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Panorama Die neuen Spieler sind die Alten
Nachrichten Panorama Die neuen Spieler sind die Alten
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18:18 20.08.2015
Quelle: Shutterstock
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Was die Größe ihres Bildschirms angeht, wollte Hilda Knott, britische Staatsbürgerin und stolze 86 Jahre alt, keine Kompromisse machen. 65 Zoll sollten es schon sein.

65 Zoll: Das ist eine Bildschirmdiagonale von stolzen 1,65 Metern. Das schwere Ding hängt an der Wand gegenüber von Hilda Knotts cremefarbenem Sofa, auf dem sie gern mit einer Spielkonsole sitzt. Den größten Spaß hat sie, wenn sie es bei gewaltgeladenen Videospielen wie "Grand Theft Auto" krachen lässt.

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Eine Gamerin im Großmutteralter? Die ehrwürdige BBC hat die betagte Spielerin schon vor zwei Jahren entdeckt – und zur Galionsfigur eines Trends ausgerufen: Immer mehr Senioren wenden sich Computerspielen zu. Fachblätter und Industrie beeilten sich, das Videomaterial über Hilda Knott weltweit weiterzureichen, denn ihr Auftritt könnte werbewirksamer nicht sein: "Die Spiele halten mich geistig fit", erklärt Hilda Knott – und fügt strahlend wie ein Teenager hinzu: "Es ist immer toll, wenn man das nächste Level erreicht."

Seither umgarnen begeisterte Manager von Spiele-Konzernen Hilda, bieten persönliche Begegnungen an, etwa mit dem Chef von Playstation. Computermagazine fragen, ob die alte Dame eine regelmäßige Kolumne schreiben wolle. Doch Hilda lehnte alles ab – und konzentrierte sich ganz auf ihre Spielerei.

Ärzte: Spieler sind glücklicher

Die Seniorin ist nicht allein. In Europa, Asien und den USA verabreden sich immer mehr Ältere unabhängig von ihrem jeweiligen physischen Zustand zum digitalen Kräftemessen. Viele bleiben dadurch in Kontakt mit Freunden und der Familie, manche gewinnen auf diese Art auch neue Bekannte.

Ärzte der North Carolina State University untersuchten Probanden im Alter von mehr als 65 Jahren und kamen zu dem Schluss, dass die Spieler alles in allem glücklicher und emotional stabiler erscheinen als die Nichtspieler. Was im Einzelnen genau gespielt wird, ist gar nicht so wichtig. Es kann auch "World of Warcraft" sein, ein Spiel, vor dem früher immer die Alten die Jungen warnten, weil es angeblich süchtig mache.

Entwickler und Hersteller weltweit jubeln bereits über ungeahnte zusätzliche Absatzmärkte. Zuletzt hat das sogenannte "GTA-5-Experiment" die Fantasien beflügelt. Bei diesem Versuch setzte man mehrere Senioren mit Controllern vor das Gangster-Videospiel "Grand Theft Auto, Teil 5", die neueste Folge einer kultigen Verschrottungssaga, bei der es um Pkw-Diebstahl und Autorennen geht. GTA ist eines der komplexesten, erfolgreichsten, aber auch brutalsten Spiele auf dem Markt.

"Siegeszug der Smartphones"

Zunächst taten sich die älteren Damen und Herren schwer mit der Steuerung. Der animierte Held stolperte hilflos durch die Gegend und schaffte es nicht mal, den Wagen zu öffnen. Aber schon nach kurzer Zeit hatten es die Senioren raus: Sie knackten Autos, gaben auf der Gegenfahrbahn Vollgas, schlugen harmlose Passanten mit sichtbarer Schadenfreude nieder, griffen gar zum Messer und meuchelten ihre Widersacher. Bald schon ballerten sie mit großkalibrigen Waffen durch die Straßen der fiktiven Millionenstadt Los Santos und schrien "That’s fun!" – das macht Spaß!

Statistiken zeigen, dass auch in Deutschland die Gemeinde der Gamer im Durchschnitt immer älter wird. Die mehr als fünf Millionen "Silver Surfer", so genannt wegen ihrer grauen Haare, lassen sich nicht mehr länger nur von Quiz- und Lernspielen, etwa dem legendären "Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging", in den Bann schlagen.

„Durch den Siegeszug des Smartphones ist für viele Menschen eine technische Hürde weggefallen", hat Uwe Bassendowski von Sony Entertainment beobachtet. Jens Kosch, Deutschland-Chef des Spiele-Giganten Electronic Arts ergänzt: "Gaming wird immer mehr zu einem Gesellschaftsthema."

Frauen wollen "Social Games"

Noch liegen virtuelle Brett- und Denkspiele in der Beliebtheit der älteren Deutschen vorn. Auf dem Tablet entdeckt mancher noch einmal den Reiz von "Tetris" und stapelt vergnügt bunte Kästen aufeinander, Liebhaber der "Angry Birds"-Reihe schießen den Vogel ab, wieder und wieder.

Doch Computerspiel heißt nicht mehr, stundenlang auf den Bildschirm zu starren, die Cola in der linken Hand, zur rechten die Chipstüte. Stattdessen liegt aktives Gaming im Trend.

Das sind die neuen Spiele

Den Mond besiedeln, einen Staat befreien, aus einer Zombie-Stadt fliehen: Die Entwickler stellten neue Titel vor. Wir zeigen eine Auswahl und geben eine erste Einschätzung.

Die Gamescom, Europas wichtigste Computerspielemesse, lockte Anfang August 365.000 Besucher nach Köln, eine nie da gewesene Zahl. Immer größer wird der Anteil von Interessenten im letzten Lebensdrittel, immer höher das intellektuelle Niveau. Die neue – oft ältere – Generation von Spielern hätte gern hier und da ein paar Veränderungen.

So fordern die Frauen unter den Gamern – derzeit 30 Prozent mit wachsender Tendenz – mehr "Social Games", Spiele, in denen die Akteure als Team unterwegs sind. Doug Lowenstein, Präsident der Entertainment Software Association, sieht seine Industrie vor enormen Anpassungsprozessen.

Die Zeiten, in denen es genügte, irgendwelche pixeligen Wesen durch Labyrinthe zu jagen, sind passé. Die "New Games" sollen alles verbinden: Unterhaltung, Wissensvermittlung, Bildung. So hat das Unternehmen Serious Games Solutions das Spiel "Menschen auf der Flucht" entwickelt, im Mittelpunkt steht der Bürgerkrieg im Kongo.

Für Hilda Knott allerdings ist das alles nichts mehr. Ihr genügt GTA, der krachende Klassiker.

Von Harald John

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