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Panorama Schöner sterben
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19:56 07.10.2016
Von Imre Grimm
Wessen Gegend außer Fässern und Hirschen nicht viel zu bieten hat, kann immer noch eine Fass-und-Hirsch-Königin wählen – wie der US-Bundesstaat Colorado. Das gleiche gilt für Wein, Obst, Karpfenzucht – und jetzt auch für das Bestatterwesen. Quelle: OddHarmonic / CC BY-SA 2.0
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Gut möglich, dass die Nachricht bisher nicht jedes bayerische Bergdorf erreicht hat, aber Deutschland hat seit knapp 100 Jahren keinen König mehr. Nur noch ein paar blasenschwache Prinzen und blauhaarige Charity-Haubitzen, die als "Baronin Ulla zu Puffhausen" in zugigen Villen Schecks von ihresgleichen und Iris Berben einsammeln.

Die letzten Aristokraten sind Repräsentanten lokaler Landbauerzeugnisse oder Naturschönheiten. Die "Rhododendronkönigin Graal-Müritz" etwa. Die "Wermsdorfer Fischkönigin". Die "Bambusfee von Obringen". Die "Zuckermaiskönigin Bruchkoebel". Die "Oberpfälzer Teichnixe von Tischenreuth" oder auch – mein Lieblingstitel – der "Kirschenmann aus Groß Radisch".

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Der Albtraum vom Möhrenkönig

Jeder Kartoffelbauer jagt seine Töchter inzwischen wöchentlich zur Begutachtung bei irgendeinem Scheunenfest. Mein Albtraum: Ich sitze als Kandidat bei "Wer wird Millionär?", und dann stellt RTL mich mit dem Satz vor: "Er war mal Möhrenkönig von Heiligenstadt".

Und was tun Regionen, deren letzte Grünpflanze 1988 verdorrt ist? Deren letzter Milchbauer sich vor Jahren mit zwei Schock Fleckvieh und sechs Kilo Gras nach Ibiza abgesetzt hat? Wie kurbeln die den Tourismus an? Sie wählen eine Miss. Zur Not die "Miss Abschied 2016".

Dabei handelt es sich um "Deutschlands schönste Bestatterin". Denn wir alle wissen ja, wie sehr es die Stimmung hebt, wenn man nach seinem Dahinscheiden wenigstens von einer attraktiven Totengräberin verscharrt wird. Die Bedeutung von Schönheit in der Sepulkralkultur ist kaum zu überschätzen.

Zum Sterben schön

Überhaupt: Muss denn Trauerarbeit immer so griesgrämig sein? Warum denn nicht mal mit einem fröhlichen "Helau!" aus dem Sarg hüpfen? Mancher ist angesichts der blendenden Erscheinung seiner Bestatterin schon hoffnungsfroh ins Leben zurückgekehrt.

Die frisch gekührte "Miss Abschied" soll daran erinnern, dass die Totengräberei ein attraktives Berufsfeld ist und Bestatter nicht zwingend gichtige Hutzelmännchen sein müssen. Die diesjährige Siegerin kommt aus dem Südschwarzwald. Eine Region übrigens, in der Sterben immer eine Option ist. Schönes Wochenende!

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