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Panorama Die rasenden Frauen von Kabul
Nachrichten Panorama Die rasenden Frauen von Kabul
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20:06 18.11.2016
Nicht für alle Frauen des Radsport-Nationalteams ist die Teilnahme an großen Wettkämpfen das wichtigste Ziel. Vielen geht es vor allem, um die Freiheit, die sie in ihrem Sport erleben können. Ein Besuch. Quelle: dpa

Seltsam ungelenk, aber schnell laufen die Mädchen durcheinander. Sie rempeln sich laut lachend an, springen ein paar Schritte. Wie ungehörig! Langsam und gleitend, so lernen sie es, soll sich eine afghanische Frau unauffällig in der Öffentlichkeit bewegen, damit Brüste und Po nicht unziemlich wackeln. Wenn aber die jungen Sportlerinnen vom nationalen Rennradteam beim Training erst einmal in Bewegung sind, bleiben die Leute am Straßenrand stehen und starren sie an. Manche gucken neugierig, amüsiert, applaudieren gar. Andere skeptisch, manche werfen ihnen hasserfüllt einen Stein hinterher.

So unkompliziert und fröhlich die Truppe mit den bunten Radlerhemden, den neonleuchtenden Turnschuhen und den Sturzhelmen überm Kopftuch wirkt – sie kämpft auch einen Kampf. Längst nicht nur einen sportlichen, sondern auch einen Kampf um Freiheit, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung.

In Afghanistan fahren Mädchen und Frauen normalerweise nicht Rennrad. Sie fahren ja nicht einmal mit dem Rad zur Schule, zum Einkaufen oder zur Uni. Selbst das Sitzen mit leicht gespreizten Beinen gilt als unziemlich. Eine Frau auf dem Rad ist Passagier. Auf dem Gepäckträger, im Damensitz, die Beine zu einer Seite baumelnd.

Schlammschlacht um das Frauen-Radteam

Da ist die weibliche Rennradmannschaft eine der exotischsten Blüten, die die Liberalisierung seit dem Sturz der Taliban-Herrschaft 2001 getrieben hat – einer Liberalisierung, die längst nicht die ganze Gesellschaft erfasst hat. Trotzdem sollten die Radlerinnen das ganze Land vertreten, als Nationalmannschaft. Acht bis zehn junge Sportlerinnen gehören zum Kernteam, das 2011 gegründet wurde. Sie sind zwischen 16 und 21 Jahre alt. Ihr Aufbruch ist eine jener Geschichten von Mut und Neuanfang, die die Welt gerne hört. Die Olympischen Spiele 2016 in Rio waren ihr Ziel. Olympia hat stattgefunden – ohne sie.

Man redet nicht mehr gerne über die sympathisch-subversiven Protagonistinnen einer jungen, ganz und gar afghanischen Frauenbewegung. Nicht, weil sportliche Erfolge ausgeblieben sind. Sondern eher, weil auf dem Rücken der Radlerinnen eine Schlammschlacht ausgetragen wird, die nicht nur den professionellen Radsport in Afghanistan, sondern das gesamte Sportwesen des Landes in Verruf gebracht hat. Im Zentrum stehen Korruptionsvorwürfe, wie man sie häufig hört im Land am Hindukusch. Aber selbst das hält die jungen Frauen nicht davon ab, sich auf den Sattel zu schwingen.

Sainab Schahamati wollte schon als Kind "Stolz ihres Landes" sein und ist gerade von der afghanischen Luftwaffe für das Pilotenprogramm ausgewählt worden. Quelle: dpa

An diesem sonnigen Morgen starten acht Sportlerinnen für eine der drei wöchentlichen Trainingseinheiten. Vier männliche Leibwächter fahren mit. Zur Sicherheit. Vor ein paar Monaten hat ein Motorradfahrer ein Mädchen vom Rad in den Graben geschubst. Sainab Schahamati, 20 Jahre alt, klein, quirlig, sorgfältig geschminkt, schiebt ihr Rad hinaus auf die Straße, wo sich zwischen Lehmmauern Männer sammeln und starren.

