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Panorama Altern verboten!
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20:00 25.09.2015
Von Stefan Stosch
Foto: Monica Bellucci ist mit knapp 51 Jahren das älteste Bond-Girl aller Zeiten.
Eine erwachsene Frau für den Agenten Ihrer Majestät: Monica Bellucci ist mit knapp 51 Jahren das älteste Bond-Girl aller Zeiten. Quelle: EPA/CLAUDIO ONORAT
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Patricia Arquette, 47 Jahre jung, hielt eine goldglänzende Trophäe für "Boyhood" in den Händen – für einen über insgesamt zwölf Jahre gedrehten Film, in dem man den Schauspielern beim Altern zuschauen kann. Alle erwarteten von der Amerikanerin die üblichen freundlichen Dankesworte. Stattdessen hielt sie eine flammende Rede: Arquette forderte "ein für alle Mal gleiche Bezahlung und gleiche Rechte für Frauen in Hollywood". Wütend wetterte sie gegen das Filmbusiness: "Je älter eine Schauspielerin wird, desto schlechter verdient sie."

Die Reaktionen im Dolby Theatre zu Los Angeles waren derart lautstark, als habe Arquette allen Frauen im Saal einen Oscar für solidarisches Verhalten versprochen. Manche Zuhörerinnen hielt es nicht auf ihren Sitzen. Meryl Streep tobte vor Begeisterung wie in einem Fußballstadion. Die frisch gekürte Preisträgerin da oben auf der Bühne hatte offenkundig einen empfindlichen Nerv getroffen.

Oscar-Show - Gipfel der Zumutungen

Tatsächlich ist die Liste der Schauspielerinnen lang, die über die alltägliche Diskriminierung in Hollywood klagen. Gerade die Oscar-Show, den Pflichttermin des Jahres, halten manche für den Gipfel der Zumutungen. Wie bei einer Fleischbeschau müssen sie sich den Weg über den roten Teppich bahnen. Sogenannte Reporter, die ihnen unterwegs Mikrofone ins Gesicht schubsen, interessieren sich für Dekolletés und Schmuck – aber kaum jemand fragt nach den Filmen, um die es doch eigentlich gehen sollte.

Als "Folter" empfinde sie die Zurschaustellung an dem Abend der Abende, sagt Jennifer Lawrence ("Die Tribute von Panem"). Kristen Stewart ("Twilight") ärgert sich darüber, dass nur Frauen und nicht auch Männer zu Aussehen und Liebesleben befragt werden. Und Sandra Bullock ("Gravity") beklagt, dass sie sich in diesen Momenten so fühle, "als sei die Jagdsaison auf Frauen eröffnet".

Offene Worte wagen vor allem jene, die gut im Geschäft sind: Bullock, 51 Jahre alt, gehört immer noch zu den bestbezahlten Schauspielerinnen Hollywoods. Aber auch sie unterliegt den Vertragsbedingungen fürs weibliche Geschlecht: Vom biologischen Altern ist da nicht die Rede.

Nur wenige entkommen dem Jugendwahn

Das Spießrutenlaufen hat sich in den vergangenen Jahren noch verschärft. Hochauflösende Kameras rücken jedes Fältchen unbarmherzig ins Bild, kein Pickel bleibt auf voluminösen HD-Fernsehmonitoren unentdeckt. Mit geradezu sadistischer Lust werden vermeintliche körperliche Defizite in den bunten Blättern in Großaufnahme präsentiert – gerne von einem roten Kreis umrahmt und versehen mit einem Pfeil. Die Nominierten haben schon Monate vor der Show bei Stylisten und Schönheitschirurgen ein Dauerabo.

Die Bilder vom roten Teppich könnten tatsächlich über die nächste Rolle entscheiden. Nur wenige entkommen dem grassierenden Jugendwahn – Meryl Streep, Helen Mirren, Julianne Moore oder Judi Dench. Aber sie gelten als Ausnahmedarstellerinnen. Für viele andere verschließen sich die Türen, wenn sie die 30 – na, seien wir großzügig: die 35 – überschritten haben. Maggie Gyllenhaal berichtete kürzlich, sie sei für die Rolle einer Geliebten abgelehnt worden, weil sie angeblich zu alt für ihren 55-jährigen Partner gewesen sei. Gyllenhaal ("Crazy Heart") ist 37.

Wie aber passt all das mit der Meldung zusammen, die Ende vergangenen Jahres die Medien elektrisierte: Monica Bellucci wird Bond-Girl! Bond-Girls sind per definitionem in mädchenhaftem Alter. Die Italienerin Bellucci aber ist zweifache Mama, knapp 51 Jahre alt und damit vier Jahre älter als Hauptdarsteller Daniel Craig. Den bisherigen Altersrekord eines Bond-Girls hatte Honor Blackman inne, die Pussy Galore in "Goldfinger" (1964), damals 39 Jahre alt.

