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Panorama Schöner wohnen in der Krise
Nachrichten Panorama Schöner wohnen in der Krise
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20:05 13.05.2016
In Deutschland fehlt es nicht erst seit der Ankunft vieler Geflüchteter an bezahlbarem Wohnraum. Weitsichtige Baukonzepte zielen darauf ab, über die Flüchtlingskrise hinaus soziale und nachhaltige Wohnungen zu schaffen. Quelle: GWG
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Die Zeiten sind paradox. Seit die Balkanroute verbarrikadiert ist, stehen im ganzen Land Traglufthallen und Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge leer, Überbleibsel des hektischen Herbstes 2015. Angeschafft für viele Millionen, bewacht von Sicherheitsleuten, bewohnt von niemandem. Prognosen, wann wieder Flüchtlinge in großer Zahl nach Deutschland kommen, gibt zurzeit keiner ab. Aber die Leere gibt ein falsches Bild wieder, einen trügerischen Überfluss an Platz und Betten.

Denn sie verbirgt die Eile, die eigentlich geboten wäre. Die Eile, Wohnungen zu bauen in Deutschland. Für Flüchtlinge, die in Deutschland bleiben werden. Und für die anderen, die auf dem immer enger werdenden Wohnungsmarkt keine Chance haben. Die Eile gab es schon vor der Massenzuwanderung des vergangenen Jahres.

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400 000 Wohnungen fehlen

400 000 Wohnungen pro Jahr müssten neu gebaut werden, forderte Lukas Siebenkotten vom Deutschen Mieterbund schon 2015. Heute könnte er auch 800 000 sagen, ergänzt Siebenkotten dieser Tage. Er tut es nur nicht, weil diese Zahl ohnehin nicht zu realisieren wäre, und spricht lieber von "weit mehr als 400 000, um den Rückstand der vergangenen Jahre aufzuholen".

Bundesbauministerin Barbara Hendricks fordert Milliarden für den Wohnungsbau, Aufstockung und Nachverdichtung in der Stadt – also die Ausnutzung möglichst jedes noch freien Quadratmeters in bereits bebauten Gebieten.

Und manchmal dreht sich die Diskussion im Kreis: Werkswohnungen sind wieder in. Erst vor wenigen Jahren haben Bahn und Post ihre Wohnungsbestände an private Immobilienkonzerne verkauft, nun gelten andere wie die Stadtwerke München als Vorbilder, weil sie in den nächsten zehn Jahren 500 neue Wohnungen für ihre Arbeiter errichten wollen.

Mehr als 400 000 Wohnungen müssten in Deutschland gebaut werden. Sind Großsiedlungen und Plattenbauten wie in Berlin-Marzahn eine sinnvolle Lösung? Quelle: HH-Michael / CC BY-ND 2.0

Die Debatte läuft heiß. Wie bauen wir schnell und kostengünstig – und vor allem wo? Kommt der Plattenbau zurück? Muss es wieder Großsiedlungen geben wie in den Siebzigerjahren, deren idyllische Namen wie Mümmelmannsberg und Hasenbergl schnell Synonyme für Sozialverliererghettos wurden?

Fachbegriffe schwirren durch die Medien: Nachverdichtung, Expresswohnen, Modularbauten. Alle experimentieren. Auch die Architektur-Biennale in Venedig, die am 27. Mai eröffnet, steht im Zeichen dieser Frage: Wie bauen wir in prekären Zeiten? Mit Mut. Mit Geld und Geduld. Und mit Flexibilität.

Im Emsland waren sie schnell, schlau und nachhaltig. Bereits im vergangenen September, auf dem Höhepunkt der Willkommenskultur in Deutschland, gründete tief im Westen Niedersachsens die Samtgemeinde Sögel (7000 Einwohner) eine Genossenschaft zum Bau von Sozialwohnungen, nicht nur für Flüchtlinge. Bürger der Gemeinde und andere Interessierte konnten Anteile ab 100 Euro zeichnen.