Sie trägt die eng anliegende Kleidung aller Radsportler, aber das obligatorische Kopf- und Halstuch unter dem Helm. Sainab ist seit zwei Jahren dabei. Sie gehört, wie die meisten Mannschaftsmitglieder, zur ethnischen Minderheit der Hasara. Diese sind eher aufgeschlossen für die Sehnsucht ihrer Töchter nach Bildung und einem selbstständigen Leben außerhalb des Hauses. Sainab ist auf dem besten Wege, diese Sehnsüchte zu erfüllen.

Gerade ist sie von der afghanischen Luftwaffe für das Pilotenprogramm ausgewählt worden, ein Erfolg, den bisher nur sehr wenige Frauen für sich verbuchen können. "Dass ich Rad fahre, hat den Ausschlag gegeben", sagt Sainab. Denn dem Sport verdankt sie eine ausgezeichnete Kondition, Grundvoraussetzung für einen Job beim Militär und damit fast schon ein Ausschlusskriterium für Frauen. Die wenigsten dürfen regelmäßig Sport treiben. Zu tief verankert sitzt der Irrglaube, dass Sport die Jungfräulichkeit beschädigt.

Mehr als nur Transportmittel

"Die meisten Eltern finden, ihre Mädchen sollen lieber in den Klassenräumen bleiben, um zu singen oder zu spielen", sagt Nadschimuddin Safi, der für die deutsche Entwicklungshilfeorganisation GIZ an einem Sportprogramm für Mädchen arbeitet. Singen und Spielen ist aber nichts für Sainab. "Ich wollte schon in der vierten Klasse der Stolz meines Landes sein", erzählt sie, und es klingt nicht ein bisschen schwülstig. Ihre Teamchefin Massoma Alisada, eine groß gewachsene 19-Jährige mit ernsten Gesichtszügen, sagt: "Ich will nicht nur, ich muss ein Vorbild für afghanische Mädchen sein."

Alisada wird wütend, als sie von den Belästigungen erzählt, denen Frauen auf den Straßen Kabuls ausgesetzt sind. Männer, die sie Schlampe rufen, nur weil sie allein unterwegs ist. Fahrer, die sie nicht mitnehmen, wenn schon Männer im Sammeltaxi sitzen.

Alisada will Sportlehrerin werden. Sie studiert und arbeitet, um die Familie zu unterstützen. "Da müssen wir Frauen jeden Abend im Verkehr stehen und all die miesen Reden aushalten, und keiner nimmt uns mit", sagt sie – und schickt nach: "Aber wenn es normaler wird, Rad zu fahren, dann muss kein Mädchen mehr auf irgendwen warten!" Als sei das Rad mehr als nur ein Transportmittel. Als sei es ein Vehikel ins Leben.

Kein alltäglicher Anblick: Ihre Trainingseinheiten absolvieren die Radlerinnen von Kabul im Nirgendwo, 30 Kilometer vor den Toren der afghanischen Hauptstadt – und ziehen dabei etliche, zumeist alles andere als wohlwollende Blicke auf sich. Quelle: dpa

Das Team scheint einen bestimmten Typ Mädchen anzuziehen. Die jungen Frauen sind durchweg ehrgeizig, erfüllt von dem Drang nach einem anderen Leben. Der Sport, der Zusammenhalt in der Gruppe, gibt ihnen die Möglichkeit dazu. Die Radlerinnen sind mehr als eine eingeschworene Gruppe. Sie besetzen eine Nische innerhalb der konservativ-islamischen Gesellschaft Afghanistans. In einem Staat, in dem sehr viele Frauen bis heute davon überzeugt sind, dass der ihnen angemessene Platz das Haus sei.

Fünf Stunden dauert die Trainingstour an diesem Tag. 70 Kilometer fahren die Mädchen, zuerst durch den dichten Verkehr der Hauptstadt. Die Luft schmeckt metallisch vom Rauch der Schmieden an den Straßenecken und der Tankstellen, die aus Stapeln offener Benzinkanister bestehen. Das Team passiert Reihen von Geschäften in Metallcontainern. Hier hat ein Mann neulich versucht, Bananenschalen unter die Fahrradreifen zu werfen.

