeinschaft reichen noch lange nicht aus, um eine Klimaerwärmung auf höchstens zwei Grad zu begrenzen. Das sollte Staatschefs, Verhandlungsführer wie auch Nichtregierungsorganisationen motivieren.

Ich sehe die Klimakonferenz als wichtige Etappe für den Klimaschutz. Sie kann ein wichtiger und notwendiger Schritt vorwärts werden. Um aber unter zwei Grad Erwärmung zu bleiben, müssen wir alle mehr tun – und unsere nationalen Klimaschutzbeiträge regelmäßig überprüfen und anheben. Das ist keine Politik nur für die Gletscher, für die Polarkappen, für die Artenvielfalt, für die Menschen an den Küsten –  das ist eine notwendige Kurskorrektur für uns alle.

Zur Person

Anton Hofreiter, Jahrgang 1970, ist seit Oktober 2013 neben Katrin Göring-Eckardt Vorsitzender der Grünen-Bundestagsfraktion. Als promovierter Biologe hat sich Hofreiter vor allem in der Umwelt-, Klima- und Tierschutzpolitik profiliert.

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