Genossenschaft mit großer Resonanz

Die Resonanz war riesig: Nach einem halben Jahr hat die Genossenschaft mit dem programmatischen Namen "Willkommen in Sögel – Bürgergenossenschaft für Menschen in Not" 1,3 Millionen Euro eingesammelt. Neben dem ethischen Mehrwert erhalten die Emsland-Genossen eine Verzinsung vonmindestens zwei Prozent. Zusätzlich hat die Genossenschaft 1,4 Millionen Euro an Krediten aufgenommen. Drei Häuser werden jetzt zunächst gebaut, das erste mit vier Wohnungen ist im Sommer bezugsfertig.

Es ist Stein gewordene Integration: dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen in zentraler Lage mitten in Sögel. "Wir haben Wert gelegt auf ansprechende Architektur", sagt Bürgermeisterin Irmgard Welling (CDU). Die Häuser sind Massivbauten, die Jahrzehnte halten sollen. So schafft sich die Gemeinde eigenen sozialen Wohungsbau, den es vorher in Sögel nicht gab.

Die Häuser sind nicht ausschließlich für Geflüchtete gedacht, sondern auch für Geringverdiener oder Senioren mit kleiner Rente. Denn Sögel hatte Zeit: Große Gemeinschaftsunterkünfte gibt es im Ort nicht, die Gemeinde musste niemanden hektisch irgendwo unterbringen. Im Gegenteil: Bürgermeisterin Welling will mit den Neubauten Flüchtlinge aus den Nachbarorten für einen Umzug nach Sögel gewinnen.

Schnell zusammengebaut und ungefähr 50 Jahre haltbar: Die "Muf"-Bauten sollen in Berlin vorerst als Flüchtlingsunterkünfte genutzt werden. Quelle: rbb

In der Hauptstadt aber regiert die Hektik. Während in den meisten Bundesländern die Flüchtlinge längst aus den Notunterkünften in Turnhallen ausgezogen sind, plant Berlin diesen Schritt erst zum Jahresende. Zehntausend Flüchtlinge hausen derzeit noch in 63 Sporthallen. Die Massenunterkunft für Tausende Neuankömmlinge in den Hangars im früheren Flughafen Tempelhof, aus der immer wieder Berichte über unhaltbare Zustände dringen, wird noch weit länger belegt sein.

An 30 Standorten sollen nun Containerdörfer entstehen, was aus architektonischer und finanzieller Sicht katastrophal ist. Sie sind teuer, ihre Lebensdauer ist begrenzt. Wohnen kann man das nicht nennen. So heißt es auch nicht, sondern schlicht: Unterbringung.

Weitsichtiger scheint dagegen die Rückbesinnung auf den Plattenbau als schnell zu errichtendes Wohnheim. In Berlin sollen 60 dieser Schlichtbauten entstehen, die ersten beiden bis zum Jahresende. Die Gebäude tragen das wenig ansprechende Kürzel Muf für: Modulare Unterkünfte für Flüchtlinge. Der Bauherr, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, bittet darum, auf keinen Fall den Begriff "Plattenbau" zu verwenden.

Konzepte gegen den "Verwaltungs-Muf"

Wo vorerst vor allem Flüchtlinge untergebracht werden sollen, könnten "in zehn Jahren Studenten und in 20 Jahren Senioren wohnen", sagt der Bezirksbürgermeister von Marzahn-Hellersdorf, Stefan Komoß (SPD). Zurzeit plant der Senat allerdings damit, die Bauten dauerhaft für Flüchtlinge zu nutzen. Man will nie wieder in eine Situation kommen wie 2015, als die Verwaltung vom Zustrom völlig überrascht wurde.