Nach und nach wird die Luft reiner, die Landschaft weiter. Honigfarbene, bald auch schneebedeckte Berge tauchen am Horizont auf. Ziel der Fahrt sind ins Nichts gebaute Straßenschleifen rund 30 Kilometer außerhalb von Kabul. Hier sollen die Frauen Sprints üben. Der Trainer schreit, hüpft energisch auf und ab. Abdul Sadik Sadiki, ein kleiner, leichtgewichtiger Mann mit hoher Stirn und braun gebranntem Gesicht, ist die treibende Kraft hinter dem Nationalteam. "Ein Gehirn wie meines gibt es nicht noch mal im Land", prahlt der 62-Jährige. "Was ich über das Radfahren hier weiß, weiß sonst keiner."

Macht und Geschenke machen verdächtig

Seit 27 Jahren betreibt er in Afghanistan den Sport, hat an den wenigen Rennen des Landes teilgenommen, viele davon gewonnen. 2009, sagt er, habe er zuerst das Männer-, dann 2011 das Frauennationalteam gegründet. Sadiki ist der große Förderer des Radsports in Afghanistan – und zugleich sein größtes Problem. Kritiker meinen, ihm sei seine mächtige Position zu Kopf gestiegen. Das internationale Interesse an den pfeilschnellen Frauen aus Kabul. Eine Flut an Geschenken für ihn und das Team. Macht und Geschenke, das ist eine anrüchige Mischung in einem Land, das von Korruption beherrscht und gebeutelt ist.

Sadiki hat sich Feinde gemacht. Inzwischen hat ihn das Olympische Komitee des Landes als Trainer der Männer gefeuert, nur als Ausbilder des Frauenteams darf er bleiben. Ein Hauptsponsor, die kleine amerikanische Nichtregierungsorganisation "Mountain 2 Mountain", hat dem umstrittenen Coach inzwischen Geld und Vertrauen entzogen. Dabei hatte sie die ganze Sache überhaupt erst ins Rollen gebracht.

Sponsorin Shannon Galpin will das Team auf die internationale Radsportbühne bringen, bezichtigt aber Trainer Abdul Sadik Sadiki, das für diese Zwecke gespendete Geld zu veruntreuen. Quelle: Getty

An der Spitze der US-Organisation, die sich seit 2006 für die Stärkung der Frauenrechte in Afghanistan einsetzt, steht Shannon Galpin. Die 42-Jährige ist Sportlehrerin, passionierte Mountainbikerin, groß, blond, fit und auf dem Kriegspfad. 2009 fing die Entwicklungshelferin an, in Afghanistan Fahrrad zu fahren – für eine Ausländerin kein Problem, aber eine einsame Veranstaltung. In jedem Dorf, in jeder Straße fragte sie nach, ob andere Frauen Lust zum Mitmachen hätten, die Antwort der Männer war immer "Nein".

Ein paar Jahre später erst, 2012, lernte sie den Nationaltrainer der Männer kennen und erfuhr, dass es auch ein Frauenteam gab. Eine Überraschung – und der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Seit jenem Jahr habe sie der Mannschaft Ausrüstung im Wert von 150 000 Dollar (rund 138 000 Euro) beschafft, habe Trainingscamps organisiert und Geld für Flüge zu Rennen im Ausland geschickt. Damit die jungen Frauen Mitsportler aus anderen Ländern treffen und erleben, wie es sich anfühlt, sich als Frau frei zu bewegen.

So erzählt sie es bei einem Treffen in Kabul. Mit einem bitteren Unterton. Denn die Freundschaft ist dahin. Galpin ist aus den USA, wo sie wieder lebt, eingeflogen, "um mit der Korruption aufzuräumen", wie sie sagt. "Die Mädchen sind seit fast zwei Jahren keine internationalen Rennen mehr gefahren", beklagt die Aktivistin. Stattdessen "gurken sie in Kabul herum und bleiben auf Amateurniveau hängen".

Zurück auf null im Frauensport?

So richtig mitbekommen habe sie das erst im Februar, als sie 6000 Dollar geschickt hatte für Tickets zu den Südasienspielen in Indien. Das Team sei jedoch in Delhi hängen geblieben, wo der Trainer, so behauptet Galpin, Privattermine erledigt habe. Rennräder und andere Ausrüstung seien verschwunden. Zurück auf null im Frauensport?

