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Panorama Niki Lauda: Ein Kämpfer, der den Tod auslachte
Nachrichten Panorama Niki Lauda: Ein Kämpfer, der den Tod auslachte
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21:12 21.05.2019
Ein großer Österreicher geht: Formel-1-Weltmeister Niki Lauda im vergangenen Jahr. Quelle: Foto: Eibner Europa/imago images
Wien

Man kann den Tod fürchten. Oder man kann ihn auslachen. Niki Lauda war bekannt für Letzteres. Es ist einige Jahre her, da erzählte der frühere Formel-1-Weltmeister in einem Interview, wie er mit der Reporterin für eine US-Morgenshow über den Nürburgring gelaufen ist. Zu genau der Stelle, an der er sich 1976 mit seinem Auto in einen großen Feuerball verwandelt hatte. Die Reporterin erhoffte sich Tränen und große Gefühle. Lauda hatte anderes in Sinn. Er nahm vom Hotelbuffet ein Gebäckstück mit und deponierte es vor dem Dreh im Gras neben der Strecke. Als die Reporterin ihn später fragte, wie es für ihn sei, hier zu sein, am Ort des Schreckens, unterbracht er sie. „Moment“, sagte er, hob den aufgeweichten Kuchen vom Boden und sagte: „Schau an, hier ist mein Ohr!“ Die Reporterin sei völlig fertig gewesen, erzählte er dem SZ-Magazin.

Es ist eine Mischung aus Heldenstatus, Charisma, Wiener Schmäh und flotten Sprüchen, die Niki Lauda zum weltweiten Superstar machte – auch über die Welt der Formel 1 hinaus. Seine Meinung war stets gefragt, die Medien rissen sich um ihn, über Jahrzehnte. Wie in der Nacht zu Dienstag bekannt wurde, ist er am Montag im Alter von 70 Jahren gestorben.

„Eine inspirierende Persönlichkeit“:
So trauert das Netz um Niki Lauda

Ein sensationelles Comeback

Sein Leben war immer auch ein Kampf. Seine Rennfahrer-Karriere setzte er gegen den Widerstand seiner gut situierten Industriellen-Familie durch. Er lieh sich Geld und fälschte das Abiturzeugnis, um den strengen Großvater zu beruhigen. Er wurde belohnt. In seiner Ferrari-Zeit wurde der Österreicher zum Helden, auch durch die zwei WM-Titel 1975 und 1977, aber vor allem durch das Jahr 1976, den Nürburgring-Feuerunfall und das sensationelle Comeback. Nur sechs Wochen später saß er wieder in seinem Rennwagen. „Ich wäre heute nicht der, der ich bin, stünde nicht da, wo ich stehe, wenn der Unfall nicht passiert wäre“, sagte er einmal. „Und wenn der Unfall nicht von einem achtjährigen Buben gefilmt worden wäre, der zufällig dort stand. Dessen Kamera war der Schlüssel, denn seine Aufnahme wird immer im Kombination mit Hospital und Überleben gezeigt. Der gleiche Unfall ohne den Film wäre nur die Hälfte wert, behaupte ich.“

Knallhart, fast zynisch klingend, rational bis zum Letzten: Niki Lauda nach seinem schweren Unfall 1976. Quelle: dpa

Eine typische Lauda-Analyse, knallhart, fast zynisch klingend, rational bis zum Letzten, Gefühle zumindest nach außen hin komplett ausblendend, auch zum Selbstschutz: „Mein ganzes Leben lang sind immer positive und negative Dinge hintereinander eingetreten, zur Ruhe habe ich nie gefunden“, sagte er einst. Es ist eines der sehr wenigen Momente des Rückblicks, die sich Lauda gegönnt hat. Lieber schaute er nach vorn, bis zum Schluss. Es war wohl auch diese Disziplin und Härte gegen sich selbst, die ihn damals überleben lässt.