Berlins städtische Wohnungsbaugesellschaft Degewo hat einen anderen Zugang als der Senat. Dem "Verwaltungs-Muf" setzt sie das Tom-Projekt entgegen. Die Abkürzung steht für "Tolerantes Miteinander" und bezeichnet einen Neubau nahe des Flughafens Schönefeld. Bis Sommer 2018 sollen auf einer von Einfamilienhäusern umgebenen Brachfläche 160 Wohnungen entstehen, alle im geförderten Sozialwohnungsbau.

Die künftigen Mieter zahlen daher nur 6,50 Euro kalt pro Quadratmeter, rund ein Drittel weniger, als der Mietspiegel der Hauptstadt ausweist. Die Hälfte der Bewohner des Tom-Projekts sollen anerkannte Flüchtlinge sein, die aus den Unterkünften im nahen Köpenick herziehen.

Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Degewo in Berlin plant das auf soziale Durchmischung zielende "Tom"-Projekt. Quelle: Degewo

Dazu wurden die Grundrisse der Wohnungen angepasst: Geflüchtete brauchen entweder Singleapartments oder große Familienwohnungen, sodass es weit mehr Ein- und Fünfzimmerwohnungen geben wird als üblich. Die andere Hälfte werden Sozialmieter, die "Lust auf dieses Projekt haben", wie die Degewo-Leute sagen. Denn in den acht Häusern soll nicht nur nebeneinander her gewohnt werden, es soll in der wohnlich gestalteten Anlage echte Nachbarschaft entstehen.

Hilfreich könnte dabei sein, dass die Degewo mit einem Sozialträger zusammenarbeitet, dem Internationalen Bund. Der bekommt ein ständig besetztes Büro in der Anlage und betreibt einen Kindergarten. Zudem wird es ein Hauswartbüro mit mehrsprachigen Mitarbeitern geben.

In der Anlage, die aus abgestuften Würfeln in Massivbauweise entsteht, wird alles für ein friedliches Zusammenleben getan. Dennoch bleiben Nachteile. Die Lage des von der Stadt kostenlos eingebrachten Grundstücks ist alles andere als ideal, allein schon, weil eine Verkehrsanbindung noch fast vollständig fehlt. Überdies stößt das Tom-Projekt bei etlichen Nachbarn auf Skepsis – vor allem seitens jener, die kürzlich eines der gerade entstehenden Reihenhäuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite gekauft haben.

Grundeigentümer gegen Sozialbauten

Freilich sind die Vorbehalte in Schönefeld nichts gegenüber dem Widerstand, der einem groß angelegten Bauvorhaben in Hamburg derzeit entgegenschlägt. In der Hansestadt will eine Initiative einen Volksentscheid gegen sogenannte Expresswohnungen erzielen, die der Senat in verschiedenen peripheren Stadtteilen wie Bergedorf und Eidelstedt auf einer Fläche von insgesamt 4800 Quadratmetern errichten will.

Diese sollen zunächst, mit Mehrbettzimmern ausgerüstet, als Flüchtlingsunterkünfte dienen, um später in herkömmliche Sozialwohnungen umgewandelt zu werden. Ein vom Grundeigentümer-Verband Hamburg in Auftrag gegebenes Gutachten hält diese Form von "versammeltem Wohnungsbau" für rechtlich unzulässig.

Das Gutachten stammt von dem Braunschweiger Verwaltungsrechtler Edmund Brandt. Er sagt, nach dem Baugesetzbuch dürfe nur im äußersten Notfall und nur dann, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft seien, beim Bau von Flüchtlingsunterkünften von den Vorschriften abgewichen werden. "Das kann niemals darauf hinauslaufen, letztlich verkappt Wohnraum für die allgemeine Bevölkerung schaffen zu wollen."

Erbitterter Widerstand gegen sinnvolle Lösungen

So kämpfen die Gegner von neuen Flüchtlingsunterkünften in ihren Wohngebieten gegen eine eigentlich gute Idee: Statt Millionen für menschenunwürdige Container auszugeben, werden massive Bauten errichtet, die flexibel für eine gemischte Klientel genutzt werden können. Schlauer geht es eigentlich nicht – und doch stößt das richtungsweisende Konzept auf erbitterten Widerstand.