Der Trainer streitet alles ab. Vom Olympischen Komitee ist keine Hilfe zu erwarten. Inzwischen gibt es zwei Frauenteams im Rennradsport. Der Trainer des neuen Teams, Mohammad Hamidi, räumt ein, dass seine Radlerinnen noch keine Rennen bestritten haben, aber "ganz bestimmt" würden sie demnächst zu ersten Wettkämpfen im Iran und in den USA reisen.

Geldgeberin Galpin hat sich das neue Team angeschaut. "Unterstütze uns, nicht die anderen", hat man ihr dort gesagt – und gleich noch mehr hässliche Geschichten über Trainer Sadiki serviert. Zum Beispiel, dass er seine Schützlinge Männern angeboten habe. Die angeblichen Opfer selbst streiten das ab.

"Ich kriege keine Visa mehr"

Doch in ihrem Ärger scheint Galpin vielem Glauben zu schenken. Sie macht Termine bei Botschaften, die das Team ab und an unterstützt hatten, und fordert sie auf, Sadiki den Geldhahn abzudrehen. Sie wendet sich an die Medien. Auf Nachfrage muss sie zugeben, vieles nicht genau zu wissen. Manche Beobachter geben der Sponsorin Mitschuld an der Misere: typisch naive Ausländer, die mit Geld um sich werfen in einem Land, das sie nicht verstehen.

Die amerikanische "New York Times" berichtet von einem "Liebesspielplatz". Derartige Andeutungen bleiben kleben in Afghanistan. Und den Frauen wird für nahezu alles, das nur im Entferntesten mit sexuellen Übergriffen zu tun hat, die Verantwortung zugeschoben. Der Schritt zur Diskreditierung der weiblichen Radmannschaft als Team der Huren ist nicht weit.

Die Auseinandersetzung auf dem Rücken der Radlerinnen spinnt sich fort: Unterstützerin Galpin und Trainer Sadiki melden regelrecht Besitzansprüche auf die Mädchen an. Galpin plant Auslandstrainings, um sie Sadiki zu entziehen und sie "professionellen Bedingungen auszusetzen". Aber dann laufen während eines Turniers in Frankreich Ende Mai zwei der Mädchen davon, um in Europa Asyl zu beantragen. "Natürlich kann ich jetzt alle Pläne für Trainingslager in den USA oder Europa vergessen", sagt Galpin. "Ich kriege keine Visa mehr."

Die Radlerinnen wollen weiter auf den Straßenschleifen außerhalb Kabuls ihre Sprints üben und Vorbilder für andere Mädchen sein, anstatt aufzugeben und ihren Sport an den Nagel zu hängen. Quelle: dpa

Teamchefin Massoma Alisada hatte sich unterdessen für ein großes Rennen in Australien qualifiziert. Doch das hat ohne sie stattgefunden. Die junge Frau ist tief enttäuscht: "Das Olympische Komitee wollte mit den Tickets helfen, hat es dann aber nie getan." Dennoch macht sie weiter. Wie die anderen Frauen auch.

Für einige von ihnen scheint das Radfahren kaum mehr als ein Hobby zu sein, das ein bisschen willkommene Freiheit bietet. Teamchefin Alisada aber sagt: "Ich brauche keine internationale Karriere. Ich bin hier, um das Radfahren unter afghanischen Mädchen zu fördern. Und wenn es da Probleme und Hürden gibt und ich aufgebe – was werden diese Mädchen dann von mir lernen?"

Auch Trainer Sadiki will, dass es weitergeht. Er denke nicht daran, sich sein Projekt von der Ausländerin Galpin kaputt machen zu lassen. "Wir sind auf sie nicht angewiesen", verkündet er. Woher aber ohne Galpins Geld neue Ausrüstung und Tickets für Rennen kommen sollen, weiß auch er nicht.

Weiter trainieren statt aufgeben

Das Vertrauen möglicher anderer Sponsoren dürfte tief erschüttert sein. Die Sicherheitslage in Afghanistan verschlechtert sich zudem. Und die Angst vor den Taliban, die ein gefährliches Comeback erleben und vielerorts ihre rigiden Moralvorstellungen durchsetzen, nimmt zu.

Die zarten Keime einer gesellschaftlichen Liberalisierung, die vor allem den Frauen geholfen hat, drohen einzugehen. Und auch die Sportlerinnen des Radteams, die 2011 so hoffnungsvoll starteten und zwischendurch gar olympische Träume hegten, wollen weiter auf den öden Straßenschleifen außerhalb Kabuls ihre Sprints üben. Besser, als ihren Sport ganz an den Nagel zu hängen und sich tradierten Frauenrollen anheimzugeben, ist das allemal.