James Bond und die reife Frau

Bellucci konnte die Anfrage von Regisseur Sam Mendes für "Spectre" zunächst selbst nicht einordnen. Sie fragte irritiert zurück, ob Mendes sie womöglich als Geheimdienstchefin engagieren wolle. In diesem Job glänzte bis dahin Judi Dench, in "Skyfall" starb die 80-Jährige jedoch einen anrührenden Filmtod. Die Stelle war also vakant (inzwischen hat sie Ralph Fiennes übernommen).

"Ich bin kein Mädchen, ich bin eine Frau, ich bin eine reife Frau. Was soll ich in einem James-Bond-Film?", soll Bellucci in einem Telefonat mit dem Regisseur gefragt haben. Und Mendes hat demnach geantwortet: "Zum ersten Mal in der Geschichte wird James Bond etwas mit einer reifen Frau haben. Das Konzept ist revolutionär."

Vielleicht hätte Mendes noch hinzufügen sollen, dass er Léa Seydoux als zweites Bond-Girl gebucht hat. Die Französin ist 30, passt also prima ins 007-Beuteschema. Aber egal: Will der Regisseur ausgerechnet den stockkonservativen Geheimagenten Seiner Majestät, berühmt-berüchtigt als Frauenvernascher, als Gleichstellungsbeauftragten ins Spiel bringen?

Gegenentwurf zu den Magermodels

Eher nicht. Mendes dürfte lediglich erkannt haben, dass ein älter werdendes Kinopublikum nichts dagegen haben dürfte, auch mal einer reiferen Bond-Gespielin auf der Leinwand zu begegnen. Schließlich ist auch der Spion älter und reifer geworden. Und die Sexszenen sollen ja nicht unter Pädophilieverdacht stehen.

Bewusst haben die Bond-Produzenten auf jene Darstellerin gesetzt, die mit geheimnisvollem Lächeln als Sphinx durch ihr Kinoleben schreitet. Bellucci strahlt eine geradezu unheimliche alterslose Schönheit aus – weshalb der Boulevard schon seit Jahren Expertisen anfertigen lässt, an welcher Körperpartie die Italienerin denn wohl ein wenig nachgeholfen hat. Waren es die Wangen, oder sind es doch eher die vollen Lippen?

Immerhin: Die Italienerin hat als Gegenversion zu den üblichen Magermodels Karriere gemacht, das ist ja schon mal was. Aber auch sie unterliegt dem Zwang zur Perfektion. Je älter sie wird, desto größer wird der Druck. Bei jedem Liveauftritt muss sie damit rechnen, dass ihr Aussehen mit den jüngsten Hochglanzbildern von ihr abgeglichen wird.

Zwang zur Selbstvermarktung

Mehr und mehr werden heute im Showgeschäft Wunschbilder der Wirklichkeit vorgezogen. Kaum eine Frau kann sich diesen gnadenlosen Anforderungen entziehen. Und keine kann ihnen auf Dauer entsprechen. Da muss man nur mal Uma Thurman, Renée Zellweger oder auch Nicole Kidman fragen.

Kidman wird bei beinahe jedem neuen Film wieder unterstellt, es liege womöglich an der jüngsten Botoxspritze, dass ihr mimisches Spiel so reduziert sei. Thurman und Zellweger mussten sich jüngst gehässige Ferndiagnosen gefallen lassen, als sie sich sichtlich verändert in der Öffentlichkeit präsentierten. Sogleich traten Schönheitschirurgen auf den Plan, die sich nicht entblödeten, Mutmaßungen über Nasen- oder Augenoperationen anzustellen.

Dass viele Stars mit operativen Mitteln an ihrem Erscheinungsbild arbeiten, ist ein offenes Geheimnis. Der Zwang zur Selbstvermarktung ist gnadenlos. Umso paradoxer erscheint es da, dass gleichzeitig Natürlichkeit als neues Mantra gepredigt wird – wenn auch nur in der Theorie.

Plädoyer für Natürlichkeit

Die milliardenschwere Schönheitsindustrie verdient am unentwegten Versuch, den weiblichen Körper nach den jeweils aktuellen Maßstäben zu modellieren. Diäten, Haarfärbemittel, Fitnesstraining, Fettabsaugung, Brustvergrößerung: Die Alterslosigkeit, die Dorian Gray in Oscar Wildes Roman anstrebt, ist für Promis Verpflichtung geworden.

Cindy Crawford hat Anfang des Jahres unfreiwillig die Probe aufs Exempel gemacht. Ein ungewöhnliches Foto des einstigen Supermodels fand auf ominösen Wegen in die Öffentlichkeit. Auf dem Bild, entstanden bei einem Shooting für ein Magazin, war Crawford plötzlich mit nicht mehr ganz so straffem Bauch zu sehen. Crawford ist 49 und hat zwei Kinder zur Welt gebracht. Sie trägt, so war erkennbar, Schwangerschaftsstreifen und schlaffe Haut mit sich herum, hat ein paar Falten hier und ein paar Flecken dort. Sie weilt nun einmal ein knappes halbes Jahrhundert auf diesem Planeten. So was hinterlässt auch bei bester Pflege Spuren.