Auch die Macher des pfiffigen Projekts "Make Space" der Fachhochschule Potsdam bemühen sich nun schon länger vergebens, in der brandenburgischen Landeshauptstadt einen Bauplatz zu finden. Seit Monaten sind Designprofessor Holger Jahn und die Stadtverwaltung in Kontakt, aber ein Grundstück für den Holzbau gibt es immer noch nicht. Dass sich kurzfristig etwas ändert, glaubt Jahn nicht. In der schnelllebigen Unterbringungslogik der Verwaltung besteht aktuell kein Bedarf, denn aktuell kommen ja kaum Flüchtlinge an.

Dabei hat "Make Space" mit Notunterbringung nichts zu tun. Es ist ein Prototyp für neues, gemeinsames Wohnen von Geflüchteten, Studierenden und anderen. Die Baupläne sollen kostenfrei im Internet verfügbar sein. Jeder könnte den zwei- bis vierstöckigen Holzbau-Riegel mit Außentreppen und Laubengängen nachbauen.

Zukunftweisendes Konzept: Der Prototyp des "Make Space"-Holzhauses, entworfen von einem Team der Fachhochschule Potsdam. Quelle: FHP / Jahn

Solche Architektur spart Geld und Platz, und viel Luxus gibt es auch im Inneren nicht: Zehn Quadratmeter pro Person sind vorgesehen. Die Räume sind eng, aber durchdacht. Kaum Stauraum, dafür aber Gemeinschaftsräume im Erdgeschoss, vielleicht mit Werkstatt und einem Ausleihservice für all das, was nicht einer allein besitzen und lagern kann.

Ein reduziertes Haus wie das "Make Space" wirft Fragen auf, bei denen es längst nicht nur um Flüchtlinge oder das Bauen in angespannten Zeiten geht. Es geht am Ende um nichts weniger, als unseren Wohnraumbedarf kritisch zu überdenken. "Wir werden es uns nicht mehr leisten können, so viel Wohnfläche zu beanspruchen", sagt Thomas Jocher, Architekturprofessor aus Stuttgart.

Wegen der vielen Single-Wohnungen beträgt die durchschnittliche Wohnfläche der Deutschen mehr als 40 Quadratmeter pro Person. Der Wohnflächenverbrauch ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen. Jocher plädiert für eine Trendumkehr: "Wir werden auf engerem Raum besser und effizienter wohnen müssen." Anders ausgedrückt: Wir müssen zusammenrücken.

Von Jan Sternberg

Interview mit Oliver Elser, Kurator am Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt

Oliver Elser ist Kurator am Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt und mitverantwortlich für das Ausstellungskonzept des deutschen Pavillons auf der Architekturbiennale in Venedig. Quelle: Kirsten Bucher / DAM

Herr Elser, jahrelang wurde der Wohnungsbau vernachlässigt. Jetzt muss angesichts der Flüchtlingskrise alles ganz schnell gehen: Ist dieser Zeitdruck gut oder schlecht?
Gut! Denn jetzt werden unglaublich rasch Entscheidungen gefällt. Die Genehmigungs- und Planungsphase nimmt beim Bauen immer die meiste Zeit in Anspruch. Ich bin positiv gestimmt, wie schnell jetzt Ausnahmen bewilligt werden, welche Arten von Bauten an welchen Orten erlaubt werden. Jetzt entsteht Wohnraum an oft sehr vernünftigen Orten, an denen er aus planungsrechtlichen Gründen bisher unvorstellbar war. Da finden geistige Lockerungsübungen statt, die mich sehr hoffnungsvoll stimmen.

