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Panorama Oh, diese Briten
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20:05 17.06.2016
Das Referendum über den "Brexit" könnte der Schlussstrich unter eine jahrzehntelange schwierige Beziehung zwischen einer einstigen Weltmacht und einem Staatenbund sein. Ein Blick auf die Menschen jenseits des Ärmelkanals. Quelle: Stefan Hoch
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Höflichkeit

"Please" (Bitte) ist in Großbritannien nicht einfach nur ein Wort. Es ist die Lebensphilosophie einer ganzen Nation, in etwa so wie "Danke", "Entschuldigung" und die allgegenwärtige Frage: "Wie kann ich Ihnen helfen?" Im Grunde ist alles ganz einfach im britischen Alltag: Wer jemanden anrempelt, entschuldigt sich, und zwar aufrichtig. Wer angerempelt wird, tut dies aber ebenso. Es könnte ja schließlich sein, dass er im Weg gestanden hat. Oh, hätte die EU doch nur ein bisschen dieser Höflichkeit auf den Kontinent hinübergerettet!

Kricket

Die Briten haben es aufgegeben, einem Kontinentaleuropäer die Spielregeln von Kricket zu erklären – so unbekannt dieser Sport in den meisten Ländern ist, so populär ist er im Vereinigten Königreich. Kricket ist so etwas wie der Nationalsport und darf trotz ähnlicher Grundstrukturen keinesfalls mit Baseball verwechselt werden. Schon deswegen nicht, weil eine Kricket-Partie bis zu mehrere Tagen dauern kann. Jeder noch so kleine Ort hält irgendwo ein Kricketfeld bereit. Und: Kricket sollte niemals mit Krocket verwechselt werden.

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Telefonzellen

Der Architekt Sir Giles Gilbert Scott hat den Briten so beeindruckende Bauwerke wie die Battersea Power Station und die Waterloo Bridge beschert. Doch wirklich bekannt wurde er für etwas sehr viel Alltäglicheres: die roten Telefonzellen. 1924 entwarf er sie und schuf damit so etwas wie ein Wahrzeichen für das Königreich. Immer mal wieder wurde versucht, sie durch modernere Nachfolger zu ersetzen. Doch es gibt sie noch, immerhin gut 2000 Stück. Und das wird so bleiben: Die roten Telefonzellen stehen längst auf der Liste der schützenswerten Bauwerke.

Fußball

Für den Small Talk in England gibt es eine ungeschriebene Regel: Erwähne niemals das Wort Elfmeter. Wohl keine andere Nationalmannschaft verschießt Bälle in dieser Situation so zuverlässig wie die der Engländer. Kein Wunder, schließlich tauchte der Elfmeter in den Ursprungsregeln des modernen Fußballs auch gar nicht auf. Die wurden 1848 in England beschlossen und waren erst der Anfang: Auch der erste Fußballverein der Welt entstand in England (FC Sheffield, 1857), und selbst der bezahlte Vereinswechsel eines Spielers soll hier erfunden worden sein.

Die Queen

Für viele war sie einfach immer da: Elizabeth II. ist seit mehr als 64 Jahren die Königin der Briten. Die weitaus meisten von ihnen haben keinen anderen Monarchen erlebt. Keine andere Person steht so symbolhaft für das Vereinigte Königreich wie die Queen. Ihr Konterfei ist auf Münzen und Banknoten präsent, auf Briefmarken und Bildern in so manchen Wohnzimmern. Die solarbetriebene Winkequeen, eine kleine Figur aus Kunststoff, wurde zum Kassenschlager in den Souvenirläden. Sie hat einiges überstanden in ihrer Amtszeit – selbst die Gründung der EU.

Tee

Queen Anne soll Tee im 17. Jahrhundert in Großbritannien zu Popularität verholen haben, die East India Company machte ihn im 19. Jahrhundert eher berüchtigt. Sie hatte für den Anbau und Import aus Indien zu sorgen und machte das Land kurzerhand zur Kolonie. Doch das ist längst Geschichte. Bis heute aber ist vielen Briten der 17-Uhr-Tee heilig. Touristen verwirren sie gern mit einer Tradition, die sie "Cream Tea" nennen: Der hat nichts mit Sahne im Tee zu tun, sondern mit einer Beilage – Scones mit Clotted Cream, eine Art süßes Brötchen mit dickem Rahm.

Pubs

Was waren das für Zeiten, als in Pubs nur von 11 bis 23 Uhr Alkohol ausgeschenkt werden durfte. Die Glocke zu den Last Orders, den letzten Bestellungen, hörten viele mehrfach die Woche. Und sie tranken bis dahin "Real Ale", ein rotes Bier, das bei Kellertemperatur ohne Kohlensäure gezapft wird. Heute haben Pubs von früh bis spät geöffnet, längst ist Lagerbier wie überall in Europa zur populärsten Sorte geworden. Nur eines hat sich nicht verändert: Der Pub, eine Kurzform von "Public House", ist auch heute noch das Wohnzimmer einer ganzen Nation.

Schlange stehen

Schlange stehen ist der wahre Nationalsport der Briten. Schon Kinder bekommen eingebläut, wie sie sich auf Spielplätzen vor der Rutsche einreihen sollen. Es gibt keine Bushaltestelle, an der sich nicht binnen kürzester Zeit eine vorbildliche Reihe bildet. Böse Zungen behaupten, man müsse nur irgendwo ein Schild mit dem Aufdruck "Bitte warten" aufstellen, und die Menschen würden eine Schlange bilden. Selbst auf Rolltreppen: Nirgendwo sonst befolgt man den Grundsatz "Rechts stehen, links gehen" penibler als in Großbritannien.