„95 Prozent der Patienten mit derartigen Verletzungen, einem sogenannten Inhalationstrauma, die wir normal künstlich beatmet haben, sind damals gestorben“, betont einer der Lebensretter von damals, Dr. Eike Martin, als sich die beiden 2016 auf dem Hockenheimring treffen. „Wir mussten etwas anderes probieren – und wir konnten das, weil Lauda wach und ansprechbar war. Und unglaublich diszipliniert und zur aktiven Mitarbeit bereit. Obwohl diese Therapie, bei der dann immer wieder bei vollem Bewusstsein die Lungen abgesaugt werden müssen, unglaublich schmerzhaft ist. Aber er war dazu bereit – hatte eben auch diesen unglaublichen Kampfgeist und Überlebenswillen.“

„Als Rennfahrer geht das nicht“

Zeit für psychologische Nachwirkungen? Null: „Als Rennfahrer ist so ein schwerer Unfall etwas, mit dem man sofort fertig werden muss. Wenn ich nicht 42 Tage danach damit abgeschlossen gehabt hätte, dann hätte ich nicht wieder ins Auto steigen und fahren können“, sagte Lauda. „Andere, ,normale’ Leute schleppen so etwas das ganze Leben lang mit sich herum. Als Rennfahrer geht das nicht. Entweder du löst das Problem und fährst wieder oder du hörst auf.“

„Es war alles zu viel Druck“: Das Rennauto von Niki Lauda nach seinem schweren Unfall auf dem Nürburgring. Quelle: imago sportfotodienst

Er löste es auf seine Art, sechs Wochen danach, in Monza, schwer gezeichnet noch von den Verbrennungen im Gesicht. „Ich kam am Donnerstag an. Riesentheater. Überall Fotografen. Tausende Tifosi. Ich musste von einem Medizincheck zum anderen. Um sechs Uhr abends kam das Okay: Du kannst fahren“, erinnert sich Lauda 40 Jahre später. Doch einfach ins Auto setzen als wäre nichts gewesen – das war auch ihm nicht möglich. „Ich bin also Freitag das erste Mal wieder raus auf die Strecke, schalte in den zweiten Gang. In dem Moment habe ich beinahe in die Hose geschissen. Angst. Ich konnte nicht weiterfahren. Dann bin ich erst mal ins Hotel gefahren und habe mich gefragt, was ist da los. In Fiorano vorher – auf der Ferrari-Teststrecke – konnte ich fahren. Hier nicht. Es war alles zu viel Druck.“

Nach der Panik gewinnt der Analytiker die Oberhand

Nach der Panikattacke gewinnt der kühle Analytiker wieder die Oberhand: „Im Hotel habe ich mir dann gesagt: So, stopp jetzt mit dem ganzen Druck. Am Samstag werde ich ganz normal fahren, als ob da gar kein Rennen wäre. Kein Risiko eingehen, mich herantasten, nichts darauf geben, was die anderen Leute sagen. Vertrauen für mich selbst schaffen, dass ich das Auto kontrollieren kann. Und auf einmal ging es – und ich war Viertschnellster.“

Das epische Duell mit James Hunt, später als erfolgreiches Kinodrama verfilmt, ging so bis ins letzte Rennen in Fuji, die Regenschlacht, in der Lauda nach zwei Runden ausstieg, „weil mir mein Leben wichtiger ist als eine Weltmeisterschaft“ und den Titel schließlich um einen Punkt verlor.

Ein Jahr später verließ er seinen Rennstall Ferrari, im September 1997 kehrte er der Formel 1 aus heiterem Himmel den Rücken. Während des Kanada-Grandprix-Wochenendes stieg er aus dem Auto und erklärte seinen Rücktritt, „weil es für mich jetzt wichtigere Dinge gibt, als mit dem Auto im Kreis herum zu fahren.“

Marlene und Niki Lauda. Quelle: www.imago-images.dewww.imago-images.de

Das „Wichtige“, das war jetzt das Luftfahrt-Business, in das der begeisterte Pilot verstärkt einsteigen wollte. Doch nachdem er dort auf mehr Schwierigkeiten stieß als erwartet und erst einmal wohl auch einiges an Geld verlor, gab er 1982 sein Comeback in der Formel 1 und feierte sogar noch einmal einen WM-Titel: 1984 im Teamduell bei McLaren-Porsche gegen den aufstrebenden Alain Prost. Am Ende reichten 0,5 Punkte Vorsprung.