Doch was selbstverständlich sein sollte, galt plötzlich als mutiges Plädoyer für Natürlichkeit. Crawford schien sich dem Perfektionswahn der Modebranche widersetzt zu haben. Auf allen Kanälen gratulierten ihr Leidensgenossinnen zu ihrem Mut. In der allgemeinen Begeisterung wurde allerdings übersehen: Cindy Crawford wollte nie, dass das Foto verbreitet wird. Die vermutlich unbearbeitete Aufnahme war ohne ihre Zustimmung publik geworden. Trotzdem wurde aufgeregt debattiert, ob wir nun unseren Begriff von Schönheit aktualisieren müssen.

Realität wird Erwartungen angepasst

Crawford hat die Frage auf ihre Weise beantwortet: Inzwischen aalt sich das Model wieder in jugendlicher Perfektion am Pool, der Lapsus eines unretouchierten Fotos dürfte ihr so schnell nicht wieder unterlaufen. Jüngst gab sie zu Protokoll: Nur wegen der vielen positiven Reaktionen sei sie nicht gegen die Verbreitung des Bildes vorgegangen. Viele Frauen hätten sich dadurch befreit gefühlt. Dank der unendlichen Möglichkeiten der digitalen Bildbearbeitung könnte sich Crawford ewiglich ihre Jugendlichkeit bewahren. Klar, auch früher schon wurden Aufnahmen nachgebessert. Und wenn die Cellulite gar nicht mehr zu übersehen war, musste ein Körperdouble ran. Heute lässt sich so etwas per Computerprogramm erledigen: Die Realität wird den Erwartungen angepasst.

Es gibt praktisch keine unbearbeiteten Aufnahmen mehr, schon gar nicht in der Werbeindustrie. Da werden nach Herzenslust Oberschenkel gestrafft, Schlupflider beseitigt, Nasenflügel verkleinert, Hüftpartien verschlankt. Es soll Fälle geben, in denen ein Model aus gleich mehreren zusammengesetzt wird. Frankenstein und sein Monster lassen grüßen. Als Keira Knightley jüngst darauf bestand, dass ihre Brüste ausnahmsweise mal nicht für Magazinaufnahmen vergrößert werden, galt sie schon als Revoluzzerin.

Auf der Leinwand fallen die Eingriffe ein wenig dezenter aus – was keinesfalls heißt, dass sich die Nachbearbeitung nur auf Actionszenen beschränkt: Auch hier wird mit technischen Mitteln an der Gesamterscheinung gefeilt. Makellosigkeit ist Pflicht, wenn 100 oder 200 Millionen Dollar für einen Film ausgegeben werden. Im Kino sollen Träume feilgeboten werden, nicht der Makel Mensch.

Meine Falten gehören mir

Doch muss eine bekannte Darstellerin erkennbar sie selbst bleiben und deshalb wenigstens halbwegs ihrer Altersklasse entsprechen. Geht die Anbindung an die Realität verloren und die Zuschauer beschleicht das Gefühl, dass Puppen über die Leinwand geistern, haben die Kollegen in der Postproduktion überzogen. Theoretisch ist es längst möglich, vor Jahrzehnten gestorbene Stars wie Marilyn Monroe oder Audrey Hepburn als Pixel-Wesen wiederzubeleben. Aber solchen Gespenstern aus dem Computer nimmt man nur schwer eine Kinogeschichte ab.

Die leibhaftigen Stars des 21. Jahrhunderts aber können den Nachstellungen durch die Öffentlichkeit in unserer bilderfixierten Welt kaum entgehen – es sei denn, sie entschließen sich zu so einem radikalen Schritt wie einst Marlene Dietrich. Die Diva kehrte dem ganzen Rummel den Rücken und verschanzte sich in den eigenen vier Wänden, frei nach dem Motto: Meine Falten gehören mir. Aber damals war das auch noch einfacher: Es gab keine Handykameras, denen man sich heute bei jedem Schritt vor die Tür stellen muss.

Ein schwacher Trost bleibt den Frauen vielleicht: Den Männern ergeht es gar nicht so viel besser. Da muss man nur mal Daniel Craig fragen. Er klagt vor jedem Bond-Auftritt wieder über die Torturen, derer er sich im Fitnessstudio unterziehen muss, um die nötige Muskelmasse für die Rettung der Welt aufzubauen. Seine Altersgenossinnen dürfte dieses Selbstmitleid allerdings nicht sonderlich beeindrucken. Sie leiden schon viel länger. Zumeist schweigend.

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