Wie vermeiden wir, heute die Ghettos von morgen zu bauen? Durch Behelfsbauten am Stadtrand ohne soziale Mischung und ohne Verkehrsanbindung, nur damit es schnell geht?
So etwas sollte nicht passieren, aber ein Bau am Stadtrand kann in einer wachsenden Stadt eben nötig sein. Wir streiten um jeden Quadratzentimeter Grün, kämpfen um jeden Baum und streiten um jeden Lurch. Aber die Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts geschahen auch auf der grünen Wiese. Man muss die Anbindung eben mitdenken. Das ist ja kein Hexenwerk. Aber auch hier greift diese Liberalisierung, die wir jetzt beobachten. Viele Industriegebiete sind verkehrsmäßig gut angebunden, da tritt man aus der Tür und steht an der Straßenbahnhaltestelle. Bisher war es unmöglich, dort Wohnungsbau zu errichten. Jetzt geht das. So findet man Lösungen.

Die Anbindung allein sorgt noch nicht für die Durchmischung.
Natürlich. Aber der Begriff "Ghettos von morgen" ist mir zu angstbesetzt. Es ist doch ganz natürlich, dass Menschen mit einer gemeinsamen Geschichte auch gemeinsam irgendwo anfangen. Doug Saunders, der Autor des Buches "Arrival City", das unserer Ausstellung zugrunde liegt, hat nachgewiesen, wie das läuft: Migranten kommen in eine Arrival City, tun sich zusammen, wohnen vielleicht irgendwo, wo die Mieten günstig sind und die Einheimischen nicht wohnen wollen. Aber nach einer Generation ziehen die Menschen meist aus diesen Gegenden weg und machen Platz für andere, die ankommen.

Doug Saunders hat Slums untersucht und Favelas – ist das wirklich zu vergleichen?
Er hat auch Quartiere in Europa untersucht. Oft könnte er feststellen: Wenn man sich diese vermeintlich schlechten Viertel und die Biografien ihrer Bewohner genau anschaut, stellt man fest, dass diese Viertel Durchgangsstation für Neueinwanderer sind. Solche deutschen Arrival Citys haben die Kuratoren Peter Cachola Schmal, Anna Scheuermann und ich für den Deutschen Pavillon der Architekturbiennale in Venedig ausgewählt.

Die Situation in Deutschland ist vielerorts so, dass solche Viertel aufgewertet und deren Bewohner verdrängt werden, zum Beispiel die Großsiedlungen der Siebzigerjahre. Erste Stimmen fordern jetzt wieder Großsiedlungen. Wie stehen Sie dazu?
Es gibt keinen Bedarf für neue Großsiedlungen im Geiste der Sechzigerjahre. Es gibt aber vielerorts in den bestehenden Großsiedlungen die Möglichkeit der Nachverdichtung. So können jetzt die alten Planungsfehler behoben werden. Da gibt es viele sinnvolle Ideen und auch dort gäbe es eine gute Gelegenheit für einen Durchbruch.

Ist serielles Bauen die Zukunft – kommt also der Plattenbau zurück?
Die Gegenwart ist eher der Boom des Holzbaus. Das ist ja eine sehr positive Tendenz, weil der Holzbau bei Geschwindigkeit und Vorfertigung unschlagbar ist. Da dauert es nur vier Wochen, bis das Haus steht.

Interview von Jan Sternberg

Sozialer Wohnungsbau: Konzepte für die Zukunft

Quelle: BBP

Wohnhaus Gartenstraße 4, Oranienburg

Der Neubau in der Gartenstraße 4 im Zentrum der Kreisstadt Oranienburg bei Berlin ist ein Experiment für den Bauherrn. "Es ist ein Test, ob so was auf dem Wohnungsmarkt ankommt", sagt Bernd Jarczewski, Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft. In dem Haus mit 23 Wohnungen sollen Mieter mit geringem Einkommen einziehen, aber auch anerkannte Geflüchtete. Um die Baukosten gering zu halten, gibt es keinen Fahrstuhl. Außentreppen und Laubengänge ersetzen die Treppenhäuser. Ansonsten macht Architekt Oliver Langhammer aber keine Abstriche. "Wir wollen keine Geflüchteten-Architektur mit niedrigstem Standard", sagt er, "schließlich bauen wir in einer innerstädtischen Lage, und das Haus soll 100 Jahre halten."

