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Panorama Nonnen in Indien schildern sexuelle Übergriffe durch Priester
Nachrichten Panorama Nonnen in Indien schildern sexuelle Übergriffe durch Priester
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10:05 03.01.2019
Indische Nonnen beim Gebet. (Archivfoto) Quelle: picture alliance / Pacific Press
Kuravilangad

Katholische Priester, die in ihre Schlafzimmer eindrangen. Die sie gegen ihren Willen küssten, sie begrapschten. Oder sie sogar wiederholt vergewaltigten. So schildern mehrere Nonnen in Indien, was ihnen widerfahren ist. Und wohl so manchen ihrer Mitschwestern: Ergebnisse einer Untersuchung der Nachrichtenagentur AP in diesem Land deuten auf eine jahrzehntelange Geschichte sexuellen Missbrauchs innerhalb der katholischen Kirche hin.

Auch viele Nonnen selber glauben, dass Übergriffe durch Priester praktisch gang und gäbe sind. Nach ihren Angaben haben die meisten aus ihrer Gemeinschaft zumindest Situationen erlebt, in denen sie sexuelle Annäherungsversuche eines Priesters abwehren mussten.

Betroffenen Nonnen schildern Übergriffe

Und wie Betroffene weiter schildern, hat die katholische Hierarchie wenig getan, um sie vor Missbräuchen zu schützen. Das, obwohl anscheinend viele von den Vorfällen wussten. Fast zwei Dutzend derzeitige und frühere Nonnen, Priester und andere sagten im Gespräch mit AP, dass sie direkte Kenntnis von derartigen Übergriffen hätten.

Eine 44-jährige Nonne durchbrach diesen Sommer die Mauer des Schweigens. Nachdem mehrere Beschwerden bei Kirchenvertretern ohne Antwort geblieben waren, reichte sie Klage gegen den Bischof ein, der die Aufsicht über ihren Orden hat. Sie wirft ihm vor, sie im Zeitraum von zwei Jahren 13 Mal vergewaltigt zu haben.

Eine Gruppe von Mitschwestern hat in einem öffentlichen Protest seine Festnahme gefordert, aber diese Solidarität mit der Klägerin ist bei vielen nicht gut angekommen. Der Bischof hat eine Schar von Unterstützern, darunter auch eine Reihe von Nonnen. „Manche Leute werfen uns vor, gegen die Kirche zu arbeiten“, sagt Schwester Josephine Villoonnickal, die sich hinter die Klägerin gestellt hat. „Aber wir müssen aufstehen, für die Wahrheit.“

Nachts drang der Priester ins Zimmer ein

Manche der Schilderungen reichen Jahrzehnte zurück. Wie der Fall einer damals noch sehr jungen Nonne, die in den frühen 1990er Jahren an einer katholischen Schule lehrte. Dort klopft eines Nachts der Priester, der eigentlich die Nonnen bei ihren Meditationen leiten sollte, an ihre Schlafzimmertür. Sie kann Alkohol in seinem Atem riechen, will ihn nicht hineinlassen. Aber er bahnt sich den Weg ins Zimmer, begrapscht sie und versucht, sie zu küssen. Weinend stößt sie ihn von sich, weit genug, um rasch die Tür zuzuschlagen.

Danach informiert sie in aller Stille ihre Schwester Oberin und schreibt auch anonym an Kirchenvertreter. Dem Priester wird eine andere Arbeit zugewiesen, aber es gibt keine öffentlichen Rügen, auch keine Warnungen an andere Nonnen. Sie selber hatte zu große Angst, um ihn öffentlich zu konfrontieren. „Es hätte in meinen Augen bedeutet, meine eigene Berufung (als Nonne) zu riskieren“, schildert die Ordensschwester, die wie die meisten anderen von AP interviewten Schwestern ihren Namen nicht genannt haben möchte.

„Die Küsse landeten alle hier“, sagt sie und zeigt auf ihre Brust

Wer noch sehr jung und umgeben von sexuellen Tabus groß geworden ist, kann besonders gefährdet sein. Wie etwa eine Ordensschwester aus dem äußerst konservativen Kerala. „Wenn du erwachsen wirst, deine erste Periode bekommst, dann wirst du nicht dazu ermuntert, normal mit einem Jungen zu sprechen“, schildert die Nonne. Und diese Naivität, so warnt sie, könnte teuer zu stehen kommen.

Wie damals, als sie noch eine Novizin war und ein älterer Priester in das katholische Zentrum kam, in dem sie arbeitete. Als sie dem Geistlichen dessen frisch gereinigte Wäsche brachte, griff er nach ihr und begann sie zu küssen. „Die Küsse landeten alle hier“, sagt sie und zeigt auf ihre Brust. „Er kam aus Goa. Ich stamme aus Kerala. Ich habe in meinen Gedanken versucht herauszufinden, ob das wohl die Art ist, wie Goaner küssen.“

Ordensschwester gibt an, immer wieder vergewaltigt worden zu sein

Die mutmaßlichen Vergewaltigungen durch den Bischof geschahen in einem kleinen Konvent ebenfalls in Kerala, wie die Nonne, die schließlich Klage einreichte, schildert. Sie beschreibt den Geistlichen als den mächtigsten Mann in der Welt ihrer Ordensgemeinschaft, der Missionaries of Jesus – eine Person mit immensem Einfluss auf Geldverwaltung und Arbeitsposten.

Alle paar Monate, so die Ordensschwester, habe der Bischof das Kloster besucht und sie dann vergewaltigt. Der Geistliche bestreitet das entschieden, spricht von einem Erpressungsversuch der Nonne, um einen besseren Job zu erhalten. „Ich mache Qualen durch“, klagt der Bischof, der drei Wochen im Gefängnis verbrachte und im Oktober gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt wurde.

Viele in Kerala halten den Geistlichen für einen Märtyrer. Die Nonnen, die sich um das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer geschart haben, sehen das anders. „Sie hat ihm viele Male gesagt, dass er aufhören soll. Jedes Mal hat er sich ihr aufgezwungen“, sagt Villoonnickal.

Katholische Stellen haben sich zu dem Fall kaum geäußert. In einer Stellungnahme der indischen Bischofskonferenz hieß es, man habe keine Rechtsgewalt über einzelne Bischöfe, und man müsse den Ermittlungen und dem Gerichtsfall ihren Lauf lassen. „Schweigen“, so betonte das Gremium weiter, „sollte keinesfalls als Unterstützung der einen oder der anderen Partei interpretiert werden.“

Von Tim Sullivan/RND/AP