Der Absturz ging ihm nahe

Nach dem endgültigen Rücktritt 1985 stürzte er sich noch einmal komplett ins Airline-Geschäft, macht seine „Lauda Air“ zeitweise zu einer der bei den Kunden beliebtesten Airlines, mit perfektem Service und dem Blick fürs Detail, aber nicht immer zur Freude derer, die Wert auf Arbeitnehmerrechte legen: Gewerkschaften, Betriebsräte, Mitbestimmung – das alles war eher Teufelszeug aus Laudas Sicht, der es gewohnt war, zu bestimmen, seine eigenen Vorstellungen kompromisslos durchzusetzen. Wem das nicht passe, so seine Einstellung, der brauche ja nicht für ihn zu arbeiten.

Die Lauda Air brachte ihm aber auch den dunkelsten Moment seines Lebens. Der Absturz einer seiner Boeings 767 im thailändischen Dschungel im Mai 1991 mit 223 Toten war ein Schock, der ihn tief traf, ihn stärker prägte als sein eigener Unfall, wie er oft betonte. Aus der direkten Konfrontation mit dem Schrecken zog er aber auch die Kraft, nicht locker zu lassen bei der Frage nach der Verantwortung. Seiner Hartnäckigkeit, seinem ständigen Nachhaken war es zu verdanken, dass die Absturzursache aufgeklärt wurde: eine Schwachstelle in der Schubumkehr – die Triebwerke aller derartigen Maschinen mussten daraufhin umgerüstet werden.

Niki Lauda als Pilot 1987. Quelle: www.imago-images.dewww.imago-images.de

Auch wenn die Lauda Air später komplett von der AUA übernommen wurde – immer wieder kam Lauda mit Neugründungen und Beteiligungen ins Business zurück. Und auch ohne die Formel-1-Welt – und das damit verbundene Rampenlicht konnte er nicht wirklich. In verschiedenen Rollen tauchte er immer wieder in den Fahrerlagern weltweit auf: Als Ferrari-Berater, als langjähriger RTL-Experte, ab 2013 dann zusammen mit seinem österreichischen Landsmann Toto Wolff als Anteilseigner und Aufsichtsratschef des Mercedes-Formel-1-Teams. Und als unverzichtbares Mitglied der Formel-1-Szene.

Beim Hockenheim-Grandprix 2018 fehlte Niki Lauda zum ersten Mal krankheitsbedingt – es folgte eine Lungentransplantation. Dass es keine Rückkehr mehr geben würde, schien bei dem großen Kämpfer Niki Lauda eigentlich unvorstellbar. Obwohl sich in den vergangenen Wochen schon Anzeichen erkennen ließen, dass dieser letzte Kampf für ihn wohl immer schwieriger zu gewinnen sein würde, dass er nach dem letzten Krankenhausaufenthalt im Januar, nach einer schweren Grippe, einfach nicht mehr wirklich zu Kräften kam.

Es gab immer wieder gesundheitliche Rückschläge, einen Herzinfarkt kurz vor dem 70. Geburtstag. Lauda wurde zur Reha in die Schweiz gebracht, er blieb schwach und konnte nicht mehr auftreten. Sein Tod stürzt die Formel-1-Welt vor dem Rennen am Sonntag in Monaco nun in tiefe Trauer. Der einstige Rennstallkonkurrent McLaren drückte via Twitter das aus, was Niki Lauda bleiben wird: „Eine Legende. Damals, jetzt und für immer.“

Von Karin Sturm

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