Lieber proben die Radlerinnen in ihren unziemlich engen Rennanzügen weiter den Aufstand. Lieber halten sie mal sexualisierte, mal despektierliche Blicke aus, anstatt klein beizugeben. Ob man sie noch Nationalmannschaft nennen kann, das steht freilich auf einem anderen Blatt.

Von Christine-Felice Röhrs

Interview mit Menschenrechtlerin Heather Barr

Die US-Amerikanerin Heather Barr (45) ist Afghanistan-Expertin von Human Rights Watch. Quelle: hrw.org

Geld und Kraft wurden in die Unterstützung afghanischer Frauen gesteckt. Wie geht es ihnen heute? Haben sie mehr Rechte als früher? Ein Gespräch über ihre Lage sowie über Sinn und Unsinn von Hilfsinitiativen – gerade in Zeiten, in denen die Taliban erstarken.

Frau Barr, wo stehen die afghanischen Frauen 15 Jahre nach dem Sturz des radikalislamischen Taliban-Regimes?
Erst einmal sehe ich außergewöhnliche Erfolge. Millionen von Mädchen in Schulen, mehr Frauen im Parlament als in vielen westlichen Ländern, Frauen in der Armee, bei der Polizei. Aber: Afghanische Frauen werden immer noch auf abscheuliche Art und Weise missbraucht. Die Indikatoren hier gehören immer noch zu den schlechtesten der Welt, und im Land nimmt der Einfluss der Taliban wieder zu. Das ist Furcht einflößend. Die Erfolge für Frauen sind in Gefahr verloren zu gehen. Sie sind in einigen Gebieten sogar schon verloren gegangen.

Wieso? Es gab und gibt doch immer noch milliardenschwere internationale Programme für Frauen und Mädchen.
Nun, viele waren und sind nicht so besonders gut ausgedacht von Menschen, die sehr weit entfernt waren von Afghanistan. Oder von Leuten, die in Kabul in einer bunkerartigen Botschaft saßen. Dann gab es in den großen Frauenprogrammen die gleichen Probleme wie in anderen großen Projekten: Viel Geld ist nicht zu den Frauen gelangt, sondern durch Korruption verloren gegangen oder in die Taschen von Beratern oder profitorientierten Organisationen geflossen, die mit der Programmumsetzung beauftragt wurden. Der beste Weg wäre gewesen, die Frauen selbst zu fragen, welche Art der Förderung sie brauchen. Stattdessen gab es eine Reihe großer Experimente.

Experimente wie jene Projekte, die Fußball oder Cricket spielende Frauen sehen wollten?
Nun ja, das waren glamouröse, um Aufmerksamkeit heischende Projekte. Frauen auf einem Fußballfeld, das erschien als großes Symbol der Liberalisierung – schneller zu erreichen und sexyier als eine 1,8-prozentige Reduktion der Müttersterblichkeit. Ich sage nicht, dass sie nicht wichtig sind. Aber manche wirkten ein wenig wie importiert aus einer fremden Welt. Und Sport ist nur ein ganz kleines Element von viel größeren Bedürfnissen der Frauen, wie Zugang zur Gesundheitsversorgung oder Bildung oder Zufluchtsorte vor Gewalt.

Sollten internationale Organisationen aufhören, Sportprogramme zu fördern?
Nein, das sehe ich nicht so. Ein Mädchen hat mir mal erzählt, dass es nicht zur Schule gehen darf, weil die zu weit weg sei, während sein Bruder aber darf, weil er auf seinem Fahrrad dorthin radeln kann. Das Mädchen konnte sogar Rad fahren. Aber die Eltern wollten nicht, dass es in der Öffentlichkeit so gesehen wird. Wenn die Eltern im Fernsehen Rad fahrende Mädchen gesehen hätten, dann könnte dieses Mädchen vielleicht zur Schule gehen.