Linksverkehr

Niemand hat bislang verlässlich herausgefunden, weshalb in Großbritannien Autos auf der "falschen" Seite fahren. Fakt ist: Diese Praxis hat eine lange Tradition. Schon die Römer sollen links geritten sein, was Bildnisse von Reitern aus jener Zeit belegen. Und die "falsche" Seite war auch im Rest Europas einst die "richtige". Erst Napoleon soll auf den Trichter gekommen sein, rechts zu reiten. Erst Ende der Sechzigerjahre schwenkten Schweden und Island auf den Rechtsverkehr um – unter anderem Irland und Malta aber sind "links" geblieben.

Regen

England und der Regen, das gehört aus europäischer Sicht so sehr zusammen wie Fish and Chips oder Kate und William. Die grünen Wiesen, erst recht die Blütenpracht – all dies könnte ohne ausreichenden Niederschlag gar nicht gedeihen. Stimmt zwar, aber so nicht ganz: Statistisch gesehen fällt in London nicht mehr Regen als etwa in Köln. Doch es regnet öfter, durchschnittlich an rund 25 Tagen im Monat, wenn auch meist deutlich kürzer. Traut man der Statistik, kann sogar Rom über das Jahr gerechnet mit größeren Regenmengen aufwarten.

Von Michael Pohl

Interview mit Komiker und Autor Mark Britton

Der 57-jährige Komiker, Autor, Regisseur und Moderator Mark Britton lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Er studierte Psychologie an der Sussex University und Schauspielerei, Pantomime und Clownerie in London und Paris. Als Stand-up-Comedian tourt er seit 1995 durch Deutschland. Britton ist zudem Autor von Büchern, unter anderem "Ein Englishman in Köln" (2004). Quelle: dpa

Mr. Britton, Was ist Ihre Prognose für das Referendum am kommenden Donnerstag – wird es einen Brexit geben?
Ich hoffe, dass die wirtschaftlichen Argumente kurz vor der Wahl die Euro-Skeptiker noch umstimmen werden – Ähnliches war der Fall beim Referendum zur schottischen Unabhängigkeit.

Finden Sie es richtig, das Volk über so eine essenzielle Sache abstimmen zu lassen?
Wir leben in einer Demokratie. Natürlich soll das Volk darüber abstimmen – auch wenn durch den Medienzirkus Informationen manipuliert werden und die Menschen durch die britische Regenbogenpresse gegen Europa aufgewiegelt werden.

Sie leben seit 20 Jahren in Deutschland, Ihre Bühnenprogramme als Stand-up-Comedian sind auf Deutsch mit britischem Akzent. Haben die Deutschen eine Schwäche für die Briten?
Es ist erstaunlich, wie lange sich diese alten Klischees über England hier in Deutschland halten, obwohl sich viel verändert hat: In England regnet es jeden Tag, die kulinarische Auswahl fängt mit Fisch und Chips an und wird beendet mit zu Tode gekochtem Gemüse, und unsere Fußball-Nationalmannschaft kann keine Elfmeter schießen. Okay, das letzte Beispiel trifft leider immer noch zu …

Können Sie sich noch an Ihre Anfangszeiten hierzulande erinnern? Was war der größte Kulturschock zu Beginn?
Schlechtes Fernsehen à la "Tutti Frutti". Das war brutal.

In der Debatte ist immer wieder von der Inselmentalität der Briten die Rede. Was können Sie zur Verteidigung Ihrer Landsmänner hervorbringen?
Unser großes Ego hat weniger etwas mit einer Inselmentalität zu tun, sondern mit der Historie. Wir fühlen uns immer noch als Herrscher eines British Empire! Egal wie das Ergebnis der Abstimmung ausfällt: Brüssel wird nie das Herz der Engländer sein.

Wenn man mit Briten spricht, ist oft von Europa die Rede, als handele es sich dabei um etwas, das nichts mit einem selbst zu tun hat. Erscheint Europa jenseits des Kanals noch abstrakter?
"Der Kontinent" war immer ein abstraktes Konzept. Für viele Engländer des 19. Jahrhunderts lagen Delhi oder Khartoum näher an London als Marseille, Dresden oder Neapel. Und dieses Denken hält sich hartnäckig im kulturellen Gedächtnis der Briten.

Ist das Thema Brexit für Sie als Stand-up-Comedian ein gefundenes Fressen?
Eigentlich nein. Sie reden von unserer "Inselmentalität", aber dieses insulare und sogar egozentrische Denken ist überall auf der Welt in fast jedem Land zu finden – wahrscheinlich handelt es sich dabei um eine Reaktion auf eine aufgezwungene Globalisierung. Und so ist es auch hierzulande: Das deutsche Kabarettpublikum möchte bloß Geschichten über seinen eigenen Alltag hören. Wie Leute, Politiker oder die Medien in England wirken, interessiert ein Publikum in Deutschland nun wirklich überhaupt nicht.

Können Sie sich vorstellen, dass irgendwann einmal in England mit einer anderen Währung als dem Pfund bezahlt wird?
Für mich persönlich wäre es zumindest kein Problem, Ich habe unter anderem in den USA, in Hongkong und im Sudan gelebt und mit US-Dollar, Hongkong-Dollar und sudanesischem Pfund bezahlt. Als Kind im Urlaub in Ausland war ich von anderen Währungen auch immer fasziniert. Das Pfund ist nur eine von vielen Währungen.

Wenn Sie selbst abstimmen könnten – wie fiele das Ergebnis aus?
Ich bin ein Teil von Europa, denn Europa ist wie eine Familie. Deswegen haben die Sprachen Europas ja auch ähnliche Wörter für "Familie": auf Englisch "family", auf Französisch "famille", auf Italienisch "mafia"…

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