Fertiggestellt wird der Massivbau im Sommer 2017. Die Kommune Oranienburg hatte keinen besonderen Druck, große Flüchtlingskontingente unterzubringen, der Landkreis Oberhavel hat seine Quote andernorts erfüllt. Ein Glück für Langhammer und Jarczewski, die sich zusammen in Wien bei einem Workshop für partizipatives Wohnen auf das Experiment vorbereiten konnten. Eine Folge davon: In der Gartenstraße wird es einen Gemeinschaftsraum geben und soziale Betreuung. Wenn das nicht mehr nötig sei, meint Jarczewski, werde der Raum eben zu einer Wohnung umgebaut.

Quelle: Herrmanns

Parkplatzüberbauung, Koblenz

Alle warnen davor, Geflüchtete weit draußen am Stadtrand unterzubringen. Aber in den Innenstädten gibt es kaum Flächen. Gibt es doch, sagt Architekt Henner Herrmanns. Man müsste nur einen Weg finden, kostengünstig Parkplätze von Firmen, Behörden, Hochschulen und Supermärkten mit Wohnhäusern zu überbauen. Er entwickelte ein vierstöckiges Holzhaus auf Ständern – drei Etagen zum Wohnen, das Erdgeschoss zum Parken. Nur das Treppenhaus nimmt Parkplätze weg.

Für 1100 Euro pro Quadratmeter kann das Haus schnell errichtet werden. Es gilt als Zwischenlösung, soll mindestens zehn Jahre halten und ist schnell und günstig zurückzubauen. In die engen Apartments sollen neben Geflüchteten auch Studenten einziehen. "Es ist eine völlige Idiotie, Wohncontainer in die Landschaft zu kippen, die verbrauchen zu viel Platz", sagt Herrmanns. "Wir müssen neue Ideen entwickeln, es geht darum, innovativ zu denken." Nun wartet er auf die Genehmigung. Die Stadt Koblenz würde sein Haus gerne bauen, doch der infrage kommende Parkplatz gehört dem Land. Also wartet Herrmanns weiter.

Quelle: Degewo

Neubau Graunstraße, Berlin

Begehrter kann eine Lage in Berlin kaum sein: Direkt am Mauerpark, gegenüber der teuren Altbaugegend Prenzlauer Berg, entsteht direkt am Gleimtunnel ein Neubau mit bezahlbaren Mieten. Ein Drittel der Wohnungen ist gefördert und wird zu 6,50 Euro pro Quadratmeter angeboten, maximal werden 10,50 Euro aufgerufen. Der Bauherr Degewo ist stolz darauf, kostengünstig und schnell bauen zu können. Möglich macht das unter anderem eine neue Struktur, die auf klassische Verteilungen und Befindlichkeiten wenig Rücksicht nimmt: Große Teile der Planung erledigt der Bauherr im eigenen Haus, die Architekten sind in einem Pool zusammengefasst.

Ein Blick auf den Sozialwohnungsbau früherer Jahrzehnte auf der gegenüberliegenden Straßenseite zeigt die Kompromisslosigkeit des heutigen Stils: Drüben kleben noch kleine Erker an der Fassade, der Neubau verzichtet auf jede Extravaganz. Eine durchgängige Balkonfassade zur Straße hin setzt trotzdem Akzente. Es ist kein Bau speziell für Geflüchtete, sagt Degewo-Sprecher Lutz Ackermann. Es soll ein Bau für alle sein. Und er ist beliebt: In kürzester Zeit gab es 200 Bewerbungen für die 104 Wohnungen.

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