Angesichts gescheiterter Initiativen und der schlechter werdenden Sicherheitssituation: Wie fördert man Frauen in Afghanistan künftig klüger?
Der Zugang für internationale Organisationen zu den Frauen in den Provinzen nimmt wegen der schlechten Sicherheitslage immer weiter ab. Der Kampf für Gleichheit und Rechte wird mehr und mehr etwas sein, was die afghanischen Frauen selbst tun müssen, ohne internationale Hilfe. Sie müssen Aktivisten sein und das im Angesicht von Gefahren und Drohungen. Bisher haben die Geber oft die Chance verpasst, Aktivisten zu unterstützen. Frauenorganisationen bekamen oft nur Geld, wenn sie auch Dienstleister für Frauen waren. Das ist ein Unterschied. Dienstleister müssen sich gut stellen mit der Regierung, um arbeiten zu können. Aktivisten tun das Gegenteil.

Interview von Christine-Felice Röhrs

Frauenleben zwischen Fortschritt und Stillstand

Vorbild für eine Generation: 2001 wurde die Ärztin Sima Samar erste Ministerin für Frauenangelegenheiten im neuen Afghanistan. Seit 2002 führt die vielfach ausgezeichnete, mutige Frau die afghanische Menschenrechtskommission. Quelle: afp

Demokratische Rechte:

Seit 1964 dürfen afghanische Frauen wählen und politisch aktiv sein. Der Frauenanteil unter den Parlamentsabgeordneten beträgt knapp 30 Prozent, im Deutschen Bundestag, zum Vergleich, 36,5 Prozent.
Gleichheit ohne Garantie:

Vor zwölf Jahren ist Afghanistans neue Verfassung nach der Diktatur der Taliban in Kraft getreten. Seither sind die Frauen dem Gesetz nach den Männern gleichgestellt. In der Realität aber hängt ihr Schicksal an der Willkür der Richter. Grundlage dafür ist Artikel 3 der Verfassung; der besagt, dass kein Gesetz "im Widerspruch zu den Grundlagen des Islams" stehen darf. Es gilt also de facto das islamische Rechtssystem Scharia, vor allem im Strafrecht. Das bedeutet zum Beispiel: Wird eine Frau vergewaltigt oder zur Prostitution gezwungen, ist die Gefahr groß, dass nicht der Täter bestraft wird, sondern die Frau wegen Ehebruchs ins Gefängnis muss. Je fundamentalistischer der Richter eingestellt ist, desto größer ist diese Gefahr. Das Rechtssystem ist das größte Hindernis für Gleichberechtigung. Mehr als die Hälfte der Gefängnisinsassinnen ist wegen sogenannter moralischer Verbrechen inhaftiert.
Gewalt gegen Frauen:

Seit 2009 gibt es ein Gesetz zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen. Aber auch hier gilt, dass Richter dieses Gesetz in der Praxis nur selten umsetzen. Vielen Afghaninnen erscheint Selbsttötung als letzter Ausweg aus seelischer oder körperlicher Misshandlung. Suizide durch Verbrennung sind verbreitet in Afghanistan. Die Situation wird nicht besser: Die Unabhängige Afghanische Menschenrechtsorganisation hat das Jahr 2015 als "tödlichstes Jahr für Frauen in Afghanistan" eingestuft. Die Zahlen für 2016 stehen noch aus.
 
Zugang zu Bildung:

Von den 15- bis 24-jährigen jungen Frauen können nur 32 Prozent lesen und schreiben, bei ihren männlichen Zeitgenossen sind es immerhin 61 Prozent. Unter den rund 60000 Studenten im Land sind inzwischen knapp 12000 Frauen.
Zwangsehe und Kinderehe:

Den UN zufolge werden 70 bis 80 Prozent der Ehen unter Zwang geschlossen. Die meisten Mädchen waren bei ihrer Eheschließung keine 16 Jahre alt – obwohl das gesetzliche Mindestalter auf 16 festgelegt ist.
Gesundheit:

4,9 Kinder bekommt eine Afghanin durchschnittlich. Nur 39 Prozent der Geburten werden von Hebammen und Ärztinnen begleitet. Afghanistan hat eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten der Welt: 400 tote Mütter bei 100000 Lebendgeburten. Anders gerechnet: Alle zwei Stunden stirbt eine Frau bei der Geburt ihres Kindes. Ursachen sind meist das sehr junge Alter der Schwangeren, Mangelernährung und schlechte medizinische Versorgung.

sus

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